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StartseiteBüchermarktReise zur menschlichen Seele15.12.2005

Reise zur menschlichen Seele

Ahmed Ümit: "Nacht und Nebel"

Ahmet Ümit hat einen spannenden Thriller aus dem Geheimdienstmilieu geschrieben und einen Roman über die Türkei der achtziger Jahre. "Nacht und Nebel" ist ein politischer Roman, der auch erklärt, warum es die Probleme in puncto Meinungsfreiheit in der Türkei bis heute gibt.

Von Simone Hamm

Die türkische Literatur ist in diesem Herbst auch in Deutschland angekommen. Orhan Pamuk hat den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten, der Unionsverlag hat mit seiner Türkischen Bibliothek ein ehrgeiziges Projekt gestartet. 20 Bände sollen darin erscheinen, Klassiker der Moderne, Anthologien, Essays, Gedichtbände und zeitgenössische Romane aus der Türkei. Zu den ersten drei Bänden, die jetzt erschienen sind, gehört "Nacht und Nebel" von Ahmed Ümit: ein Roman, der fulminant beginnt mit einer langen Sequenz, in der sich Traum und Erinnerung, Surreales und Politisches mischen. "Nacht und Nebel" spielt in den achtziger Jahren, jener Zeit, als die Staatsgewalt hart gegen Regimekritiker vorging. Ahmet Ümit hat seine Chronik dieser bewegten Jahre in einen Kriminalroman gekleidet.

Ich finde es sehr wichtig, Kriminalromane zu schreiben, ich mag das sehr, es entspricht mir sehr. Warum? In unserem normalen Leben, in unserem Alltag tragen wir immer Masken und erfüllen Rollen. Und wir begegnen uns mit unseren Masken und mit unseren Rollen. Es gibt aber Krisenmomente, z.B. die Momente des Verbrechens, die Momente eines Mordes, in denen die Menschen nicht mehr fähig sind, ihre Rollen zu erfüllen und ihre Masken zu tragen. Egal ob Kriminalroman oder sonstige Literatur, die Aufgabe der Literatur ist für mich, eine Reise zur menschlichen Seele hin zu unternehmen. Und die tiefsten Einblicke in die menschliche Seele erhält man am besten in den Momenten der Krise und des Verbrechens."

Ahmet Ümits Hauptfigur Sedat durchlebt einen solchen Moment der tiefsten Krise. Aus Sedats Sicht ist der Roman geschrieben. Er ist ein eiskalter Geheimdienstmann. Er hat gelogen, falsch ausgesagt, er hat gefoltert und getötet. Er hat das alles getan, weil er glaubte, seinem Land damit zu dienen. Mehr und mehr ist er abgestumpft. Er kennt keine Skrupel. Er sieht, wie sein Land sich ändert. Aber die Methoden des Geheimdienstes ändern sich nicht. Da lernt Sedat die junge Mine kennen und ist verzaubert. Mine wird seine heimliche Geliebte. Sie verändert Sedat. Sie weckt eine Seite in ihm, die bislang noch nicht einmal seine schöne Frau und seine beiden kleinen Töchter wecken konnten. Zum ersten Mal in seinem Leben spürt er, dass es jenseits der Welt des Geheimdienstes noch etwas anders gibt.

Mine hat mir aus dem Schraubstock meiner Arbeit herausgeholfen und mir ermöglicht, wieder ein normales Leben zu führen. Vielleicht konnte ich die Operationen nicht mehr durchführen, …vielleicht habe ich meine Überzeugungen verloren, aber dafür habe ich die Freude am Leben wiedergefunden."

Ahmed Ümit erklärt den Diensteifer seiner Hauptfigur nicht psychologisch, sondern historisch. Von dem einst mächtigen, riesigen Osmanischen Reich ist nur die Türkei geblieben. Zudem ist dieser Staat erst spät, nämlich 1923, gegründet worden.

Männer wie Sedat setzen nun alles daran, das, was geblieben ist, die bedeutend kleinere Türkei, zu verteidigen - gegen Feinde von außen und innen. Sie sind dabei nicht zimperlich in der Wahl ihrer Mittel. Ahmet Ümit zeichnet mit Sedat eine widersprüchliche, facettenreiche Figur.

"Wenn ich meine Charaktere, meine Figuren in meinen Büchern kreiere, dann gehe nicht von schwarz und weiß, nicht von Gut und Böse aus, denn ich bin fest davon überzeugt, dass im Guten auch das Böse verborgen liegt und im Bösen auch das Gute. So ist auch Sedat. Er ist kein Beamter, der denkt, ich schließe meine Augen und tue meine Aufgabe. Nein, für ihn ist seine Arbeit auch eine Sache der Liebe und dass ist der Sinn seines Lebens. Sedat ist ein Mensch, der mit großen Gefühlen lebt, der auch mit Passionen lebt und diese Passion, die sein Beruf war, muss jetzt durch etwas anderes ersetzt werden und das ist die Liebe zu Mine. Seine Ideale in dem Beruf haben sich bald als leer und hohl erwiesen. Sedat ist, so gesehen, eigentlich ein Mensch, der seine Hoffnung verloren hat und verzweifelt nach einem neuen Sinn des Lebens sucht."

Mine aber verlässt Sedat. Dann verschwindet sie spurlos. Ist sie von Terroristen gefangen genommen worden, weil man sich an Sedat rächen wollte? Wer wusste von ihrem Verhältnis? Sedat ist halbwahnsinnig vor Angst um Mine. Er findet heraus, dass sie sich ausgerechnet in seinen Gegner verliebt hat, den Widerstandskämpfer, den Terroristen Fahri. Fahri lebt nicht mehr. Sedat hat ihn kaltblütig erschossen. Sedat begibt sich auf eine selbst für nicht ungefährliche Suche. Eine Suche, bei der die Realität von fiebrigen Traumsequenzen überlagert wird. Sedat hetzt durch die Straßen von Istanbul. Immer näher kommt er der schrecklichen Wahrheit:

"Ich erstarre. Das Brummen tönt in meinen Ohren. Informationen, die tagelang zusammenhanglos in meinem Kopf herumschwirrten, verknüpfen sich in Windeseile zu einem fürchterlichen Ganzen. Ich will mir lieber den Kopf zerbrechen über das, was sonst hätte sein können, um bloß wegzukommen von dieser endgültigen und schmerzhaftesten aller Wahrheiten. Es gelingt mir nicht…."

Ahmet Ümit hat einen spannenden Thriller aus dem Geheimdienstmilieu geschrieben und einen Roman über die Türkei der achtziger Jahre dazu, einen politischen Roman. Wer "Nacht und Nebel" liest, wird die Probleme, die es in der Türkei in puncto Meinungsfreiheit bis heute noch gibt, besser erklären können. In den achtziger Jahren wurden die Linken noch mit Terroristen gleichgesetzt.

Auch Ahmet gehörte zur Linken. Er weiß, was es heißt gesucht und gejagt zu werden. Wie viel in Ahmet Ümit steckt in der Figur des Sinan?

"Auf den ersten Blick könnte man sogar sagen, das ist Ahmet Ümit. Da erinnert ziemlich viel an mich. Ich habe in meinen jüngeren Jahren als Mitglied und als Leiter einer antifaschistischen Organisation gekämpft. Und während dieser Zeit verging mein Leben damit, vor solchen Leuten zu fliehen, die Sedat sehr ähneln. Aber es gibt eine Parallelität zwischen Sedat und mir: und das ist der große Glaube an die Ideale, die man hegt. Eine weitere Parallelität: genau wie Sedats Organisation war auch meine linke Organisation eine, die sehr strikte Regeln und Strukturen hatte und eine, die im Geheimen gearbeitet hat. Aber auch andere, wie die Frauen Mine und Melike haben sehr viel von mir. Deswegen liebe ich es, Romane zu schreiben. Denn das Leben erlaubt uns, nur ein Leben zu führen, als ein Mensch. Aber wenn ich schreibe, habe ich die Möglichkeit, Frau zu sein und Mann zu sein und Polizist zu sein und Mörder zu sein. Alles Mögliche zu sein. Das heißt, Romane zu schreiben gibt uns die Möglichkeit, den Tod in die Irre zu führen und statt eines Lebens mehrere Leben zu führen."

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