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StartseiteTag für Tag33 Thesen gegen die Benachteiligung Konfessionsloser04.01.2017

Reformationsjubiläum33 Thesen gegen die Benachteiligung Konfessionsloser

Bis heute gilt der Thesenanschlag Martin Luthers als das Startsignal der Reformation. 500 Jahre später hängen Menschen erneut ihre Thesen an öffentlichen Plätzen auf. Nur sind es jetzt keine Theologieprofessoren, sondern Religionsfreie, die eine neue Reformation fordern: Menschen ohne Weltanschauung sollten gleiche Rechte haben wie Kirchenmitglieder.

Von Thomas Klatt

Dr. Ines Scheibe - Vorstandsmitglied im Präsidium des Humanistischen Verbandes Deutschlands, Prof. Dr. Frieder Otto Wolf - Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands und Arik Platzek - Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des HVD vor dem Abgeordnetenhaus Berlin. (Arik Platzek)
Ines Scheibe, Frieder Otto Wolf und Arik Platzek vor Humanistischen Verband Deutschlands vor dem Abgeordnetenhaus Berlin. (Arik Platzek)
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"Die 33 Thesen gegen die Benachteiligung konfessionsfreier Menschen sollen jetzt darauf aufmerksam machen, dass wir im Bereich des Miteinanders zwischen religiösen und nicht religiösen Menschen in Deutschland große Defizite haben."

Sagt Arik Platzek, Pressesprecher beim Humanistischen Verband Deutschlands (HVD). Im Reformationsjubiläumsjahr hängen Freidenker und Konfessionslose ihre eigenen Forderungen öffentlich auf. Denn 500 Jahre nach Martin Luther brauche es eine zweite Reformation. Es gehe darum, die Rechte Konfessionsloser gegenüber den Kirchen zu stärken. Etwa wenn das eigene Kind nicht in den Religionsunterricht gehen soll.

"Ein ganz wichtiges Thema ist die Wertebildung an den Schulen. Wir haben eben in ganz vielen Bundesländern noch nicht ein gleichberechtigtes Alternativangebot ab der Klasse 1. Gerade in den alten Bundesländern. Man hat auch ein großes Problem bei der frühkindlichen Bildung, Kitaplatzsuche als Stichwort sag ich mal hier. Da gibt es vielfach Kitas, die nur in kirchlicher Trägerschaft sind, aber es gibt eben doch viele Eltern, die eine religionsfreie Betreuung für ihre Kinder suchen."

Humanisten gehen leer aus

Weitere Thesen der Atheisten: Der staatliche Kirchensteuer-Einzug müsse abgeschafft werden, genauso wie die Bezuschussung von Kirchentagen. Das kirchliche Arbeitsrecht gehöre verboten, weil es zum Beispiel kirchlichen Mitarbeitern jedes Streikrecht verbiete, Gewerkschaften in der Regel außen vor lasse und zur Kirchenmitgliedschaft zwinge. Auch dass den Kirchen Sendezeiten im Fernsehen und Radio zugestanden werden und sie in den Rundfunkräten sitzen, sei nicht in Ordnung, so lange Humanisten leer ausgehen. Alle religiösen Symbole in den Schulen gehörten abgeschafft, ebenso der Blasphemie-Gotteslästerungs-Paragraph und die so genannten Stillen Feiertage, etwa Volkstrauertag oder Totensonntag. Dass der Staat andere Glaubensgemeinschaften dazu zwinge, sich in kirchenähnlichen Strukturen zu organisieren, um überhaupt Verhandlungspartner sein zu können, benachteilige nicht nur Humanisten, sagt Arik Platzek.

Eine Gruppe Frauen macht vor der Berliner Senatskanzlei auf die Aktion "Gläserne Wände" aufmerksam.  (Arik Platzek)Humanistinnen vor der Berliner Senatskanzlei und ihre Aktion "Gläserne Wände" (Arik Platzek)

"Wir sehen hier das Problem - das nennen wir Kirchenförmigkeit - dass die Perspektive von Politik, von Gesetzen, immer noch stark kirchenförmig geprägt ist, sagen aber, das passt weder für Menschen mit einer humanistischen Lebensauffassung, das passt auch nicht für Muslime, das passt auch nicht für Alewiten, auch Angehörige anderer Religionsgemeinschaften. Also mit dem Organisationsgrad zu argumentieren und bestimmte Möglichkeiten zur Einbeziehung vorzuenthalten, da müssen wir noch dran arbeiten, das ist eine spezifisch christliche Perspektive und die kann in einem weltanschaulich neutralen Staat auf keinen Fall von anderen wider ihrem eigenen weltanschaulichen Selbstverständnis abverlangt werden."

"Absurde Konzentration auf Luther"

Dass nun 2017 allerorten Luther gefeiert wird, hält der Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands Frieder Otto Wolf für übertrieben. Mit seiner oftmals auch finanziellen Unterstützung für das Lutherjubiläum bevorzuge der Staat einseitig die evangelische Kirche.

"Ich sehe darin eine völlig einseitige Verausgabung von Steuergeldern für eine doch recht überschaubare Minderheit, aber andererseits mache ich mir da keine großen Sorgen, weil ich nicht glaube, dass dadurch irgendwie die Vitalität des Protestantismus wieder hergestellt wird. Allein schon die absurde Konzentration auf Luther, die ja an deutsch-nationale Zeiten erinnert, wird das verhindern. Und ansonsten, dass jetzt hier eine Erneuerung protestantischer, evangelischer oder sonstiger reformatorischer Ansätze ansteht, halte ich für ziemlich ausgeschlossen."

Bei aller historischen Leistung sei Martin Luther doch nur Teil einer großen europäischen Reformationsbewegung gewesen, so der humanistische Philosoph Frieder Otto Wolf. Luthers Türken- wie Judenhass oder eben seine Obrigkeitshörigkeit seien dunkle Flecken, die ein großes Martin-Luther-2017-Jubeljahr wenig angebracht erscheinen lassen.

"Martin Luther ist Teil einer großen Bewegung und als solcher auch bedeutend, die tatsächlich die Frage des Selberdenkens, Selberlesens mit dem Buchdruck verbunden für alle Christenmenschen und damit auch für alle Menschen auf die Tagesordnung gesetzt hat. Aber was ich kritisiere, dass das auf Martin Luther fokussiert ist, der gleichzeitig versucht, diese Öffnung zur Moderne dann wieder einzubinden, kirchliche Autorität und Unterwerfung, die Wiederbelebung der augustinischen Lehre vom nicht freien, sondern vom unterworfenen Willen, ist ja Kernstück der lutherischen Reformation, also da sehe ich in der Tat Tendenzen, wo ich Martin Luther tatsächlich auch zu den Gegenkräften der Modernisierung rechnen würde."

Potential des Lutherjahres

Wenn aber Reformationsgedenken, dann sollte das Jubiläumsjahr 2017 dazu dienen, eine Gleichbehandlung von Religionslosen, Freidenkern und Humanisten seitens des deutschen Staates anzustreben.

"Ich kann mir, wenn ich optimistisch bin, vorstellen, dass diese ganze Lutherdekade dazu führt, dass diese Fragen wieder etwas stärker diskutiert werden - und das wird dann eher dazu führen, diese Art von Forderungen zu stärken, als dass es zu einer Revitalisierung der reformierten Kirchen kommt."

"Nagel bitte, Hämmern."

Die Humanisten wollen nun in mehr als 50 Städten im ganzen Bundesgebiet ihre Thesen anschlagen - an öffentlichen Gebäuden und vielleicht sogar - wie einst Martin Luther - an Kirchentüren.

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