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StartseiteInterviewRechtschreibreform: Getrennt- und Zusammenschreibung in der Diskussion11.04.2005

Rechtschreibreform: Getrennt- und Zusammenschreibung in der Diskussion

Interview mit der KMK-Präsidentin Johanna Wanka (CDU)

Die Präsidentin der <papaya:link href="http://www.kmk.org/" text="Kultusministerkonferenz" title="Kultusministerkonferenz" target="_blank" />, Johanna Wanka, hat die angekündigten Änderungsvorschläge des Rates für Deutsche Rechtschreibung zur Rechtschreibreform begrüßt. Gerade die Getrennt- und Zusammenschreibung sei ein besonderer Kritikpunkt in der Diskussion gewesen. Das Gremium habe aber noch keine einvernehmliche Entscheidung getroffen, so Wanka weiter.

Moderation: Friedbert Meurer

Prof. Dr. Johanna Wanka (CDU), Kultusministerin in Brandenburg und Präsidentin der KMK (AP)
Prof. Dr. Johanna Wanka (CDU), Kultusministerin in Brandenburg und Präsidentin der KMK (AP)
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Kultusministerkonferenz

Friedbert Meurer: Mancher wird sich verwundert die Augen reiben und fragen, warum streiten die sich denn jetzt schon wieder um die Rechtschreibreform? Die Antwort lautet: Weil die Reform trotz jetzt schon mehr als zehnjähriger Vorgeschichte immer noch nicht ganz unter Dach und Fach ist. Am 1. August 2005 soll die Rechtschreibreform an Schulen und in Amtsstuben verbindlich werden. Aber der Rat für Deutsche Rechtschreibung, den die Kultusminister aus der Taufe gehoben haben, will jetzt wohl noch einmal Änderungen vorschlagen, insbesondere bei der Getrennt- und Zusammenschreibung. Am Telefon begrüße ich Johanna Wanka. Sie ist die Kultusministerin in Brandenburg, CDU, und zur Zeit ist sie Vorsitzende der Kultusministerkonferenz. Frau Wanka, am letzten Freitag hat die Süddeutsche Zeitung geschrieben, den Kultusministern muss die Reform der Rechtschreibung mittlerweile erscheinen wie eine Fahrt auf einer endlosen Geisterbahn. Fühlen Sie sich so, der Schrecken nimmt kein Ende?

Johanna Wanka: Ganz so schlimm ist es nicht, aber es ist schon ein Thema, das uns in der Kultusministerkonferenz nicht unbedingt mit Freude erfüllt, vor allen Dingen weil die Menschen meistens von der Kultusministerkonferenz sehr ungenaue Vorstellungen haben, aber uns alle gerade mit der Rechtschreibreform verbinden, weil die Reform so umstritten ist, aber es gibt andere Themen, über die wir lieber reden.

Meurer: Welchen Stellenwert haben für Sie die Änderungsvorschläge, die der Rat für Deutsche Rechtschreibung zwar noch nicht abgegeben hat, aber angekündigt hat?

Wanka: Sie haben es gerade korrekt erwähnt, der Rat hat Vorschläge diskutiert, hat sich aber noch nicht zu einer einvernehmlichen Entscheidung durchringen können. Wenn der Rat zum Beispiel in der nächsten Sitzung Veränderungen in den Regeln beschließt, dann ist vorgesehen nach dem Statut des Rates, das ja die Kultusministerkonferenz beschlossen hat, dass dieser Rat seine Vorschläge dann vorlegen muss den Vertretern von Lehrerverbänden, von Elternverbänden, von Behörden, von all denen, die sehr stark davon betroffen sind. Erst am Ende dieser Diskussion wird der Rat der Kultusministerkonferenz und auch den anderen staatlichen Stellen in Österreich und der Schweiz den Vorschlag vorlegen, und über den haben wir dann - ich denke, das muss sehr zügig gehen - zu entscheiden. Das heißt also, eine Abschätzung, welche Konsequenzen es hat, muss vom Rat nach einer Beschlussfassung oder zum Teil auch schon davor vorgenommen werden. Das ist unsere Erwartungshaltung.

Meurer: Ist es so, dass für Sie das, was der Rat für Deutsche Rechtschreibung empfehlen wird, automatisch Eins zu Eins übernommen wird?

Wanka: Ich glaube, wenn das so wäre, dann hätte man nicht die Beschlussfassung der Kultusministerkonferenz noch dazwischenschalten sollen, aber eins ist völlig klar, wir haben den Rat gewollt, wir haben ihn gerade erst eingesetzt Ende letzten Jahres und wir werden natürlich die Vorschläge des Rates sehr ernst nehmen. Aber es ist die Frage, was zum Beispiel die Auswirkungen an den Schulen anbetrifft. Wenn jetzt Vorschläge kommen, ist die Frage wichtig, wird vieles eng vorgeschrieben oder wird mehr zugelassen, so dass all die Dinge, die die Schüler jetzt gelernt haben, noch Bestand haben? All das sind Dinge, die dann auch in der KMK besprochen werden müssen.

Meurer: Auch wenn Sie, glaube ich, Mathematikerin sind, eine Sache möchte ich herauspicken, die Getrennt- und Zusammenschreibung. Die Reform sieht ja eigentlich vor, nach Möglichkeit getrennt zu schreiben, also das hieße ja, kennen lernen, spazieren gehen auseinander. Wie berechtigt ist der Einwand, dass man so rigoros nicht vorgehen darf mit der Trennung?

Wanka: Also ich denke, für alle die, die mit der alten Rechtschreibung groß geworden sind, ist es schon sehr schwierig. Auseinander setzten auseinander zu schreiben, das hat eine ganz andere Assoziation als wenn man es zusammen schreibt. Das heißt, gerade die Getrennt- und Zusammenschreibung war ein besonderer Kritikpunkt in der Diskussion. Deswegen finde ich es sehr vernünftig, dass der Rat, um auch die Akzeptanz für die Reform zu erhöhen, sich gerade damit auseinander setzt. Der Rat für Deutsche Rechtschreibung ist auch gerade eingerichtet worden auch als Angebot von Seiten der Kultusministerkonferenz, dass die, die der Reform ablehnend gegenüberstehen, ihre qualifizierten Einwendungen machen können.

Meurer: Wären Sie dafür, dass man sagt, beide Varianten sind erlaubt, Zusammen- und Auseinanderschreibung?

Wanka: Auf jeden Fall wäre ich skeptisch, dass man den Schülern diese neuen Regeln wegnehmen sollte, wo sie - das sind unsere Informationen - bisher sehr gut mit zurechtgekommen sind, sondern ich wäre für mehr Variabilität. Wie das im Einzelnen aussieht, das hängt davon ab, welche Vorschläge der Rat macht.

Meurer: Berühren diese Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung einen Grundpfeiler der Reform?

Wanka: Also ungefähr ein halbes Prozent aller Veränderungen bei Wörtern, die es geben wird, sind in diesem Bereich einzuordnen. So gesehen, wenn man jetzt an den Schriftverkehr denkt, ist es ein sehr kleiner Teil, aber eben einer, der besonders viele Emotionen geweckt hat. Deswegen sind wir darüber froh, wenn vom Rat kluge Vorschläge kommen, die sozusagen auch ein Stückchen Aussöhnung derjenigen, die damit gar nicht einverstanden waren, bringen. Also ich glaube, das würde uns sehr gut tun. Es wäre ungut, wenn dieser jahrelange Streit nach dem 1. August massiv weitergeht.

Meurer: Schließen Sie aus, dass das Rad soweit zurückgedreht wird, dass es faktisch keine Rechtschreibreform gibt?

Wanka: Davon gehen wir nicht aus. Eine völlige Rückkehr halte ich für ausgeschlossen.

Meurer: Wenn es noch Änderungen geben wird, müssen dann wieder die Druckwalzen anlaufen für neue Schulbücher?

Wanka: Das ist zu überlegen, wenn die Vorschläge auf dem Tisch liegen. Die Vorschläge, die wir jetzt kennen, die diskutiert wurden, betreffen die Regeln. Man muss erst sehen, was sie für die Worte bedeuten. Dann ist es natürlich das Anliegen, dass man nicht sofort große Kosten dort verursacht, sondern zu überlegen, ob man Ergänzungen oder anders drucken kann. Aber das ist jetzt noch ein bisschen spekulativ, weil eben keine konkreten Dinge vorliegen, so dass das mit zu den Fragen gehört, die abgeschätzt werden müssen, nachdem der Rat Vorschläge gemacht hat.

Meurer: Was hören Sie überhaupt aus den Schulen, aus Brandenburg zum Beispiel, über das schier endlose Tauziehen um die Rechtschreibreform?

Wanka: Erstaunlicherweise ist es in den Schulen bei den Schülern kein Thema. Im Großen Ganzen kommen sie sehr gut mit den neuen Regeln zurecht, und da wird es wichtig sein, dass, wenn jetzt Änderungen vorgenommen werden, diese nicht zu Lasten der Schüler fallen, also dass wir keine Unsicherheit in den Schulen erzeugen. Das wäre, glaube ich, sehr ungut.

Meurer: Am 1. August 2005 soll die Reform verbindlich werden für Schulen und in Amtsstuben. Ansonsten kann jeder privat schreiben, wie er will. Ist dieser 1. August noch zu halten?

Wanka: Wir gehen im Moment davon aus.

Meurer: Und dann ist die Geisterfahrt zu Ende?

Wanka: So schlimm ist es nicht, aber ich hoffe, dass es so wird, dass man sich vielleicht für die anderen Themen, mit denen wir uns so intensiv beschäftigt, mehr interessiert als für die Rechtschreibreform.

Meurer: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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