Donnerstag, 23.11.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheKirche muss vor Ort überzeugen31.10.2017

ReformationsjubiläumKirche muss vor Ort überzeugen

Die vielen Veranstaltungen aus Anlass des Reformationsjubiläums hätten es sicher geschafft, dass vielen Menschen im Land der Name Martin Luther etwas mehr sagt, kommentiert Anne Françoise Weber. Wenn die Botschaft der Reformation aber dauerhaft interessant sein solle, dann müsse die evangelische Kirche überzeugende und offene Angebote vor Ort machen.

Von Anne Françoise Weber

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Teilnehmer des Gottesdienstes sitzen am 31.10.2017 in der Schlosskirche in Wittenberg (Sachsen-Anhalt). Mit Gottesdiensten und einem Festakt erinnert die Evangelische Kirche an Luthers Thesenanschlag auf den Tag genau vor 500 Jahren. Der Theologe Martin Luther (1483-1546) soll der Überlieferung nach am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel der Kirche an die Tür der Schlosskirche angeschlagen haben. Das Datum gilt als Beginn weltweiter Veränderungen in Kirche und Gesellschaft. (Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild)
Die Schlosskirche in Wittenberg, wo der Festakt zum Reformationsjubiläum stattfand (Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild)
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Geschafft – wird sich vielleicht die eine oder andere Pfarrerin, der eine oder andere Organisator oder Sicherheitsmann heute Abend denken und müde ins Bett sinken. Aber was ist eigentlich geschafft an diesem 31. Oktober, dem 500. Jahrestag der Thesenveröffentlichung Martin Luthers? Geschafft sind viele Festakte und Veröffentlichungen, Konferenzen und Konzerte, Ausstellungen und Aktionen im Rahmen dieses Jubiläums, das aus katholischer Sicht doch lieber ein Reformationsgedenken sein sollte. Und was ist inhaltlich geschafft?

Man habe es geschafft, international, nicht national zu feiern, sagte der Berliner Bischof Markus Dröge heute.

Geschafft – wir haben auch die dunklen Seiten Martin Luthers aufgearbeitet und uns mit seinem Antijudaismus auseinandergesetzt, lautet ein Fazit von Margot Käßmann, der Refomationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Geschafft – wir haben die Ökumene entscheidend vorangebracht, so lautet wohl ein Fazit des EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm, der im Wittenberg Festgottesdienst heute von Versöhnung und Verstehen zwischen den Konfessionen sprach.

Und geschafft, der Beitrag der Reformation – nein keine gerade Linie, das wäre geschichtsvergessen – aber doch der Beitrag zu Bildungsförderung, Demokratie und Toleranz wurde deutlich, so lautet ein Fazit nach der Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim heutigen Festakt.

Geschafft ist sicher – nicht nur dank der ungeheuren Verbreitung der Playmobil-Figur – dass viele Menschen im Land den Namen Martin Luther jetzt mit ein, zwei Stichworten mehr in Verbindung bringen, zum Beispiel mit der Bibelübersetzung, vielleicht auch mit dem - historisch weniger gut belegten - Spruch vom Apfelbäumchen.

Geschafft ist allerdings auch – und daran hat die bereits vor zehn Jahren gestartete Reformationsdekade der evangelischen Kirche nicht unerheblichen Anteil - dass viele Menschen den Namen Martin Luther jetzt erst mal nicht mehr hören mögen – es war einfach zu viel Luther in letzter Zeit.

Bleibt die Frage: Hat die evangelische Kirche geschafft, die Botschaft der Reformation neu lebendig zu machen? Und, was ihr mindestens genauso wichtig schien, die Relevanz dieser Botschaft für Kirchenferne, Anders- und Nichtgläubige deutlich zu machen?

Liest man in dem Buch "Aufbruch oder Katerstimmung" des Theologen Christoph Markschies, dann handelt es sich hier wie bei anderen Evaluierungen des Reformationsjubiläums um die alte Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist.

Mag sein - aber die Frage ist doch auch, wer noch nach dem Glas der evangelischen Kirche greift, um seinen Durst zu stillen. Und ob Menschen, die andere Gläser mit anderem Inhalt vorziehen, sich nicht an diesem Glas stören. Die Leitung der evangelischen Kirche ist deutlich bemüht, die anderen Gläser nicht kaputt zu machen.

Die Beliebtheit des eigenen Glases realistisch einzuschätzen, das kann die Kirche noch üben, das haben die Fehleinschätzungen der Besucherzahlen bei Kirchentagen auf dem Wege und anderem gezeigt. Bei dieser Übung sollte sich die Kirche nicht täuschen lassen von der Tatsache, dass die Staatsspitze, vertreten durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, seinen Vorgänger Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel in diesem Jahr öffentlich das Glas gelobt und daraus getrunken hat. Denn die Gesamtbevölkerung repräsentiert das wohlmeinende Publikum der Festgottesdienste und Festakte nicht. Die meisten Menschen werden die evangelische Kirche weiterhin eher an ihrer Präsenz vor Ort messen. Und nur, wenn es dort überzeugende und offene Angebote ohne Kirchenmuff und Selbstgefälligkeit gibt, wird für sie die Botschaft der Reformation dauerhaft interessant sein.

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