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Rassistische Gewalt bringt Leute zur Demo

Vor 20 Jahren demonstrieren in Berlin über 350.000 Menschen gegen Ausländerfeindlichkeit

Von Frank Kempe

Das geräumte und teilweise abgebrannte Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen. Unter anderem diese Ausschreitungen führten zur Demonstration am 8.11.1992.
Das geräumte und teilweise abgebrannte Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen. Unter anderem diese Ausschreitungen führten zur Demonstration am 8.11.1992. (picture alliance / dpa /Jens Kalaene)

Nach einer Serie von rassistisch motivierter Gewalttaten demonstrierten am 8. November 1992 über 350.000 Menschen in Berlin gegen Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit. Die Kundgebung unter dem Motto "Die Würde des Menschen ist unantastbar" wird von Autonomen gestört.

"Deutschland, den Deutschen, Ausländer raus" – fremdenfeindliche Parolen haben Konjunktur im Jahr zwei nach der Wiedervereinigung – und kaum ein Tag vergeht ohne Übergriffe. Rechtsradikale machen Jagd auf Ausländer, Obdachlose und Punker, stecken Flüchtlingsheime in Brand – in Rostock-Lichtenhagen Ende August 1992 sogar unter dem Beifall hunderter Schaulustiger.

Viele der meist jugendlichen Täter fühlen sich ermutigt durch die Diskussion über das Asylrecht. Auch im Bundestag ist von "Asylantenflut" und "Überfremdung" die Rede. 17 Menschen werden 1992 von Rechtsextremisten getötet, 2000 Straftaten gehen insgesamt auf ihr Konto. Um ein Zeichen dagegen zu setzen, rufen Politiker, Kirchen und Gewerkschaften für den 8. November 1992 zu einer Demonstration in Berlin auf. Mehr als 300.000 Menschen marschieren mit: Stimmen von Demo-Teilnehmern:

Mann: "Weil ich Angst habe vor der Zukunft. Ich glaube, wir müssen uns alle engagieren, sonst läuft was schief."
Frau:"Ja, weil ich gegen die Ausländerfeindlichkeit bin, und das ganze Theater, was da passiert ist."

Eine riesige Menschenmenge strömt friedlich durch die Berliner Innenstadt. Viele tragen Transparente mit Losungen wie "Hände weg vom Asyl" oder "Die Brandstifter seid Ihr". Gemeint ist die mitmarschierende Politiker-Elite um Bundeskanzler Kohl und die Regierungschefs der Länder. Nur Bayerns Ministerpräsident Streibl von der CSU hatte sich geweigert, an der – so wörtlich – "Alibiveranstaltung" teilzunehmen. Die Abschlusskundgebung findet im Berliner Lustgarten statt: Hanna-Renate-Laurien:

"Das Wort hat der Bundespräsident, Dr. Richard von Weizsäcker zu über 300.000 Versammelten."

200 bis 300 so genannte Autonome empfangen den Bundespräsidenten mit einem gellenden Pfeifkonzert, wollen die "Heuchler-Show" der Bonner Politiker – wie sie es nennen – torpedieren. Bundespräsident Richard von Weizsäcker:

"Warum haben wir uns hier versammelt."

Weiter kommt von Weizsäcker nicht – die Autonomen haben das Mikrofonkabel gekappt. Eier fliegen Richtung Bühne, und auch Farbbeutel – tumultartige Szenen, live im Fernsehen von Jürgen Engert kommentiert:

"Es ist ein schreckliches Bild. Der Bundespräsident, der sich wie kein anderer bei dieser Sache, um die es hier geht, engagiert hat, er steht hinter einem Wald von Polizeischilden."

Richard von Weizsäcker:

"Deutschland den Deutschen? Mit solchen Parolen ziehen Extremisten durch die Straßen. Was soll das heißen? Eine neue Verfassung? Nein, in unserem Artikel 1 steht nicht: Die Würde des Deutschen ist unantastbar, sondern die Würde des Menschen ist unantastbar."

Es sei daher die Pflicht jedes Bürgers, der Gewalt von rechts entgegen zu treten. Auch auf die Debatte um das Asylrecht, das der Bundestag ein halbes Jahr später verschärfen wird, geht von Weizsäcker ein. Die gegenwärtige Situation zeige, unterstreicht er, dass die Zuwanderung durch ein eigenes Gesetz gesteuert werden müsse. Richard von Weizsäcker:

"Alles presst sich durch dieses dafür gar nicht geschaffene Asyl-Nadelöhr. Aber das gibt uns doch nicht das Recht, diese Ausländer als Asylbetrüger zu beschimpfen, wie es oft geschieht. Vielmehr haben wir die dringliche Pflicht, ein System zu schaffen, das die Zuwanderung steuert und begrenzt."

22 Minuten lang spricht von Weizsäcker – der größte Teil seiner Rede geht im Orkan der Trillerpfeifen unter. Während die ersten Demonstranten enttäuscht den Lustgarten verlassen, ergreift Ignatz Bubis das Wort, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland:

"Ich schäme mich für das, was hier vorgeht. Wie benehmen Sie sich? Wir sind hierher gekommen, um für die Würde des Menschen zu demonstrieren. Und was Sie wollen, ist Krawall um jeden Preis."

Bilder einer hilflosen politischen Führung gehen um die Welt und sorgen in Deutschland für neue hitzige Debatten. 14 Tage später verüben Neonazis in Mölln einen Brandanschlag: Zwei türkische Mädchen und ihre Großmutter sterben.

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