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StartseiteBüchermarktReise ans Ende der Nacht31.03.2003

Reise ans Ende der Nacht

Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel mit einem Nachwort des Übersetzers

Es war ein erstaunliches Debüt und zugleich ein spektakulärer Eintritt in die Weltliteratur. Auch der Verfasser selbst hinterließ einen ganz besonderen Eindruck, wie sein Verleger Robert Denoël notierte.

Eberhard Falcke

Ich stand einem Manne gegenüber, der ebenso außergewöhnlich war wie sein Buch. Annähernd zwei Stunden lang sprach er zu mir als Kliniker, der das Leben durch und durch kennt, als ein Mensch von äußerster Klarsicht, voll kalter Hoffnungslosigkeit, und dennoch leidenschaftlich, zynisch, aber barmherzig. [...] Vor allem eine Bewegung an ihm verblüffte mich: seine rechte Hand ging hin und her, als wollte sie Tabula rasa machen [...] Er sprach zu mir vom Krieg, vom Tod, von seinem Buch; bald sprach er in aufbrausendem Ton, bald blasiert, wie einer, der von allen Komödien, allen Illusionen losgekommen ist. Seine Ausdrucksweise war immer stark, bildhaft, bisweilen halluzinierend. Die Vorstellung des Todes, seines eigenen wie des Todes der Welt, kehrte in seiner Rede wie ein Leitmotiv wieder. Er beschrieb mir eine Menschheit, die nach Katastrophen hungert, auf Gemetzel erpicht ist. Schweiß lief ihm übers Gesicht, sein Blick schien zu glühen.

Louis-Ferdinand Céline muss eine erstaunliche und beklemmende Verkörperung seiner Literatur abgegeben haben. Denoëls Schilderung ist eines von zwei großartig durchdringenden Porträts in Worten, die von diesem verrufensten aller Klassiker der Moderne gezeichnet wurden. Später sollte er ein noch unheimlicheres Gesicht zeigen. Doch zunächst, im Jahr 1932, hatte das literarische Frankreich schon genug zu staunen über die neuen, unerhörten, ungebührlichen und abgründigen Töne, die dieser Schriftsteller anschlug. "Reise ans Ende der Nacht" hieß sein Roman und dieser Titel war Programm: Alle Hoffnungen, Ideale, Illusionen, aller Glaube und jegliche Moral wurden darin nicht nur preisgegeben sondern widerlegt, heruntergemacht, mit Häme übergossen, um die finsteren Kehrseiten der Zeit und des Daseins rückhaltlos auszuforschen.

Eine Schlüsselerfahrung für Céline selbst, genauso wie für seinen Romanhelden Ferdinand Bardamu war der Erste Weltkrieg. Das war der erste große Schock des zwanzigsten Jahrhunderts: zu sehen, wie Menschenmassen als Kanonenfutter verheizt wurden. Diese Erfahrung prägt Bardamus Weltsicht und die gesamte Grundstimmung des Romans.

Die Reichen brauchen nicht selber zu töten, um was zum Fressen zu haben. Sie lassen die Leute für sich arbeiten, wie sie sagen. Sie tun selber nichts Böses, die Reichen. Sie zahlen. [...] Und wir anderen können uns bemühen, wie wir wollen, wir rutschen weg, gleiten ab, verfallen dem Alkohol, der die Lebenden und die Toten konserviert, wir erreichen nichts. Gründlich bewiesen ist das. [...] Dabei hätten wir begreifen müssen, was da lief. Unerschöpfliche Wellen nutzloser Geschöpfe kommen aus der Tiefe der Zeit heran und sterben unablässig vor unseren Augen, aber wir stehen da und hoffen auf wer weiß was ... Wir taugen nicht mal dafür, an den Tod zu denken.

Mit seinem Anti-Helden, mit den nur episodisch gestreiften Schauplätzen und dem Bild der Welt als einem von Niedertracht erfüllten Jammertal ist Célines "Reise ans Ende der Nacht" das fulminante Exempel für einen modernen nihilistischen Schelmenroman. Bardamu überlebt nur knapp die europäischen Schlachtfelder; er entwischt der verlogenen Humanität in den Hospitälern, wo man die Verwundeten bloß für den nächsten Marschbefehl auf die Beine bringt; als Händler in den afrikanischen Kolonien beobachtet er die weißen Herrscher und die Eingeborenen in einer Symbiose der Verkommenheit; als er nach Umwegen die USA, das Traumland der modernen Zivilisation erreicht, trifft er auf abweisende Straßenschluchten, geizigen Materialismus und die Mechanisierung des Menschen an den Fließbändern von Henry Ford; zurück in Frankreich studiert er in den Pariser Vorstädten die Formen der Gemeinheit, mit denen sich das sogenannte einfache Volk durchs Leben schlägt. Seine einzige Freude sind schöne Frauenbeine, Revuetheater, Bordelle und das Kino; seine einzige Hoffnung sind sexuelle Abenteuer; und manchmal rettet ihn ein großherziges Freudenmädchen für kurze Zeit vor der bösen Welt.

Die im Fahrplan von Bardamus Reise verzeichneten Stationen sind mit Bedacht ausgewählt. Sie demonstrieren, dass die blumigen Versprechen, es könnte Glück, Moral, Gerechtigkeit und Wohlfahrt für alle geben, sich allein auf Lüge oder Dummheit stützen. Das Ziel der Reise ist es, der unausweichlichen und dennoch verleugneten Dunkelheit des Daseins auf den Grund zu gehen.

‘Nur Mut, Ferdinand‘, redete ich mir selber gut zu, um mich zu stützen, ‚wenn du immer so vor die Tür gesetzt wirst, findest du sicher irgendwann heraus, was es ist, wovor sie alle so Angst haben, all diese Mistkerle, denn das sind sie, vor dieser Sache, die am Ende der Nacht zu finden sein muß. Deswegen trauen sie sich ja alle nicht hin, ans Ende der Nacht!‘

Was jedoch an Célines Roman mehr als alles andere Aufsehen erregte, waren Stil und Sprache. Die Zeitgenossen waren frappiert: Zum Rhythmus geformt, vernahm man, was an verstreuten Takten schon längst in der Luft lag. Das trug dem Autor fast über Nacht die Anerkennung als literarischer Neuerer und Wegbereiter ein. Den anarchischen Nihilismus des Romans dagegen beurteilten besonders linke Kritiker mit Vorsicht. Man würdigte Célines Anklagen gegen Kapitalismus und Kolonialismus, gegen Militär und Bourgeoisie, vermißte jedoch eine prinzipielle Parteinahme. Walter Benjamin betonte, dass im Roman das gesellschaftliche System, aus dem das geschilderte Elend resultiere, undurchschaut bleibe. Paul Nizan lobte die "Reise..." in der kommunistischen L’Humanité als ...

... ein "bemerkenswertes Werk, von einer Kraft und Weite, die wir von den wohlfrisierten Zwergen der bürgerlichen Literatur her nicht gewohnt" seien.

Simone de Beauvoir schrieb in ihren Erinnerungen rückblickend auf das Jahr 1932:

Das französische Buch dieses Jahres, das uns am meisten bedeutete, war ‚Reise ans Ende der Nacht‘ von Céline. Wir konnten viele Stellen auswendig. Sein Anarchismus schien dem unsrigen verwandt ... Er kämpfte gegen Krieg, Kolonialismus, Mittelmäßigkeit, Klischees und gegen die Gesellschaft in einem Stil und einem Ton, die uns begeisterten. Céline hatte ein neues Instrument geschaffen: das geschriebene Wort das genauso lebendig ist wie das gesprochene. Welche Entspannung nach den marmornen Sätzen von Gide, Alain, Valéry! Sartre ließ es sich gesagt sein.

Tatsächlich betrachtete Céline die großen Fragen des Daseins von ganz unten, aus der Perspektive der Gosse, wo ehrwürdige Begriffe, edle Gesinnungen und schöne Illusionen von der schmutzigen Wirklichkeit hinweggespült wurden. Dabei brachten seine Tiraden über die Schlechtigkeit der Welt nicht wenige aphoristische Glanzlichter hervor. Gut möglich, dass Beauvoir und Sartre darunter ebenfalls einiges fanden, was sie zum Zitieren reizte. Hier eine kleine Blütenlese:

Wir sind die Lustknaben von König Elend ... Immer war ich der Betrogene, ob es um Geld ging, um Frauen oder Ideen. ... Mir waren körperliche Regungen ganz einfach lieber. Dem Herzen muß man gewaltig mißtrauen ... Den Menschen vertrauen, das heißt schon, sich ein bißchen umbringen lassen ... Erst wenn man blutet, interessiert man sie, die Schweine! ... Philosophieren ist auch nur eine andere Art, Angst zu haben ... Alleinsein heißt, sich im Sterben üben.

Auch der österreichische Journalist Isak Grünberg erkannte als Paris-Korrespondent sogleich das Format von "Voyage au bout de la nuit". Er übersetzte den Roman für den Münchner Piper Verlag. Doch als er 1933 fertig war, sperrte sich das zur Macht gelangte arische Kulturbewußtsein ebenso gegen den Roman wie den Übersetzer. Die deutschen Rechte mitsamt der Übersetzung wurden an den Verlag Julius Kittls Nachfolger in Mährisch-Ostrau verkauft. Dort erschien das Buch noch 1933. Bald darauf allerdings stellte Isak Grünberg in Klaus Manns Exilzeitschrift "Die Sammlung" klar, dass seine Übersetzung, die später nie mehr aufzufinden war, vollkommen "verstümmelt, mißgestaltet, verfälscht" worden sei.

Célines Roman erlangte den Rang eines Hauptwerks der modernen Weltliteratur. Dennoch blieb zum Verdruß aller Kenner diese verdorbene Fassung die einzig verfügbare deutsche Übertragung. Nun aber ist der Mißstand endlich beseitigt. Hinrich Schmidt-Henkel hat dem Roman, der vor allem durch seine Sprache Furore machte, nun auch im Deutschen den reichen, schillernden, unflätigen Wortschatz, die affektgeladene, ungezügelte Syntax zurückgegeben, die ihm gebührt. Redaktionell betreut wurde seine Arbeit von Juliane Gräbener-Müller und Hanns Grössel, der für die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Céline hierzulande viel Entscheidendes geleistet hat. Auch ohne philologische Nachprüfung im Detail darf man die Feststellung wagen, dass diese Übersetzung hervorragend gelungen ist. Über seine Vorgehensweise schreibt Schmidt-Henkel im Nachwort:

Der Ton des Originals zeichnet sich aus durch Geschmeidigkeit, Flüssigkeit, Schnelligkeit, und er bewirkt eine nie nachlassende emotionale Spannung. Céline hat verschiedentlich geäußert, dass ihm an zweierlei besonders liege, nämlich an seiner ‚petite musique‘ und an der Emotionalität. So kam es mir bei der Arbeit an der Neuübersetzung vor allem darauf an, Rhythmen und Tempi zu finden, die mit ihrem Schwung die Emotion wach halten und durch den Text tragen, durch alle Verschlungenheiten, alle Komplikationen, die Célines maßloses Erzählen und Beschreiben mit sich bringt.

Célines Schreibweise stellte einen rüden Angriff dar gegen die schulgerechte Rhetorik der damals vorherrschenden französischen Literatursprache. Nach dem Krieg brachte er noch einmal in seinen fiktiven "Gesprächen mit Professor Y" auf den Punkt, was seine bedeutendste Errungenschaft darstellte:

Die Emotion in der geschriebenen Sprache! ... die geschriebene Sprache war auf dem Trockenen, ich war’s, der ihr die Emotion wiedergegeben hat! ... wie ich es Ihnen sage! ...was gar keine kleine Ackerei ist, das schwör ich! ... [...] DIE EMOTION DER GESPROCHENEN SPRACHE DURCH DAS GESCHRIEBENE!

Was Céline unter "gesprochener Sprache" verstand, durfte nichts zu tun haben mit dem aus wohlgesetzten Wendungen komponierten Diskurs des Bürgertums und der Gebildeten, aber auch nichts mit den Argumenten der Kämpfer für sozialen Fortschritt. Gelten ließ er nur den Ausdruck, der so verächtlich über die Welt spricht, wie diejenigen verachtet sind, die ihn gebrauchen; das Wort, das jeden Gedanken daran zerstört, der Mensch zeichne sich durch mehr aus als die Fähigkeit zu fluchen; die Sentenz, die in der sarkastischen Pointe das tatsächliche Elend durch die Feststellung seiner Unabänderlichkeit übertrumpft. Und das alles in einem genau kalkulierten Rhythmus. Seinen Verleger ermahnte er:

Alter Freund, fügen Sie um alles in der Welt dem Text keine Silbe hinzu, ohne mir vorher Bescheid zu sagen! Sie machen sonst den Rhythmus völlig kaputt. Nur ich kann ihn wiederfinden. Ich sehe zwar dämlich aus, aber ich weiß haargenau, was ich will.

Trotz mancher Anklänge ist Célines Sprache nicht mit der volkstümlichen Rede gleichzusetzen. Sie ist durchaus künstlich, kunstvoll konstruiert aus verschiedenen Elementen. Dazu gehört die Sprache eines Villon ebenso wie der Dialekt der Pariser Armenviertel oder das Fäkalgerülpse der Armee; hinzu kommen die Fachsprachen der Medizin, die Célines zweiter Beruf war, und der Seefahrt, die ihn begeisterte. Anregungen lieferten außerdem Kino, Comics, Varieté und Presse. Daneben stehen zahlreiche Neologismen und Wortspielereien, sowie kalkulierte Verstöße gegen Grammatik und Satzbau, die von der Umgangssprache inspiriert sind, ihr aber nicht zugehören. Das Schandmaul geladen mit solcher sprachlichen Munition zieht Ferdinand Bardamu aus, um der Welt ihre Schäbigkeit nachzuweisen. Bei seiner Arbeit an den Fließbändern von Ford in Detroit gelangt er zu folgenden Einsichten:

Die Arbeiter konnten einen anwidern, wie sie sich über die Maschinen beugten, ängstlich bemüht, ihnen jeden nur denkbaren Gefallen zu tun, sie mit passenden Bolzen zu füttern, einem nach dem anderen, statt ein für alle Mal Schluß damit zu machen, mit diesem Ölgestank, diesem Qualm, der einem die Kehle hochsteigt, bis in die Ohren, und einem die Trommelfelle verbrennt. [...] Man ergibt sich dem Lärm wie dem Krieg. [...] Man muß das Leben draußen zunichte machen, es genauso in Stahl verwandeln, in etwas Nutzbares. [...] Man muß einen Gegenstand draus machen, was Hartes, das ist die Vorschrift.

Céline besaß alles, was zum Avantgardisten gehörte: Das Sendungsbewußtsein und die Rechthaberei, den sozialdiagnostischen Ehrgeiz, den revolutionären ästhetischen Ansatz, den Anspruch, seiner Weltsicht Geltung zu verschaffen. Nur eines besaß er nicht: Eine Truppe, die mit ihm voranstürmte. In einer Zeit der grassierenden Parteilichkeit blieb er ein Einzelgänger, störrisch und geradezu penibel darauf bedacht, sich mit niemandem gemein zu machen. Was bei seinem Programm auch nicht verwundern kann.

Einigermaßen frei zu krepieren: wenigstens das bleibt die Aufgabe des Menschen! Alle Täuschung ausgespuckt haben ...

schrieb er an eine Freundin. Es zeugte also lediglich von psychologischem Tiefblick, wenn der Doktor Gottfried Benn seinen Zeitgenossen als "primären Spucker und Kotzer" bezeichnete. Im übrigen aber betonte er, dass er der "Reise ans Ende der Nacht" "sehr starke Eindrücke" verdankte. Vielleicht gehörte dazu auch Ferdinands Schilderung der afrikanischen Sonnenuntergänge. Zugleich eine grandiose Feier und eine gnadenlose Demontage des Himmelsschauspiels, ist sie ein Sprachkunstwerk von expressionistischer Wucht.

Die Sonnenuntergänge in dieser afrikanischen Hölle erwiesen sich als spektakulär. Beeindruckend. Tragisch jedes Mal, wie ein Riesengemetzel an der Sonne. Eine Mordsveranstaltung. Allerdings ein bißchen zu viel Bewunderung für einen einzelnen Menschen. Der Himmel vollführte eine Stunde lang Paraden, vom einen Ende zum anderen mit delirierendem Scharlachrot angeklatscht, dann platzte das Grün inmitten der Bäume los und stieg in zitternden Schlieren vom Boden bis zu den ersten Sternen hinauf. Danach eroberte Grau den gesamten Horizont, dann wieder Rot, aber jetzt war es müde, das Rot, und hielt sich nicht lang. So ging es zu Ende. Sämtliche Farben fielen in Fetzen wieder herab, ausgewaschen, auf den Wald, wie Flitterkram nach der hundertsten Vorstellung. Jeden Tag genau um sechs Uhr lief das so ab.

Wie man weiß, beschränkte sich Céline leider nicht auf die große Desillusionierung im Namen der Armen und Unterdrückten, der Getäuschten, Verkommenen, der Angsterfüllten und ewig Betrogenen. Er ging auch zum Angriff über und dabei verließ ihn plötzlich jede Originalität. Auf einmal machte er, in billigstem Einklang mit der allgemeinen Niedertracht, die Juden für alles Elend der Welt verantwortlich. Und das nicht allein in gelegentlichen Äußerungen hie und da, sondern in einer unermüdlichen Raserei, die mehrere Pamphlete von vielen hundert Seiten hervorbrachte. Das Gesicht dieses Céline hat der Besatzungsoffizier Ernst Jünger gesehen und wie folgt beschrieben:

Er spricht mit dem in sich gekehrten Blick des Manischen, der wie aus Höhlen hervorleuchtet. Er sieht nicht mehr nach rechts und links; man hat den Eindruck, dass er auf ein unbekanntes Ziel zuschreitet. ‚Ich habe den Tod stets neben mir‘ - dabei deutet er neben seinen Sessel wie auf ein Hündchen, das dort liegt.

Er sprach sein Befremden, sein Erstaunen darüber aus, dass wir Soldaten die Juden nicht erschießen, aufhängen, ausrotten - sein Erstaunen darüber, dass jemand, dem die Bajonette zur Verfügung stehen, nicht uneingeschränkten Gebrauch von ihnen macht.

Lange hat die literarische Welt versucht, mit diesem furchtbaren Absturz eines bedeutenden Schriftstellers durch eine schlichte Spaltung fertig zu werden: Man trennte den großen Romancier vom nichtswürdigen Antisemiten. Dabei übersah man, dass es gerade Célines innovative, entfesselte Sprache ist, in der sich beide Sphären überschneiden. Die "Emotion der gesprochenen Sprache" öffnete in seinem Fall auch sehr zweifelhaften Elementen die Schleusen: dem Haß, der Inhumanität, Vorurteilen und Ressentiments, der Rachsucht und sonstigen aggressiven Affekten. Wer, wie Céline, die Infamie zum Weltgesetz erklärt, der hat – so läßt sich daraus ersehen - dem Abgleiten in bodenlose Menschenverachtung nicht mehr viel entgegenzusetzen.

Die erneute und neue Lektüre der "Reise ans Ende der Nacht" bietet Gelegenheit auch diesen Aspekt genauer ins Auge zu fassen. Die böse Beredsamkeit, die der Armenarzt Ferdinand Bardamu an seinen Patienten in der Pariser Vorstadt beobachtet, wird ihn nämlich einige Jahre später selber beherrschen.

Über mich erzählten sie endlose Schrecklichkeiten und Lügen, dass einem schier die Phantasie platzen wollte. Offenbar stärkte es sie innerlich, derart über mich herzuziehen, es brachte ihnen Gott weiß welche Art Mut, den sie brauchten, um immer erbarmungsloser zu werden, widerstandsfähiger und regelrecht bösartig, um durchzuhalten, um zu überstehen. Und auf diese Weise schlecht zu reden, zu verleumden, zu verachten, zu bedrohen, das tat ihnen ganz offenbar gut.

Die Reise ans Ende der Nacht hatte also - das kann man solchen Passagen heute ablesen - für Louis-Ferdinand Céline mit seinem berühmtesten Roman gerade erst begonnen.

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