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Rekordgeschäft und Kurzarbeit

Zwiespältiges aus der Autobranche

Von Michael Braun

Autos bei Volkswagen in Wolfsburg: Die Branche meldet neue Rekordumsätze - und doch bekommt sie die Krise zu spüren
Autos bei Volkswagen in Wolfsburg: Die Branche meldet neue Rekordumsätze - und doch bekommt sie die Krise zu spüren (AP)

Es will so gar nicht zusammenpassen: Volkswagen, Audi, BMW und Mercedes-Benz melden heute Rekordabsätze – gleichzeitig müssen sie teilweise die Produktion drosseln. Denn gut laufen die Geschäfte nur außerhalb von Europa und Nordamerika.

Auf den ersten Blick scheint alles in Ordnung: Volkswagen hat nach vorläufigen Zahlen bis Ende September weltweit 6,8 Millionen Autos verkauft, 10,6 Prozent mehr als voriges Jahr – eine neue Rekordmarke. Ähnlich Audi. Und BMW. BMW setzte in den ersten neun Monaten des Jahres gut 1,3 Millionen Fahrzeuge ab, ein Zuwachs von 8,3 Prozent – ebenfalls auf einen neuen Rekordwert. Und Mercedes meldete in den ersten drei Quartalen ein Verkaufsplus von 4,7 Prozent auf rund 1,04 Millionen Autos – so viel wie nie. Und doch: Die Krise der Autoindustrie zeigt sich auch in diesen Zahlen:

"Die Werte von Volkswagen und BMW wären noch deutlich höher, wenn wir in Europa keine Krise hätten. Aber wir haben in der Tat eine Zweiteilung des Automobilmarktes. Es gibt Hersteller wie beispielsweise Volkswagen und BMW, die in den globalen Märkten wie USA und China noch sehr viele Fahrzeuge absetzen und die weniger betroffen sind vom europäischen Markt. Und wir haben auf der anderen Seite eben sehr stark vom europäischen Markt abhängige Automobilhersteller. Die leiden enorm unter den Rückgängen im europäischen Markt."

So Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Es seien vor allem die Volumenhersteller wie Fiat, Peugeot, Opel und Ford, die in Europa unter Druck seien. Und dies sozusagen von unten und von oben: Neue Hersteller wie Kia und Hyundai drängen auf den Markt. Zugleich bieten die Premiumhersteller kleinere Modelle an. Der Wettbewerb führt zu hohen Lagerbeständen. Wie die abzubauen seien, sei klar, sagt Matthias Jörss vom Wertpapierhaus von LFG Kronos:

"Nur durch fallende Preise. Und genau das ist das Problem. Das kann sich im Prinzip keiner leisten. Es ist vor allem ein Problem der Massenhersteller."

So viel Verkaufsförderung wie in diesem Herbst habe es noch nie gegeben, heißt es in einer Marktanalyse der Universität Duisburg-Essen. Im September hat sie 435 Sonderaktionen gezählt, mit denen Hersteller versuchten, ihre Modelle in den Markt zu drücken. Die gängigste Form des Rabatts sei weiterhin die Eigenzulassung. Es gebe aber auch Benzingutscheine, zinslose Finanzierungen, hohe Preise für in Zahlung genommene Gebrauchtwagen. In der Spitze böten Hersteller wie Honda und Citroën bis zu 30 Prozent für einzelne Modelle. Auch VW ist dabei: Weil der Passat, gern als Firmenwagen gekauft, derzeit nicht läuft, kürzte VW die Produktion und ließ stattdessen den Golf 6 von den abgeschriebenen Bändern laufen: Das bringt auch bei niedrigen Preisen Gewinn - und erspart imageschädigende Rabatte auf den neuen Golf 7. Rabatte reichten aber schon jetzt nicht mehr aus, sagte Autoprofessor Bratzel:

"Wir sehen jetzt schon bei einigen Volumenherstellern wie Ford und Opel, dass Kurzarbeit absteht. Das heißt: Die enorm hohen Überkapazitäten in Größenordnungen von 30 Prozent und mehr bei einigen Herstellern, die kann man nicht mehr verkraften, ohne dass man Maßnahmen der Regulierung der Produktion vornimmt. Und wir werden in den nächsten Jahren eben auch erleben, dass eine erkleckliche Anzahl von Fabriken dichtmachen muss."

Volkswagen hat die Produktion gedrosselt. Bei Audi standen die Bänder über mehrere Tage still. Daimler hat ein Sparprogramm aufgelegt. Opel wird nächstes Jahr in Eisenach die Nachtschicht streichen. Auch Zulieferer reagieren mit Kurzarbeit, etwa bei Bosch im Werk Bamberg, wo Zündkerzen und andere Komponenten für Diesel- und Benzintechnik hergestellt werden. Die IG Metall verlangte heute angesichts der steigenden Zahl von Kurzarbeitern einen besseren Schutz für Leiharbeiter – mindestens als vorsorglichen Krisenschutz.

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