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StartseiteEuropa heuteVendée - Erfolgswelle am Atlantik01.02.2018

Reformland Frankreich (4/5) Vendée - Erfolgswelle am Atlantik

Arm oder reich, abgehängt oder erfolgreich: Man sieht den Riss, der durch Frankreich geht, überall. Auch die Vendée galt lange Zeit als rückständig. Doch in der Region an der Atlantikküste boomt die Wirtschaft. Les Herbiers verzeichnet eine der der niedrigsten Arbeitslosenquoten im Land.

Von Suzanne Krause

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Ein Mitarbeiter arbeitet in einer Firma iim französichen Les Herbier, die Aluminiumfenster und -türen herstellt. (AFP / Frank Perry)
Arbeitslosigkeit ist in der französischen Kleinstadt Les Herbiers fast ein Fremdwort: Nur fünf Prozent sind ohne Job (AFP / Frank Perry)
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Im historischen Ortskern setzt das Rathaus von Les Herbiers einen modernen und unübersehbar dynamischen Akzent: ein hoher Glas-Metallbau, geschwungen und transparent, vor zwei Jahren auf einer Anhöhe errichtet. Die Bürgermeisterin residiert im zweiten Stock, mit Blick über die Dächer, das große Büro ist sehr aufgeräumt. Gefolgt von einem Mitarbeiter betritt Véronique Besse flott ihr Arbeitszimmer: Die eher kleine Mittfünfzigerin greift eine Broschüre vom Konferenztisch - Werbung für Les Herbiers.

Eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten im Land

"Unsere Kleinstadt zählt knapp 16.500 Einwohner. Les Herbiers ist die Hauptstadt des hiesigen Landstrichs, Bocage genannt. Im Département Vendée sind wir die drittgrößte Stadt. Und frankreichweit stehen wir auf Platz 2 der Gemeinden mit der niedrigsten Arbeitslosenquote. Gleich hinter Houdan im Süden von Paris. Bei uns haben nur fünf Prozent der Bevölkerung keinen Job. Diese niedrige Rate kann man beinahe vernachlässigenswert nennen."

Die durchschnittliche Arbeitslosenquote in Frankreich ist doppelt so hoch. Seinen wirtschaftlichen Boom verdankt Les Herbiers Landfabriken, also Industriebetrieben auf der grünen Wiese. Rund um die Kleinstadt sind Dutzende Firmen angesiedelt, kleine und große. Darunter Weltmarktführer. Unternehmen, die hier über die Jahrzehnte aus dem Boden gewachsen sind, sagt Véronique Besse und räuspert sich kurz.

"Es handelt sich vielfach um Familienbetriebe. Der Urgroßvater hat als Schmied angefangen. Der Großvater hat die Schmiede vergrößert, der Vater aus ihr einen Industriebetrieb gemacht und der Sohn baut weiter aus. Mir fallen aus dem Stand zehn, zwanzig solcher Fälle ein."

Ein Freizeitpark als Touristenmagnet

Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutet die Bürgermeisterin auf ein Foto in der Broschüre. Es zeigt ein Wagenrennen mit aufgeputzten Vierspännern, gelenkt von Männern in Toga, ganz wie im alten Rom. Eine der Attraktionen im benachbarten Freizeitpark Le Puy du Fou. 2,2 Millionen Besucher pro Jahr, als weltbeste Anlage prämiert. Die Touristen von rund um den Globus anlockt. Beim allsommerlichen Historienspektakel stehen Hunderte ehrenamtliche Laiendarsteller auf der Freilichtbühne. Erfüllt vom Wunsch, ihre Heimat ins beste Licht zu setzen. Denn lange Zeit galt die Vendée als rückständig. Im nationalen Gedächtnis verankert ist, dass hier während der Französischen Revolution aufständische Bauern gegen die Revolutionsarmeen kämpften, Hunderttausende kamen um. Das habe die Vendée nachhaltig geprägt, sagt Bürgermeisterin Besse. Unmerklich strafft sie die Schultern und sitzt nun kerzengerade auf dem Stuhl.

"Noch heute geht man hier von der Idee aus, sich verteidigen zu müssen. Und nicht allzu viel vom Staat zu erwarten. Unsere Unternehmer halten sich nicht mit Jammern und Klagen auf, sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. In der Vergangenheit wurden die Menschen hier gedemütigt, erniedrigt, vom Staat, von Paris. Da schwingt heute noch was nach und deshalb sind unsere Unternehmer so kämpferisch."

Paris ist weit weg – auch politisch

Paris liegt 380 Kilometer entfernt. Weit weg. Auch politisch. Kürzlich allerdings hat Premierminister Philippe das Aus für den geplanten Flughafen Notre Dame des Landes angekündigt. Ein seit Jahrzehnten heftig umstrittenes Bauprojekt ein gutes Stück oberhalb von Nantes. Les Herbiers liegt unterhalb von Nantes. Paris lässt nun den alten Flughafen von Nantes ausbauen. Davon werden auch die Unternehmer in Les Herbiers profitieren, sagt die nationalkonservative Rathauschefin begeistert.

Gegner des Flughafens Notre Dame des Landes bei Nantes protestierten 2012 gegen den geplanten Neubau. (dpa / Maxppp / Franck Dubray)Gegen den geplanten Bau des Flughafens Notre Dame des Landes gab es 2012 heftige Proteste. (dpa / Maxppp / Franck Dubray)

"Die neue Regierung hat gesunden Menschenverstand bewiesen. Ihre Entscheidung, das Projekt zu stoppen, ist überaus mutig, 40 Jahre lang ging es immer wieder hin und her. Bravo! Ich habe bei den Präsidentschaftswahlen zwar nicht für Macron gestimmt, aber ich sage: Hut ab!"

Das Smartphone der Bürgermeisterin summt ohne Unterlass. Der schnelle Blick, den sie auf den Bildschirm wirft, unterbricht ihren Redefluss nicht.

"Wenn ein Unternehmer ein Problem hat oder auch mit einem Projekt schwanger geht, dann meldet er sich nicht per Brief oder E-Mail. Er wählt meine Handynummer und sagt: 'Véronique, wir müssen uns sehen.' Und dann treffen wir uns so schnell wie möglich. Wir helfen beim Lösen technischer Probleme. Und wenn es um ein Projekt geht, sind wir von Anfang an dabei."

Kein Bahnhof, keine Burgerfiliale, keine Modeketten

Wer wegen eines Jobs nach Les Herbiers ziehen will, wird vom Rathaus von Anfang an begleitet. Denn Zuzügler aus einer großen Stadt werden in Les Herbiers mit einer anderen Welt konfrontiert: Landleben. Kein Bahnhof, kein öffentlicher Nahverkehr. Keine Burgerfiliale, keine Modeketten. Mit feinem Lächeln hat Besses junger Mitarbeiter eingeworfen: Les Herbiers profitiere wohl deshalb von der Globalisierung, weil die Kleinstadt keineswegs globalisiert sei. Die Bürgermeisterin faltet kurz die Hände und räuspert sich erneut. Ja, viele Gemeinden in Frankreich blickten voller Neid auf Les Herbiers. Und sichtlich sonnt sich Véronique Besse in diesem Erfolg.

"Was unsere Unternehmen umtreibt, ist die Sorge, genügend Arbeitskräfte zu finden. Wir haben Luxussorgen."

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