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StartseiteForschung aktuellReaktor-Havarie und Landwirtschaft01.09.2011

Reaktor-Havarie und Landwirtschaft

Äcker und Wiesen nur in der obersten Bodenschicht kontaminiert

Kernenergie. - Der Fall-out des havarierten Kernkraftwerks in Fukushima wurde nicht nur auf die See hinausgetrieben, ein Teil ging über Land nieder. 80 Prozent der so kontaminierten Gebiete sind landwirtschaftliche Flächen, entsprechend misstrauisch beäugt die Bevölkerung Japans die veröffentlichten Messwerte. Japanische Wissenschaftler berichten, wie sie die Auswirkungen auf die Landwirtschaft minimieren wollen.

Von Dagmar Röhrlich

Beamte der Fukushima-Präfektur untersuchen ein Reisfeld im nordjapanischen Kunimimachi auf Strahlenbelastung. (AP)
Beamte der Fukushima-Präfektur untersuchen ein Reisfeld im nordjapanischen Kunimimachi auf Strahlenbelastung. (AP)

"Almost 90 per cent of the total Caesium is retained on the surface of the soil."

Fast 90 Prozent des Radiocäsiums werden an der Bodenoberfläche festgehalten, erklärt Hiromichi Nagasawa. Er ist Agrarwissenschaftler an der Tokioter Universität:

"Das Cäsium-137 hat eine Halbwertzeit von rund 30 Jahren, die von Cäsium-134 beträgt zwei Jahre. Seit das kurzlebige Jod-131 zerfallen ist, bestimmen diese beiden Radionuklide die Umweltfolgen von Fukushima. Ihretwegen müssen wir die landwirtschaftliche Flächen dekontaminieren, wenn die Belastung zu hoch ist. Da sich Radiocäsium jedoch fest an die Tonminerale anlagern, reicht es, wenn wir die obersten drei bis fünf Zentimeter abtragen."

Und auf den Wiesen müsste man das Gras mit der obersten verfilzten Wurzelzone abschälen, erklärt Nagasawas Kollegin Tonoko Yankanichi:

"Außerdem sollte man im Herbst die kontaminierten Blätter einsammeln, wenn sie von den Bäumen fallen. Sobald die Mikroorganismen sie zersetzt haben, wird ein recht hoch kontaminierter Puder entstehen, der durch Wind oder Regen verfrachtet werden kann. Das bereitet uns Kopfzerbrechen."

Mit einem anderen Aspekt beschäftigt sich der Radiochemiker Yasuyuki Muramatsu von der Gakushuin University in Tokio. Ihn interessiert, wie Pflanzen die Belastung aufnehmen und in ihre Früchte einbauen:

"Am Anfang habe ich gedacht, dass das Cäsium über den Boden zur Pflanze gelangt."

Und dabei vor allem über die Wurzeln. Aber weder auf den Feldern, noch im Labor nehmen die meisten Nutzpflanzen das radioaktive Cäsium über diesen Weg auf. Deshalb liegt die Belastung bei Tomaten, Paprika, Mais und selbst bei Karotten weit unterhalb der Grenzwerte. Ersten Messungen zufolge scheint das auch bei der neuen Reisernte der Fall zu sein - sogar beim Reis aus der Präfektur Fukushima. Zwar ist es noch zu früh für einen Überblick, aber die Vorsichtsmaßnahmen scheinen sich auszuzahlen. Muramatsu:

"Weil die Farmer im Frühling ungefähr einen Monat für die Vorbereitung der Reispflanzung brauchen, hatte die japanische Regierung genügend Zeit, die zu stark kontaminierten Gebiete aus der Produktion herauszunehmen und die weniger belasteten freizugeben."

Die Bauern erhalten Ausgleichszahlungen, auch falls der geerntete Reis doch über dem Grenzwert liegen sollte. Während sich bei vielen Pflanzen, die nach der Reaktorkatastrophe gewachsen sind, die Probleme also in Grenzen zu halten scheinen, bereitet Tee Grund zu Sorge. Muramatsu:

"In den Teeblättern der neuen Ernte Mitte Mai sind erhöhte Gehalte an Radiocäsium gefunden worden, obwohl die Teefelder jenseits von Tokio liegen, also weit von Fukushima Daiichi entfernt. Der Boden war nicht sonderlich belastet. Aber Tee ist ein immergrünes Gewächs, und die Kontamination rührt daher, dass die Wolke mit den radioaktiven Substanzen im März über einige Anbaugebiete getrieben wurde und das radioaktive Cäsium sich auf den vorjährigen Teeblättern ablagerte. Dieses Cäsium wurde dann über den Stofftransport innerhalb der Pflanze von den alten Blättern auf die neuen übertragen."

Beim Kernobst läuft es ähnlich: Während der frühen Phase der Havarie, als große Mengen an Radioaktivität in die Luft freigesetzt wurden, hatten Kirsch-, Aprikosen- und Pflaumen- oder Pfirsichbäume gerade einmal Blattknospen und Blüten. Yasuyuki Muramatsu:

"Die Radionuklide setzten sich auf den Blüten ab, aus denen sich dann die Frucht entwickelte. Deshalb sind die Pflaumen oder Pfirsiche von Anfang an kontaminiert. Hingegen scheint nur wenig Belastung von der Borke auf die Frucht übertragen zu werden. Allerdings verändert sich die Belastung: Je größer die Früchte werden, desto niedriger ist Konzentration des radioaktiven Cäsiums, weil es durch andere Nährstoffe verdünnt wird."

Und so weisen die reifen Früchte oft nur ein Zehntel des Grenzwertes auf. Sie dürfen verkauft werden – allerdings bleibt der Verbraucher misstrauisch: Bei Pfirsichen beispielsweise brach der Absatz ein.

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