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StartseiteCorso"Es ist eine Geschichte über Machtmissbrauch"01.03.2018

Regisseur Lars Kraume "Es ist eine Geschichte über Machtmissbrauch"

Wegen einer Schweigeminute für die Opfer des Ungarn-Aufstandes 1956 wurde eine Schulklasse in der DDR vom Abitur ausgeschlossen. In seiner Verfilmung "Das schweigende Klassenzimmer" habe er das politische Erwachen Jugendlicher zeigen wollen, sagte Regisseur Lars Kraume im Dlf. Das wirke auch auf die Fake-News-Generation von heute.

Lars Kraume im Corsogespräch mit Sigrid Fischer

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Szene aus dem Film "Das schweigende Klassenzimmer": Kurt (Tom Gramenz) und seine Klassenkameraden halten eine Schweigeminute ab (Studiocanal GmbH / Julia Terjung)
Szene aus dem Film "Das schweigende Klassenzimmer": Kurt (Tom Gramenz) und seine Klassenkameraden halten eine Schweigeminute ab (Studiocanal GmbH / Julia Terjung)
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Sigrid Fischer: Lars Kraume, nach "Der Staat gegen Fritz Bauer" jetzt "Das schweigende Klassenzimmer". Man hat ja fast den Eindruck, Sie sind zum Chronisten deutscher Geschichte geworden, mit Schwerpunkt Nachkriegszeit. Aber man dreht ja natürlich historische Filme auch, weil man etwas über die Gegenwart aussagen will, was war Ihnen da wichtig in diesem Fall?

Lars Kraume: In diesem Fall ist es natürlich die Geschichte eines politischen Erwachens von jungen Leuten, Solidarität, Zivilcourage und eben auch um diesen Moment, wo man feststellt, man kann sich nicht immer durchlavieren im Leben, sondern man muss irgendwann auch in der ein oder anderen Situation, vielleicht mit vollem Risiko und hohem Einsatz, seine Meinung behaupten. Also wenn man jetzt so richtig die verschiedenen Themen, die der Film hat, oder Werte, die da verhandelt werden, in unserer Zeit betrachten will, könnte man ja auch sagen, es ist eine Geschichte über Machtmissbrauch. Man kann natürlich auch zu dieser Propaganda, die diesen Ereignissen zugrunde liegt, also der Ost- und der Westpropaganda, die überhaupt diese Schüler erst in Bewegung bringt, kann man natürlich unsere gegenwärtige Debatte um Fake News verhandeln. Dann könnte man auch sehen, dass da eine sehr unpolitische Jugend, die sich erstmal einfach nur für Fußball und den neusten Kinofilm interessiert, plötzlich eine Meinung mal äußert, fast ein bißchen unbedacht, und überhaupt erst politisiert wird, weil sie merkt: Ach so, das geht gar nicht! Ich darf gar nicht so eine Meinung äußern. Und dieses politische Erwachen, wie gesagt, das ist für eine junge Generation heute vielleicht ganz interessant.

Eine ganz andere Ehrfurcht vor dem Kino

Fischer: Kann man denn all diese aktuellen Themen mit historischem Abstand besser betrachten als von der Jetztzeit aus?

Kraume: Klar. Und was man aus diesen historischen Sachen vielleicht besser machen kann, wenn jetzt Spielberg "Die Verlegerin" macht, dann ist es natürlich greifbarer und leichter zu sezieren, als jetzt die aktuelle Situation mit Trump und seinem radikalen Umgang mit der Presse. Die hat ja noch kein Ende, die Geschichte, man weiß nicht wohin das führt. Man muss ja dann eine Story zu Ende bringen, das geht ja jetzt bei Trump gar nicht. Das macht wahrscheinlich auch sowas wie den Edward-Snowden-Film so schwierig, weil es zu Snowden und zu dieser ganzen Debatte des Big Brothers gar kein richtiges Ende bisher gibt. Deshalb wusste die Welt wahrscheinlich nicht, wie sie auf Snowdens Enthüllungen reagieren soll.

Filmregisseur Lars Kraume  (dpa/picture alliance/epa/Urs Flueeler)Filmregisseur Lars Kraume (dpa/picture alliance/epa/Urs Flueeler)

Fischer: Sie, Lars Kraume, drehen ja nicht so oft fürs Kino, meistens fürs Fernsehen - macht das denn einen Unterschied aus, wenn Sie wissen, oh, das wird jetzt ein Kinofilm?

Kraume: Ja, also das Kino ist natürlich erstmal meine Kirche. Wenn ich einen Film fürs Kino mache, da habe ich eine ganz andere Ehrfurcht vor, als wenn ich fürs Fernsehen arbeite – das soll es nicht schmälern, nur meine ganzen Heroen sind irgendwelche Kinoregisseure. Sie müssen irgendwie Scope und Scale haben die Geschichten, die so groß sind, dass sie eben im Kino funktionieren. Wenn man dann so eine Geschichte vor sich hat und denkt: Okay, das soll jetzt ein Kinofilm werden, hat der die Größe, und kann ich das überhaupt leisten, krieg ich das mit unseren Budgets gemacht? Ich hab mal ein Drehbuch über Störtebecker geschrieben, das fing an mit: "Bergen brennt." Da weiß ich im ersten Satz, dass das keine deutsche Produktion bezahlen kann. "Bergen brennt", da ist schon das ganze Geld weg, das wir hätten.

Fischer: Und im Fernsehen ist das anders?

Kraume: Im Fernsehen kenne ich die Formate und ich weiß, warum Sachen funktionieren, auch erfolgreich funktionieren, ich habe Tatorte gemacht... Bei diesem Stoff war es so... Also ich hatte natürlich eine relativ große Krise nach "Die kommenden Tage", meinem teuersten Film, der nicht erfolgreich genug im Kino war, und habe umso mehr natürlich überlegt über Budgets und die schwankenden Zuschauerzahlen im Kino und die Schwierigkeit, sich da überhaupt durchzusetzen, und diesen David gegen Goliath Kampf, den wir da kämpfen. Ich meine, "Die Verlegerin" ist auch ein politisches Drama, auch ein historischer Film. Sie können sich vorstellen, der hat, ich würde mal schätzen, 20 mal soviel Budget wie wir und dazu oscarprämierte Weltstars in den Hauptrollen. Und wir müssen uns halt gegen diese Leute an derselben Kinokasse durchsetzen. Deshalb muss man im Kino tatsächlich schon ganz anders nachdenken: Kann das funktionieren? Weil das wahnsinnig weh tut, wenn das nicht funktioniert.

"Die Leute gucken gerne immer wieder das Gleiche"

Fischer: Sie haben den Tatort jetzt schon selbst erwähnt: Sie haben ja die tollen Folgen mit Joachim Król und Nina Kunzendorf in Frankfurt gedreht. Da gab es wenig Experimente eigentlich. Und die ARD hat ja jetzt verkündet, dass in Zukunft weniger experimentiert werden soll im Tatort. Haben Sie dazu eine Meinung?

Kraume: Zu den Experimenten kann ich sagen, dass ich... stellenweise hab ich auch nur kopfschüttelnd davor gesessen und gedacht: Was ist das jetzt? Es ist halt ein uraltes Format, es ist halt ein Ermittlerkrimi, der in tausend Formaten schon gemacht wurde und in der Film- und Fernsehgeschichte immer wiederholt wird. Man kann das immer wiederholen, man kann das immer wieder neu erzählen, man kann das nicht zum postmodernen Gesamtkunstwerk umbauen. Das finde ich auch ein bisschen schwierig. Ich meine, wir sehen es ja, wir leben halt in einer Welt, in der die Leute gerne immer wieder das Gleiche machen, kaufen, gucken und so, und dass der Facettenreichtum, der das Filmemachen so interessant macht, dass das immer schmaler wird. Das ist irgendwie schade. Aber das ist halt so eine Welt, die Leute tragen auch alle das selbe Paar Turnschuhe. Was soll ich dazu sagen? Schöner wäre es, wenn alle Menschen die Offenheit hätten, sich ständig auch komplizierten neuen Formen zu öffnen, aber ich kenne es ja von mir selbst, ich bin ja auch oft total lazy und gehe ins Kino und dann stehe ich vor dem Poster und denke mir so: "Okay, guck' ich doch Star Wars." Und dann ärgere ich mich hinterher natürlich, weil der - wie der letzte Teil - total schlecht war.

Neue Serie über das Bauhaus

Fischer: Ist das Thema Netflix-, Amazon-Serien-Drehen bei Ihnen eigentlich schon akut, wie für viele andere? Ich meine: Sie haben ja schon vor zehn Jahren eine, für deutsche Verhältnisse sehr früh, eine Serie gedreht, den "Kriminaldauerdienst", KDD, im ZDF.

Kraume: Diese Serie kam aber viel zu früh… Das ZDF hat die relativ früh wieder eingestellt nach der dritten Staffel. Damals sind sie zurück zu ihren normalen Reihenformaten. Total schade. Hätten die das durchgehalten, hätte das ZDF heute eine absolute Kultkrimiserie und wäre der Vorreiter von allem.

Fischer: Und? Würden Sie es trotzdem noch mal machen?

Kraume: Ich hab eine neue Serie jetzt geschrieben über das Bauhaus. Die Gründung des Bauhaus 1919 in Weimar ist die erste Staffel, also nur die Weimarer Zeit, bis '24, dann sind die da rausgeflogen. Wenn wir in die zweite Staffel kämen, dann würde es weiter gehen mit Dessau, bis die Nazis die Bauhausler ganz verjagen. Und die dritte Staffel wäre dann die Exilzeit, also wie die alle nach Russland, Tel Aviv oder eben nach Chicago, New York und so emigrieren und dann eben aus dem Bauhaus dann wirklich sozusagen die große Bewegung der Moderne wird.

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