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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Es geht Luther darum, dass man sich in der Arbeit selbstverwirklicht"11.10.2017

Reformation quergedacht"Es geht Luther darum, dass man sich in der Arbeit selbstverwirklicht"

Ökonomische Fragen waren für ihn nachrangig. Und doch hat sich der Reformator Martin Luther intensiv mit der Bedeutung der Arbeit für den Menschen beschäftigt. Er verstand sie als Dienst am Nächsten und als Selbstverwirklichung, sagte der Religionswissenschaftler Lucas Zapf im Dlf.

Lucas Zapf im Gespräch mit Sina Fröhndrich

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Bedingungsloses Grundeinkommen wird derzeit heftig diskutiert (imago /IKON Images / Grafik / Deutschlandradio)
Die Erwerbsarbeit von ihren ökonomischen Zwängen zu befreien - das wäre im Sinne Luthers gewesen, meint Theologe Lucas Zapf im Dlf. (imago /IKON Images / Grafik / Deutschlandradio)
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Sina Fröhndrich: Hart arbeiten, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein – das wird gemeinhin mit protestantischer Arbeitsethik verbunden. In unserer Themenwoche beschäftigen wir uns mit dem Wirtschaftsmann Luther und heute mit Luthers Verständnis von Arbeit. Damit hat sich Lucas Zapf genauer beschäftigt, Religionswissenschaftler an der Uni Basel. - Herr Zapf, jemand hat mal geschrieben, dass Luther uns einen gewissen Arbeitsfetisch beschert hat. Stimmt das?

Lucas Zapf: Luther hat sich tatsächlich sehr ausführlich mit der Arbeit beschäftigt in seiner Theologie. Und da geht es tatsächlich nur um die Arbeit, um die Tätigkeit, das Tätigsein mit ökonomischer Zielsetzung. Der ganze Komplex Beruf, was der Inhalt dieser Arbeit ist, ist damit noch gar nicht abgedeckt. Man kann sagen, Luther hat tatsächlich einen ziemlichen Fokus darauf gelegt.

Fröhndrich: Lässt sich denn aus diesem Fokus ein Arbeitsfetisch, den wir heute vielleicht zum Teil auch haben oder beobachten können, ableiten?

Zapf: Arbeitsfetisch würde ich nicht sagen. Luther hat die Tätigkeit, die arbeitende Tätigkeit auch mit einer theologischen Würde versehen. Er hat das aber zunächst mal innerhalb seiner eigenen theologischen Vorstellung getan. Er hat die Arbeit als gelebte Nächstenliebe, als Caritas verstanden. Er hat immer sehr stark auf diesen sozialen Aspekt oder das soziale Miteinander, was durch die Arbeit besteht, hingewiesen.

"... so ist der Mensch geboren zum Arbeiten"

Fröhndrich: Das heißt, es geht gar nicht in erster Linie darum, wirklich zu arbeiten, um sich ökonomisch abzusichern, sondern das Karitative, das spielte schon die wichtigere Rolle?

Zapf: Ja! Die Mitmenschen, die dadurch positiv berührt sind, indem ich hart arbeite und meinen Dienst versehe, bin ich sozusagen dieser dienstbare Knecht dem Mitmenschen gegenüber. Aber nicht nur gegenüber der Gesellschaft, sondern auch tatsächlich in Bezug auf das arbeitende Individuum. Es geht Luther auch darum, dass man sich in der Arbeit selbstverwirklicht. Er spricht davon, dass der innere Mensch und der äußere Mensch in einen Einklang kommen durch die Arbeit. In dem Sinne kann man eigentlich nicht sagen, dass es eine Vorbereitung zum Fetisch ist, sondern eigentlich nur die Beschreibung dessen, was für Luther eine Selbstverständlichkeit ist. Er schreibt ja: "Wie der Vogel zum Fliegen, so ist der Mensch geboren zum Arbeiten." Das ist etwas, was man gar nicht hinterfragen kann. Weil Luther diese Selbstverständlichkeit so empfindet, lädt er sie theologisch auf.

Fröhndrich: Jetzt hat man aber das Gefühl, wenn wir heute über Arbeit sprechen, dann geht es vor allem um die Lohnarbeit. Da hängt auch ziemlich viel dran, nicht nur die Anerkennung, die man durch Arbeit vielleicht innerhalb der Gesellschaft bekommt. Die Kirchensteuer wird beispielsweise darüber abgerechnet. Wäre das in Luthers Sinne, dass wir genau diese Arbeit, diese Erwerbsarbeit so sehr in den Mittelpunkt stellen? Oder können wir von Luther nicht eher auch lernen für heute, dass das Karitative, ich sage mal Pflege, Haushalt, Kinder, Ehrenamt, dass das eine viel stärkere Aufwertung erfahren sollte?

Zapf: Ja, das könnte man eventuell ableiten. Es geht Luther nie um eine Bewertung des Gegenstands der Arbeit. Für ihn ist der Priester, der Bauer oder die Magd, die arbeitet, genau gleich viel wert. Es gibt da keine sozial höhere Stellung, die durch die Arbeit besteht. Aber was man sagen kann ist: Dadurch, dass er keine Unterschiede in Bezug auf den Inhalt der Arbeit gemacht hat, ist es so, dass diese großen Unterschiede, die es heute gibt, wahrscheinlich etwas wären, was er als Missstand begreifen würde.

"Wenn ich arbeite, dann tue ich das auch, um unabhängig zu sein"

Fröhndrich: Sie haben vorhin mal von Selbstverwirklichung gesprochen. Wenn wir über Arbeit heute sprechen, dann gibt es gefühlt zwei Hauptstränge – ist vielleicht auch eine Wohlstandsdiskussion: Arbeit ist Genuss und Selbstverwirklichung, muss Spaß machen. Und auf der anderen Seite dann eher, dass man sagt, Arbeit ist eine ökonomische Notwendigkeit. Ich richte mich und versuche, meine Erfüllung in anderen Bereichen zu finden, in Hobbys beispielsweise oder auch im Ehrenamt. Wieviel Luther steckt denn in welchem Zweig tatsächlich drin? Oder welchen Zweig könnten wir Luther eher zuordnen?

Zapf: Dieser Selbstverwirklichungsaspekt ist natürlich heute Teil eines Elitendiskurses. Das wäre auf jeden Fall ein Anliegen gewesen, was Luther unterstrichen hätte. Es ist ja ganz beachtlich, wieviel Zeit man heute dafür aufwendet, sich für den Beruf und für seinen Einsatz dann in der Gesellschaft fertig zu machen. Insofern wäre dieser luxuriöse Zustand, den wir heute haben, im Sinne Luthers.

Andererseits macht er sich natürlich eben - wegen seiner historischen Situation wahrscheinlich und auf der theologischen Ebene - nicht so wahnsinnig viele Gedanken darüber, ob das geht, dass man sich nur durch seine Arbeit über Wasser hält, sozusagen diese Fragen, die uns heute beschäftigen. Aber es schwingt natürlich implizit das Selbstverständnis mit, dass wenn ich arbeite, dann tue ich das auch, um unabhängig zu sein.

Fröhndrich: Wir sprechen jetzt aktuell in Deutschland über die 28-Stunden-Woche, aber auch über Modelle wie das bedingungslose Grundeinkommen, was dem Menschen ja ein bisschen mehr Entfaltungsmöglichkeit geben würde. Hätten wir denn in Luther einen Befürworter beispielsweise für das bedingungslose Grundeinkommen? Was meinen Sie?

Zapf: Ich denke, das wäre ein System, was Luther befürworten könnte. Das bedingungslose Grundeinkommen versucht ja sozusagen die Erwerbsarbeit von ihren ökonomischen Zwängen zu befreien und den Menschen dazu zu befähigen, der Tätigkeit nachzugehen, die ihm wirklich liegt oder mit der er das Gefühl hat, etwas bewirken zu können. Und das ist ja genau das, was Luther mit der Arbeit erreichen möchte, nämlich dass man seinem Nächsten dienen kann oder sich selbst dort verwirklichen kann. Die ökonomischen Fragen sind für Luther eher nachrangig.

"Für Luther bedeutet hart zu arbeiten, ein guter Christ zu sein"

Fröhndrich: Wenn man aber ganz allgemein über protestantische Arbeitsethik spricht, dann bleibt ja, verkürzt gesagt, eigentlich vor allem stehen: Man muss hart arbeiten. Haben wir Luther da falsch verstanden, oder ist er falsch gedeutet worden?

Zapf: Dieser Begriff der protestantischen Arbeitsethik geht ja auf Max Weber zurück. Dieses Schlagwort, das man mal hatte, die protestantische Ethik, hart arbeiten, und dann kann man erfolgreich im Kapitalismus sein, ist wahrscheinlich etwas verkürzt. Aber wenn man jetzt auf die Luther-Quellen zurückgeht, dann ist es nicht mehr ganz so eindeutig, einfach weil es sicher nicht im Sinne Luthers war, eine Theologie zu schreiben, die irgendwie dem Kapitalismus oder der Marktwirtschaft zuträglich ist.

Für Luther ist die harte Arbeit schon wichtig. Für Luther bedeutet hart zu arbeiten, ein guter Christ zu sein. Es bedeutet aber nicht für ihn, dass man damit auch ein guter Kapitalist ist oder ein guter Teilnehmer in der Marktwirtschaft. Auf theologischer Ebene könnte man diese Aussage stehen lassen. Auf der populär verstandenen Ebene, die ja dann meistens den nächsten Schritt noch weitergeht und sagt, Protestantismus ist so was wie die Religion der Marktwirtschaft, oder jetzt sogar die Religion des Kapitalismus, ist das sicherlich ein bisschen zu stark verkürzt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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