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StartseiteKultur heute"Langeweile ist ein sehr kostbarer Zustand"04.01.2018

Reihe: Eine Frage der Zeit"Langeweile ist ein sehr kostbarer Zustand"

Wahrnehmung ist besonders schön, wenn sie zweckfrei ist, findet der Autor und Filmemacher Julian Pörksen. Im Dlf plädiert er für die Zeitverschwendung und mehr Langeweile - "ein Zustand, der so unschön er dann ist, am Ende sehr viel Ertrag abwirft".

Julian Pörksen im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

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Pantomimin auf einer parkbank  (imago / Rolf Kremming)
Warum nicht einfach mal mehr Zeit verschwenden? "Wir haben seit einer langen Zeit schon begonnen, unseren Selbstentwurf mit einem ökonomischen Modell zu verschränken", meint Julian Pörksen (imago / Rolf Kremming)
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Doris Schäfer-Noske: Es ist schon erstaunlich, wie schnell ein schöner Urlaub vorbei ist und wie lange sich dagegen die Minuten während einer schmerzhaften Behandlung beim Zahnarzt hinschleppen können. Zeit ist zwar ein physikalisches Maß, aber wir empfinden ihr Verrinnen als ganz unterschiedlich schnell - je nach Situation. Wie der Mensch seine begrenzte Lebenszeit verbringen soll, das ist in der Philosophie immer ein großes Thema gewesen - angefangen vom "Carpe Diem" des Horaz, das heute wieder viele als "Genieße jeden Tag" zur ihrem Lebensmotto gemacht haben. In unserer Reihe zum Jahresanfang sprechen wir in "Kultur heute" mit Schriftstellern, Philosophen, Künstlern und anderen Kulturschaffenden über das Phänomen der Zeit.

Heute ist der Theater- und Filmemacher Julian Pörksen zu uns ins Studio gekommen. Er hat Geschichte und Philosophie studiert, dann Dramaturgie, hat als Assistent von Christoph Schlingensief gearbeitet und vor ein paar Jahren das Buch "Verschwende deine Zeit" veröffentlicht. Da war er Ende 20. Herr Pörksen, mit Ende 20, Anfang 30 da basteln viele an ihrer Karriere, einige gründen eine Familie. Was hat Sie denn dazu gebracht, in diesem Alter ein Plädoyer fürs Nichtstun zu schreiben? Was war da der Auslöser?

Julian Pörksen: Das war ein Thema, was mich schon länger beschäftigt hat, und ich hatte davor schon einen Kurzfilm gemacht über einen 50-jährigen Mann, der freiwillig ins Altenheim zieht und in diesem scheußlichen Zimmer sitzt und es sich gut gehen lässt und alle anderen um ihn rum sozusagen damit in die Verzweiflung treibt, weil sie ihn nicht verstehen, weil sie das für pathologisch halten, weil sie sagen, das ist eine Form der Depression und man kann sich der Welt so nicht entziehen. Insofern hatte ich irgendwie das Thema des Nichtstuns, der Inaktivität, der vertrödelten Zeit schon behandelt und wollte dann noch mal schauen, wie es in der Philosophie, in der Literatur und so weiter aufgegriffen wird.

Schäfer-Noske: Ist das denn ein Plädoyer, das Sie vertreten, mit 50 freiwillig ins Altenheim gehen?

Pörksen: Überhaupt nicht, überhaupt nicht. Der Film ist als Provokation gedacht, also als ein radikaler und ein bisschen thesenhafter Gegenentwurf zu dem, was wir sozusagen im Alltag erleben, also diese Beschleunigung, die Idee, dass man eigentlich aus jedem Moment etwas machen muss. Den muss man dann auch noch dokumentieren online, um zu zeigen, wie wertvoll er war und so weiter.

"Unser Selbstentwurf ist mit einem ökonomischen Modell verschränkt"

Schäfer-Noske: Ihr Buch "Verschwende deine Zeit" plädiert ja schon im Titel dafür, seine Zeit zu verschwenden, und dabei zitieren Sie am Anfang Nietzsche, der schreibt, in einer Zeit der Ruhelosen müsse man das beschauliche Element in großem Maße verstärken. Warum fällt uns das denn heute eigentlich so schwer, nichts zu tun?

Pörksen: Das ist eine komplizierte Frage, weil wir einerseits seit einer langen Zeit schon begonnen haben, unseren Selbstentwurf eigentlich mit einem ökonomischen Modell zu verschränken, also immer zu denken, dass das, was wir sind, sehr viel damit zu tun hat mit dem, was wir leisten, und zwar nicht mit dem, was wir gedanklich leisten oder so, sondern mit dem, was wir leisten in der Wirtschaft, in der Gesellschaft im Sinne von Erfolg.

Dadurch fällt es natürlich ungeheuer schwer, sich anderen Modellen und anderen Lebensformen zuzuwenden, weil sie schnell als Scheitern oder als Fehltritt oder auch als Außenseitertum betrachtet werden.

Schäfer-Noske: Welche Rolle spielt denn da die christliche Ethik, die uns ja sagt, dass wir unsere Gaben nutzen sollen und dass wir sie nicht wegwerfen sollen?

Pörksen: Eine große Rolle. Also Max Weber hat in einer wunderbaren Schrift das sehr ausführlich untersucht, wie sozusagen der protestantische Geist, also sei tätig im Sinne eines gottesfürchtigen Aktes, sich in dem Kapitalismus quasi fortgesetzt hat, sozusagen befreit von der religiösen Dimension.

"Langeweile wirft am Ende sehr viel Ertrag ab"

Schäfer-Noske: Nun gab es ja früher Zeiten, da mussten Kinder auch manchmal mit Langeweile umgehen, sie hatten nichts zu tun, und heute gibt es die Smartphones, die sie ständig in der Hand haben. Wird das Problem dadurch weiter verschärft Ihrer Meinung nach?

Pörksen: Das kann ich schwer sagen, ich glaube aber, dass Langeweile eigentlich ein sehr kostbarer Zustand ist, ein Zustand, der so unschön er dann ist, wenn man ihn hat, am Ende sehr viel Ertrag abwirft auf eine paradoxe Weise. Die Philosophen haben sich ja unendlich viel mit der Langeweile beschäftigt. Hegel hat sich damit beschäftigt, Büchners gesamtes Werk eigentlich widmet sich Formen der Langeweile, auch immer wieder, nicht beim "Woyzeck" so stark, aber bei "Dantons Tod" und so.

Schäfer-Noske: Sie schreiben in dem Buch auch von einer Situation, die Ihnen selber zugestoßen ist, dass Sie in Indien auf einem Bahnhof warten mussten und doch große Probleme damit hatten, sich da die Zeit zu vertreiben. Wie hat das Ihr Leben beeinflusst?

Pörksen: Das Erlebnis in Indien … ich dachte in dem Moment sehr stark, ich hatte sozusagen den Eindruck, dass ich da wirklich was verstanden hätte oder so, nicht in so einem kitschigen Hippiesinne, sondern einfach nur eine andere Zeitwahrnehmung für ein paar Stunden erlebt hätte, aber man ist natürlich Produkt seiner Umgebung und nimmt sofort das an oder doch relativ stark das an, was einen umgibt dann im Alltag. Das merkt man ja auch, wenn man aus dem Urlaub kommt, dass sozusagen die Rhythmen sich sofort wieder einstellen, die man von zu Hause kennt.

"Wahrnehmung besonders schön, wenn sie zweckfrei ist"

Schäfer-Noske: Ihr Buch will ja den Begriff der Verschwendung eigentlich positiv umdeuten – was schlagen Sie vor, faul sein, nichts tun?

Pörksen: Ich beschreibe in dem Buch so ein paar Modi der Zeitverschwendung, die ich gefunden habe, die ich auch selber irgendwie spannend finde. Es gibt ja zum Beispiel den Flaneur, also denjenigen, der sich freiwillig in einer Stadt verliert, der nicht von einem Punkt zum anderen geht, sondern sagt, es gibt einen Ausgangspunkt und ab hier verirre ich mich - verlaufe mich in Geschichten, verlaufe mich in Begegnungen und in Bildern. Das ist besonders, wenn man die Städte nicht kennt, aber auch wenn man sie kennt, eigentlich ein wunderschöner Modus der Zerstreuung. Es gibt das Bummeln, das Trödeln, also diese Verlangsamung der Dinge, die man gewohnt ist, mit einer gewissen Hektik eigentlich zu absolvieren.

Es gibt das, was die Romantiker den Müßiggang nennen, also die wirkliche Passivität, sich hingeben dem, dass man gar nichts tut. Meistens ist man dann ja sehr stark entweder auf sich selbst oder auf die Wahrnehmung der Außenwelt zurückgeworfen, und wenn diese Wahrnehmung nicht so stark von Zwecken modifiziert ist, ist sie natürlich auf eine Weise besonders schön, weil sie zweckfrei ist.

Schäfer-Noske: Das kann man sich natürlich auch nur in bestimmten Zeiten leisten, denn die Wahrnehmung von außen ist ja auch die, da tut jemand gar nichts, dann muss ich vielleicht mehr tun. Das heißt, eigentlich ist der Müßiggang ja gesellschaftlich tabuisiert beziehungsweise er wird nicht gerne gesehen, er ist auch irgendwo asozial, weil die anderen dann mehr tun müssen.

Pörksen: Absolut. Es ist auch eigentlich natürlich eine dem Adel vorbehaltene Tätigkeit.

Schäfer-Noske: Genau, muss man sich ja auch finanziell leisten können.

Pörksen: Das muss man sich erst mal leisten können, unbedingt. Oder man wird ein radikaler Müßiggänger, den gibt es in der russischen Literatur relativ oft, der das so weit treibt, dass er sich dann halt ruiniert, der sozusagen sagt, das ist mir wertvoller als mein physisches Wohlergehen. Es gibt bei Schlegel einen wunderbaren Aufsatz über den Müßiggang oder in der "Lucinde" zumindest einen Abschnitt über den Müßiggang, wo er sagt, trotz allem überwiegt sozusagen in den nördlichen Gefilden die Tendenz, mit Produktivität auf die Unsicherheit, die einem im Leben so begegnet, zu antworten, und nicht durch Inaktivität, und sagt, diese Tugend eigentlich der Inaktivität ist uns verloren gegangen, und wir sollten eigentlich lernen zu werden wie die Pflanzen. Er sagt, die sind am gottähnlichsten, weil Gott tut gar nichts, und das sei sozusagen das Ziel. Das ist natürlich in dieser Radikalität kein praktischer, aber trotzdem ein kostbarer Gedanke.

Keine Lebenshilfe

Schäfer-Noske: Ihr Plädoyer liegt ja auch durchaus im Trend. Experten raten zum Beispiel gestressten Managern, mal öfter zum Malbuch und Buntstiften zu greifen und einfach was auszumalen. Es gibt Sachbücher zu Slow Travel. Slow Food, zu Yoga - ist dieser Trend in Ihren Augen richtig?

Pörksen: Ich glaube, der Unterschied ist, ich hab kein Buch versucht zu schreiben zur Lebenshilfe tatsächlich. Es ist ein Buch, in dem sich bestimmte Phänomene des Lebens irgendwie vorgenommen werden und bestimmte Probleme auch umkreist werden.

Der Unterschied ist, glaube ich, dass ich einerseits nicht versucht hab, eine eindeutige Antwort zu geben, und zum anderen ist natürlich ein tendenzielles Problem bei dieser Art von Ratgebern und Seminaren und so weiter, dass sie letztlich ja das Ziel haben, dass man noch produktiver ist, also dass sie nicht darauf zielen, sich sozusagen wirklich der Verschwendung hinzugeben, sondern sie sagen, man muss dann eben auch mal eine Stunde verschwenden, um dann wieder dreizehn Stunden super wach zu sein. Das ist ja nur eine Art von regenerativer Technik, um Erfolg zu haben. Ob das jetzt sozialer oder wirtschaftlicher oder so Erfolg ist, ist erst mal egal.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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