Donnerstag, 23.11.2017
StartseiteKultur heute"Seine frühere Tätigkeit als Banker ist für viele der irritierende Faktor"15.05.2017

Reaktion der französische Kulturszene"Seine frühere Tätigkeit als Banker ist für viele der irritierende Faktor"

Wirtschaftsnah und literaturaffin - Emanuel Macron verkörpert verschiedenen Traditionen, sagte Christiane Deussen im Deutschlandfunk. Die Leiterin des Maison Heinrich Heine in Paris kann sich durchaus vorstellen, dass "Intellektuelle, Schriftsteller, Philosophen darauf einsteigen und sagen, wir haben dort jemanden, der uns Gehör schenkt."

Christiane Deussen im Gespräch mit Beatrix Novy

Emmanuel Macron ist neuer französischer Präsident - er steht am Tag seiner Vereidigung vor dem Elysée-Palast. (AFP PHOTO/YOAN VALAT)
Vereidigung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. (AFP PHOTO/YOAN VALAT)
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Beatrix Novy: Vor der Präsidentenwahl in Frankreich haben wir hier einen Bericht gesendet über eine französische Kleinstadt, die versorgt wird von einer Gruppe rühriger Bürger mit Kulturaktivitäten. Es ging da um ihre Angst vor einem Wahlsieg des Front National, weil Marine Le Pen von staatlichen Fördergeldern für kleine Theater, Literaturwerkstätten oder dergleichen ja nicht viel hält. Nun hat aber nicht Le Pen, sondern Emmanuel Macron die Wahl gewonnen. Der hat sich im Vorfeld ganz anders dargestellt. Er ist der französischen Tradition gefolgt, Bildung und kulturelles Interesse als präsidiale Eigenschaft herauszustellen.

Christiane Deussen ist Leiterin des Maison Heinrich Heine in Paris, des Heinrich-Heine-Hauses. Frau Deussen, Macrons Autobiografie folgt seinen Leseerlebnissen. Das ist ein Bildungsmanifest. Hat ihn das den sehr skeptischen Kulturschaffenden in Frankreich näher bringen können?

Christiane Deussen: Ich glaube, das ist zu früh, jetzt darauf schon eine Antwort zu geben. Die Reaktion auf Macron in der Kulturszene und in der Intellektuellenszene insgesamt ist, glaube ich, immer noch sehr, sehr von Vorsicht geprägt und von Abwarten. Man beobachtet ihn jetzt, seitdem er der neue Präsident ist, und man merkt aber auch, dass er offensichtlich ein sehr enges Verhältnis zur Literatur hat, auch zur Sprache, weil er sehr geschliffen spricht, weil er gerne Autoren zitiert und weil er seine Herkunft als Intellektueller eigentlich nicht verbirgt.

Die andere Sache, die, glaube ich, immer wieder irritiert und die im Augenblick noch im Vordergrund steht, das ist seine Vergangenheit, seine frühere Tätigkeit als Banker, und das ist der irritierende Faktor für viele, glaube ich, im Kulturbereich, welche Auswirkung das auf den Präsidenten Macron tatsächlich haben kann.

"Er möchte die Zwei-Prozent-Regel einhalten"

Novy: Weil er ja als neoliberal gilt. Das ist so eine Klassifizierung, die mit Sozialabbau, mit laissez faire und dem walten lassen globaler Finanzherrschaft zu tun hat. Da kann man ja dann auch die Angst vor dem Abbau auch der Kultur, die sich gefälligst selbst finanzieren soll, vermuten. Tun das Intellektuelle in Frankreich?

Deussen: Was die Finanzierung der Kultur anbelangt, das ist natürlich ein Kapitel, wo man tatsächlich erst abwarten muss, welche Vorschläge da die neue Regierung dann machen wird. In der Tat hat man auch gehört, dass er tatsächlich dieses Sponsoring der Kultur, Mäzenatentum betonen will. Das würde bedeuten, dass er den staatlichen Aufwand für Kultur zurückfahren will. Auf der anderen Seite hat er gesagt, er möchte die Zwei-Prozent-Regel einhalten oder sogar darüber hinausgehen, zwei Prozent des Haushalts der Kultur widmen.

Novy: Nun ist ja Macron das Kind einer Eliteschule, überhaupt einer elitären Erziehung, die ja meilenweit entfernt ist von den Wählern, die Marine Le Pen immer mobilisieren konnte, genau gegen diese Klasse. Wie wird denn Macron diesen Sprung zu diesen Menschen, die in den eher abgestiegenen kleinen Zentren von Frankreich leben, schaffen können?

Deussen: Ich höre immer wieder, dass Macron offensichtlich über eine große Fähigkeit des Zuhörens verfügt. Ich habe ihn übrigens auch mal interessanterweise vor sieben Jahren kurz kennengelernt und war selber fasziniert von dieser enormen Fähigkeit, sich auf Leute zu konzentrieren, und das wäre vielleicht eine Fähigkeit, wenn er sie auch Gesellschaftsschichten gegenüber entgegenbringt, die politikfern sind, die noch nicht das verbalisieren können oder Schwierigkeiten haben, was ihre Bedürfnisse sind, was ihre Ängste sind, und die dann auf die Art und Weise Gehör verschaffen, wäre das natürlich eine gute Voraussetzung.

Novy: Die starke Meinungsmacht der Intellektuellen war ja immer lautstark in Frankreich und ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Es ist oft thematisiert worden, dass die stiller geworden sind. Werden sie jetzt pro oder contra Macron wohl wieder wach werden? Was meinen Sie?

Deussen: Ich könnte mir das vorstellen, einfach weil er jemand ist, der irritiert, einfach durch diese verschiedenen Traditionen, die er in sich selber verkörpert. Gerade was den Bereich angeht, wirtschaftsnah zu sein, auf der anderen Seite aber auch literaturaffin zu sein, das ist eine Verbindung, die man beobachtet, wo aber ich mir durchaus vorstellen könnte, dass Intellektuelle, Schriftsteller, Philosophen darauf einsteigen und sagen, wir haben dort jemanden, der uns Gehör schenkt. Ich halte das für möglich und es gibt auch einige, die dazu gehören. Er selber war Mitherausgeber oder mit im Verwaltungskomitee der Zeitschrift "Esprit" und hat selber dort auch Artikel geschrieben. Ich denke, aus diesem Bereich wird man vielleicht noch einige interessante Stimmen oder vielleicht auch Unterstützer für die Politik von Macron bekommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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