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StartseiteEssay und DiskursWert und Anti-Wert - Krisen sind immer überall möglich 26.03.2017

RE: Das Kapital (8/9)Wert und Anti-Wert - Krisen sind immer überall möglich

Das Kapital, das im Mittelpunkt unseres ganzen Wirtschaftssystems steht, muss ständig in Bewegung sein. Ist es das nicht, dann drohen Störungen und Krisen, wie der amerikanisch-britische Marxist und Sozialtheoretiker David W. Harvey erläutert. Für die Kapitalisten sei es ein ständiger Kampf, das zu verhindern.

Von David Harvey

Inhalt eines Sparbären. (imago / Eckhard Stengel)
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Vor 150 Jahren erschien "Das Kapital" von Karl Marx. Mutmaßungen über das Ende des Kapitalismus werden schon längst nicht mehr nur von stehengebliebenen Sozialisten, sondern unter den Eliten der Weltwirtschaftsgipfel diskutiert. Grund genug, "Das Kapital" noch einmal gründlich zu lesen.

In einer Deutschlandfunk-Sendereihe untersuchten im vergangenen Jahr sechs Autoren die Brauchbarkeit des Buches für das Verständnis unserer Gegenwart. Als achter Autor nun stellt der amerikanisch-britische Marxist und Sozialtheoretiker David W. Harvey, geboren 1935, seine Thesen vor.

Mit seinem Werk "Social Justice and the City" begründete er eine historisch-materialistische Gegenwartsgeografie. Im Dezember 2016 zeigte er im Internet eine sechsteilige Video Lecture zu Marx und "Das Kapital: The Concept, The Book, The History."

In seinem Beitrag für den Deutschlandfunk untersucht Harvey den Wertbegriff im "Kapital" im Blick auf aktuelle Phänomene wie Schuldenkrisen, Wachstumsschwäche und die Möglichkeiten antikapitalistischer Bewegungen.

Mathias Greffrath, der die Reihe auch kuratiert hat, gibt die Deutschlandfunk-Essays auch als Buch heraus. "RE: Das Kapital: Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert" ist im März 2017 im Verlag Antje Kunstmann erschienen.


Einführung zur Sendung von Mathias Greffrath

Im Vorwort zur ersten Auflage des "Kapital" legt Karl Marx allen nicht in "dialektisches Denken eingewohnten" Lesern nahe, die ersten Kapitel des Buches mit der Wertformanalyse zu überspringen, die bis zum heutigen Tag vielen Lesern (und leider auch den Studenten der Volkswirtschaft) den Einstieg in die "Kapital"-Lektüre versperren. Viele populäre Darstellungen und wohlmeinende Lehrende von Karl Korsch bis Louis Althusser folgten diesem Rat und empfahlen, mit dem 4. Kapitel "Verwandlung von Geld in Kapital", oder mit dem 5. Kapitel "Arbeitsprozess und Verwertungsprozess" anzufangen, und erst dann auf diese ersten, "philosophischen" Kapitel zurückzukommen. 

In denen aber geht es um den eigentlichen Treiber des Prozesses. Und das ist eben nicht der Kapitalist (der erhält als Getriebener schon im Vorwort die Absolution), sondern der "sich selbst verwertende Wert" oder, wie David Harvey, der Autor des heutigen Essays, es nennt, der "Wert‑in‑Bewegung": Das Kapital, das in Kreisläufen oder Spiralen von einer Form in die andere wechselt, von Geld in Kapital, in Arbeitskraft, in Rohstoffe und Produktionsmittel, in Waren, zurück in Geld und so weiter und so weiter.

Die drei Bände des "Kapital" sollten diesen Kreislauf als "Totalität"  darstellen, das heißt: von der "Elementarform"  der Ware und ihrem Widerspruch ausgehend, aus dem Innern heraus gleichsam Schicht für Schicht bis zur Oberfläche der Wirklichkeit, dem Kapitalkreislauf und den Krisen vordringen und so "das Leben des Stoffs ideell widerspiegeln", wie Marx schreibt. Marx hat dieses "artistische Ganze", wie er es nannte, nicht mehr selbst vollenden können. Die Bände II und III sind Stückwerk geblieben, aber erst in ihnen nähert sich die Anatomie der Oberfläche der Produktionsweise, auf der zur destruktiven Wirklichkeit kommt, was in der "Elementarform" schon ganz am Anfang präsent ist: der fundamentale Widerspruch im "Doppelcharakter" der Ware: von Gebrauchswert und Tauschwert, von konkreter und abstrakter Arbeit - oder, wie David Harvey es in seinem knappen Durchgang durch den gesamten Zirkulationsprozess entfaltet: von Wert und Anti-Wert. Anti-Wert, das ist ein Begriff, mit dem Harvey die Störungen des Kreislaufs aufschließt, die Ursachen der Krisen, und die das Wachstum treibende wie destruktive Seite der Schuldenökonomie.

David Harvey ist Humangeograph, Stadtforscher und Sozialtheoretiker. In zahlreichen Arbeiten hat er die Marxsche Theorie interpretiert und für eine Analyse des Zusammenhangs von sozialen Prozessen und räumlichen Formen nutzbar gemacht. Seit 2001 lehrt Harvey an der City University New York. Neben einer Reihe von Büchern über die Marxsche Theorie hat er Vorträge zur Einführung in die Lektüre des "Kapital"  ins Internet  gestellt.


Wert und Anti-Wert - Krisen sind immer überall möglich

Von David Harvey

Von Haus aus bin ich Geograph, und in der Geographie gibt es diese Visualisierungen des Wasserkreislaufs, die das Wasser in all seinen Metamorphosen und Aggregatzuständen darstellen: Ozeanwasser, Verdampfung, Niederschlag, Gas, fester Stoff, Wasser, das aufs Land fällt, in den Ozean zurück fließt, Wasser, das unterirdisch gestaut wird in Kavernen, bis es einen neuen Weg findet, Wasser, das in Eiskappen gespeichert wird. Es ist ein System im ständigen Kreislauf, angetrieben von der Sonne.

Der Wasserkreislauf, so könnte man sagen, ist H2O in Bewegung und sich wandelnden Formen.

Und Kapital, so wie Marx es darstellt  - ist Wert in Bewegung und sich wandelnden Formen.  

Geld wird zu Kapital, indem es Arbeitskraft und Produktionsmittel kauft, die zu einem Produktionsprozess zusammengebracht werden.

Der Produktionsprozess schafft Wert und Mehrwert durch die Produktion von Waren. Waren werden auf den Markt gebracht und verkauft. Ihr Wert wird realisiert.

Der Kapitalkreislauf und seine Wechselwirkungen

Wenn dann das Kapital in Geldform realisiert worden ist, wird es verteilt: einiges als Lohn, einiges als Profit des industriellen Kapitals, einiges als Rente an Grundbesitzer, einiges als Zins an Banken, einiges als Steuern an den Staat. Ein Teil dieses Geldes wird wiederum zu Nachfrage: an Lebensmitteln, an Luxuskonsum, an staatlichen Investitionen. Und ein anderer Teil geht zurück in die Produktion, als Reinvestition.

Eine Büste von Karl Marx, erschaffen von dessen Urenkel Karl-Jean Lonquet (1904-1981), steht am 06.05.2016 im Karl-Marx-Haus in Trier. Die Büste war bislang im Familienbesitz. (dpa / picture alliance / Harald Tittel)Eine Büste von Karl Marx, erschaffen von dessen Urenkel Karl-Jean Lonquet (1904-1981), steht am 06.05.2016 im Karl-Marx-Haus in Trier. Die Büste war bislang im Familienbesitz. (dpa / picture alliance / Harald Tittel)

In den drei Bänden des "Kapital"  geht es jeweils um ein anderes Segment oder Moment dieses Prozesses. Im ersten Band geht es um den Produktionsprozess, im zweiten Band untersucht Marx den Prozess der Realisierung des Kapitals, in Band III die Verteilungs- und Ausgleichsmechanismen zwischen Profit, Zins, Grundrente, Steuern und so weiter. Das heißt, wenn wir wissen wollen, was "Wert-in-Bewegung" ist, müssen wir alle diese Momente des Kapitalkreislaufs sehen, und ihre Wechselwirkungen, und wir müssen über alle möglichen Störungen dieses Zirkulationsprozesses  nachdenken. So wie im Wasserkreislauf haben auch die Störungen der Kapitalzirkulation verschiedene Ursachen und können an verschiedenen Stellen des Kreislaufs auftreten.

So endet gleich der erste Abschnitt des ersten Kapitels im ersten Band des "Kapital" etwas abrupt mit den Worten:

"Endlich kann kein Ding Wert sein, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein. Ist es nutzlos, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Wert."

Wert existiert bei Marx nur in Beziehung zum Anti‑Wert

Mit einem einzigen prägnanten Satz macht uns Marx gleich zu Anfang darauf aufmerksam, dass die Zirkulation des Kapitals verwundbar ist, dass sie plötzlich zum Stillstand kommen kann. Der Übergang aus der Warenform in die Geldform des Werts - die Realisierung von Wert und Mehrwert -  ist eine Passage voller Gefahren. Daher die Warnung gleich zu Beginn des ersten Bandes: Die Waren lieben zwar das Geld, aber - so formuliert es Marx mit seiner Vorliebe für ironische Zitate großer Werke, in diesem Fall Romeo und Julia:

"Der wahren Liebe Weg war niemals leicht."

Nun wäre es sehr ungewöhnlich, wenn der Dialektiker Marx einen Schlüsselbegriff wie Wert entwickeln würde, ohne die Möglichkeit seiner Negation einzubeziehen.

Und so existiert Wert bei Marx nur in Beziehung zum Anti‑Wert. Diese Formulierung mag merkwürdig klingen, aber heute stützen sich Physiker auf die Beziehung zwischen Materie und Antimaterie, um grundlegende physikalische Prozesse zu verstehen. Hätte Marx, der häufig Parallelen zwischen seiner und der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung anführte, diese Analogie zur Verfügung gestanden, so hätte er sie wahrscheinlich aufgegriffen. Denn die Entwicklungsgesetze des Kapitals hängen in ganz ähnlicher Weise von der sich entfaltenden Beziehung zwischen Wert und Anti-Wert ab, wie die Gesetze der Physik auf der Beziehung zwischen Materie und Antimaterie beruhen.

Das Kapital pfuscht nicht nur in unseren Köpfen herum

Kapital ist Wert in Bewegung, und jegliche Unterbrechung oder auch nur Verlangsamung dieser Bewegung, egal aus welchem Grund, bedeutet einen Verlust von Wert. Die Möglichkeit und die Realität des Nichtwerts sind ständig gegenwärtig. Der Anti‑Wert muss ständig überwunden - gewissermaßen erlöst - werden, wenn die Wertproduktion die Mühen der Zirkulation überleben soll.

Die Kapitalisten befinden sich daher in einem ständigen Kampf nicht nur um die Produktion des Werts, sondern auch um die Verhinderung seiner möglichen Negation.

Menschen stehen am 21.11.2013 in Berlin auf Rolltreppen in einem Kaufhaus.  (picture alliance / dpa / Ole Spata)Das Kapital weckt Konsumwünsche. (picture alliance / dpa / Ole Spata)

Welche Umstände können es nun unmöglich machen, den Wert auf dem Markt zu realisieren? Zunächst einmal muss es jemanden geben, der an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit einen bestimmten angebotenen Gebrauchswert will, braucht oder begehrt - und über genügend Geld verfügt, um diesen Gebrauchswert bezahlen zu können. Wenn eine dieser beiden Bedingungen nicht erfüllt ist, verschwindet der Wert. Daher spielt die Erzeugung und Steuerung neuer Bedürfnisse und Wünsche in der Geschichte des Kapitalismus eine enorme Rolle. Das, was wir gerne als die menschliche Natur bezeichnen, ist keine feststehende Gegebenheit. Das Kapital pfuscht nicht nur in unseren Köpfen herum, sondern auch in unseren Wünschen - die Mode-Industrie und einige andere spielen deshalb eine Rolle in der Wertanalyse, und die Werttheorie muss das integrieren.

Kapital ist Wert in Bewegung

Potenzielle Störungen des Wertkreislaufs sind allgegenwärtig - aber jede Störung markiert auch eine Gelegenheit für Opposition oder Widerstand; jede Störung des Kreislaufs weist zugleich über diesen hinaus. So gibt es, trotz aller Manipulationen der Bedürfnisse, immer auch Nischen des alternativen Konsums oder manchmal regelrechte soziale Bewegungen des Widerstands gegen solche. Diese Widerstände können moralische, politische, kulturelle, ästhetische, religiöse oder sogar philosophische Gründe haben. In einigen Fällen richtet sich der Widerstand sogar ganz allgemein gegen die marktvermittelte Bewirtschaftung von grundlegenden Gütern und Dienstleistungen wie Ausbildung, Gesundheitsversorgung und Trinkwasser. In solchen Strategien wirkt der Anti‑Wert nicht länger nur als technische Panne und Störung in der Zirkulation des Kapitals, sondern er nimmt die Form des aktiven Anti‑Werts an: im politischen Widerstand gegen Kommodifizierung und Privatisierung.

Kapital ist Wert in Bewegung, anders herum gesagt: Nur in seiner Bewegung ist Kapital Wert. Sobald das Kapital eine besondere Form annimmt und in ihr verharrt - im Produktionsprozess, als auf seinen Verkauf wartendes Produkt, als zirkulierende Ware in den Händen des Handelskapitals, als Geldsumme, die noch übertragen oder reinvestiert werden muss -, dann ist das Kapital "virtualiter entwertet". Das in einer dieser Phasen stillstehende Kapital wird von Marx abwechselnd als "negiert", "brachliegend", "ruhend" oder "fixiert" bezeichnet. So schreibt er:

"Solange das Kapital im Produktionsprozeß verharrt, ist es nicht zirkulationsfähig; und virtualiter entwertet. Solange es in der Zirkulation verharrt, ist es nicht produktionsfähig […] Solange es nicht auf den Markt geworfen werden kann, ist es als Produkt fixiert, [...] kann es nicht als Kapital tätig sein, ist es negiertes Kapital; solange es auf dem Markt bleiben muß, ist es als Ware fixiert. Solange es sich nicht gegen Produktionsbedingungen eintauschen kann, ist es als Geld fixiert."

Krisen entstehen, wenn sich Vorräte anhäufen

Aus dieser Zusammenstellung seiner Formulierungen wird deutlich, dass Marx den Anti‑Wert nicht als eine äußerliche Bedrohung betrachtet, sondern als eine permanente zerstörerische Kraft im Innersten der Kapitalzirkulation selbst. Diese "virtuelle Entwertung" wird überwunden oder aufgehoben, sobald das Kapital seine Bewegung wieder aufnimmt.

Bullenstatue auf der Wallstreet in New York ( imago/Travel-Stock-Image)Bullenstatue auf der Wallstreet in New York: "...ein Symbol für den entfesselten Kapitalismus geworden." ( imago/Travel-Stock-Image)

Krisen entstehen, wenn sich Vorräte anhäufen, wenn Geld länger als absolut notwendig brachliegt, wenn Lagerbestände für längere Zeit in der Produktion verbleiben, und so weiter. Eine "Krise [entsteht] nicht nur, weil Ware unverkäuflich, sondern weil sie nicht in bestimmtem Zeitraum verkäuflich" ist (Theorien über den Mehrwert). Dasselbe Prinzip gilt mit gleicher Macht für die Arbeitszeit in der Produktion: Wenn koreanische Fabriken ein Auto in der Hälfte der Zeit produzieren können, die dafür in Detroit benötigt wird, so zählt die dort zusätzlich aufgewendete Zeit einfach nicht.

Aber nicht immer spielt der Anti‑Wert eine die Zirkulation störende oder oppositionelle Rolle. Er ist auch zentral für die Bestimmung und Sicherung der Zukunft des Kapitals. Der Kampf gegen den Anti‑Wert hält das Kapital gewissermaßen auf Trab. Die Notwendigkeit, den Anti‑Wert zu tilgen, ist eine treibende Kraft der Wertproduktion.

Stockungen des Kapitalkreislaufs auflösen

Damit komme ich zur Untersuchung der Rolle des Kredits. Es gibt eine lange Geschichte des Borgens und Leihens sowie der Schulden und des Kredits zusammen mit dem Wucher. Beziehungen zwischen Gläubigern und Schuldnern gehen dem Aufstieg des Kapitals zur vorherrschenden Produktionsweise lange voraus. Aber im Kapitalismus verändert sich diese Funktion des Kredits. "Nur in der auf das Kapital oder die Lohnarbeit gegründeten Zirkulation", so schreibt Marx, wird der Kredit zu einem "wesentlichen [...] Produktionsverhältnis".

Ein wesentliches Produktionsverhältnis: das heißt, Kredit ist notwendig, um die Stockungen des Kapitalkreislaufs aufzulösen oder zu verhindern. Etwa, weil die Kapitalien mit völlig unterschiedlichen Umschlagszeiten rechnen müssen: Einige Kapitalisten realisieren den Wert ihres Produkts alle zwei Tage, andere einmal im Jahr, andere alle drei Monate. Daraus entstehen vielfältige und unterschiedliche Liquiditätsprobleme, vor allem im Zusammenhang mit der Notwendigkeit langfristiger Investitionen in Maschinen oder Anlagen, die eine relativ lange Lebensdauer haben. Der Wertanteil der Maschine, der während ihrer Lebensdauer jährlich in die Produkte fließt, müsste ja zurückgelegt (gespart) werden, um nach dem Verschleiß der Maschine eine neue kaufen zu können, wenn die Zeit reif ist. - Enorme Mengen toten Kapitals - oder im Fall der Verbraucher brachliegende Ersparnisse für teure Anschaffungen wie Häuser oder Autos - müssten sich als Schatz anhäufen, und dessen notwendige Größe müsste mit zunehmender Mechanisierung anwachsen. Als gehorteter Schatz ist das Kapital jedoch tot und entwertet.

Schulden als Anspruch auf zukünftige Wertproduktion

Ohne ein funktionierendes kapitalistisches Kreditsystem wäre diese Stilllegung von Kapital unvermeidlich. Das Kreditsystem macht es möglich, das zurückgelegte Kapital in einer Bank zu deponieren, die es an andere Kapitalisten verleihen kann. Es wirkt als eine Art Schmiermittel zum Ausgleich verschiedener Umschlagszeiten und Re‑Investitionszyklen. Der industrielle Kapitalist kann sich nun entscheiden: Entweder leiht er sich Geld für den Kauf der Maschine und zahlt seine Schulden ratenweise während ihrer Lebensdauer zurück. Oder er bezahlt die Maschine sofort und legt die jährlichen Abschreibungen am Geldmarkt an, um Zinsen zu bekommen, bis er das Geld für die Anschaffung einer neuen Maschine braucht.

Blick auf die mongolische Hauptstadt Ulan Bator.  (dpa / picture alliance / Wu Hong)Die Mongolei (Im Bild die Hauptstadt Ulan Bator) ist hoch verschuldet. Schulden lähmen auch Staaten. (dpa / picture alliance / Wu Hong)

In beiden Fällen zirkuliert nun das Geld als zinstragendes Kapital, und der Handel mit Schulden wird zu einem schwunghaften Element des Finanzsystems. Der Kredit belebt das zum Schatz erstarrte und daher "tote" Geldkapital und bringt es erneut in Bewegung. Aber damit werden die Schulden zum Anspruch auf zukünftige Wertproduktion, der nur durch Wertproduktion eingelöst werden kann. Der Anti‑Wert der Schulden wird so zu einem der wichtigsten Anreize und Hebel zur Sicherung der weiteren Produktion von Wert und Mehrwert.

Der Kredit bereitet die Möglichkeit neuer Störungen der Ökonomie vor

Denn was treibt heute den Kreislauf, die Zirkulation des Kapitals an?

Traditionellerweise wurde diese Frage immer mit der Jagd nach Profit (der Gier) der individuellen Kapitalisten beantwortet, und die Figur des kleinen Geschäftsmanns und wagemutigen Unternehmers, der unter staatlicher Regulierung zu leiden hat, wird immer wieder als Held gefeiert, der Kapitalismus angeblich so dynamisch macht. Diese Beschwörung ist wahrscheinlich inzwischen mehr eine rhetorische Maskerade, als dass sie der Realität entspricht.

So wie Konsumentenkredite die stockende Nachfrage nach Konsumgütern wieder in Gang setzen können, ist angesichts der immer größeren Kapitalmengen, die erforderlich sind, um die Produktion in Gang zu setzen und, angesichts sinkender Wachstumsraten, das Eingreifen des Staats immer wichtiger geworden, um die Akkumulation durch die Schaffung von effektiver Nachfrage und die Verbesserung der Realisierungsbedingungen anzukurbeln. Der Staat finanziert dies durch Steuern - also Umverteilung - oder durch Schulden.

Genau das geschah in den Jahren von 1945 bis 1980 im größten Teil der kapitalistischen Welt. Die keynesianistische Politik schuf Marktanreize durch die schuldenfinanzierte Steigerung der effektiven Nachfrage. Dadurch entstand eine ständig größer werdenden Abhängigkeit von der Schuldenfinanzierung. Immer mehr Wechsel auf die zukünftige Wertproduktion werden gezogen, diese ist nun schon festgelegt und verpfändet, und Alternativen der Entwicklung werden versperrt. Indem er den Kreislauf des Kapitals in Gang hält, bereitet der Kredit die Möglichkeit neuer und größerer Störungen der Ökonomie und des Sozialgefüges vor.

Die Tentakel der Verschuldung

So sind beispielsweise durch die Einführung der Mikrokredite in Indien heute etwa zwölf Millionen Menschen dazu verdonnert, Schulden abzuzahlen, indem sie so viel Wert wie nur möglich produzieren. Gelingt es ihnen nicht oder weigern sie sich aus politischen Gründen, werden ihre Sicherheiten - meistens Boden und Liegenschaften -zwangsversteigert, das ist der berühmte Trick der sub‑prime‑Hypotheken. Schwache und marginalisierte Bevölkerungsgruppen mit Schulden zu überhäufen, ist eine Methode, um Schuldner zu disziplinieren und in produktive Arbeiter zu verwandeln. Oder um näherliegende Beispiele zu nehmen: Hochverschuldete Studenten und Hausbesitzer in den USA sind in ihren zukünftigen Freiheitsgraden extrem eingeschränkt. Nicht zufällig sind diese Methoden zur Sicherung der Wertproduktion in den Vordergrund gerückt, denn es fällt dem Kapital immer schwerer, die Wertproduktion auf konventionelle Art zu organisieren. Die Tentakel der Verschuldung dringen immer weiter in die Gesellschaft vor und erfassen schließlich jede und jeden, sobald sie nur eine einzige Kreditkarte in ihrem Portemonnaie haben.  

Stillgelegtes Stahlwerk in Detroit, Michigan, USA, 09.08.2016. | Verwendung weltweit (dpa / Foto: Benjamin Beytekin)Sinnbild einer Krise: Stillgelegtes Stahlwerk in Detroit (dpa / Foto: Benjamin Beytekin)

Noch erschreckender ist die Verschuldung der Staaten. In der gleichen Weise, wie Individuen durch ihre Schulden diszipliniert werden, sind Staaten dem Druck des Anti‑Werts ausgesetzt, den die Anleihegläubiger ausüben. Es besteht die Gefahr, dass das Wirtschaftssystem und mit ihm die Sozialsysteme unter dem toten Gewicht des Anti‑Werts zusammenbrechen könnte.

Krisen hinterlassen eine Masse an entwerteten Vermögenswerten

Und leider spricht nichts für Marx’ Erwartung oder Hoffnung, dass die Entwicklung des Kreditsystems und die unübersehbar zunehmende Macht des zinstragenden Kapitals über die Zukunft (im Sinne eines Organisierten Kapitalismus)  zum Sprungbrett für den Übergang zu irgendeiner neuen Produktionsweise werden könnten. Vielmehr entsteht vor unseren Augen das Bild einer Horde unersättlich gieriger Investoren, die mit ihrem vielen Geld fast jede ernsthafte Opposition aufkaufen können, während sie den Rest der Welt mit schwerverdaulichem Kreditgeld zwangsernähren.

Das einzige, was uns retten kann, ist die gezielte Abwicklung oder regelrechte Zerstörung des Schuldenturms, der uns die Zukunft diktiert.

Seinen Höhepunkt erreicht die Wirkung des Anti-Werts in der massenhaften Entwertung, zu der es in Zeiten größerer Krisen kommt. Warum sollten Finanzleute den gewaltsamen Ausbruch von Krisen feiern? Auf den ersten Blick scheint dies paradox. Aber wenn es um die Zirkulation  von Anti‑Wert geht, ist eine Krise durchaus der Augenblick des Triumphs für die Kräfte des Anti‑Werts, auch wenn sie all jene, die mit der Produktion und Realisierung des Werts befasst sind, verzweifeln lässt. "In der Krise", bemerkte der Bankier Andrew Mellon schon 1920, "kehrt das Vermögen zu seinen rechtmäßigen Besitzern zurück", also zu ihm.  Krisen hinterlassen üblicherweise eine Masse an entwerteten Vermögenswerten, die von denjenigen, die das nötige Geld (oder die privilegierten Beziehungen) haben, zu Spottpreisen aufgekauft werden können. Genau das geschah 1997/1998 in Ost- und Südostasien. Völlig gesunde Firmen gingen aus Liquiditätsmangel in Konkurs, wurden von ausländischen Banken aufgekauft und wenige Jahre später äußerst profitabel wieder veräußert.

Schuldknechtschaft verbaut die Zukunft

Aber anders als viele meinen, läuten die Krisen für Marx nicht notwendigerweise das Ende des Kapitalismus ein, sondern schaffen die Voraussetzungen für seine Erneuerung.

"Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame Lösungen der vorhandenen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wiederherstellen."

Eurobanknoten mit Spielsteinen und dem Schriftzug Krise (Imago / McPHOTO)Durch Krisen erneuert sich das System. (Imago / McPHOTO)

Aber die Wiederaufrichtung des Kapitals ist ungesichert und hat ihre Grenzen. Die Akkumulation von Schulden, das heißt die Ansprüche auf zukünftige Wertproduktion, kann die Kapazitäten der zukünftigen Produktion und Realisierung von Wert und Mehrwert überschreiten. Selbst wenn die Schulden getilgt werden, blockiert die Verpflichtung zu ihrer Rückzahlung alle zukünftigen Alternativen. Schuldknechtschaft verbaut Menschen wie ganzen Ökonomien ihre Zukunft.

Eine andere Zukunft wird nicht durch einen Automatismus von Wert und Anti-Wert, durch einen Zusammenbruch oder eine Auflösung des Kapitalismus möglich, sondern nur durch die Handlungen, das Bewusstsein und die Werte derer, die das Wertsystem, in dem sie noch leben, ablehnen und bekämpfen. Das bringt uns zu einer letzten Bedeutung und Wirkung dessen, was Anti-Wert genannt werden kann: zur Politik des Anti-Werts.

Zwischenwelten des kapitalistischen Systems

Wenn wir davon ausgehen, dass der Wert nichts anderes als das Produkt entfremdeter Arbeit ist, dann führt die politische Suche nach einer nichtentfremdeten Existenz zur aktiven und bewussten Negation des kapitalistischen Wertgesetzes im individuellen und kollektiven Leben. Die Produktion von Anti-Wert wird so zur oppositionellen Kraft. Projekte der solidarischen Ökonomie und Lebensgemeinschaften versuchen zum Beispiel, ihre eigene Reproduktion außerhalb der Wertproduktion zu organisieren. Anarchistische Kommunen, religiös orientierte Gemeinschaften und indigene Sozialstrukturen bilden heterotopische Räume in den Zwischenwelten des kapitalistischen Systems, die nicht der Herrschaft des Wertgesetzes unterliegen. Aber es besteht immer die Gefahr, dass solche Nichtwert produzierende Aktivitäten entweder vom Kapital als Material seiner Wertproduktion angeeignet werden - zum Beispiel als "Gratisnaturkraft" der menschlichen Natur - oder als eine Art Rückzugsgebiet für die Reproduktion einer industriellen Reservearmee zunehmend überflüssiger Arbeitskraft dienen.

Hier stoßen wir auf einige interessante politische Paradoxien. In neueren kritischen Kommentaren wurde intensiv versucht, "Wissen" und Wissenschaft ebenso wie Kultur, Haushaltsarbeit und Natur in die Wertberechnung einzubeziehen. Sind sie denn nicht auch eine Quelle von Wert?

Marx beantwortet diese Frage in Analogie zur Maschinerie: Sie können keine Quelle von Wert im kapitalistischen Sinne sein, auch wenn sie zur Produktivitätssteigerung beitragen und damit zur Steigerung des relativen Mehrwerts. Ihre Funktion und ihre Wirkung sind widersprüchlich.

Hausarbeit als potenzieller Ort für antikapitalistische Politik

So können Wissen und Information in Waren verwandelt und in den Kapitalismus integriert werden, ebenso wie kulturelle Tätigkeiten. Zugleich bildet ihr Potenzial an Erkenntnis und freier Tätigkeit, ihre Suche nach Formen eines nichtentfremdeten Lebens ein beflügelndes Moment antikapitalistischer Politik. Aufgrund dieser widersprüchlichen Position können Wissenschaftler und Kulturproduzenten eine wichtige Rolle in radikalen politischen Aktionen spielen, auch wenn ihre Produktionsbedingungen ein umkämpftes Terrain kapitalistischer Kontrolle sind.

In ähnlicher Weise lässt die Tatsache, dass Hausarbeit nicht von der Wertberechnung erfasst wird, vermuten, dass auch sie ein potenzieller Ort für antikapitalistische Politik ist. Die in Haushalten und solidarischen Netzwerken geleistete Arbeit für andere, und nicht für den Markt, in der es um die Produktion und Erhaltung von Gemeingütern (commons) geht, kann zu einem mächtigen Gegengift gegen die Herrschaft der kapitalistischen Warenproduktion und den mit ihr verbundenen gesellschaftlichen Beziehungen werden.

Ebenso wurde versucht, auch die "Gratisnaturkräfte" mithilfe von recht willkürlichen Bewertungsverfahren, wie sie zum Beispiel von Umweltökonomen vorgeschlagen wurden, in den Strom der Wertproduktion zu integrieren. Das läuft auf nichts anderes hinaus, als den Kapitalismus einem ausgeklügelten "green‑washing" zu unterziehen, und die Naturkräfte zu kommodifizieren, anstatt sie zum Ausgangspunkt eines scharfen Angriffs auf die Hegemonie der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer (also unserer aller) entfremdeten, warenförmigen Beziehung zur Natur zu machen.

Es ist "kein Glück, sondern ein Pech", Produzent von Wert und Mehrwert zu sein

Wissenschaft, Kunst, Haushalt und Natur sind ausgezeichnete Orte, von denen aus sich eine antikapitalistische Kritik formulieren ließe. Aber die in der letzten Zeit vorherrschenden politischen Bewegungen möchten sie in das Gerüst der Werttheorie einbauen. Doch wenn die Produktion von Wert im Kapitalismus identisch mit entfremdeter Arbeit ist, warum in aller Welt sollten sich fortschrittliche Menschen dafür einsetzen, solch einem Regime unterworfen zu werden?

Der Wunsch, das bisher "Nichtbewertete" in das Regime der kapitalistischen Wertproduktion und -zirkulation einzubeziehen, ist wegen des positiven Beiklangs, den ein Begriff wie Wert hat, und des Wunsches, dasjenige "wertzuschätzen", was allzu oft ignoriert wird, sehr verständlich. Aber politisch geht eine solche Strategie in die völlig falsche Richtung. Gerade aus den Räumen des Nicht‑Werts und der nichtentfremdeten Arbeit und nicht durch deren Integration kann eine grundlegende und die Massen ergreifende Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, seiner spezifischen Form des Werts und der entfremdeten Verhältnisse vorgetragen werden. Und von diesen Orten aus werden sich auch die Konturen einer postkapitalistischen Ökonomie wohl am besten ausmachen lassen. Denn, wie Marx schreibt, es ist "kein Glück, sondern ein Pech", Produzent von Wert und Mehrwert in der kapitalistischen Produktionsweise zu sein.

"Das Kapital", Teil 8. Wert und Anti-Wert. Von David Harvey. Aus dem Amerikanischen von Christian Frings.

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