Samstag, 18.11.2017
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWarum dieser Blick zurück?16.03.2017

Rechtsextremismus und germanische Mythologie Warum dieser Blick zurück?

"Wotans Volk" und "Odins Erben" - rechtsextreme Gruppierungen untermauern ihre Ideologie oft mit Sprache und Bildern der germanischen Mythologie. Dabei deuten sie die Geschichte einfach um oder ignorieren Fakten, die nicht in ihr gewaltverherrlichendes Weltbild passen.

Von Claudia Euen

Ein Teilnehmer eines Neonazi-Aufmarsches im brandenburgischen Seelow trägt ein Kapuzen-Shirt der Modemarke Thor Steinar, aufgenommen am 18.11.2006. (picture alliance/ dpa/ Patrick Pleul)
"Thor Steinar" ist eine bei Neonazis beliebte Modemarke. (picture alliance/ dpa/ Patrick Pleul)
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"Was traditionell ist, das ist gut"

"Das, was alt ist, was traditionell ist, das ist gut, was natürlich irrational ist. Die Rechtsextremisten machen das eben besonders extrem. Sie greifen zurück auf etwas, was noch viel länger zurückliegt, nämlich in der Antike beziehungsweise im frühen Mittelalter", sagt der Germanist Georg Schuppener.

Die Rede ist von der germanischen Mythologie. Die Erzählungen über Götter und höhere Wesen sollten einst den germanischen Stämmen in Nordwesteuropa dazu dienen, Unbekanntes und Naturereignisse zu erklären. Während sich die meisten politischen Akteure heute auf die jüngste Vergangenheit, wie die Wiedervereinigung, die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts beziehen, docken rechte Gruppierungen an diesen eher spärlich überlieferten Teil der Geschichte an. Georg Schuppener erforscht Sprache im Kontext ihrer Kultur- und Wissenschaftsgeschichte und hat jüngst dazu ein weiteres Buch veröffentlicht. Warum dieser Blick zurück?

Der Mythos als Fundament der eigenen Ideologie

"Götter unterhalten natürlich auch. Mythos spiegelt auch Glauben wieder. Damit verbunden ist eine kultisch-rituelle Funktion. Das heißt also im Mythos gibt es bestimmte Riten, mit denen man sein Leben strukturieren kann und damit natürlich auch die Grundfragen des Lebens, also: Wo kommen wir her? Was soll unser Leben? Was passiert nach unserem Tod? Der Mythos dient natürlich dazu eine ganz eindeutige Vergangenheitsfundierung der eigenen Ideologie herzustellen."

Beliebt sind Götternamen, so wie die Modemarke Thor Steinar. Wotans Volk nannte sich eine rechtsextreme Gruppe in Berlin Ende der 80er-Jahre, Odins Erben, eine rechte Ordensgemeinschaft. Thor ist in der mythologischen Überlieferung der Gott des Gewitters, Odin verstand man als Gott des Krieges und des Todes in der Schlacht. Schuppener hat für seine Recherche Internetseiten, Facebookchats, Aufkleber und Liedtexte von rechten Gruppen analysiert.

Die Deutschen sind keine direkten Nachfolger der Germanen

Neben den Göttern werden auch Riten, Symbole und bedeutungsträchtige Orte aus der germanischen Kultur verwendet. Immer geht es um Gewalt und den Sieg des Stärkeren, Opferbereitschaft und darum, die Deutschen als Nachfolger der Germanen zu verstehen – ein Irrglaube, so Professor Schuppener.

"Weil es natürlich keineswegs so ist, dass sich die deutsche Nation als eine Nachfolgekultur der Germanen wirklich ansehen lässt. Wir haben in Deutschland so viele Einflüsse aus verschiedenen Feldern, zum Beispiel aus der römischen Kultur, aus der griechischen Kultur, christliche Einflüsse, aber auch Überschneidungen mit dem Slawentum, mit dem Keltentum. Die Germanen sind nur ein Teil unserer Geschichte", sagt der Wissenschaftler.

Zumal der germanische Mythos und damit auch seine mündliche Überlieferung mit der Christianisierung unterging und erst mit der Nationenbildung im 19. Jahrhundert wieder auftauchte. Die Nationen begannen sich auch über Sprache und Kultur zu definieren und die Mythologie wurde wieder interessant, weil daraus Geschichte konstruiert werden konnte. Die Gebrüder Grimm beschäftigten sich mit ihr oder auch Richard Wagner.

Die Mythologie wird instrumentalisiert

Die Götterdämmerung, ein Teil von "Der Ring der Nibelungen", wird auch heute noch aufgeführt. Titel und Teile der Handlung greifen die nordische Sage Ragnarök auf, was den Kampf der Götter und Riesen bezeichnet, in dessen Folge die Welt untergeht. Auch dieser Begriff taucht oft in rechtsextremen Kontexten auf. Dabei war die germanische Mythologie auch im 19. Jahrhundert nie eindeutig rechts orientiert. Im Gegenteil. Nationenbildungsprozesse seien damals fortschrittlich gewesen, sagt Schuppener. Die Mythologie werde heute für politische Zwecke instrumentalisiert.

"Das ist natürlich eine selektive Zugriffsweise, denn es gibt sehr sehr viele Aspekte in der Mythologie, die überhaupt ausgeblendet werden. Also, man konzentriert sich vor allen Dingen aufgrund der sozialdarwinistischen Ideologie auf bestimmte Aspekte, die darauf fokussiert sind, dass sich Menschen oder Götter mit Gewalt durchsetzen. Aber viele Bereiche der Mythologie werden eben ausgeblendet, wie beispielsweise die Dichtkunst. Der Gott Odin, dass das nicht nur ein gewalttätiger und kampflustiger Gott gewesen ist, sondern dass das auch ein Gott gewesen ist, der die Runen gefunden hat, dass er ein Gott der Dichtkunst gewesen ist, das wird ausgeblendet und es werden auch nur bestimmte Götter rezipiert."

Sprache schafft Bilder im Kopf

Sprache aber schafft Bilder im Kopf und weckt Emotionen, die stärker sind als die Fakten dahinter. Das hat schon kurz nach dem zweiten Weltkrieg der Romanist und Politiker Viktor Klemperer in seinem "LTI – Notizbuch eines Philologen" erörtert und die Sprache als Gift bezeichnet, das man unbewusst trinkt.

Eine Pegida-Demonstration in Dresden. Die Menschen benutzen Sprache, die Gemeinsamkeit schafft. Dabei hat jedes Wort seine eigene Biografie, die immer mitschwingt, erklärt Sprachwissenschaftler Thomas Niehr. 

"Frauke Petry hat vor einigen Monaten in einem Interview gesagt, sie könne eigentlich gar nicht verstehen, warum man das Wort völkisch nicht benutzen könne. Das komme doch von Volk, das Wort. Da wird natürlich ausgeblendet, dass das eine belastete Vokabel ist durch die Nazis. Das kann man übrigens schon bei Klemperer nachlesen, der sagt, im Nationalsozialismus wird an alles eine Prise Volk gegeben. Und natürlich schwingt das mit, wenn wir heute völkisch hören. Natürlich kann man dieses Wort nicht einfach benutzen, ohne an den Kontext Nationalsozialismus zu denken."

"Die Höckes und Petrys und Gaulands sind moderner aufgestellt"

Thomas Niehr ist Professor am Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft an der Universität in Aachen. Die Diskursanalyse und der öffentliche Sprachgebrauch sind zwei seiner Forschungsschwerpunkte. Der Bezug zur germanischen Mythologie habe mit der Mehrheitsgesellschaft erst einmal wenig zu tun.

"Das ist sicherlich nicht die Mehrheit, das ist noch mal eine sehr spezielle Gruppe, die zu den gewaltbereiten Neonazis zählen, also die sind nicht zu unterschätzen. Und die haben das wie so eine Art religiöses Fundament, was sie sich da zurecht gelegt haben. Das muss man aber trennen, von den Höckes und Petrys und Gaulands – die sind moderner aufgestellt. Diesen mythologischen Überbau, das interessiert diese Leute glaube ich nicht."

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