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StartseiteKultur heute"Zwischen rigider Anweisung und totaler Freiheit"12.08.2017

Reihe: Woher kommt die Energie?"Zwischen rigider Anweisung und totaler Freiheit"

Die Angst vorm weißen Blatt umgeht der Schriftsteller Michael Kumpfmüller durch gute Planung: Für jedes seiner Bücher entwerfe er im Vorhinein die ganze Architektur, erzählte Kumpfmüller im Dlf. Es komme dann am Ende nur auf eine Sache an.

Michael Kumpfmüller im Gespräch mit Maja Ellmenreich

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Michael Kumpfmueller, deutscher Schriftsteller, aufgenommen am 15.11.2011 in Mainz.  (dpa / Erwin Elsner)
Der Schriftsteller Michael Kumpfmueller (dpa / Erwin Elsner)
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Der Schriftsteller Michael Kumpfmüller

"Ich sagte selten, was ich wollte, ich wusste gar nicht, wie das ging, und ließ die Dinge lieber treiben." (Michael Kumpfmüller:"Die Erziehung des Mannes")

Maja Ellmenreich: Wie man hört: Georg ist nicht gerade ein Ausbund an Energie, an - wie man so schön sagt - an Initiativkraft. Der Schriftsteller Michael Kumpfmüller erzählt die Lebensgeschichte des Komponisten Georg, insbesondere dessen Liebesgeschichten, in seinem Roman "Die Erziehung des Mannes". Kumpfmüllers jüngster und fünfter Roman ist das, war vertreten auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2016.

Woher kommt überhaupt Energie? Und was tun, wenn sie ausbleibt? Diesen Fragen gehen wir in unserer "Kultur heute"-Sommerreihe nach. Heute dazu ein Gespräch mit dem Schriftsteller Michael Kumpfmüller.

Dieser etwas antriebslose Georg, Herr Kumpfmüller, der ist in Ihrem Romanoeuvre ja nicht der Einzige, dem es an Kraft mangelt. Ganz prominent: Der Tuberkulose-kranke Franz Kafka, dessen letztes Lebensjahr haben Sie in Ihrem höchst erfolgreichen Roman "Die Herrlichkeit des Lebens" nachgezeichnet. Besitzen Sie ein Faible für energiearme Protagonisten?

"Kafka ist voller Energie, obwohl er am Ende seines Lebens ist"

Michael Kumpfmüller: Ja, das scheint so zu sein, wobei die Frage ja ist, ob das stimmt. Also was die Erziehung des Mannes angeht, erhebt das Buch, glaube ich, Einspruch gegen die weit verbreitete Illusion unserer Gesellschaft, dass wir alle, wenn wir nur wollen, jederzeit unseres Glückes Schmied sind. Da bin ich doch sehr skeptisch, und ich halte das auch für ein einigermaßen terroristisches Konzept - da muss man jetzt nicht gleich zum Buddhisten werden, der alles geschehen lässt.

Aber man muss doch zur Kenntnis nehmen, dass wenn wir starten ins Leben, ich meine jetzt also die Familie, Dinge mit uns geschehen, die alles, was möglicherweise ursprünglich als Quelle da ist, sofort beschneiden, umlenken oder jedenfalls infrage stellen. Dafür interessiere ich mich in der Tat, weil ich am Ende aber glaube, dass die Beharrlichkeit - es gibt bei Odysseus so eine Tugend der Duldsamkeit, das heißt, wir leben immer alle in Verhältnissen, wo wir eigentlich wenig tun können - dann ist es klug abzuwarten und dann am Ende zu handeln. Wenn Sie Kafka erwähnen, könnte man das auch sagen. Er hat ein Leben lang vielleicht darauf gewartet, dass er diesen Privatmythos - entweder leben oder schreiben - irgendwie aufheben kann und zu einem anderen Punkt zu kommen. Am Ende seines Lebens schafft er das, nicht nur weil sie, also diese Dora da ist, sondern weil er lange genug und richtig gewartet hat. Und da ist er doch sehr entschieden, finde ich, und ist voller Energie, obwohl er am Ende seines Lebens ist.

"Ich werde immer was schreiben"

Ellmenreich: Also wenn ich Sie richtig verstehe, ist die Energie eine wie auch immer geartete Kraft, auf die man nicht unbedingt Einfluss nehmen kann im Leben.

Kumpfmüller: Na ja, ein bisschen kann man das vielleicht, indem man sich gewissen Übungen unterzieht, Übungen der Duldsamkeit, des Wartens. Das ist für mein Schreiben relativ neu zum Beispiel, dass ich gelernt habe, dass wenn es nicht weitergeht, es doch in dem Sinne weitergehen kann, wenn ich nur warte. In letzter Zeit lege ich mich dann hin und mache nichts, und die wunderbare Erfahrung ist, dass dann etwas kommt. Was ja die Frage aufwirft, was der Ursprung sozusagen der Kreativität ist, und das war die Frage, die mich jetzt eigentlich schon länger beschäftigt, weil ich immer dachte, es ist irgendwie eine Deformation. Freud sagte in Hinblick auf die Kultur, dass das alles Sublimierung ist, scherzhaft formuliert: Wir wollen alle eigentlich immer nur Sex und leider kriegen wir ihn nicht, also bauen wir halt Kathedralen.

Das ist sehr schön gedacht, ich hab das dann gewissermaßen auf mich selbst angewandt und hab gesagt, ja, du bist kreativ oder andere sind kreativ, weil sie unglücklich sind und sich auf diesem Umweg über das Werk und die Anerkennung, die man vielleicht für dieses Werk bekommt, dann das wollen, was sie ursprünglich nicht bekommen haben. Ich glaube, dass da schon was dran ist, aber ich entdecke, dass die Quelle vielleicht doch was Ursprüngliches ist. Man muss ja nicht so weit gehen wir Beuys, der ja mal gesagt hat, dass eigentlich jeder ursprünglich ein Künstler ist, aber bei denen, die es geworden sind, ist das vielleicht doch eine ursprüngliche Kraft, und natürlich ist diese Kraft, weil sie anderen, die die Kraft vielleicht nicht haben oder diese Energie, unheimlich, immer gefährdet. Es gibt immer sozusagen die Versuchung anderer, sich irgendwie zerstörerisch dazu zu verhalten. Und interessant finde ich bei all den Schreibkrisen, die ich natürlich auch habe und hatte, dass sich das immer durchgesetzt hat, sodass ich heute relativ fröhlich sage, nein, also diese Frage, ob ich kreativ bin - das sagt jetzt nichts über die Qualität dessen, was man da macht -, die kann ich bejahen: Ja, ich bin das. Ich hab also so gesehen - das ist das Glück - keine Angst, dass mir eines Tages irgendwas ausgehen wird. Ich werde immer was schreiben, und das ist doch einigermaßen schön.

"Es gibt für jedes Buch ein Blatt, wo die ganze Architektur und alles draufsteht"

Ellmenreich: So übers Leben verteilt oder als grundsätzliche Lebenseinstellung ist das bestimmt sehr, sehr vorteilhaft in Ihrer Rolle als Schriftsteller, wie geht's Ihnen aber jetzt in der konkreten Situation? Dieser Horror vacui, wie man's in der Kunstgeschichte sagt, also diese Angst vor der Leere, die Angst vor dem weißen Blatt, die ja heutzutage bei Schriftstellern meistens die Angst vor einer leeren Dokumentendatei ist, die kennen Sie aber auch, obwohl Sie grundsätzlich zuversichtlich sind, dass da noch was aus der Quelle sprudelt.

Kumpfmüller: Ja, gut, also mit diesen Leeren muss man umgehen, wobei ich sagen würde, dass das ja das Spannendste überhaupt ist, weil damit ist ja verbunden ein Zustand der Sprachlosigkeit. Und da beginnt ja das eigentliche Geschäft, dass man für etwas, wofür man von Hause aus keine Sprache hat, dann eine findet. Und da habe ich für mich das Verfahren entwickelt, dass ich meine Bücher ziemlich genau plane, das heißt, es gibt für jedes Buch im Prinzip ein Blatt, wo die ganze Architektur und alles draufsteht. Und in dem Moment, wo ich das habe, ist dieses Leere eigentlich weg, und es kommt dann am Ende eigentlich nur darauf an, dass man in diesem Plan so viele Lücken lässt - die entstehen aber von selber -, dass man die ganze Zeit trotzdem frei bleibt das zu tun, was dann notwendig ist. Also ich entwerfe mir, anders gesagt, ein Spannungsverhältnis zwischen rigider Anweisung und totaler Freiheit, und da fühle ich mich unglaublich wohl.

 "Das, was man hinschreibt, muss man ja irgendwie sich wieder einverleiben"

Ellmenreich: Okay, also Sie sind ein sehr, sehr guter Planer. Wie genau planen Sie denn den einzelnen Schreibtag, gehen Sie da auch ((so)) vor, dass Sie sozusagen im Vorfeld dosieren und wissen, also volle Kraft vielleicht am Vormittag, dann eine gute Pause, dann weiß ich, lässt die Energie nach und ich sehe zu, was noch kommt, oder gibt's da auch so einen klaren Plan?

Kumpfmüller: Na, den Plan macht ja das Leben erst mal. Ich bin Vater von drei Söhnen, also war ich Zeit meines Lebens immer limitiert auf eine Zeit von im besten Fall acht bis zwei, drei, vier, und das mit den Gewohnheiten ist ja insofern charmant - obwohl es ja auch nervig sein kann -, als man dann irgendwann weiß, in der Zeit passiert das auch und kann es auch passieren.

Ich habe gelernt, dass man den Bogen nicht überspannen darf. Wenn's nicht weitergeht, gibt's zwei Möglichkeiten: Entweder man ist dabei, sich in eine falsche Richtung zu bewegen, dann muss man das erkennen, das ist schmerzhaft, oder aber man hat das, was man da raushaut, noch nicht verdaut, denn das, was man hinschreibt, muss man ja irgendwie sich wieder einverleiben. Jeder, der schreibt oder malt, ist ja sein eigener erster Rezensent. Und wenn man das nicht ist, dann schreibt man quasi wieder im Blindmodus, und das versuche ich zu vermeiden.

"Das Schreiben schreibt sich in den Körper ein"

Ellmenreich: Das Schreiben an sich, also wirklich der Akt des Schreibens, kostet ja, wenn man genau hinguckt, wenn man ein bisschen heranzoomt, auch Energie. Ihr Schriftstellerkollege Burkhard Spinnen, der hat vor Kurzem davon geschwärmt, wie eine Spracherkennungssoftware ihm das Schreiben jetzt erleichtert, weil er eben mehr zum Sprechen sich da verändert hat. Wie viel körperliche Energie kostet Sie konkret das Schreiben, also Stichwort Verspannungen beziehungsweise Ausgleich, was auch immer man sich da vorstellen mag?

Kumpfmüller: Also das Körperliche, klar, das Schreiben schreibt sich in den Körper ein. Seit einigen Jahren mache ich regelmäßig Sport, spiele Badminton - was ein sehr witziges Spiel ist, das mag ich, weil man auch nicht alleine mit dem Körper spielt, sondern mit dem des anderen mit. Das ist, glaube ich, extrem wichtig. Was schwieriger ist, vor allen Dingen am Anfang - ich bin gerade wieder an so einem Anfang -, dass man die Welt, die man da zu fassen kriegen möchte, dass man aus der nicht rausgeht, wenn man den Computer ausmacht. Und dann entsteht so eine Art Blödigkeit, sag ich mal, man ist irgendwie nicht richtig da. Und da muss man dann gucken, wie man das hinkriegt. Das ist manchmal mühsam, aber auch das kann man lernen.

"Ich glaube, dass wir unser Gedächtnis eigentlich alle unterschätzen"

Ellmenreich: Kommen wir noch mal zur Kernfrage zurück: Woher kommt die Energie? Wenn wir's so ganz handfest nehmen, was meinen Sie, woher nehmen Sie den Großteil Ihrer Energie?

Kumpfmüller: Die eine Fütterung ist natürlich die Wahrnehmung aller anderen Künste, also der Bücher, in meinem Fall sehr stark der Musik, wo ich, wie soll ich sagen, in dem Vertrauen lebe und auch vielleicht der Erfahrung, dass das alles irgendwie, ich sag immer, in so ein inneres Gewässer eingeht. Ich erinnere mich dann an das Allerwenigste, aber weiß, dass ich irgendwie aus diesem, ich sag's noch mal, aus diesem Wasser irgendwie schöpfe. Das können ganz alte Sachen sein - irgendwelche Erfahrungen, Blicke. Ich glaube, dass wir unser Gedächtnis eigentlich alle unterschätzen, weil wir immer nur denken, dass es funktioniert, wenn wir uns erinnern. Ich glaube aber, dass die eigentliche Leistung des Gedächtnisses ist, so im Modus des Vergessens die Dinge trotzdem bereitzuhalten. Das fasziniert mich zum Beispiel unglaublich, kann man sehr schwer drüber sprechen.

Die Musik, die für mich seit vielen Jahren immer wichtiger wird, ist da ein gutes Beispiel, weil man da ja eigentlich nichts Fassbares hat, trotzdem weiß ich aber genau, dass die natürlich irgendeine Spur hinterlässt, und dem überlasse ich mich. Also da bin ich ganz optimistisch, dass mein Gehirn oder was immer das ist oder meine Seele da irgendwas damit anfangen kann, das ich dann beim Schreiben gebrauche.

Ellmenreich: Das sagt der Schriftsteller Michael Kumpfmüller auf unsere Frage "Woher kommt die Energie?".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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