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StartseiteCorsoReklame-Dschungel in Polen28.01.2013

Reklame-Dschungel in Polen

Mit der Rückkehr zur freien Marktwirtschaft verkommen die Städte zu Werbeflächen

Die Gesichter der polnischen Städte sind entstellt. Ganze Häuserfassaden verschwinden hinter riesigen Plakatwänden. Jede Verkehrsinsel ist mit einer Botschaft bepflanzt. Überall blinken Leuchtreklamen. Nach jahrzehntelangem Werbeverbot holen die Polen jetzt alles nach.

Von Iza Wiertel und Adam de Nisau

Im heutigen Warschau ist Schönheit indes ein seltenes Gut. (dpa/Bernd von Jutrczenka)
Im heutigen Warschau ist Schönheit indes ein seltenes Gut. (dpa/Bernd von Jutrczenka)
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"Ich habe genauso wie Du / Meine Stadt und darin / Meine schönste Welt..." besang mal einer der bekanntesten polnischen Sänger, Czesław Niemen, seine Liebe zu Warschau. Das war 1966, noch bevor die Werbung nach Polen kam.

Im heutigen Warschau ist Schönheit indes ein seltenes Gut. Nach der Wende kehrte die freie Marktwirtschaft nach Polen zurück. Und mit ihr die Werbung. Mittlerweile sind grelle Werbebotschaften in Polen allgegenwärtig. Fassaden von Altbauten sind von oben bis unten mit Großplakaten zugedeckt. Samsung, Citibank, Coca Cola. Autos und Bikinis soweit das Auge reicht. Elżbieta Dymna, Mitbegründerin der Stiftung "Meine Stadt und darin”, deren Name an Niemens Kultsong anknüpft, ist das ein Dorn im Auge:

"Wir lieben die Ostsee. Eines Tages gingen wir dort spazieren und es fiel uns auf, dass die ganze Infrastruktur mit Werbung überdeckt ist: die Umkleiden, die Jacken der Bademeister, ihre Hütte, alle Leitplanken, die Strandrestaurants. Bis an den Horizont hatte man Werbung gesehen. Die Rückkehr nach Warschau war schmerzvoll, uns wurde klar, dass auch dort alles in Werbung versinkt."

"Das Chaos sagt mehr über die Kultur eines Landes aus und über den Sinn für Ästhetik seiner Einwohner als die Kultureinrichtungen. Es ist unsere zweifelhafte Visitenkarte. Zweitens fehlt es in dem urbanen Raum an einer Hierarchie von Informationen, man sieht die Verkehrsschilder immer schlechter, die wichtigsten Informationen gehen verloren."

Ärgert sich auch die Stiftungsvorsitzende Aleksandra Stępień über die negativen Folgen des Werbechaos‘. Ihre Organisation "Meine Stadt und darin" kämpft seit 2007 gegen die stadtplanerischen Versäumnisse der Vergangenheit.

Die Geschichte dahinter: Im Zweiten Weltkrieg ist die polnische Hauptstadt fast völlig zerstört worden. Der Wiederaufbau Warschaus in Zeiten des Kommunismus war von Geldmangel und zentraler Planung bestimmt: Plattenbausiedlungen und unübersichtliche Straßenlabyrinthe prägen die Stadt. Und nach der Wende herrschte im Lande wilde Privatisierung. Im Gegensatz zu anderen europäischen Metropolen kann im Falle des heutigen Warschau daher von weitsichtiger Stadtplanung keine Rede sein. Das gilt auch für den Umgang mit Reklame, findet Dymna.

"Werbung sollte in der Stadt auf jeden Fall ihren Platz haben. Der Stadtplaner sollte aber dafür einen Ort festlegen, eine Art Time Square. Es könnte ruhig bunt werden, sodass jeder den Flair einer Großstadt genießen kann, es muss aber einen ordentlichen Rahmen haben."

Und eben dieser hat bisher gefehlt. Die Vorschriften zur Außenwerbung sind über mehrere Gesetze verstreut. Oft widersprechen sie sich und können leicht umgangen werden. Daher hat die Stiftung in Zusammenarbeit mit der Stadt Warschau und dem Architektenverband Verbesserungsvorschläge erarbeitet. Zum Beispiel: Den öffentlichen Raum als visuellen Raum zu bestimmen, damit die Stadt auch auf Privatgrundstücken etwas zu sagen hat. Die Arbeiten an den Postulaten haben anderthalb Jahre gedauert. Auch die Außenwerber konnten für das Projekt gewonnen werden. Marek Kuzaka, Vorstand des größten polnischen Unternehmens der Branche:

"Je wirksamer, effizienter, besser die Kommunikation, desto mehr Geld verdient ein Unternehmen wie unseres. Sobald wir es mit Chaos zu tun haben, nicht nur in Bezug auf die Werbung, aber auch die Stadtplanung, mit Unordnung, verliert die Werbebotschaft automatisch an Wirksamkeit."

In der Wirtschaft scheint die Botschaft offenbar angekommen zu sein – nicht so in der Politik. 2009 traf das Ideenpapier beim Ministerium für Infrastruktur ein. Doch, allen Bemühungen zum Trotz, die Reaktion blieb bis heute aus.

"Das wichtigste Problem, das wir hier sehen, ist der fehlende Druck vonseiten der Gesellschaft. Je größer der gesellschaftliche Druck, desto mehr Druck machen die Medien, erst dann tut das Ministerium etwas."

Künftig will die Stiftung daher verstärkt Aufklärungsarbeit unter der Warschauer Bevölkerung leisten. Die zweite Aktion findet voraussichtlich im Februar statt und betrifft die sogenannte Rotunde – ein kreisrundes Gebäude aus den 60er-Jahren, das am wichtigsten Knotenpunkt der Stadt steht. Es ist rundherum in ein riesiges Werbeplakat einer Bank eingewickelt.

"Am Beispiel dieses Kultgebäudes wollen wir den Menschen zeigen, dass man ihre Stadt eingepackt hat und dass gewisse architektonische Probleme nun hinter der kommerziellen Botschaft verborgen bleiben. Und es ist doch weitaus besser, sich über den Inhalt als über die lumpigen Verpackungen zu unterhalten."

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