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"Reduktion auf das Wesentliche"

Conny Planks Sohn Stephan und Weggefährte Dieter Moebius über den genialen Musikproduzenten

Das Interview führte Florian Fricke

Den Namen Conny Plank hat jeder schon einmal gehört, der sich für Musik interessiert.
Den Namen Conny Plank hat jeder schon einmal gehört, der sich für Musik interessiert. (Stock.XCHNG / Matteo Discardi)

Er war einer der international bekanntesten Musikproduzenten der 70er- und 80er-Jahre. Ohne Conny Plank hätte der Krautrock vielleicht ganz anders geklungen. 1987 starb er im Alter von nur 47 Jahren. Mit der CD-Box "Who's that man?" erinnert jetzt Herbert Grönemeyer an ihn.

Florian Fricke: Dieter Moebius, sie waren mit ihren Krautrock-Projekten oft zu Gast bei Conny Plank in Wolperath bei Köln, einem malerischen Bauernhof. War das eine einladende Atmosphäre?

Dieter Moebius: Es war sehr einladend. Es bestand aus mehreren Häusern. Eins war am Anfang völlig unbenutzt. Das Hauptgebäude war der ehemalige Schweinestall, wo das Studio drin war. Man konnte im Studio arbeiten mit offener Tür. Im Studio wurde es auch ziemlich heiß im Sommer, da war es schön, wenn man die Tür aufmachen konnte.

Fricke: Zeitdruck und solche Sachen, hat das überhaupt eine Rolle gespielt, oder hatte man da alle Zeit der Welt?

Möbuis: Wir haben uns alle Zeit der Welt genommen. Wir hatten ja auch keine Plattenfirma, die uns irgendwas bezahlt hätte. Wir konnten ja bei Conny umsonst arbeiten, das war ja das tolle. Und dazu noch umsonst essen und wohnen.

Fricke: Stephan Plank, sie drehen gerade einen Dokumentarfilm über ihren Vater. Hat er mit kommerzielleren Aufträgen sich diese unabhängigen Arbeiten erst leisten können, oder wie kann man sich das vorstellen?

Stephan Plank: Ich glaube, er hat sehr wenig Jobs angenommen, die er machen musste um Geld zu verdienen. Sondern er hat immer etwas gefunden, wo er sich drauf bezogen kann, was er begriffen hat. So kommt es zu Dingen, wie dass er U2 abgelehnt hat, was eigentlich ein sehr sicherer Job gewesen wäre, um Geld zu verdienen. Aber er hat gesagt, die Chemie funktioniert unter uns nicht. Und ich glaube, im Nachhinein macht es sein Werk größer und interessanter, weil wieso tut man so etwas'

Fricke: David Bowie hat er genauso abblitzen lassen. Aber auf der anderen Seite hat er eine Folkband wie Zupfgeigenhansel oder die ewige Karnevalsband Die Bläck Fööss produziert. Wie geht das zusammen?

Plank: Die Bläck Föss stößt einem so ein bisschen auf, wenn mna guckt, was in diesem Portfolio drin ist. Aber wenn man es aus dem Blickwinkel "ist es glaubwürdig" sich anschaut, gehört es ganz genauso dazu, weil das ist aus dem tiefsten Herzen gefühlte Karnevalsmusik. Aber das ist halt so und da ist nichts schlimmes dran, sondern es ist auch einfach eine Sorte Musik.

Möbuis: Obwohl Conny bestimmt kein Jeck war.

Fricke: Was hat ihn sonst beeinflusst? War er ein 68er?

Möbuis: Da kann man schon ja dazu sagen, oder?

Fricke: Ich hab eine lustige Geschichte dazu. Es gab irgendwann den Plan meiner Eltern nach Kuba auszuwandern. Meine Mutter war dann tatsächlich auf der Botschaft und es wurde alles gecheckt, und mein Vater hatte damals einen alten VW-Bus, ein Recording Mobil, sein erstes. Und dann brauchte er diesen Bus nicht mehr, und dachte er, okay, den schenken wir jetzt Kuba. Dann stellte sich aber heraus, dass Kuba den VW-Bus nicht haben wollte, weil es ein dreckskapitalistischer VW-Bus eben war, was meinen Vater zu der Aussage brachte, das ist ja dann nur DDR in der Südsee, das will ich nicht, weswegen dann nicht nach Kuba ausgewandert wurde.

Fricke: Er war überhaupt ein sehr unkonventioneller Mensch, der sehr unkonventionelle Entscheidungen traf.

Plank: Einmal ist irgendwie eine Produktion ausgefallen, weil irgendwie jemand krank geworden ist. Das hat mein Vater mitgeteilt bekommen, und dann ist er zu meiner Mutter gegangen und hat gesagt, so, wir fahren jetzt in Urlaub. Und dann wurde ich von der Schule abgeholt, und der Rektor war irgendwie: "es sind keine Ferien", und meine Mutter "egal, wir fahren jetzt in den Urlaub!" Dann wurde halt am gleichen Tag gepackt, losgefahren zum Flughafen. Das war dann nicht so Last Minute, das Wort gab's damals noch nicht, sondern man hat dann einfach irgendwie, ah, wo fliegt der nächste, kann man da ein Ticket kaufen, dann fliegen wir dahin. Wunderbar, dankeschön, auf Wiedersehen.

Fricke: Wie wichtig war überhaupt die Rolle ihrer Mutter, Stephan Plank?

Plank: Meine Mutter war die Komplizin von meinem Vater, die Koproduzentin, die da immer noch hinten dran saß, die die Psychologie von einer Produktion noch besser durchblickt hat. Lustiges Beispiel, es war eine Band bei uns, die dann im Studio – das ist eine sehr emotionale Phase für eine Band – sich dann so zerstritten hat, als ob die Band auseinandergehen würde. Meine Mutter hat darauf reagiert, dass sie Gnocchi mit Gorgonzolasoße gekocht hat und dazu sehr guten Wein eingekauft hat. Und dann wurde gegessen um vier. Danach waren alle ruhiger und man musste dann nicht mehr auseinandergehen, sondern konnte das alles noch mal schön besprechen.

Fricke: War denn überhaupt jemals ein Kunde unzufrieden?

Plank: Nicht, dass ich es so erlebt hätte, aber ich habe ein sehr schönes Interview gelesen von den Scorpions, wo er die erste Platte produziert hat. Und dann wurde ihm von den Musikern gesagt, sie wollen jetzt eine Welttournee machen und Weltstars werden, und dann hat er wohl recht eindeutig gesagt, dass er mit dem Material so sich gerade nicht vorstellen könnte. Aber das wohl ein ganz großer Motivator für diese Band, um es dann zu tun. Falls das jemand hört, der unzufrieden ist, bitte unbedingt bei mir melden, weil ich möchte dann gerne mit ihm sprechen. Es geht einfach darum herauszufinden, wie er gearbeitet hat und wie man auch richtig mit ihm aneinandergeraten konnte.

Fricke: Wie hat sich die Kunde eigentlich herumgesprochen von diesem tollen Produzenten im Bergischen Land?

Plank: Also ich weiß, dass bei uns zuhause wahnsinnig viele Demo Tapes jeden Tag ankam, die durchgehört werden mussten, was immer morgens am Küchentisch stattfand. Ich glaube, dass es sowas wie eine Kommunikation zwischen den Produzenten gegeben hat und auch den Musikern. Das heißt, Conny hat was produziert hier in Deutschland und das ging in die Welt raus und dann antworten die Leute mit Musik, die sie produzieren. Und untereinander sind dann diese Ideenmodelle, wie Musik aufgenommen wird und klingt, das kommuniziert ja miteinander.

Fricke: Conny Plank war nicht nur Produzent, sondern auch Bastler. Viele technische Hilfsmittel, die heute im Studio Standard sind, gab es damals noch nicht, wie zum Beispiel die Pultautomation. Aber er wusste sich zu helfen.

Plank: Das beruhte auf dem Problem, dass er eben in Studios angestellt war in der Anfangsphase, und dann gab's den lustigen Moment, dass mein Vater tagsüber Schlager produziert hat und aufgenommen hat, so wie "Marmor, Stein und Eisen bricht" hat er das Original von aufgenommen. Und nachts wurde in diesen Tonstudios aber nicht gearbeitet. Also er konnte die Nachtschicht haben. Das war aber das Problem, am nächsten Morgen musste das Mischpult wieder an der Stelle sein, wie er abends aufgehört hatte. Das heißt, da war Hamburg ein großer Standortvorteil, weil das war die Hauptpressestadt, das heißt, es gab Übernacht-Entwicklungsservice. Das heißt, er hat ein Foto vom Mischpult gemacht von oben, das entwickeln lassen über Nacht, am nächsten Morgen es abgeholt, mit einem Diaprojektor von oben auf das Mischpult wieder drauf projiziert, und konnte so zu dem Mix zurückkehren, den er damals hatte.

Fricke: War er Workaholic, kann man das so sagen?

Möbuis: Ja, das kann man schon so sagen. Wenn man dann mal losgelegt hatte, da wollte ich immer früher ins Bett als er.

Plank: Ich habe eben davon erzählt, dass er in Hamburg Schlager aufgenommen hat und nachts produziert hat. Und in der Zeit hatte er eine WG mit Udo Lindenberg zusammen.

Möbuis: Da habe ich auch gewohnt.

Plank: Du hast da auch... Ich habe jetzt mit dem Manager von Otto Waalkes gesprochen, der da auch gewohnt haben soll, und hat gesagt, dass er sich ziemlich sicher wäre, dass in der gesamten Zeit, wo er da gewohnt hätte, eigentlich nicht geschlafen hätte.

Möbuis: Könnte sein.

Fricke: Hat er auf seine Gesundheit geachtet?

Plank: Nicht in dem Sinne ich tue mit etwas gutes, sondern weil es mir gerade Spaß macht. Wenn man jung ist, hat man ja dieses Gefühl, dass man unendlich ist. Das hat er, glaube ich, bis zu seinem Tode fast gehabt, das er einfach mit seinem Körper weitergemacht hat, das, was er wollte, und so hat er gelebt.

Fricke: Viele Bands, von den Talking Heads bis zu den Einstürzenden Neubauten, beziehen sich heute auf Conny Plank. Kann man das nachvollziehen, auf was genau?

Plank: Ich glaube, es ist eine relative Reduktion auf das Wesentliche in der Musik, die von meinem Vater propagiert wurde. Wenn man sich Produktionen von anderen Produzenten anhört, als Beispiel ist glaube ich ganz gut Rick Rubin, da hört man relativ deutlich raus, wer der Produzent ist. Aber zu sagen, das ist jetzt der Conny Plank Sound: ne. Ich glaube, er hat immer versucht der Band ihren Sound zu geben, und dadurch versucht nicht sein Ego da draufzustellen, sondern hat versucht deren Ego hochzuheben.

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