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StartseiteEssay und DiskursGanz am Anfang beginnen02.04.2017

RE: Das Kapital (9/9)Ganz am Anfang beginnen

Vor 150 Jahren erschien "Das Kapital" von Karl Marx. Mutmaßungen über das Ende des Kapitalismus werden schon längst nicht mehr nur von stehengebliebenen Sozialisten, sondern unter den Eliten der Weltwirtschaftsgipfel diskutiert. Grund genug, "Das Kapital" noch einmal gründlich zu lesen.

Von John Holloway

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Karl Marx mit Gießkanne: Ein Graffiti auf dem Gelände der Universidad Nacional in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
Karl Marx mit Gießkanne: Ein Graffiti auf dem Gelände der Universidad Nacional in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
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In einer Deutschlandfunk-Sendereihe untersuchten Autoren die Brauchbarkeit des Buches für das Verständnis unserer Gegenwart. Das Wort Klassenkampf kommt im "Kapital" von Karl Marx nicht vor. Man kann das Buch lesen als eine Systemtheorie, die das Bewegungsgesetz des Kapitalismus nach strengen wissenschaftlichen Kriterien untersucht. Und doch ist der Klassenkampf immer präsent: nicht nur in den historischen Kapiteln, sondern in den Kategorien selbst - und schon im ersten Satz.

So interpretiert es als letzter Autor der Reihe John Holloway, dessen "Kapital"-Lektüre von den Marxschen Frühschriften geprägt ist, von der Frankfurter Schule und vom Widerstand und Aufstand der Zapatistas von Chiapas, den der in Mexiko lehrende Soziologe erlebt hat.

Der Ire John Holloway ist Politikwissenschaftler und lehrt seit 1993 an der Benemérita Universidad Autónoma de Puebla in Puebla/Mexiko. Holloways großes Thema ist die widerständige Subjektivität, die kreative Macht von nicht-kapitalistischen Lebensweisen und Bewusstseinsformen. Sein bekanntestes Buch: "Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen".

Mathias Greffrath, der die Reihe auch kuratiert hat, gibt die Deutschlandfunk-Essays nun als Buch heraus. Es erscheint im März 2017 im Verlag Antje Kunstmann.


"Mein Buch ist das furchtbarste Geschoß, das den Bürgern noch an den Kopf geschleudert worden ist." So schrieb es Karl Marx seinem Freund, dem Revolutionär Johann Philipp Becker, fünf Tage, nachdem er das Manuskript beim Verleger abgegeben hatte. 100 Jahre lang ist das Buch mit dem Titel "Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie" von der Arbeiterbewegung und ihren Gegnern so verstanden worden: als eine Kampfschrift gegen den Kapitalismus.

Und bis heute streiten und diskutieren die Marx-Gelehrten über das, was mit dem Wort "Kritik" gemeint sei. Der Artikel "Kritik der politischen Ökonomie" im "Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus" umfasst 33 Spalten und gefühlt mehrfach so viele Interpretationen. Marx selbst hat sein Unternehmen so charakterisiert: "Kritik der ökonomischen Kategorien, oder – if you like – das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Darstellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben."

Das "Kapital" als Systemtheorie

Kritik an den ideologischen Prämissen der herrschenden Lehren und zugleich eine bessere Theorie des Kapitalismus, das mag im Rahmen eines traditionellen Wissenschaftsverständnisses noch koexistieren – aber wie kann eine Theorie, die den Standards und dem Ethos der Wissenschaft folgt, gleichzeitig Waffe im "Klassenkampf" sein? Dieser Leitbegriff des "Kommunistischen Manifests" kommt im "Kapital" nur einmal vor, er leitet die Untersuchung nicht an.

Das Karl-Marx-Monument ist eine 7,10 Meter (mit Sockel über 13 Meter) hohe und ca. 40 Tonnen schwere Plastik, die den Kopf von Karl Marx stilisiert darstellt. Es ist das bekannteste Wahrzeichen der Stadt Chemnitz und befindet sich im Stadtzentrum an der Brückenstraße nahe der Kreuzung zur Straße der Nationen.  (imago stock&people/ Schöning)Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz in der Strasse der Nationen. (imago stock&people/ Schöning)

Man kann das "Kapital" durchaus als eine Systemtheorie lesen, die den inneren Zusammenhang einer entfremdeten Gesellschaft fassbarer darstellt als konkurrierende Theorien. Und doch ist der Klassenkampf immer präsent: in den historischen Kapiteln, in den Kategorien und ihrer Verknüpfung. Und schon im ersten Satz präsent – so jedenfalls interpretiert es John Holloway, dessen "Kapital"-Lektüre von den Marxschen Frühschriften geprägt ist, von der Dialektik der Negativität, wie sie die Frankfurter Schule entwickelt hat, von der Revolutionstheorie Herbert Marcuses – und vom Widerstand und Aufstand der Zapatistas von Chiapas, den Holloway, der in Mexiko Soziologie lehrt, erlebt hat. Hören Sie nun John Holloways Essay über den ersten Satz des "Kapital":

Lies den ersten Satz: "Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform."

Zentrale Argumentation bereits im ersten Satz

Lies den ersten Satz und lies ihn dann noch einmal. Das "Kapital" ist ein langes und komplexes Buch, aber ein Großteil der darin entwickelten Argumentation findet sich bereits im ersten Satz, dem die meisten Menschen kaum Aufmerksamkeit schenken. Die Schuld dafür liegt bei Marx. Unglücklicherweise vermittelt er den Eindruck, dass das Buch mit dem zweiten Satz anfängt: "Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware."

... wohingegen bereits im ersten Satz auf die zentrale Argumentation hingedeutet wird. Diese Konfusion hat enorme theoretische und politische Folgen. Wenn wir mit dem ersten Satz beginnen, eröffnet uns das eine ganz andere Lesart des "Kapital", als wenn wir "mit der Analyse der Ware" anfangen.  Eine Lesart, in der das "Kapital" nicht nur eine Theorie der Funktionsweise des Kapitalismus ist, sondern Theorie der Revolution, aber als Theorie der Revolution, die sich von den revolutionären Theorien des 20. Jahrhunderts völlig unterscheidet, eine Theorie, in der die Anliegen der heutigen antikapitalistischen Bewegungen ihren Widerhall finden.

Spannung zwischen Reichtum und Waren

Schauen wir uns das mal genauer an. Im ersten Satz steht: "Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform." Es kann keinen Zweifel geben: Marx beginnt mit "dem Reichtum". Der Reichtum, nicht die Ware ist das grammatische Subjekt des ersten Satzes.

Dann bewegt sich der Satz von der Ausgangskategorie des Reichtums zur abschließenden Kategorie der "Ware". Der erste Satz des Buches konfrontiert uns also mit einer Spannung zwischen Reichtum und Waren, einer Spannung, die sich durch alle zentralen Kategorien des Buches hindurch entwickeln wird. Und wenn wir berücksichtigen, dass Marx die Abfolge der Kategorien, die das "Kapital" strukturieren, nicht als dem Objekt äußerlich angesehen hat, sondern dass sie als ein "artistisches Ganzes" auf theoretischer Ebene eine historische und logische Ordnung wiedergibt, dann ist klar, dass es sich nicht um eine zufällige Grammatik handelt.

Dann folgt der zweite Satz, jener, der die Konfusion schafft: "Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware." Die überwältigende Mehrheit der Kommentatoren folgt dem, was Marx in diesem zweiten Satz sagt und nimmt die Ware zu ihrem Ausgangspunkt.

Das Kapital beherrscht den Planeten

Da Reichtum in der Form der Ware existiert, ist die Ware der Schlüssel für das Verständnis davon, wie der Kapitalismus funktioniert. Wenn wir mit der Ware beginnen, können wir Marx in der Ableitung der anderen Schlüsselkategorien folgen: Wert, Arbeit, Geld, Kapital, Ausbeutung, Akkumulation, und so weiter. Dies ist eine Analyse der unausweichlichen Dynamik des Systems. Und klar ist, dass wir, wenn wir so von der Ware ausgehen, eine aussagekräftige und schöne Analyse der Wirkungsweise des Kapitalismus bekommen: Es ist ein Ausbeutungssystem und wird von der Dynamik der Vergrößerung des Werts oder, anders ausgedrückt, der Kapitalakkumulation, angetrieben.

In Marx' polemischen Worten: "Akkumuliert, Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten!" Die Analyse zeigt deutlich, dass diese Gesellschaft auf Ausbeutung gegründet ist und dass ihre Dynamik zerstörerisch ist und keiner bewussten Kontrolle unterliegt. Das Kapital ist das Subjekt, das Kapital ist die treibende Kraft dieser Gesellschaft.

Bergbau frisst Klima (ARD / Sandra Petersmann)Bergbau frisst Klima (ARD / Sandra Petersmann)

Es ist der beständige Antrieb, die Welt in einer Weise zu formen, die Profite maximieren wird, indem beispielsweise versucht wird, Bildungssysteme zu schaffen, die Arbeiter produzieren, die den Bedürfnissen des Kapitals entsprechen, Städte durch Bergbau zu zerstören, wenn es scheint, dass Bergbau in dieser Gegend eine gute Profitquelle zu sein scheint, Wälder zu zerstören, um Autobahnen für den schnelleren Warentransport zu bauen, und so weiter, und so weiter. Das Kapital beherrscht den Planeten und es ist jetzt klar, dass die Herrschaft des Kapitals die für das Leben der Menschen und vieler anderer Lebensformen notwendigen Bedingungen zerstört.

Dies ist selbstverständlich eine vereinfachte Erzählweise, aber auch wenn es viele Interpretationsunterschiede gibt, ist dies wahrscheinlich eine Darlegung, der die meisten Marxistinnen und Marxisten zustimmen würden.

Kapitalismus als System mit Anfang und Ende

Aber was stellt uns an dieser Standarderzählung nicht zufrieden? Es hat mit der Frage nach der Revolution zu tun. Marx spricht im "Kapital" nicht direkt von der Revolution, aber seine Analyse verweist deutlich auf das Erfordernis einer Revolution, indem er zeigt, was für ein furchtbares System der Kapitalismus ist. Er spricht gleichfalls nicht viel über den Klassenkampf (jedenfalls in dieser Standardinterpretation), obgleich das Buch Analysen der Kämpfe um die Länge des Arbeitstages und die Einführung von Maschinerie enthält. Obgleich der Klassenkampf in der marxistischen Tradition von zentraler Bedeutung ist, scheint dessen Rolle im "Kapital" sekundär zu sein. Statt einer Analyse des Klassenkampfs selbst liefert es uns eine Interpretation des Kontextes, in dem der Klassenkampf stattfindet.

Diese Unterscheidung zwischen dem Klassenkampf und seinem Kontext liefert der Vorstellung Nahrung, dass der Kapitalismus ein System ist, das einen Anfang hat (den Übergang vom Feudalismus) und ein Ende (Zusammenbruch und/oder Revolution) haben kann oder haben wird, das aber in der Zwischenzeit als eine Struktur, ein System existiert, das in den Begriffen seiner Entwicklungsgesetze verstanden werden kann. Damit wird die Vorstellung von Revolution in die Zukunft verlegt. Die Revolution ist ein zukünftiges Geschehen, auf das wir uns vorbereiten müssen. Der beste Weg, uns darauf vorzubereiten, besteht – wahrscheinlich – darin, die Organisation (normalerweise als Partei aufgefasst) aufzubauen, die sie anführen wird.

Erster Satz weiser als der zweite

Unser Nachdenken ist fest innerhalb des Systems selbst lokalisiert, sodass jeglicher Bruch mit dem System nur als von außerhalb der Analyse kommend imaginiert werden kann. Dies führt sehr häufig (vielleicht nicht unvermeidlicherweise) zur Idee der revolutionären Partei. In der heutigen Zeit, in der es auf der Welt nur noch wenige revolutionäre Parteien von größerer Bedeutung gibt und wo solche Parteien durch die Erfahrungen des letzten Jahrhunderts umfassend diskreditiert sind, scheint aber die Partei nicht länger die Antwort zu sein.

Die Kritik des Kapitalismus, die mit der Ware beginnt, zeigt uns deutlich die Notwendigkeit der Revolution. Wir können deutlich sehen, dass der Kapitalismus eine Katastrophe ist, aber nichts in dieser Analyse zeigt uns, wie wir die Welt verändern können. Wenn wir nach einer Theorie der Revolution suchen, dann ist vielleicht der erste, lange vernachlässigte Satz des "Kapital" weiser als der zweite. Vielleicht ist es besser, nicht mit der Ware zu beginnen, sondern mit dem Reichtum.

Was bedeutet Reichtum?

"Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine 'ungeheure Warensammlung'." Was bedeutet Reichtum? Er wird im "Kapital" von Marx nicht definiert. Aber in den Grundrissen, den Notizen, die Marx nur wenige Jahre zuvor angefertigt hatte, gibt es einen wunderbaren Abschnitt. Hier stellt er genau die Frage, die der erste Satz des "Kapital" nahelegt: Wenn wir sagen, dass der Reichtum im Kapitalismus als ungeheure Warensammlung erscheint, was wäre Reichtum dann in einer anderen Gesellschaftsform? Marx' Antwort ist großartig:

"In fact aber, wenn die bornierte bürgerliche Form abgestreift wird, was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen? Die volle Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte, die der sog. Natur sowohl wie seiner eignen Natur?

Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung [...] In der bürgerlichen Ökonomie - und der Produktionsepoche, der sie entspricht - erscheint diese völlige Herausarbeitung des menschlichen Innern als völlige Entleerung; diese universelle Vergegenständlichung als totale Entfremdung und die Niederreißung aller bestimmten einseitigen Zwecke als Aufopferung des Selbstzwecks unter einen ganz äußeren Zweck".

Entleerung der Menschheit

Mit dieser Erklärung erlangt der erste Satz des "Kapital" eine andere Dimension. Wir sehen jetzt die Wandlung des Reichtums (am Anfang des Satzes) zur Ware (am Ende des Satzes) in einem ganz anderen Licht. Diese Wandlung kann nicht einfach als gegeben hingenommen werden: Sie ist ein gewaltsamer, entsetzlicher Prozess. Die Unterordnung des Reichtums unter die Warenform ist die völlige Entleerung der Menschheit. Im selben Atemzug verkündet Marx implizit seine Vorstellung des Kommunismus: die Emanzipation des Reichtums von der Ware und folglich die Entfaltung der Menschheit zu ihrer höchsten Stufe des Werdens.

"Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine 'ungeheure Warensammlung'" Der Satz formuliert einen offensichtlichen Antagonismus. Der Reichtum existiert in der Warenform, aber er existiert auch gegen diese Form und in dem Maße, in dem wir eine andere Existenzform des Reichtums entwerfen können oder dafür kämpfen können oder vielleicht gar bereits erschaffen, existiert er auch jenseits von der Warenform, als Entfaltung des menschlichen Potenzials.

Eine Mahlzeit ist keine Ware, sondern eine Geste der Liebe

Und sobald wir dies realisieren, beginnen wir, an Formen zu denken, in denen wir nicht in die Herrschaft der Ware, die Herrschaft des Geldes passen. Wenn wir beispielsweise eine Mahlzeit für unsere Freunde oder unsere Kinder kochen, erschaffen wir Reichtum, aber die Mahlzeit, die wir herstellen, ist keine Ware: Wir stellen sie nicht zum Verkauf, sondern aus Liebe her.

Im Speisesaal der Kinder- und Jugendeinrichtung "Arche" isst ein Kind in Berlin-Hellersdorf eine warme Mahlzeit. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)Eine Mahlzeit ist keine Ware (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Oder wenn wir Blumen oder Gemüse in unserem Garten oder an einer Wand oder in einem Topf züchten, produzieren wir Reichtum, aber es ist normalerweise kein warenförmiger Reichtum: Wir machen es zu unserem eigenen Vergnügen oder dem derjenigen, die uns umgeben. Auf gesellschaftlicher Ebene denken wir an Kampagnen gegen die Privatisierung des Bildungssystems oder die Einführung von Studiengebühren: Bildung ist Reichtum, aber sie sollte keine Ware sein.

Wenn unsere Analyse des Kapitalismus mit dem Reichtum beginnt, dann bedeutet das, wir stellen uns selbst in den Mittelpunkt der Geschichte. Der Reichtum erzählt von unserem kreativen Potenzial, die Ware spricht von der Frustration dieses Potenzials. Wie wird sich dieses Drama abspielen?

Es ist ein Drama, das wir alle leben, dessen wir alle intensiv gewahr sind. Wir beenden unsere Schulzeit und fühlen (zumindest in dem Maße, in dem unsere Schulzeit nicht bereits unser Potenzial gezähmt hat), dass wir vor Möglichkeiten explodieren, voll dessen, was wir tun können oder tun möchten. Und dann stellen wir uns der Welt, in der wir, um überhaupt etwas tun zu können, unser wundervolles Potenzial als Arbeitskraft verkaufen müssen und wir stellen fest, dass Menschen unsere Arbeitskraft nur kaufen werden, wenn es sie reicher macht, ihnen mehr Geld verschafft.

Reichtum ist unser Potenzial

Wir sind frustriert, aber unser Potenzial entschwindet nicht einfach in Beschäftigung und Erwerbslosigkeit. Es versucht, einen Weg hindurch, jenseits davon, außerhalb davon zu finden. Unsere Leben sind gezeichnet von einem Drama des Drängens und Ziehens zwischen Potenzial und Frustration. Dies ist das Drama, das Marx im ersten Satz ankündigt, nicht auf der Ebene des Individuums, sondern der der Gesellschaft. Der Reichtum ist unser Potenzial, die Ware ist dessen tödliche, tötende Frustration. Die Zukunft der Gesellschaft hängt davon ab, wie sich dieses Drama abspielt, nicht als zukünftiges Geschehen, sondern als Kampf im Hier-und-Jetzt, um mit der Zumutung der Ware und der Herrschaft des Geldes zu brechen.

Lies die Textbücher der Wirtschaftswissenschaft, hör den Wirtschaftsexperten im Fernsehen zu: die einzige Form, in der wir dort – wenn überhaupt – auftauchen, ist als Objekt, als Opfer von Inflation oder Erwerbslosigkeit. Wenn Marx mit dem Reichtum beginnt, der durch seine Realisierung als Ware zunichtegemacht wird (statt mit der Ware, die die Realisierung des Reichtums verhindert, zu beginnen), dann schleudert er der Wirtschaftstheorie, die keinen Raum für das menschliche Subjekt hat, den Ungehorsam entgegen.

Seine Herausforderung der bürgerlichen Theorie liegt nicht nur auf der Ebene der "Fakten", sondern es ist vor allem eine Herausforderung der intellektuellen Grammatik eines Denkens, das das menschliche Subjekt ausschließt und zum Status von Objekten verdammt.

Der Drang, den Reichtum der Ware unterzuordnen

Wenn wir uns des Antagonismus zwischen Reichtum und Ware so stark bewusst sind, dann wahrscheinlich deshalb, weil der Antagonismus sich verschärft und seine Konsequenzen offensichtlicher werden. Die häufig als neoliberal beschriebene Phase des Kapitalismus charakterisiert sich vor allem durch einen beständigen Drang, den Reichtum der Ware unterzuordnen.

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war in vielerlei Weise durch einen großen Schub gegen die Kommodifizierung, das heißt, die Verwandlung der Welt in Waren gekennzeichnet: Die Russische und die Chinesische Revolution und die westlichen Wohlfahrtsstaaten errichteten zweifelsohne Hindernisse gegen die Herrschaft der Ware, aber dieser Vorstoß gegen die Warenwelt war sicher keine Emanzipation des Reichtums, in dem Sinne, wie wir es hier dargestellt haben und wie Marx es in der oben zitierten Passage der Grundrisse beschreibt.

Die stalinistische Planung war alles andere als die Befreiung der "absoluten Bewegung des menschlichen Werdens", und ebenso wenig war dies der Fall im Wohlfahrtsstaat: Beide blieben weiterhin dem globalen kapitalistischen Zusammenhang verhaftet, unter dessen Bedingungen sie funktionierten. Letztendlich war dies die Schwäche beider Systeme und ermöglichte den Aufschwung der Kommodifizierung, der in den letzten ca. 30 Jahren die Welt erheblich geformt hat.

Ein ölverschmierter toter Vogel liegt am Strand. (imago/UPI Photo)Die Unterordnung des Reichtums unter die Ware zerstört die Bedingungen menschlicher Existenz (imago/UPI Photo)

Auf der grundlegendsten Ebene hat sich (in Formen, die es so vor 30 Jahren nicht gab) gezeigt, dass die Unterordnung des Reichtums unter die Ware (und damit unter das Geld, das Kapital, den Profit) die Vorbedingungen menschlicher Existenz zerstört. Die Umwelt, die wir brauchen, um leben zu können, wird durch Verschmutzung, die Zerstörung der Ozonschicht, die Erderwärmung, das Massaker an nicht-menschlichen Lebensformen und so weiter, zerstört.

Unsere Wut über dieses Versagen, unser Entsetzen, wenn die Politiker gar die Existenz des Problems verleugnen, unser Zorn sind die Stimme des Reichtums der sich gegen die Kommodifizierung richtet. "Wir werden es nicht hinnehmen", unser NEIN, unser Schrei der Verweigerung, sind die Revolte des Reichtums gegen die Tatsache, dass er in Warenform existiert, gegen die Tatsache, dass er als ungeheure Warensammlung erscheint. All das findet sich im ersten Satz des "Kapital".

Der zweite Satz führt für sich genommen in die falsche Richtung

Der erste Satz ist offensichtlich eine Kritik des zweiten Satzes. Der erste beginnt mit dem Reichtum, der zweite sagt, wir beginnen mit der Ware. Der erste geht von unserer Subjektivität aus und endet mit deren Frustration. Der zweite spricht von der Subjektivität der Ware, von der sich die Subjektivität des Kapitals ableitet. Der erste sagt: "Wir erschaffen die Welt (das heißt, die gesellschaftliche Welt), aber wir sind frustriert", und der zweite sagt: "Die Ware/das Geld/das "Kapital"herrscht".

Hierin liegt eine Spannung und nicht etwa eine Unvereinbarkeit. Es ist nicht so, dass der zweite Satz falsch wäre. Wenn wir ihn aber einfach nur für sich lesen, dann führt er uns in die falsche Richtung, führt uns zu einer Trennung zwischen Struktur und Kampf. Aber wenn wir ihn in Zusammenhang mit dem ersten Satz lesen, dann führt er uns zu einer dialektischen Lesart des Buches.

Unser Reichtum existiert wirklich in der Ware, aber gleichzeitig übersteigt er diese Form, als Unpassendes, als Widerstand. Er existiert im Konjunktiv, nicht im Indikativ. Er besitzt keine von der Ware getrennte Existenz, er existiert nur als Widerstand, als Unpassendes, als Traum einer anderen Gesellschaft, als Bewusstsein, dass die Welt anders sein könnte.

Er existiert als eine schattenhafte Figur, aber als ein für unsere Leben zentraler Schatten. Es ist dieser Schatten, der Dich dazu anhält, diese Sendung anzuhören. Es ist also vielleicht nicht überraschend, dass in Marx' Darstellung des Kapitalismus der befreite Reichtum (oder dessen Möglichkeit) im Schatten verbleibt. Er ist die ganze Zeit da und scheint in allen drei Bänden des "Kapital" auf.

Erster Satz verändert Verständnis der Ware

Wenn wir den ersten Satz lesen und über ihn nachdenken und ihn nicht einfach übergehen, hat er bereits unser Verständnis der Ware und ihrer Ableitungen verändert. Wenn wir sagen, der Reichtum "erscheint als" Warensammlung, dann bedeutet das, dass wir über die Erscheinung hinausgesehen haben und dass deswegen diese Äußerung nicht die ganze Wahrheit ist.

Weil wir die Erscheinung durchschauen, sagen wir zwangsläufig, dass der Reichtum als Warensammlung erscheint – und nicht erscheint. Hierin liegt eine antagonistische Bewegung: Im Kapitalismus wird Reichtum in Waren verwandelt. Nicht: Zu Beginn des Kapitalismus nahm der Reichtum (ein für alle Mal) die Warenform an (wenn das so wäre, könnten wir ihn nicht mehr durch die Erscheinung hindurch sehen), sondern es geschieht jetzt, im gegenwärtigen Kapitalismus.

Die Gewalt der ersten Kommodifizierung, der ursprünglichen Akkumulation, von der Marx spricht, bleibt bestehen. Wir können einen Schritt weitergehen und sagen, dass der Kapitalismus die beständige Verwandlung des Reichtums in Warenform ist. Kapitalismus ist der Prozess, durch den andauernd alles, was wir erschaffen, in etwas verwandelt wird, das gekauft und verkauft werden kann, etwas, das auf dem Markt in Form von Geld bemessen wird.

Das Substantiv "die Ware" verbirgt und enthält ein Verb, den Prozess der Kommodifizierung. Und es verbirgt und enthält ebenfalls eine Kampfhandlung, den Kampf, die Welt der Herrschaft des Geldes zu unterwerfen. Deshalb ist die Ware ein Kampf, ein Verb, das sich als Ding präsentiert. Und dasselbe gilt für das Geld.

Geld, Rente, Zins sind Formen gesellschaftlicher Verhältnisse

Das Geld präsentiert sich als Ding, aber tatsächlich ist es ein andauernder Kampf, um gesellschaftliche Verhältnisse zu monetarisieren, um den Zugang zu unseren eigenen Produkten und denen anderer der Herrschaft des Geldes zu unterwerfen, ein blutiger, blutiger Kampf, in dem Tausende und Abertausende Menschen jeden Tag sterben. Und auch der Wert präsentiert sich als ein Ding, aber auch er ist ein Verb, ein andauernder Kampf.

Und das Kapital und die Rente und der Zins und tatsächlich auch der Staat, obgleich Marx ihn im "Kapital" nicht diskutiert: All diese Gegebenheiten sind nicht Dinge, sondern Formen gesellschaftlicher Verhältnisse, die sich als Dinge präsentieren, antagonistische Angriffsprozesse, die sich als unschuldige Seinszustände präsentieren, Verben, die sich als Substantive präsentieren.

Die Euro-Skulptur am Willy-Brandt-Platz vor der EZB-Zentrale in Frankfurt am Main (dpa /picture alliance / Daniel Kalker)Geld als Symbol für gesellschaftliche Verhältnisse (dpa /picture alliance / Daniel Kalker)

So führt uns also der erste Satz in das Thema der Fetischisierung ein, ein zentrales Thema in den drei Bänden des Kapital. Marx argumentiert, dass die Existenz des Reichtums in der Form von Waren, die gekauft und verkauft werden können, eine Fetischisierung oder eine Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse hervorbringe.

Die Verhältnisse zwischen handelnden Menschen existieren in der Form von Verhältnissen zwischen Dingen, Dingen, die uns äußerlich sind ("Die Ware ist zunächst ein äußerer Gegenstand", sagt er uns im dritten Satz des Buches). Dieser Fetischismus erschafft tatsächlich eine Welt der Substantive, eine Welt scheinbar fester Formen, in denen wir die Obszönität des Kapitalismus als alternativlos wahrnehmen.

Kritik ist die Bewegung der Entfetischisierung. Marx' Werk trägt den Untertitel "Kritik der Politischen Ökonomie", weil es die fetischisierten Kategorien der Politischen Ökonomie entfetischisiert und die gesellschaftlichen Prozesse offenlegt, die diese Kategorien haben entstehen lassen.

Entfaltung kapitalistischer Entwicklungsgesetze bedeutet Klassenkampf

Auch die Revolution kann als die Bewegung der Entfetischisierung betrachtet werden. Wenn der Kapitalismus die Umwandlung der "absoluten Bewegung unseres Werdens" in einen Haufen Waren ist, wenn es die Gerinnung oder das Einfrieren unseres kreativen Potenzials in Dinge ist, die bepreist und bemessen und verkauft werden können, dann ist die Revolution genau das Entgegengesetzte.

Sie ist der Kuss des Prinzen, der unser Potenzial aus seinem jahrhundertelangen Schlummer erweckt, aber es gibt weder einen Prinzen noch eine Prinzessin, nur eine Woge des Bewegen-Erschaffens von unten her.

Noch einmal: Ist dies Klassenkampf? Und noch einmal: Ja, ist es.

In der marxistischen Theorie gibt es ein Dilemma. Am Anfang des Kommunistischen Manifests sagen Marx und Engels, dass die Geschichte aller bislang existierenden Gesellschaften die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Aber wenn er im "Kapital" die Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft analysiert, stellt Marx die Bewegung des Kapitalismus als Entfaltung der kapitalistischen Entwicklungsgesetze dar.

Der einzige Weg, diese zwei Positionen miteinander zu versöhnen, besteht darin, zu sagen, dass Marx zu dem Zeitpunkt, an dem er das "Kapital" verfasst hat (und vielleicht von Engels' nicht immer hilfreicher Hilfe befreit war), verstanden hatte, dass die Entfaltung der kapitalistischen Entwicklungsgesetze Klassenkampf ist. Mehr oder weniger dies haben wir auf den wenigen letzten Seiten gesagt.

Wir alle sind Teil des Kampfes

Die Ware ist Kampf, Wert ist Kampf, die Abstraktion der Arbeit ist Kampf, Geld ist Kampf und so weiter. Alle diese Formen kapitalistischer gesellschaftlicher Verhältnisse sind Kampf, aber es nicht nur dies. Es ist das dichte Gewebe dieser verschiedenen Formen gesellschaftlicher Verhältnisse, das dem Kapital in diesem Kampf seine enorme Macht verleiht.

Aber dies bedeutet nicht, dass das Kapital ein geschlossenes System ist, das nur durch eine große Revolution in der Zukunft ersetzt werden kann.

Vielmehr bedeutet es, dass es sich um einen eng strukturierten Angriff auf die Menschheit handelt und dass die Revolution das Entpacken oder Entwirren dieser Struktur ist, ein Prozess, in dem wir beständig einbezogen sind.

Wir alle sind Teil dieses Kampfes, jederzeit. Warum, liebe Hörerin, lieber Hörer, hast du das Radio, hast du diese Sendung eingeschaltet? Weil es etwas in dir gibt, das sich bereits in die ‚falsche‘ Richtung bewegt, sich gegen das "Kapital" bewegt, sich gegen die Kommodifizierung des Reichtums bewegt. Dies ist der Kampf, in den wir alle hineingeboren sind, der Kampf, den wir jeden Tag leben, der Kampf, der uns beständig in zwei Richtungen zieht.

Lies das "Kapital", beginne ganz am Anfang

Ist dies Klassenkampf? Ja, aber nicht im herkömmlichen Sinn vom "Kampf der Arbeit gegen das Kapital", sondern im Sinne eines Kampfes gegen die Arbeit, die Kapital produziert, gegen das Hineinsaugen unserer Aktivität in die bedeutungslose Produktion einer "ungeheuren Warensammlung".

Der Klassenkampf ist der Kampf der Klassifizierten gegen die Klasse, gegen ihre Klassifizierung: Wir werden uns nicht einfügen, wir werden uns nicht klassifizieren lassen. Wir werden die Herrschaft des Geldes nicht hinnehmen. Wir sind die Bewegung des Reichtums gegen die Ware.

Lies das "Kapital", lies es erneut. Und wenn du es liest, beginne ganz am Anfang; ein sehr guter Ort, um anzufangen.

"Das Kapital, Teil 9. Ganz am Anfang beginnen." Von John Holloway. Aus dem Englischen von Lars Stubbe.

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