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StartseiteBüchermarktReflektionen eines kollektiven Leidens09.12.2010

Reflektionen eines kollektiven Leidens

"Das wahre Ende des Krieges liegt vor seinem Anfang"

Eine Anthologie, in der deutschsprachige und polnische Autoren Krieg und Gewalt reflektieren hat der deutsche Regisseur und Schauspieler Stephan Stroux herausgegeben. Das Buch ist der Abschluss der Projektreihe "Eine virtuelle Brücke in der Weichsel".

Von Martin Sander

Stephan Stroux: "Das wahre Ende des Krieges liegt vor seinem Anfang" (Wallstein Verlag)
Stephan Stroux: "Das wahre Ende des Krieges liegt vor seinem Anfang" (Wallstein Verlag)

In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts war in deutsch-polnischen Kreisen ein Aufatmen zu bemerken. Die nachbarschaftlichen Beziehungen seien endlich so gut, dass nicht jedes Gespräch zwischen Deutschen und Polen mehr mit dem Zweiten Weltkrieg beginnen müsse. Heute weiß man, es war nur ein kurzes Aufatmen, und das alte Thema drängte bald mit Macht zurück. Dafür waren nicht zuletzt deutsche Publizisten und Schriftsteller verantwortlich, die den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen neu aufrollten – und zwar aus der Perspektive der Deutschen als Opfer. Andererseits nimmt auch in Polen Erinnerung an eigenes kollektives Leiden in der Zeit von Krieg und Holocaust heute einen gewichtigeren Platz ein als noch vor zehn Jahren.

Der Wallstein Verlag trifft daher auch den Nerv unserer Zeit, wenn er eine literarische Anthologie mit neuen Texten von polnischen und deutschen Autoren verschiedener Generationen vorlegt, die sich dem Thema Krieg und Gewalt widmen. Sie nehmen dabei die unterschiedlichsten, keineswegs nur auf die Jahre von 1939 bis 1945 beschränkten Blickwinkel ein. So etwa schaut Olga Tokarczuk, die 1962 im ehemals deutschen Züllichau unweit von Frankfurt/Oder geborene polnische Autorin, mit den Augen des kleinen Kindes auf das Chaos, das Krieg und Zwangsumsiedlung der aus dem Osten Polens stammenden Familie im Familiengedächtnis anrichteten.

Durch unsere kleine Wohnung zogen Kometen von Tanten und ihren Männern, flogen Meteore von Cousins und ihren Ehefrauen, und auch Bekannte, die auswanderten, emigrierten, flohen, umzogen und irgendwo dort ein besseres Leben suchten. Kohlrouladen mit Buchweizengrütze, Karpfen mit Rosinen und Kutia kamen auf den Tisch, unter dem ich unbeirrt meine Kindheit aussaß, und alles wurde mit Wodka begossen, damit der weitverzweigte Stammbaum, der sich unter den Axthieben der letzten zwanzig Jahre in einen unordentlichen Berg Zweige verwandelt hatte, leichter zu überschauen sei.

Olga Tokarczuk kreist um einen magischen Punkt des durch Krieg und Zwangsumsiedlung zersprengten Familiengedächtnisses. Es geht um eine Tante, die während des Kriegs aus der Reihe tanzte, weil sie als Polin Liebesverhältnisse mit den Feinden unterhielt - mit einem sowjetischen Soldaten, einem Wehrmachtsangehörigen und einem ukrainischen Partisanen. Die Familie bedeckt diesen Punkt am liebsten mit Schweigen. Zugleich betrachtet sie den grausamen Krebstod der Tante im hohen Alter als gerechtes Urteil Gottes.

Immer wieder handeln die Geschichten von der Unmöglichkeit, Krieg zu verstehen, wenn man ihn nicht erlebt hat. Der 1919 geborene, selbst in Auschwitz und anderen KZs eingesperrte und seit Kriegsende in Brüssel lebende Marian Pankowski beschreibt unbarmherzig genau Missverständnisse, die entstehen, wenn eine Holocaust-Überlebende aus Osteuropa von einer wohlhabenden jüdischen Gemeinde in Amerika empfangen wird. Man nimmt die Einwanderin mit offenen Armen auf, weil man glaubt, dass sie aus allseits verständlichen wirtschaftlichen Gründen in den Westen geflohen sei. Ihr wahres Motiv versteht man aber nicht. Für sie als Holocaust-Überlebende ist in Osteuropa kein Platz vorgesehen. Ihr Überleben stört ihre Nachbarn, die sich in ihrem Haus eingerichtet haben. Den freundlichen Amerikanern bleibt sie mit ihren Erfahrungen fremd.

Krieg als Antriebskraft des zeitgenössischen Kultur- und Medienbetriebs ist das Thema des 1969 geborenen deutschen Lyrikers und Erzählers Matthias Göritz. Göritz trifft in Rom einen alten, abgehalfterten deutschen Filmproduzenten, der endlich mal großes Kino machen will. Verfilmt werden soll der Überfall auf den Sender Gleiwitz, bei dem im Herbst 1939 ein Angriff von polnischen Soldaten auf die deutsche Radiostation fingiert wurde – als Alibi für die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs. Das historische Geschen schätzt der Produzent auf Massentauglichkeit und Gewinn ab und belehrt den Erzähler in einem langen Monolog über die Regeln des Geschäfts.

Sie brauchen vor allem die richtige Stimme. Eine raue Erzählerstimme, eine Prophetenstimme, eine, die sagt: Ihr wisst, die Welt wird untergehen – die Frage ist bloß: Werden wir danach wiederauferstehen? So etwa. Das spricht unsere Angst an, ganz unmittelbar. Was hätte ich getan, in einer Zeit, in der mein Vater Nazi war, oder Pole, oder Jude, in der einfache Menschen gelebt haben, mit den gleichen Träumen von Glück und Unglück wie Sie jetzt, und ich, alle beide? Diese Brücke müssen Sie bauen, dieses Gefühl erzeugen, dass wir uns in Dinge hineinversetzen, die uns genauso hätten passieren können, nur ist der Rahmen halt größer, bombastischer. Und was könnte größer sein als der Krieg? Eine Zeit, in der jede Handlung plötzlich zählt. Sie finden das ideologisch?
Ich nicht. Ah, da kommt Ralph mit den Häppchen. Nehmen Sie, die sind sehr gut.


Zweifellos hat der Herausgeber Stephan Stroux für seinen Band zehn talentierte deutschsprachige und polnische Autoren zusammengebracht, in deren Literatur sich das Thema Krieg und Gewalt in sehr unterschiedlicher Weise spiegelt. Zu den Vorzügen des Buches gehört ferner, dass einige Autoren den Bogen zu den Kriegen unserer Zeit, auch auf dem afrikanischen Kontinent, schlagen. Allerdings halten gerade die deutschen Autoren nicht immer, was ihr Name verspricht. Die Beiträge des Dichters und Büchner-Preisträgers Durs Grünbein bleiben oberflächlich und klischeebelastet. Auch von Volker Braun hat man andernorts bereits mehr Witz und Beobachtungsgabe registriert.

Gleichwohl liegt hier eine insgesamt lesenswerte Anthologie vor. Sie beleuchtet ein nicht nur für Polen und Deutsche bedeutendes Thema in beträchtlicher Vielfalt und überrascht immer wieder durch spannende Details.


Stephan Stroux (Hrsg.): "Prawdziwy koniec wojny jest przed jej początkiem / Das wahre Ende des Krieges liegt vor seinem Anfang"
zweisprachige Anthologie mit Texten von Volker Braun, Wojciech Jagielski, Matthias Göritz, Marian Pankowski, Durs Grünbein, Wojciech Tochman, Silke Scheuermann, Olga Tokarczuk, Salinia Stroux u. Magdalena Tulli, aus dem Polnischen von Karin Wolff und Olaf Kühl,
aus dem Deutschen von Jakub Ekier,
Wallstein Verlag, 392 Seiten, 24,00 Euro

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