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StartseiteTag für TagDie heilige Sammlung27.11.2017

Religiöse ObjekteDie heilige Sammlung

Alle Religionen in einem Gebäude vereint. Diese Idee hatte der Theologe Rudolf Otto vor 90 Jahren. In Marburg gründete er die Religionskundliche Sammlung mit Objekten aus der ganzen Welt. So wollte er zeigen, dass Religion wichtig ist - und das Christentum am wichtigsten.

Von Christian Röther

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Eine japanische Winkekatze - bringt Glück, will Geld (Deutschlandradio/ Christian Röther)
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In der Religionskundlichen Sammlung in Marburg fällt als erstes eine kleine Katze auf, eine bunte Figur. Sie winkt fröhlich, kommt ursprünglich aus Japan, soll Glück bringen - und bittet hier um Spenden für die Sammlung. Aus dem Hintergrund beobachtet eine geheimnisvolle große graue Frau, was die Katze da so treibt. Das heißt, eigentlich beobachtet die Frauenfigur nicht. Sie wirkt entrückt, scheint in eine andere Welt zu blicken. Zu den Göttern? Ist sie gar selbst eine Göttin?

Diese zwei so unterschiedlichen Objekte - die antike Frau, das moderne Kätzchen - sie verdeutlichen, was der evangelische Theologe und Religionswissenschaftler Rudolf Otto wollte, als er vor 90 Jahren die Religionskundliche Sammlung gegründet hat:

"Diese Sammlung soll dem Studium der Religion in ihren mannigfaltigen geschichtlichen Erscheinungen dienen. Was sich vom Leben der Religion sichtbar oder hörbar darstellt, soll den Inhalt der Sammlung bilden."

"Fremde Heiligtümer"

Die winkende Katze war damals allerdings noch nicht dabei. Eingerichtet wurde die Sammlung zum 400. Jubiläum der Philipps-Universität Marburg, 1927. Zwei Jahre später gab es die erste Ausstellung mit dem Titel "Fremde Heiligtümer". Viele Objekte stammten aus der Privatsammlung von Rudolf Otto.

"Otto hatte aufgrund seiner Reisen in verschiedene Länder und vor allem auch nach Asien und den Nahen, Mittleren Osten die Idee, dass man die Vielfalt der Religionen gerade anhand ihrer materiellen Zeugnisse verstehen kann und auch erfahren kann."

Edith Franke leitet die Religionskundliche Sammlung seit elf Jahren. Sie ist in Marburg Professorin für Religionswissenschaft. Sie und ihr Team bieten jährlich bis zu 80 Führungen an - meist für Schüler und Studierende. Das war auch ein Anliegen des Sammlungsgründers.

"Otto hatte damals die Idee, dass Besucher und Besucherinnen - ob das jetzt Händler waren oder seiner Idee nach auch Missionare oder auch Studierende oder Gelehrte - die dann hier an einem Ort verschiedene Religionen nebeneinander sehen können. Und das ist etwas Besonderes. Das gibt es kaum in irgendwelchen Museen, dass man jetzt nicht eine Religion zum Thema macht, sondern dass man von einem Raum in den anderen vom Hinduismus zum Buddhismus, zum Islam, Christentum, Judentum und so weiter wechseln kann."

Christentum als "elaborierteste Manifestation des Heiligen"

Gestartet ist die Sammlung mit 1.500 Objekten. Inzwischen sind es fast 10.000: diverse Buddha-Figuren, Jesus und Maria oder die bunte Götterwelt des Hinduismus, zum Beispiel der "Elefantengott" Ganesha. Geister, Götter und Gegenstände aus der ganzen Welt sind hier versammelt. Otto verfolgte damit allerdings nicht nur pädagogische Zwecke, erklärt Edith Franke:

"Er hat mit diesem Religionsvergleich, also mit diesem Blick auf verschiedene Religionen, sicherlich auch im Sinn gehabt - das wird in seinen Schriften auch deutlich - dass das Christentum seiner Ansicht nach dann doch vielleicht die beste oder elaborierteste Manifestation des Heiligen ist."

Rudolf Otto war aber nicht nur ein Streiter für das evangelische Christentum. Er setzte sich gewissermaßen für alle Religionen ein - für das Religiöse an sich. Das wollte er verteidigen gegen die fortschreitende Säkularisierung - in der Weimarer Zeit, aber auch schon zuvor. Er wollte …

"… mit diesem Religionsvergleich auch die Bedeutung von Religion nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft nach vorne stellen. Er war davon überzeugt, dass Religiös-Sein zum Mensch-Sein dazugehört. Und wahrscheinlich auch mit der Idee, dass das ein besseres Mensch-Sein ist, wenn Menschen religiös sind und sich dem ernsthaft widmen."

Die "thronende Göttin" wird zur "Großen Sitzenden"

Seit ihrer Gründung ist die Religionskundliche Sammlung zweimal umgezogen. Vieles hat sich verändert. Die graue Frauenfigur ist dafür ein gutes Beispiel. Seit 1932 ist sie hier, also schon seit Ottos Zeiten. Damals wurde sie bezeichnet als die "thronende Göttin" - sie sitzt und ist dabei fast zwei Meter groß. Das Original der Figur ist 3.000 Jahre alt und wurde im heutigen Syrien gefunden. Weil es aber keinen Beweis dafür gibt, dass die Frau tatsächlich als Göttin verehrt wurde, wird sie heute in der Sammlung nicht mehr so genannt, sondern einfach die "Große Sitzende".

Derwisch-Puppen tanzen durch die Marburger Sammlung (Deutschlandradio/ Christian Röther)Derwisch-Puppen tanzen durch die Marburger Sammlung (Deutschlandradio/ Christian Röther)

Alle Objekte sind gleichberechtigt. Ob höchstes Wesen, Bettelschale oder Comic - alle haben ihren Raum, niemand scheint bevorzugt. Die Objekte wirken lassen, das wollte auch Rudolf Otto. Er glaubte, dass die heiligen Objekte sich dem Betrachter offenbaren können. 1917 schrieb Otto in seinem Hauptwerk "Das Heilige":

"Dieses Numinos-Magische ist besonders fühlbar in den seltsam eindrücklichen Buddha-Gestalten früh-chinesischer Kunst und wirkt hier auf den Beschauer auch 'ohne Begriff', das heißt ohne dass er von Lehre und Spekulation des Mahayana-Buddhismus etwas weiß."

"Wir haben schon den Anspruch, dass wir die Gegenstände auch erklären. Dass wir Führungen zum Anlass nehmen, den Kontext herzustellen. Das ist anders als bei Otto. Wir sagen, wir wollen Religionen gegenüberstellen. Wir sagen auch etwas zum Gebrauch und so weiter. Also wir lassen die Gegenstände nicht ganz alleine wirken. Das ist sicher anders."

"Die Vielfalt des Islams zeigen"

Neu ist auch eine Ausstellung über die "Vielfalt islamischer Glaubenspraxis". Da ist eine kleine Papp-Moschee zu sehen, die Kinder zusammenbauen können. Oder tanzende Derwisch-Puppen. Oder eine Cola-Dose von Muslimen für Muslime: die Mecca-Cola. So reagiert die Marburger Sammlung darauf, dass der Islam oft Thema ist in Medien und Politik, erklärt Edith Franke:

"Das war keiner der Sammlungsschwerpunkte von Rudolf Otto. Wir haben das aber mit eignen Anschaffungen ergänzt und haben eben auch - religionswissenschaftlich fundiert natürlich - jetzt die Idee, mit dieser Ausstellung ein größeres Spektrum an Vielfalt des Islams zeigen zu können, als gemeinhin in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird."

Auch Rudolf Otto selbst ist nun Teil der Sammlung. Eine Vitrine ist dem Gründer gewidmet. Manche nennen sie augenzwinkernd den Otto-Schrein. Neben einem Porträt des Theologen hängen sein Zylinder und sein Tropenhelm. Den trug Otto, wenn er in Asien oder Nordafrika religiöse Objekte kaufte. Aber wie viel Rudolf Otto steckt noch in der Sammlung?

"Sehr viel. Also es gibt eine ganz große Anzahl von Gegenständen, die wirklich in den frühen Jahren der Gründung angeschafft worden sind. Und was Sie immer noch sicherlich im ottoschen Sinne auch sehen, dass Gegenstände zum Teil auch so aufgestellt sind, dass sie Wirkung entfalten können. Manchmal lesen wir es in unserem Gästebuch nach, dass Menschen sagen: 'Oh, das ist ein spiritueller Ort hier. Hier spüre ich etwas.' Das ist aber eine sehr individuelle Sache."

Denn dass Besucher etwas Religiöses empfinden - das ist nicht Ziel von Edith Franke und dem Team der Religionskundlichen Sammlung. Rudolf Otto aber würde es sicher freuen.

Jubiläumsfeier der Religionskundlichen Sammlung:
"Zusammen sind wir 100!"
90 Jahre Religionskundliche Sammlung, 10 Jahre Religion am Mittwoch
Zeit: 06.12.2017 18:00 Uhr
Ort: Landgraf-Philipp-Str. 4, 35037 Marburg

Jubiläumsband (direkt bei der Sammlung erhältlich):
"Objekte erzählen Religionsgeschichte(n). Eine religionswissenschaftliche Spurensuche in der Religionskundlichen Sammlung"
Herausgegeben von Edith Franke
225 Seiten, Preis: ca. 12 Euro

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