Sonntag, 19.11.2017
StartseiteInformationen am MorgenIntegration trotz allem17.03.2017

Reihe: HörerweltenIntegration trotz allem

Thomas Bück und seine Kollegen haben gerne einen Flüchtling in ihre Bürogemeinschaft aufgenommen. Er arbeitete dort als Koch. Eigentlich waren alle mit der Situation zufrieden. Nur die Behörden legten ihnen viele Steine in den Weg. Trotzdem glauben Thomas Bück und seine Kollegen daran, dass die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsalltag klappen kann.

Von Uschi Götz

Ein Stempel mit der Aufschrift "Bürokratie" steht vor einem Stapel Papier. (picture alliance/ dpa/ Ralf Hirschberger)
Bürokratie von Amts wegen macht die Integration von Flüchtlingen oft schwierig. (picture alliance/ dpa/ Ralf Hirschberger)
Mehr zum Thema

Wenn Migranten Unternehmer werden Integration auf eigenes Risiko

Integration in den Arbeitsmarkt Jobmesse für Geflüchtete

Konjunkturentwicklung in Deutschland "Der Arbeitsmarkt ist wirklich gut in Form"

Thomas Bück fährt mit dem Auto Richtung Büro. Bei uns im Deutschlandfunk wird über die Herausforderung für Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt diskutiert. Bück ist sicher: zu dem Thema kann seine Firma einiges beitragen. Seit zwei Monaten arbeitet ein Flüchtling in dem baden-württembergischen Planungsbüro AWIPLAN PPD in Filderstadt.

Mit den Behörden gibt es Ärger

Über den Flüchtling sind alle glücklich, mit den Behörden gibt es allerdings richtig Ärger. Im Büro angekommen greift Bück selbst zum Hörer und erzählt in der Sendung über die Erfahrungen seiner Bürogemeinschaft mit einem Flüchtling.

"Wenn ich mir das Interview ins Gedächtnis rufe, wo ein Mitdiskutant eben davon sprach, dass wir vielleicht hätten besser vorgehen können, effektiver vorgehen können, weiß ich heute noch nicht, was wir hätten besser machen können – sollen."

Bis heute regt er sich über diesen Ratschlag in der Sendung auf. Warum, das will ich bei einem Besuch herausfinden. Das Planungsbüro aus dem sich Thomas Bück telefonisch gemeldet hat, liegt im Industriegebiet von Filderstadt, der Stuttgarter Flughafen ist nur ein paar Minuten entfernt. Das Büro befindet sich im zweiten Stockwerk eines älteren, mehrgeschossigen Flachdachgebäudes.

Die Hierarchien sind flach

Bück öffnet selbst die Tür und bittet in einen zeitlosen Besprechungsraum mit einem großen eckigen Tisch. Auch die Assistenz der Geschäftsleitung Iris Maier setzt sich dazu, ebenso Cornelia Schwarz vom Arbeitskreis Asyl, sie waren mit der Bürokratie rund um den Flüchtling beschäftigt.

Die Hierarchien sind flach, man duzt sich im Büro. Das Team besteht aus zehn Leuten, vor allem Ingenieure, sagt Bück. Sie arbeiten schon lange zusammen, eine Gemeinschaft, die sich nicht etwa von Studium kennt: 

"Nö, wir haben uns hier getroffen und fühlen uns hier wohl."

"Wir gehen nicht auf den maximalen Profit"

Das Planungsbüro ist spezialisiert auf Umwelttechnologien, Abfallwirtschaft, Energie und Architektur. Die Heizzentrale des Stuttgarter Flughafens wurde beispielsweise von AWIPLAN entworfen, auch in China ist das Büro mit einem "kleine Projekt", wie Bück sagt, vertreten. Das Unternehmen ist erfolgreich und doch:

"Wir gehen von der Unternehmenskultur nicht auf den maximalen Profit, sondern suchen auch soziale Projekte zu begleiten."

Bück, ein sportlicher Mann mittleren Alters, engagiert sich in seiner Freizeit in der Flüchtlingshilfe. Als der örtliche Landrat im November 2015 bei der Verleihung des Innovationspreises des Landkreises Esslingen die anwesenden Unternehmer bittet, Flüchtlinge aufzunehmen, müssen Bück und sein Geschäftspartner nicht lange überlegen. Das Team ist begeistert und überlegt: wo kann der Flüchtling im Büro arbeiten?

"Dann kam uns der Gedanke, dass wir, zehn Personen, immer kocht mittags einer für alle. Dann haben wir uns überlegt, durch Stress, durch viele Termine, die wir haben, kommen wir nicht mehr ganz so regelmäßig dazu. Dann haben wir gesagt, das wäre doch eine Möglichkeit, da jemand einzustellen, auf 450 Euro Basis."

Keiner wusste, wie schwierig das wird

Iris Maier, eine herzliche Frau schlägt ein großes Buch auf, Thomas Bück lehnt sich zurück. Sie schildert die monatelange Suche nach einem Hilfskoch, beschreibt die Verunsicherung, das Alleingelassen werden vieler Behörden, auch das Landratsamt ist keine Hilfe.

Seite um Seite blättert sie weiter in ihrem Buch mit handschriftlichen Notizen. Keiner hätte sich vorstellen können, wie schwierig das sein würde, einen Flüchtling einzustellen. Vom Jobcenter vermittelt, stellte sich nach Monaten ein junger Mann vor. Der einzige Kandidat wurde gleich von allen akzeptiert.

"Das war dann ein Miteinander"

Im Juni 2016 tritt ein 19-Jähriger aus Afghanistan geflüchteter Mann seinen Job als Aushilfskoch im Büro an. Im Planungsbüro gibt es zunächst deutsches Essen.

"Zwei Wochen, wir haben daran gearbeitet, dann hat er mit uns gegessen, dann auch nach diesen zwei drei Wochen hat er gesagt, er will jetzt afghanisch kochen. Und dann hat er so ein Zutrauen gehabt, das war dann ein Miteinander. Dann hat er sich auch getraut, die Schreiben zu zeigen, was bedeutet das…?"

Dann geht der Ärger erst richtig los

Der junge Mann bekommt einen Arbeitsvertrag, aber dann geht der Ärger erst richtig los. Frau Maier ist mittlerweile an einen Tag in der Woche nur mit der Bürokratie beschäftigt. Auch Cornelia Schwarz vom Freundeskreis Asyl steht beratend zur Seite. Im Herbst 2016 erhält der Afghane eine Mahnung vom Landratsamt, er hätte es unterlassen die Behörde zu unterrichten, dass er seinen Lebensunterhalt zumindest teilweise selbst decke, steht darin zu lesen. Das ganze Büro regt sich auf:

"Und da haben wir dann schon gefragt: Was machen wir hier eigentlich? Wenn man den Ausgangspunkt noch mal sieht: Landrat ruft auf, doch die Flüchtlinge aufzunehmen, Jobs anzubieten, und jetzt sind wir da, mit genau derselben Behörde in Diskussionen, also auch in heftige Diskussionen. Dann frägt man eigentlich schon: Wo sind wir eigentlich gestartet und wo landen wir heute?"

"40 Euro für den Quadratmeter finden wir Wucher"

In diese Zeit fällt die Sendung im Deutschlandfunk. Als Thomas Bück im Studio anruft, hat der afghanische Flüchtling gerade einen Zahlungsbescheid bekommen. 40 Euro pro Quadratmeter, insgesamt über 170 Euro, soll er für seinen Platz in einem Container, den er mit zwei weiteren Flüchtlingen teilt, bezahlen. Bück berichtet, dass am Ende fast gleich viel herauskommt, wie bei anderen Flüchtlingen, die überhaupt nicht arbeiten. Und dass er dafür sehr wenig Verständnis habe, damals nicht und heute immer noch nicht. Iris Maier klappt ihr Buch zu und ergänzt:  

"Wir finden es völlig in Ordnung, dass er was bezahlen muss für Unterkunft usw., aber 40 Euro für den Quadratmeter finden wir Wucher."

Der junge Flüchtling macht mittlerweile in einem Restaurant in Baden-Württemberg eine Ausbildung zum Koch. Im Planungsbüro sucht man jetzt einen neuen Aushilfskoch. Und es soll wieder ein Flüchtling sein. Trotz allem.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk