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StartseiteKultur heuteDie unermüdliche Aufklärung von NS-Verbrechen28.08.2017

Reihe: "Woher kommt die Energie?"Die unermüdliche Aufklärung von NS-Verbrechen

Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer habe nach 1949 all seine Energie in die Aufgabe gesteckt, NS-Verbrecher vor Gericht zu bringen, sagte die Leiterin des Fritz-Bauer-Instituts, Sybille Steinbacher, im Dlf. Dabei sei er in der Justiz ein Außenseiter gewesen, der kaum Vertraute hatte. Seinen größten Coup habe er dann auch ohne jede Einbeziehung von Behörden eingefädelt.

Sybille Steinbacher im Gespräch mit Kathrin Hondl

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Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (hinten mit Zigarette) auf einer Pressekonferenz im Februar 1964 in Frankfurt am Main: Bauer  gab er dem israelischen Geheimdienst Mossad den entscheidenden Tipp zur Ergreifung von Adolf Eichmann in Argentinien. (picture alliance / Roland Witschel)
Fritz Bauer (hinten mit Zigarette) gab dem israelischen Geheimdienst Mossad den entscheidenden Tipp zur Ergreifung von Adolf Eichmann in Argentinien. (picture alliance / Roland Witschel)
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Kathrin Hondl: "Energie ist die Fähigkeit, mechanische Arbeit zu verrichten, Wärme abzugeben oder Licht auszustrahlen." Das ist eine zugegeben etwas simple Definition – sie stammt aus einem Schülerlexikon – aber Arbeit, Wärme und vor allem Licht – und zwar im Sinn von Aufklärung. Das ist eine Energie-Definition, die einfach sehr gut zu dem Mann passt, über den wir heute sprechen wollen in unserer Sommer-Sendereihe zur Frage "Woher kommt die Energie?": Über Fritz Bauer nämlich – jener hessische Generalstaatsanwalt, ohne dessen Hartnäckigkeit und eben ENERGIE es wohl kaum zu den Frankfurter Auschwitz-Prozessen gekommen wäre, den zweifellos wichtigsten Strafverfahren in der deutschen Geschichte.

Über Fritz Bauers scheinbar unerschöpfliche Energie bei der Aufklärung von NS-Verbrechen habe ich vor der Sendung mit Sybille Steinbacher gesprochen, der  in Frankfurt. Fritz Bauer, geboren 1903 in Stuttgart als Sohn jüdischer Eltern, Amtsrichter und SPD-Mitglied in der Weimarer Republik, 1933 KZ-Häftling, dann Flucht nach Dänemark, später nach Schweden. Und schon 1949 kehrte der Jurist Fritz Bauer tatsächlich zurück nach Deutschland – ins Land der Täter … Woher, Frau Steinbacher, nahm er die Kraft für diesen sicher enorm schwierigen Schritt? Woher kam die Energie?

"Man muss sich seine eigene Verfolgungserfahrung anschauen"

Sybille Steinbacher: Ja, ich glaube, man kann tatsächlich sagen, dass Fritz Bauer nach seiner Rückkehr aus dem Exil 1949 all seine Energie hineingesteckt hat in seine Aufgabe, die NS-Verbrechen strafrechtlich zu ahnden und die NS-Verbrecher vor Gericht zu bringen. Das war die Aufgabe, die er sich gestellt hat. Und wie ist das zu erklären? Ich glaube, man muss sich seine eigene Verfolgungserfahrung dazu anschauen, auch sein eigenes politisches Selbstverständnis dazu anschauen und seine juristischen Ansprüche. Ich glaube, aus diesen Zusammenhängen erklärt sich, warum er sich das zur Aufgabe gemacht hat und dann auch tatsächlich in die Tat umgesetzt hat.

Hondl: Ich habe es ja eben auch schon mal kurz skizziert. Er war SPD-Mitglied, auch schon Richter in der Weimarer Republik, also man kann davon ausgehen, ein überzeugter Demokrat und Jurist. Er war auch Sohn jüdischer Eltern. Aber seine eigene Geschichte als selbst Verfolgter des NS-Regimes, über die hat er ja damals weitgehend geschwiegen in der Nachkriegszeit, auch über seine jüdische Herkunft. Inwiefern war denn, Frau Steinbacher, dieses Schweigen vielleicht wichtig oder strategisch notwendig für seine Arbeit als juristischer Aufklärer?

"Er war ein Außenseiter und hatte kaum Vertraute"

Steinbacher: Genau, Sie sagen es schon. Bauer hat selbst nie seine Verfolgungserfahrung thematisiert, hat auch über seinen jüdischen familiären Hintergrund nichts gesagt, denn er wollte wohl vermeiden, dass er sich noch stärker als ohnehin schon von der deutschen Mehrheitsgesellschaft unterschied. Er als Jude, als Emigrant, als Remigrant und als jemand, der die NS-Verbrechen zum Thema macht und der ihre Verfolgung, ihre Ahndung sich zur Aufgabe setzt. Damit stach er ja absolut heraus aus der ehemaligen nationalsozialistischen Volksgemeinschaft.

Hondl: Es ist ja ganz klar, wissen wir heute und hat man damals wahrscheinlich auch gemerkt: Dank oder Anerkennung für seinen unermüdlichen Einsatz gab es damals nicht oder kaum. Bauer war ja auch umgeben von vielen "furchtbaren" Juristen, die schon in der NS-Zeit gedient hatten. Wie sehr, Frau Steinbacher, hat er eigentlich darunter gelitten, dass seine Arbeit damals nicht nur nicht anerkannt, sondern teilweise auch massiv behindert wurde? War das nicht auch eine Energiebremse?

Steinbacher: Darüber wissen wir sehr wenig, weil Bauer keine persönlichen Aufzeichnungen geführt hat. Wir können das nur aus manchen Äußerungen schließen. Bestimmt war es schwierig für ihn, denn gerade in der Justiz haben wir ja einen hohen Grad an sogenannter Elitenkontinuität. Viele, die in der NS-Zeit hier schon auf hohen Posten saßen, begleiteten diese Posten weiterhin, oder sind sehr schnell wieder integriert worden und wieder in ihre Positionen gekommen. Gerade in der Justiz war es extrem schwierig, und er war ein Außenseiter in diesem Feld und hatte letztlich kaum Vertraute, was für ihn ja auch mit der Grund war, warum er ganz verschwiegen dann auch seinen wohl international größten Coup ohne jede Einbeziehung von Behörden in die Wege geleitet hat - nämlich die Ausfindigmachung und Ergreifung von Adolf Eichmann.

Hondl: Da war ja nun wirklich strategische Energie im Spiel, oder? Diese Festnahme, die erfolgte durch Israel schließlich, und er hat das so eingefädelt, auch weil die Bundesregierung seinen Antrag abgelehnt hatte, dass Eichmann nach Deutschland ausgeliefert werden sollte, oder?

"Er hatte gute Kontakte, war sehr angesehen in jüdischen Kreisen"

Steinbacher: Genau. Dieser Antrag von ihm ist abgelehnt worden. Die bundesdeutschen Behörden haben das gleich abschlägig beschieden und Bauer hat dann, ohne Justizkollegen ins Benehmen zu treten, geschweige denn das Auswärtige Amt zu informieren, den Mossad eingeschaltet. Er hatte da gute Kontakte, war auch sehr angesehen in jüdischen, in israelischen Kreisen, und es war dieser Weg, der dann am Ende zur Ergreifung von Eichmann geführt hat und den Prozess in Jerusalem überhaupt erst ermöglicht hat.

Hondl: Neben der Festnahme von Eichmann war natürlich sein großes Werk, sein Hauptwerk die Auschwitz-Prozesse, die ohne ihn bestimmt nicht zustande gekommen wären, kann man, glaube ich, heute sagen. Aber der Ausgang dieser Prozesse, der hat Fritz Bauer ja dann auch enttäuscht. Gleichzeitig hat er dann auch andere Formen der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gesucht. Auch Kunst und Kultur waren für ihn enorm wichtig, oder? Kann man sagen, um im Bild unserer Sendereihe zu bleiben, Frau Steinbacher, dass Kunst und Kultur ihm da auch so was wie Energieträger oder Energielieferanten waren in seinem Kampf?

"Bauers Interesse ging weit über die rein juristischen Belange hinaus"

Steinbacher: Ja, bestimmt. Das kann man sicher sagen. Das ist ja ganz erstaunlich, dass Bauers Interesse weit über die rein juristischen Belange hinausgegangen sind. Er hat ja beispielsweise zur selben Zeit, als der Auschwitz-Prozess stattfand, eine Ausstellung gefördert, die in der Paulskirche stattgefunden hat über Auschwitz. Er hat sich sehr eingesetzt dafür, dass das Stück von Peter Weiss, "Die Ermittlung", 1965 auf die Bühnen kam. Das war ja auch ganz besonders. Dieses Stück ist zur selben Zeit in der DDR und in der Bundesrepublik viele Male aufgeführt worden. Bauer hat das sehr unterstützt. Er hat versucht, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen mit dem Auschwitz-Prozess, weil es ihm darum ging, im psychologischen, im pädagogischen Sinne letzten Endes Verständnis dafür zu erregen, dass es hier um eine gesellschaftliche Verantwortung ging. Für ihn waren die Verbrechen nicht zu reduzieren auf irgendwelche Einzeltaten und Einzeltäter, sondern er hat daran appelliert, dass die Gesellschaft, dass die ehemalige Volksgemeinschaft des Nationalsozialismus hier sich zur eigenen Verantwortung bekennen müsse und sehen müsse, wozu man selbst beigetragen hat, indem man sich den Nationalsozialismus zu eigen gemacht hatte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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