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StartseiteForschung aktuellRechner als Therapeut04.06.2007

Rechner als Therapeut

Computerspiel trainiert Gedächtnis bei ADHS-Kindern

<strong>Medizin. - Etwa sechs Prozent aller Schulkinder gelten als hyperaktiv. Bislang wird dieses so genannte Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) oft medikamentös behandelt. Jetzt ersannen Hirnforscher eine viel versprechende Alternative: ein Computerspiel.</strong>

Von Kristin Raabe

Zumindest einem Teil der ADHS-Patienten könnte mit einer neuen Software geholfen werden. (AP)
Zumindest einem Teil der ADHS-Patienten könnte mit einer neuen Software geholfen werden. (AP)

Wie unterschiedlich Kinder mit ADHS sein können, steht schon im Struwwelpeter. Da gibt es den Hans-Guck-in-die-Luft, der die Welt um sicher herum zu vergessen scheint, und dann ist da natürlich noch der Zappelphilipp das Paradebeispiel für ein hyperaktives Kind. Experten sind sich schon lange einig, dass es beim ADHS mehrere Untergruppen von Patienten gibt. Bei diesen Untergruppen sind jeweils andere Faktoren die Ursache für die Symptome. Mal steht dabei die Hyperaktivität im Vordergrund, mal das Aufmerksamkeitsdefizit und meistens gibt es eine Kombination von beiden Problemen. Der schwedische Hirnforscher Hans Forssberg glaubt, dass bei einigen Patienten eine Störung des Arbeitsgedächtnisses für einen Großteil der Symptome des ADHS verantwortlich ist. Das erklärt auch, warum bei vielen Patienten Methylphenidat - auch bekannt als Ritalin - so gut wirkt:

"Wir wissen relativ gut, welche Teile des Gehirns das Arbeitsgedächtnis kontrollieren. Diese Hirngebiete befinden sich in den Schläfenlappen der Großhirnrinde. Sie erhalten Eingänge von Nervenfasern, die durch den Botenstoff Dopamin kontrolliert werden. Wenn wir also Dopamin in diesen Nervenfasern reduzieren, dann funktioniert das Arbeitsgedächtnis nicht mehr so gut. Wenn wir also Methylphenidat geben, erhöhen wir das aktive Dopamin im Gehirn und deswegen funktioniert dann auch das Arbeitsgedächtnis besser und auch die anderen ADHS-Symptome gehen zurück."

Hans Forssberg hat am Karolinska Institut in Stockholm untersucht, ob sich das Arbeitsgedächtnis nicht auch auf andere Weise trainieren lässt. Dann könnten die betroffenen Kinder vielleicht auch ohne Medikamente auskommen. Zusammen mit Informatikern entwickelte er ein kindgerechtes Computerprogramm. Die Hauptperson darin ist ein Roboter, der den Kindern verschiedene Aufgaben stellt.

"Dieser Roboter trainiert das Arbeitsgedächtnis. Und bei vielen Kindern mit ADHS ist das Arbeitsgedächtnis stark herabgesetzt. Mit Hilfe unseres Computerprogramms trainieren die Kinder aber diese Gedächtnisfunktion. Möglicherweise lassen sich durch ein verbessertes Arbeitsgedächtnis auch andere Symptome der ADHS bekämpfen."

Den Kindern machte das Spielen mit dem Roboterprogramm richtig Spaß. Um auszuschließen, dass jede Art von Computerspiel sich positiv auf das ADHS auswirkt, ließ Hans Forssberg einen Teil der Kinder ein ganz normales Computerspiel spielen, das also kein gezieltes Training des Arbeitsgedächtnisses beinhaltete. Am Ende war klar: Eine Untergruppe der Kinder profitierte stark durch das Training mit dem Roboterprogramm.

"Es ist wirklich sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass das keine Therapie für jedes Kind mit ADHS ist. Es kommt ganz darauf an, was das Hauptproblem des jeweiligen Kindes ist. Wir wissen heute, dass es drei Hauptgruppen von Patienten mit ADHS gibt. Bei der einen Gruppe steht die Aufmerksamkeitsstörung im Vordergrund, bei der anderen die Hyperaktivität und bei der dritten und letztlich größten Gruppe haben wir eine Kombination von beiden Symptomen. Vermutlich gibt es auch unterschiedliche Ursachen für diese Untergruppen von ADHS. Unser Computerprogramm hilft nur den Kindern, bei denen das Aufmerksamkeitsdefizit im Vordergrund steht. Bei diesen Kindern können wir allerdings nicht nur das Arbeitsgedächtnis stark verbessern, sondern auch andere kognitive Symptome der ADHS. Bei den primär hyperaktiven Kindern konnten wir mit unserem Trainingsprogramm für das Arbeitsgedächtnis allerdings nichts erreichen."

Übertragen auf die Beschreibungen im Kinderbuch "Struwwelpeter" sind es die Hans-Guck-in-die-Luft-Kinder, die vom Training des Arbeitsgedächtnisses profitieren. Ihre Schulnoten verbessern sich und sie haben weniger Probleme mit ihrem Sozialverhalten. Das Computerprogramm zum Training des Arbeitsgedächtnisses gibt es leider bislang nur in schwedischer und englischer Sprache.

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