Seit 23:57 Uhr National- und Europahymne
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 23:57 Uhr National- und Europahymne
StartseiteKultur heuteBilderflut schmälert Bildwirkung?04.08.2017

Reihe: Woher kommt die Energie?Bilderflut schmälert Bildwirkung?

Durch die Mentalität des schnellen Hochladens sei es heute schwieriger als früher, mit Fotos eine bestimmte Wirkung zu erzielen, sagte die Kunsthistorikerin Charlotte Klonk im Dlf. Bei Großereignissen wie dem G20-Gipfel gebe es in den sozialen Netzwerken nun einmal keine Bildredakteure, die auswählen.

Charlotte Klonk im Gespräch mit Karin Fischer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Touristen fotografieren mit ihren Smartphones ein Hochhaus auf dem Alexanderplatz in Berlin. (dpa / picture alliance / Georg Fischer)
Veröffentlichung fast in Echtzeit. Was macht die Bilderflut mit unseren Sehgewohnheiten? (dpa / picture alliance / Georg Fischer)
Mehr zum Thema

Woher kommt die Energie? Gesprächsreihe in "Kultur heute"

Karin Fischer: Um die Frage, ob das Bild des toten Osama bin Laden veröffentlicht werden soll, wurde viel gerungen. Denn Märtyrerfotos wollte die US-Regierung ihren Gegnern natürlich keine liefern. Bilder haben Wirkung, sie sind aufgeladen mit Kräften jenseits ihres Inhalts. Das hat man auch beim Foto des toten syrischen Jungen am Strand gesehen, das die Flüchtlingsdebatte stark beeinflusst hat. Über Bilder als Energieträger sprechen wir in unserer Reihe "Woher kommt die Energie?" heute mit Charlotte Klonk, Kunsthistorikerin und Professorin für Kunstgeschichte und Medien an der Humboldt-Universität in Berlin. Welches Bild aus der jüngeren Vergangenheit ist ihr besonders energetisch aufgeladen in Erinnerung, habe ich Charlotte Klonk vor der Sendung gefragt.

Charlotte Klonk: Ja, ich habe natürlich wie viele den G20-Gipfel und seine Bilder sehr genau verfolgt und hatte das Erlebnis, dass meine Tochter mir ein Video weitergeschickt hat, was wohl stark in den sozialen Medien zirkuliert hat, von Menschen, die in einem Linienbus sitzen, frühmorgens, und dann kommen da die Aktivisten, der Schwarze Block drumherum, zerschmeißen Autos, und es ist wie eine Kriegsszene. Man sitzt sozusagen im Bus, also jemand, der im Bus saß, hat das einfach gefilmt und dann freigegeben. Das hat mich schon erreicht, erschüttert.

Fischer: Dazu noch eine Anschlussfrage, wie unterschiedlich Bilder bewertet werden. Ich sag mal, Che Guevara war ja ein Mythos sozusagen der linken westlichen Kultur, auf T-Shirts, auf Kaffeetassen, überall zu haben. Für andere Menschen war er vielleicht einfach nur ein Terrorist. Wann ist der Umschlagpunkt?

Klonk: Ja, sehr unterschiedlich. Ich glaube, also bei Bildern, die in Konflikten freigegeben werden und zirkulieren, da gibt es keinen direkten Umschlagpunkt. Da ist für die einen ein Feind, was für die anderen ein Märtyrer ist. Ein gutes Beispiel dafür ist Mohammed Atta, der Drahtzieher der Anschläge auf das World Trade Center in New York im September 2001. Das Bild wurde veröffentlicht – er war ja schon tot, es war ja kein Fahndungsbild mehr –, das Bild wurde veröffentlicht – das Bild, was auf seinem Führerschein war und in Kalifornien aufgenommen wurde – und zirkulierte in den westlichen Medien als der Anblick der Bestie. Aber genau das gleiche Bild ist ziemlich umgehend in den Märtyrerfundus von Al Kaida gewandert, und man findet es heute auf so Märtyrerbildern im Internet, die Al Kaida produziert hat, genau das gleiche Bild. Also für die einen der Anblick des Bösen, für die anderen ein Märtyrer.

Fischer: Sie forschen schwerpunktmäßig zur Rolle und Funktion von Bildern im Terrorismus und haben das auch in Ihrem Buch "Terror. Wenn Bilder zu Waffen werden" detailliert beschrieben. Die Strategien, wie Terroristen auf der einen Seite, der Staat auf der anderen Seite diese Bilder handhaben, unterscheidet sich da gar nicht so sehr, wie Ihre Analyse der RAF-Bildgeschichte ja auch gezeigt hat.

Klonk: Ja, in dem Moment, wo eine waffentechnisch unterlegene Gruppe einen Staat herausfordert, setzt sie die Bilder ein, um ihre Wirkung zu entwickeln, ihre Energie freizusetzen. Und auf diese Bilder hat in dem Augenblick dann der Staat auch nicht viel anderes in der Hand, als darauf zu reagieren. Bei der RAF, zum Beispiel bei den Entführungen, wurden die Bilder von Hanns Martin Schleyer zum Beispiel erst mal in Umlauf gebracht natürlich, um die Entführungsziele zu erreichen. Die Regierung hat aber eine Nachrichtensperre mit den Medien vereinbart, und die Akteure, das kann man sehen, wollten eigentlich, dass diese Bilder an die Öffentlichkeit kommen, damit über Mitleid die Regierung unter Handlungsdruck kommt, und eine Regierung versucht das zu verhindern. Unter diesem Handlungsdruck produzieren auch Regierungen Bilder, zum Beispiel Polizeieinsätze, Sicherheitsdienste, sodass die Luft da wieder rausgenommen wird.

Die Wirkung von Bildern flaut schnell wieder ab

Fischer: Wer wendet mehr Energie auf, der Staat, um zu zeigen, dass alles in Ordnung ist, oder die Täter – und welche Rolle genau spielen die Medien dabei?

Klonk: Schwer zu sagen. Wenn ich recht hab', dass die Bilder erst mal entscheidendes Mittel für die waffentechnisch unterlegenen Akteure sind, dann ist die Energie hier natürlich groß, wobei man gar nicht ... Also gerade bei der Entführung von Hanns Martin Schleyer wäre es zu viel, von einer ausgeklügelten Bildstrategie zu sprechen, das wird im Moment entwickelt, und man hofft, und bei Anschlägen allemal. Da liegen die Bilder ja nicht in der Hand der Akteure, sondern werden von den Medien selber produziert. Aber man muss sich klarmachen, sie sind im Interesse der Akteure.

Fischer: Es gibt doch sicher auch das umgekehrte Beispiel – wir kennen es aus den frühen Serien von "Brot für die Welt": Bilder erzeugen Mitleid und Hilfsbereitschaft, also enthalten zumindest das Potenzial zum positiven Handeln der Adressaten.

Klonk: Ja, das ist interessant, denn diese Bilder sind mittlerweile ja ganz gut untersucht worden, vor allen Dingen eben verhungernde Kinder in Afrika, oder Sie haben das Bild von dem Flüchtlingsjungen am Strand erwähnt. Die lösen tatsächlich sofort erst mal eine riesengroße Hilfsbereitschaft aus, also eine Energiewelle. Aber gut untersucht ist mittlerweile auch, dass das sehr schnell wieder abflaut, und dann gibt es geradezu eine negative Energie, die geht in den Minusbereich, weil die Hilfsbereitschaft, wenn zu viele dieser Bilder zirkulieren, extrem zurückgeht.

Fischer: Was Sie erforschen, hat sich im Prinzip auf die traditionellen Medien bezogen, früher repräsentiert durch die Zeitung, aber sie beinhaltet auch die Tatsache, dass wir heute ja fast mit einem Tsunami von Bildern überrollt werden durch die Millionen von Amateurvideos und Amateurbildern, die im Netz immer hochgeladen werden. Wie verändert das sozusagen diese Energieflüsse, die durch Bilder transportiert werden?

Klonk: Es ist unkalkulierbarer geworden. Es gibt keine Bildredakteure, die auswählen, die kommen ins Netz von verschiedenen Augenzeugen, werden oftmals auch gar nicht reflektiert in dem Augenblick, sondern gleich hochgeladen – bei G20 hat man's ja gesehen, da wird dann draufgehalten und dann wird es hochgeladen. Und die Wirkung, die das entwickelt, machen sich, glaube ich, die wenigsten Leute in dem Augenblick klar, das ist, glaube ich, anders. Die traditionellen Medien wussten schon, welche Rolle Bilder spielen und welche Wirkung sie entwickeln.

Fischer: Ich möchte mal mit Ihnen einen Blick in die Kunstgeschichte wagen, weil in früheren Jahrhunderten Bilder Propagandainstrumente waren, wenn man es mal so salopp formuliert. Wir sahen Macht und Mythen auf Porträts der Herrschenden, auf Bildteppichen, aber es gab immer auch die Bilder, die extrem dynamisch waren und wie so eine Art Energiespeicher funktioniert haben, der nie leer wird. Ich denke an so was Ikonografisches wie das Floß der Medusa zum Beispiel. Haben Sie da noch andere Beispiele, oder können Sie uns erklären, wie das funktioniert?

Klonk: Ja, ich mache einen großen Unterschied zwischen Bildern der Kunst und fotografischen Medienikonen, die eine viel direktere und unmittelbarere Wirkung haben. Es gibt berühmte Beispiele: Medienikonen wie das Vietnam-Bild, das Napalm-Mädchen von 1972, wo heute noch die Menschen sagen, das hat mich zum Vietnamkriegsgegner gemacht. Das sind direkte Wirkungen. Bei der Kunst ist das, glaube ich, nie der Fall. Da ist es so, dass sich die Wirkung langsamer und schleichender und vielleicht auch nachhaltiger entwickelt, und ich glaube, große Kunst und alle, die sich für Kunst interessieren, haben das erlebt: Man steht vor einem Werk und man spürt, es passiert was, was vorher nicht da gewesen ist, da ist eine Energie. Aber die kann man ganz schwer fassen, die ist auch empirisch gar nicht richtig zu untersuchen, und man sieht diese Wirkung, weil sie langsamer ist, eigentlich erst wieder in der Art, wie Kunstwerke rezipiert werden, in anderen Kunstwerken zum Beispiel. Nehmen wir ein Herrscherporträt: Julius II. von Raffael, 1511 gemalt, das war ein ganz neues Herrscherporträt, es zeigte nämlich Julius, den Papst, Julius II. als im Grunde einsamen, alten, verinnerlichten Mann. Das war ein Propagandabild, Julius brauchte das, der war nämlich eigentlich ein Kriegsherr, aber dieses Bild, weil es so neu war und so anders, hat eine unglaubliche Wirkung entwickelt, eine Energie transportiert. Und man sieht es, dass Tizian es aufgegriffen hat, Velasquez und über Velasquez dann sogar Francis Bacon 1965 noch, am Ende des 20. Jahrhunderts. Ich glaube, an dieser Stelle sieht man, wie Energie doch fließt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk