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StartseiteCampus & Karriere"Umsetzung klappt von reibungslos bis gruselig"20.08.2014

Rechtsanspruch auf Inklusion"Umsetzung klappt von reibungslos bis gruselig"

In NRW haben Kinder mit Förderbedarf ab diesem Schuljahr einen Rechtsanspruch, eine Regelschule besuchen zu dürfen. Die Umsetzung klappe ganz unterschiedlich, sagte Eva-Maria Thoms vom Elternverein "Mittendrin" im DLF. Trotzdem habe sie durch den Rechtsanspruch die Hoffnung, dass gemeinsames Lernen normal und selbstverständlich werde.

Eva-Maria Thoms im Gepräch mit Regina Brinkmann

Ein Schulkind steht vor einer Tafel, auf der das Wort "Inklusion" geschrieben steht. (picture alliance / dpa)
Ob die Umsetzung auf den Rechtsanspruch gut funktioniert hänge von der Kommune ab, ob diese sich darauf vorbereitet habe, sagte Eva-Maria Thoms vom Elternverein "Mittendrin". (picture alliance / dpa)
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Regina Brinkmann: In NRW hat die Schule begonnen und damit wird sich ab heute auch in der täglichen Praxis zeigen, wie gut der neue Rechtsanspruch auf Inklusion in den Grundschulen des Landes eigentlich funktioniert. Bekommen tatsächlich alle Kinder mit Förderbedarf einen Platz in einer Regelschule, wenn es ihre Eltern wünschen? Und wie gut sind die Schulen eigentlich auf diesen Schritt vorbereitet? NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann gab sich da im Vorfeld äußerst optimistisch. Wie sehen das betroffene Eltern, die sich unter anderem in dem Verein "Mittendrin" zusammengeschlossen haben? Vereinsvorsitzende Eva-Maria Thoms ist zu uns ins Studio gekommen. Frau Thoms, was hören Sie aus den Elternkreisen? Wie klappt es mit dem Rechtsanspruch?

Eva-Maria Thoms: Ja, Nordrhein-Westfalen ist ein großes Land und ein sehr unterschiedliches Land. Es klappt, wenn man es auf einen Nenner bringen will, reibungslos bis gruselig, je nachdem, wo man sich befindet. Also wir haben zum Beispiel jetzt kürzlich noch wieder einen Fall reinbekommen aus dem Braunkohlengebiet hier in Elsdorf, wo eine Kommune sich ein Jahr lang überhaupt nicht gekümmert hat, obwohl bekannt war, dass ein Kind, das im Rolli sitzt, eingeschult wird, und jetzt kurzfristig entschieden wurde: Das Kind kann nicht auf eine Regelschule gehen. Das ist das, was wir erleben. Dann gibt es natürlich andere Fälle noch. Zum Beispiel aus Bonn kriegen wir den Hilferuf eines Vaters: Es gibt zwar einen Platz für seinen Sohn mit Autismus in der Regelschule, in der weiterführenden Schule, aber nur in einer Schule, die damit bisher überhaupt noch nichts zu tun hatte - und dann allein als sozusagen Förderkind in einer 28er-Klasse. Das sind die Sachen wo es nicht so gut läuft. Dann gibt es andere Kommunen, von denen man auch weiß, dass die sich schon seit Jahren darauf vorbereiten, da hört man wenig Klagen von Eltern, da scheint es gut zu funktionieren.

Brinkmann: Sind es tendenziell eher so größere Kommunen, die gut vorbereitet sind und dass es auf dem Land eher schwierig ist? Kann man das so sagen?

Thoms: Auf dem Land ist es generell eher schwierig, obwohl es gibt auch auf dem Land oder, sagen wir mal, bei den kleineren Städten Highlights, und auch nicht alle Großstädte sind gut. Also das kann man ... so diesen Gegensatz kann man nicht behaupten. Es hat wirklich damit zu tun: Hat die Kommune sich zusammen mit dem zuständigen Schulamt in den vergangenen Jahren mit dem Thema Inklusion beschäftigt oder hat sie es nicht getan?

"Wir haben sehr, sehr lange auf dieses Gesetz gewartet"

Brinkmann: Was würden Sie denn jetzt aus Ihrer eigenen Perspektive sagen: Wie hilfreich ist dieses Inklusionsgesetz für Eltern und Kinder?

Thoms: Wir haben sehr, sehr lange auf dieses Gesetz gewartet und waren auch im vergangenen Oktober sehr, sehr froh, als es endlich verabschiedet wurde, obwohl wir an diesem Gesetz noch Kritik haben. Es sind noch Kostenvorbehalte drin und es sind noch Hintertürchen drin, dass man Kindern unter Umständen den Rechtsanspruch auch nicht gewähren kann. Aber es verbessert die Rechtsstellung der Eltern und wir verbinden damit die große Hoffnung, dass das gemeinsame Lernen jetzt von der absoluten Ausnahme zu etwas Normalem wird, zu etwas, was vielleicht irgendwann sogar selbstverständlich wird.

Brinkmann: Das heißt, aus Ihrer Perspektive müssten dann langfristig ja Einrichtungen wie Förderschulen von der Bildfläche verschwinden?

Thoms: Das denke ich schon. Also ein inklusives Bildungssystem, wenn man es mal ganz streng nimmt, ist natürlich eins, was keine Sondereinrichtungen kennt, weil Inklusion bedeutet ja, dass die Schulen sich so aufstellen, dass sie die Lernbedürfnisse jedes Kindes erfüllen können. Das ist natürlich noch ein ganz, ganz langer Weg. Wir sind super-froh, dass wir jetzt angefangen haben. Und mit den Förderschulen, da sehen wir dann halt, wie die Nachfrage sich entwickelt. Das ist ja das, wofür Nordrhein-Westfalen sich entschieden hat. Man behält das Förderschulsystem bei. Wir sehen das durchaus nicht unkritisch, weil wir als Eltern haben natürlich die große Sorge, dass viel von dem, was wir überhaupt an Sonderpädagogen haben und auch, was wir an sonderpädagogischem Know-how haben, in den Förderschulen hängen bleibt und dann in den integrativen Schulen der Mangel verwaltet wird.

"Wir brauchen Sonderpädagogen in den allgemeinen Schulen"

Brinkmann: Wie steht es denn eigentlich um das sonderpädagogische Know-how von den Lehrern in den Regelschulen?

Thoms: Ja, das haben die im Studium nicht gelernt, das sagen sie ja auch bei jeder Gelegenheit, und da haben sie auch recht mit. Nachdem wir uns nun hier in Nordrhein-Westfalen zwei Jahre lang darüber gestritten haben, was für astronomische Summen an Geld man für Inklusion braucht und an Ausbildung, würden wir als Eltern eigentlich dafür plädieren, dass alle mal durchpusten und sich die Kinder mal angucken, die da kommen. Und Sie werden feststellen: In erster Linie sind das Kinder wie alle anderen auch. Und dann kann man denen mal persönlich in die Augen gucken und sagen, schön, dass du hier bist, und jetzt schauen wir mal, was du brauchst. Ich glaube, dass so viel Angst, wie da besteht, nicht in jedem Fall gerechtfertigt ist. Davon abgesehen: Natürlich - wir brauchen Sonderpädagogen in den allgemeinen Schulen und wir brauchen auch Gelegenheiten für die Lehrer, da zu lernen.

Brinkmann: In NRW haben Kinder mit Förderbedarf ab diesem Schuljahr einen Rechtsanspruch, eine Regelschule besuchen zu dürfen. Wie es mit der Umsetzung steht und was sich Eltern davon erwarten, darüber habe ich mit Eva-Maria Thoms vom Elternverein "Mittendrin" gesprochen. Vielen Dank, Frau Thoms, dass Sie hergekommen sind!

Thoms: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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