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StartseiteTag für Tag"...dass seiner Geilheit Huren nicht bekommen"11.10.2017

Reformation quergedacht"...dass seiner Geilheit Huren nicht bekommen"

Kein Mensch ist eine Insel. Der Satz ist berühmt, der Dichter dahinter weniger: John Donne, ein englischer Lyriker mit einer bewegten religiösen Biografie. Er wurde 1572 in London geboren und reagierte auf die erbitterten Glaubenskämpfe mit Biss und Witz. Ein neues Lesebuch erinnert an diesen freien Geist.

Michael Mertes im Gespräch mit Christiane Florin

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John Donne, Plastik von Nigel Boonham in St. Paul's Cathedral, London (Imago)
Der vom Künstler Nigel Boonham stilisierte Kopf von John Donne blickt mit wachen Augen ostwärts durch die Gärten vor St. Paul's Cathedral in London (Imago)
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Christiane Florin: Herr Mertes, John Donne ist in Großbritannien sehr bekannt, in Deutschland weniger. Warum sollten die Deutschen ihn kennen?

Michael Mertes: Weil er einer der ganz großen europäischen Lyriker ist. Er ist jemand, der von berühmten Dichtern des 20. Jahrhunderts, T.S. Elliot, Paul Celan, Joseph Brodsky, neuerdings übrigens auch Bob Dylan, sehr gelobt worden ist als ein großes Vorbild. Und es ist schade, dass er in Deutschland nicht so bekannt ist.

Florin: Wir sitzen hier in einer Sendung für Religion und Gesellschaft. Was hat er mit Religion zu tun?

Mertes: Eine ganze Menge. Er stammt aus einer katholischen Familie, die in einer besonderen Weise im 16. Jahrhundert gelitten hat unter den Katholikenverfolgungen. Sein Urgroßonkel Thomas Morus wurde unter Heinrich VIII. hingerichtet, weil er sich weigerte, den Suprematseid abzulegen. Ein Großonkel von ihm, katholischer Priester, wurde hingerichtet, weil er verbotenerweise die Eucharistie gefeiert hatte. Zwei seiner Onkel - mütterlicherseits - waren Jesuiten, mussten ins Exil gehen. Sein Bruder Henry ist im Gefängnis gestorben, in das er eingeliefert wurde, weil er verbotenerweise einen katholischen Priester bei sich untergebracht hat. Also das ist eine lange Latte.

Florin: Wir hören mal in eine Satire von John Donne hinein.

Ausschnitt aus Donnes religionspolitischer Satyre III (Deutschlandradio/ Verlag Franz Schön) (Deutschlandradio/ Verlag Franz Schön)

Florin: Viele Namen, viele Typen. Crantz, der Puritaner, Graius, der Opportunist, der sich der Church of England anschließt. Phrygius, der religiös indifferente. Ich muss zugeben, ich musste intensiv die Fußnoten lesen, um das alles zu verstehen, weil mir vieles nicht geläufig war. Wie viel religiöse Bildung oder wie viel religiöse Musikalität setzen Sie voraus?

Mertes: Ich glaube nicht, dass man sehr viel voraussetzen kann. Ich konnte bei mir selber nicht so viel voraussetzen, deshalb habe ich auch mit Fußnoten gearbeitet, um die Hintergründe zu erläutern. Gerade die Satiren von John Donne sind kritische Reflexionen über das, was er zu seiner eigenen Zeit erlebt. Und diese Passage, die Sie hier eben erwähnt haben, handelt eben davon, dass er verschiedene Typen beschreibt, die sich in verschiedener Weise positionieren zu der religiösen Entwicklung seiner Zeit.

Der erste Brexit der Geschichte

Florin: Wie war die religiöse Entwicklung seiner Zeit? 

Mertes: Das 16. Jahrhundert ist in England gekennzeichnet durch eine Abfolge von religionspolitischen Entscheidungen, die zunächst einmal eine staatspolitische Bedeutung haben. Heinrich VIII. hat sich losgesagt von Rom, aber nicht aus theologischen Gründen, sondern aus Gründen der Unabhängigkeit des Königreichs. Man hat einmal ganz treffend gesagt, das war der erste Brexit der englischen Geschichte. Sein Nachfolger Eduard hat dann die Reformation eingeführt. Der Nachfolger von Eduard, Maria - "Die Blutige", wie sie in England genannt wird - hat dann eine gewaltsame Rekatholisierung versucht und dann schließlich kam Elisabeth I., die mit dem sogenannten religiösen Settlement die Grundlagen dafür gelegt hat, was bis heute der anglikanische Konsens ist.

Florin: Die Sprache, die wir vorhin in dieser Satire gehört haben, die ist ja nicht fromm im handelsüblichen Sinne, wir hören von 'Geilheit', von 'Huren'. Wie haben die Zeitgenossen auf diese Satire reagiert?

Mertes: Die Elisabethaner waren Elisabethaner und keine Viktorianer. Das heißt...

Florin: ...nicht so prüde?

Mertes: Nicht so prüde. Das heißt, sie waren sehr freizügig, John Donne selber war als junger Mann, obwohl katholisch, ein eifriger Damen- und Theaterbesucher und hat das auch in seinen Elegien, in seinen erotischen Elegien ausgiebig beschrieben. Interessant ist, dass in seiner Lyrik sich der Umgang mit diesem Eros in zweifacher Weise spiegelt: In seiner Liebeslyrik haben wir so etwas wie die Sakralisierung des Eros, das heißt, er benutzt für die Liebe Methapern aus dem Bereich der Theologie, aus dem Bereich der Religionspolitik, aus dem Bereich des Kultes. Und umgekehrt benutzt er in seiner geistlichen Lyrik Metaphorik aus dem Bereich der Liebe. Das heißt wir haben einerseits die Sakralisierung des Eros, andererseits die Erotisierung des Sakralen.

Moderne Patchwork-Religiosität

Florin: Nun ist ja Erotik nicht das allererste, was einem beim Stichwort Protestantismus einfällt. Donne war anglikanischer Priester, oder ist anglikanischer Priester geworden. Wie passt das zusammen? Protestantismus und Erotik?

Mertes: Ich glaube, das beantwortet sich ganz gut, wenn man sich die Lyrik von Donne genau anschaut und auch das, was er hinterlassen hat an Prosa-Schriften. Donne ist dem Katholizismus eigentlich immer verbunden geblieben. Was er abgelehnt hat, war der politische Machtanspruch des Papstes. Was er abgelehnt hat, war der Heiligen- und Reliquienkult, diese vielen Wundergeschichten, das hat er für lächerlich gehalten. Und, was er abgelehnt hat, das war die Gehorsamspflicht, die gerade bei katholischen Orden eine Rolle spielt. Er war sehr stark beeinflusst von Michel de Montaigne. Wir wissen, dass er Montaigne gelesen hat und er hat daran geglaubt, dass jeder Mensch selbst die Aufgabe hat, seinen Weg zu finden, das ist ja auch das Thema der dritten Satire. Das heißt, er ist ein ganz offener Geist gewesen, der alles aufgesogen hat, was in seiner Zeit um ihn herum passierte, bis hin auch zu den großen Entdeckungsreisen seiner Zeit.

Florin: Eigentlich sehr modern. So eine Art Patchwork-Religion?

Mertes: Ja, so könnte man das nennen. Modern auf jeden Fall. Ich habe ja bereits erwähnt, dass John Donne im 20. Jahrhundert wiederentdeckt worden ist, weil er eben ausgesprochen kühn ist, auch für seine eigenen Zeitgenossen. Konventionen, wie zum Beispiel den Petrachismus überwindet und völlig neue Bilder, Methapern, Concetti in seine Lyrik einführt, insofern ist er ein - in der Tat - hochmoderner Dichter.

Florin: Wie hielt er es mit der Reformation?

Mertes: Er war Anhänger - wenn man das verkürzt so sagen darf - eines mittleren Weges, des anglikanischen Weges. Das heißt, er lehnte den radikalen Calvinismus ab, er hatte mit den Puritanern nichts im Sinn. Er war sehr kritisch gegenüber Luther, er war kritisch gegenüber dem Papsttum und hat sich selbst - das kann man auch seiner geistlichen Lyrik entnehmen - immer als Suchenden gesehen. Ich glaube, seine Nähe zum Katholizismus, nicht zum Papismus - wie man es damals in England genannt hat - zeigt sich unter anderem darin, dass er dafür ist, dass die anglikanische Kirche an ganz bestimmten Riten festhält. Er ist dafür, dass die anglikanische Kirche eine Bischofskirche ist, die in apostolischer Kontinuität existiert. Und er ist ein Leser und Bewunderer von Thomas von Aquin, also seine Absage an den Katholizismus ist nicht total.

"England? Ein Land, in dem Schafe und Hunde gezüchtet werden"

Florin: Wie hat die Lektüre dieser Schriften, dieser Gedichte, Ihr Verhältnis zur Religion verändert?

Mertes: Ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass es mein Verhältnis zur Religion verändert hat. Es hat meine Sicht auf das England des 16. und 17. Jahrhunderts verändert. Es hat meine Sicht auf die Zeit von Shakespeare, von Elisabeth I. verändert, weil mir noch einmal sehr bewusst geworden ist, eine wie vielfältige, wie pluralistische, wie interessante, spannende Zeit das gewesen ist. Wir müssen uns ja darüber im Klaren sein, dass dies eine Zeit ist, in der England, das irgendwo noch am Rande Europas liegt, sich anschickt zur Weltmacht zu werden in der Auseinandersetzung mit Spanien. Das Englische ist eine Sprache, die auf dem Kontinent kaum jemand versteht. John Donne sagt einmal ironisch, 'wir sind ein Land, in dem Schafe und Hunde gezüchtet werden', das war es dann auch. Aber, man spürt eben, dass dieses England sich auf einmal in eine spannende Richtung entwickelt. Wir in Deutschland - wenn ich das so sagen darf - uns steht noch der dreißigjährige Krieg bevor, in England sieht das alles ganz anders aus.

Florin: Am Rande Europas haben Sie gerade gesagt. Demnächst steht England wahrscheinlich wieder am Rande Europas. Was hat die Kenntnis einer solchen Dichtung mit Selbstvergewisserung zu tun, vielleicht eben auch mit europäischem Bewusstsein?

Mertes: Wenn man sich anschaut, die Quellen aus den John Donne geschöpft hat, dann muss man einfach sehen, das ist universell, europäisch. Er hat Italienisch gesprochen, er hat Spanisch gesprochen, er hat Französisch gesprochen, er kannte alle wichtigen lyrischen und Prosatexte seiner Zeit, hat sich damit auseinandergesetzt. Er hat natürlich fließend Latein geschrieben und er ist durch und durch Europäer. Er ist für mich auch ein Symbol dafür, dass Großbritannien - ob es nun Mitglied der Europäischen Union ist oder nicht - in das Zentrum, in das kulturelle Zentrum Europas gehört.

Florin: Geht Ihnen diese europäische Dimension der Reformation verloren, wenn Sie sich jetzt anschauen, wie in Deutschland vor allem Luther gefeiert wird?

Mertes: Diesen Eindruck habe ich definitiv. Ich glaube, wir machen das Gedächtnis viel zu germanozentrisch und wir sehen viel zu wenig, was anderswo passiert. Das, was in England passiert, ist ja - wenn ich mir die Puritaner anschaue - der Beginn einer welthistorischen Entwicklung. Die Puritaner wandern im 17. Jahrhundert nach Amerika, nach Nordamerika aus und gründen dort ein Gemeinwesen, dessen Grundlagen bis heute noch gültig sind, das heißt, es wird dort Weltpolitik gemacht und wir konzentrieren uns ein bisschen zu sehr auf Wittenberg.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Michael Mertes: "Schweig endlich still und lass mich lieben!" Ein John-Donne-Lesebuch.
Verlag Franz Schön, Bonn 2017, 292 Seiten, 19,80 Euro 

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