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Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteInterview"Reden und Verhandeln"03.08.2006

"Reden und Verhandeln"

Friedensaktivistin wirft Israel Verweigerungshaltung im Nahost-Konflikt vor

Die israelische Friedensaktivistin Fanny-Michaela Reisin hat die israelische Regierung zu direkten Verhandlungen mit der radikalislamischen Hisbollah aufgerufen. Mit Ausnahme der israelischen Regierung seien vor dem Beginn der israelischen Militäroffensive im Libanon alle Konfliktparteien im Nahen Osten einschließlich der Hisbollah immer zu Gesprächen bereit gewesen, sagte Reisin. Reden und Verhandeln hätten oberste Priorität.

Moderation: Stefan Heinlein

Israels Premierminister Ehud Olmert sollte nach Ansicht Reisins auf die Hisbollah zu gehen. (AP)
Israels Premierminister Ehud Olmert sollte nach Ansicht Reisins auf die Hisbollah zu gehen. (AP)
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Wieder Bomben auf Beirut

Stefan Heinlein: Schon die Waffenruhe verdiente ihren Namen nicht. Doch nach ihrem Ende eskaliert die Lage im Libanon. Der Krieg nimmt an Härte zu. Mit gezielten Kommandoaktionen stößt die israelische Armee tief ins libanesische Kernland vor. Luftangriffe an diesem Morgen auch auf Beirut. Die Hisbollah ihrerseits verstärkt ihre Raketenangriffe auf Ziele in Israel. Hauptleidtragende auf beiden Seiten sind die schutzlosen Zivilisten; vor allem die Menschen, die aus dem Grenzgebiet nicht flüchten konnten, stehen im Kreuzfeuer.

Am Telefon begrüße ich jetzt die Berliner Professorin Fanny-Michaela Reisin. Sie ist Mitglied im Exekutivkomitee der Föderation europäischer Juden für einen gerechten Frieden. Guten Morgen, Frau Reisin!

Fanny-Michaela Reisin: Guten Morgen!

Heinlein: Sie sind in Israel geboren, leben jetzt aber seit Jahren in Deutschland. Mit welchen Gefühlen erleben Sie diesen Krieg?

Reisin: Ja sehr schrecklich. Und ich bin sehr bestürzt. Das war ja jetzt direkt aus dem Gebiet und im Übrigen: Ich habe meine Kindheit, den zweiten Teil meiner Kindheit in Nordgaliläa, nicht weit von Kirjath Schmonah verlebt. Und, ja, ich bin sehr betroffen und sehr bestürzt.

Heinlein: Haben Sie mit dieser Entwicklung gerechnet? Nach dem Rückzug aus dem Gazastreifen und der sich andeutenden Kehrtwende der Hamas hofften ja viele auf eine Beruhigung der Lage, auch im Grenzgebiet.

Reisin: Ja, so auch ich. Ich habe weder damit gerechnet, dass Gaza noch einmal angegriffen wird in der Weise, wie Gaza angegriffen wurde. Und der Blick ist ja jetzt abgelenkt von Gaza, aber dort wird ja auch Krieg geführt. Und, ja, mit dem Krieg gegen Libanon habe ich nicht gerechnet.

Heinlein: Haben Sie eine Erklärung, warum die Regierung Olmert so massiv auf die Entführung der Soldaten reagiert hat? Es scheint ja, dass die Geiselnahme nur der Auslöser für diesen Krieg war, die Ursachen aber tiefer sind.

Reisin: Ja, da müsste ich sehr weit ausholen. Ich selber habe jetzt seit längerer Zeit - ich glaube seit zwei Jahren, gut zwei Jahren - das Projekt der USA und auch natürlich der großen Länder der EU - namentlich Bundesregierung, Großbritannien und Frankreich - verfolgt, das eine neue Weltordnung zum Ziel hat. Und Teil dieser neuen Weltordnung ist ein Projekt mit dem Namen "Greater Middle East", und da geht es doch nicht nur um Stabilität, sondern schon um eine Vormachtstellung der G8-Staaten und der NATO in der Region.

Heinlein: Wenn wir unmittelbar aber auf die Region blicken, Frau Reisin, ist die Bedrohung für Israel durch die Hisbollah größer gewesen, als wir es im Westen eingeschätzt haben?

Reisin: Also ich kann es natürlich nicht abschätzen, ich bin ja kein Militärexperte, aber ich stelle fest, dass die Potenziale, die Militärpotenziale, die die Hisbollah hat, in keinem Verhältnis stehen zu den Verteidigungspotenzialen und Militärpotenzialen, die auf israelischer Seite sind. Abgesehen davon hat ja auch noch bis zum Schluss Nasrallah immer wieder Verhandlungen angeboten.

Heinlein: Welche Ziele verfolgt denn Israel, verfolgt Ehud Olmert mit diesem Krieg? Will man eine militärische Lösung des Konfliktes?

Reisin: Ja. Das sieht ganz danach aus. Das sieht ganz danach aus. Und das wird auch so gesagt. Da gibt es für mich keinen Zweifel. Das wird von Dan Halutz so gesagt, und das sind auch die Verlautbarungen der Regierung. Also es ist ja meine Kritik, dass die israelische Regierung leider, leider, leider hauptsächlich, oder ausschließlich sollte ich sagen, auf militärische Stärke setzt und Verhandlungen ja durchweg ablehnt. Also wir haben das ja auch mit der gewählten palästinensischen Regierung verfolgen können, dass immer wieder Verhandlungen angeboten wurden, und diese Angebote wurde durchgängig abgelehnt. Es scheint so, dass die israelischen Regierungen es sich zur Routine gemacht haben, sich allein auf die militärische Stärke zu verlassen.

Heinlein: Hat Israel aber nicht die Pflicht, die Regierung, oder sogar das Recht und die Pflicht, die eigene Bevölkerung auch mit militärischen Mitteln vor Terrorangriffen durch Kassam-Raketen zu schützen?

Reisin: Unbedingt. Unbedingt. Die israelische Regierung hat die Pflicht, die eigene Bevölkerung zu schützen. Das ist ihre primäre Pflicht. Dafür gibt es doch aber sehr viele Mittel. Also, wie gesagt, Israel verfügt über eine sehr, sehr, technologisch sehr starke Rüstung und Armee, und ich wundere mich, dass es keine Abwehrsysteme zum Beispiel für diese Raketen gibt. Aber auch hier: Ich bin nicht Rüstungsexpertin. Ich behaupte aber - und das tue ich während der ganzen letzten Wochen -, dass Israel alle Mittel hat, die eigene Bevölkerung entlang der eigenen Grenzen, damit meine ich die Grenzen von 1967, das heißt also vor dem so genannten Junikrieg -, Israel hat alle Mittel, die eigene Bevölkerung innerhalb dieser Grenzen zu schützen. Stellen Sie sich vor, die gesamte Armee, die in den besetzten Gebieten stationiert ist und dort im Grunde genommen auch immer wieder aktiv ist, wäre entlang der eigenen Grenze zum Schutze der eigenen Bevölkerung postiert. Ich behaupte, es gibt keinen anderen Staat, der die eigene Bevölkerung so gut schützen könnte mit der eigenen Armee entlang der eigenen Grenze, wie es der israelische könnte.

Heinlein: Sie sagen auch, Frau Reisin, Verhandlungen wären notwendig, wären dringend erforderlich mit der Hisbollah. Aber kann man tatsächlich mit Terrororganisationen verhandeln über einen gerechten Frieden, den Sie ja fordern?

Reisin: Na ja, das ist ja, Sie sagen es so dahin: Terrororganisationen. Für mich hat die höchste Priorität: Sprechen, Verhandeln und zu stabilen Friedenslösungen zu kommen. Und nach allem, was ich weiß, waren alle beteiligten Parteien außer der israelischen Regierung immer, immer dazu bereit, einschließlich der Hisbollah. Wenn a priori gesagt wird: Wir verhandeln nicht mit einer Organisation, und wir stellen den Grund für die Nichtverhandlung einfach als Generalbegriff in den Raum - Terror -, dann kommen wir nicht weiter. Auch israelische, ehemalige israelische Militärs sind immer wieder, immer wieder aufgestanden und haben gesagt: Reden und Verhandeln muss die höchste Priorität haben.

Heinlein: Heute Morgen im Deutschlandfunk die israelische Friedensaktivistin Fanny-Michaela Reisin. Ich danke für das Gespräch und auf Wiederhören nach Berlin.

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