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Seit 21:00 Uhr Nachrichten
StartseiteTag für TagReligiöser Extremismus im Internet06.12.2012

Religiöser Extremismus im Internet

Gruppierungen nutzen das Netz für ihre Propaganda

Radikales religiöses Gedankengut entsteht zwar nicht im Netz, sondern zuerst in der realen Welt. Das Internet werde dann allerdings als Transportmedium verwendet, urteilt die Religionswissenschaftlerin Kerstin Radde-Antweiler.

Von Michael Engel

Im deutschsprachigen Netz sei der virtuelle Widerstand besonders ausgeprägt, sagt die Religionswissenschaftlerin. (Stock.XCHNG / Vangelis Thomaidis)
Im deutschsprachigen Netz sei der virtuelle Widerstand besonders ausgeprägt, sagt die Religionswissenschaftlerin. (Stock.XCHNG / Vangelis Thomaidis)

Seit Jahren geht Kerstin Radde-Antweiler der Frage nach, wie sich Religionsgemeinschaften in den Medien präsentieren. Die Juniorprofessorin vom Institut für Religionswissenschaft und Religionspädagogik der Universität Bremen schaut dabei auch ins Internet, betreibt Feldforschung, wie sie sagt. Mit wissenschaftlicher Akribie sucht sie die Homepages von religiös motivierten Gruppierungen auf, analysiert die Botschaften, und findet dabei immer wieder sehr extreme Positionen.

"Also man sieht eigentlich fast alles, kann man ganz salopp sagen. Nämlich sogenannte 'radikale Einzelpersonen', die ihre persönlichen Homepages dort haben und Informationsmaterial bereitstellen. Die sehr professionell auftreten, sehr viele interaktive Angebote haben. Auch schon sehr gut zugeschnitten sind auf ein ganz breites Klientel von Kindern bis zu Konvertiten bis eigentlich auf Frauen etc., die einfach nicht nur religiöse Literatur online stellen, sondern auch Seelsorgegespräche anbieten."

Das Internet ist eine Agitationsfläche für alle radikal-religiöse Gruppen. Salafisten und andere fundamentalistische Strömungen des Islams aber auch für christlich orientierte Akteure, die Angebote wie Kreuz.net betreiben, das vor wenigen Tagen abgeschaltet wurde. In Deutschland, sagt Kerstin Radde-Antweiler, seien diese Netzaktivitäten im Vergleich zum Ausland aber eher moderat.

"Also in den USA haben wir viel stärkere Gruppierungen, die auch im Internet auftreten, und wir haben diese Gegendiskurse nicht in dem Ausmaß, wie wir es zum Beispiel in Deutschland finden. Das hat damit zu tun, dass wir einen sehr kritischen Journalismus und damit auch eine sehr kritische Medienberichterstattung haben, die auch solche Sachen gleich wieder aufgreifen – wie zum Beispiel jetzt Kreuz.net, dass man momentan fast von einer 'Eventisierung' des Ereignisses 'Kreuz.net geht offline' spricht. Weil es durch alle Medien in der Berichterstattung durchgeht, von Bild, bis zurzeit, bis zur Frankfurter Allgemeinen."

Im deutschsprachigen Netz besonders ausgeprägt sei auch der virtuelle Widerstand vieler Menschen gegen extreme Positionen, wie sie auf Kreuz.net und anderen Seiten vertreten werden. So finden sich allein unter dem Stichwort "Salafisten" Tausende von Kommentaren bei Facebook, Twitter und anderen Online-Foren, die sich gegen die Gruppierung richten. Der religiöse Extremismus im deutschsprachigen Internet habe sich in den vergangenen Jahren nicht ausgebreitet, so die Religionsforscherin, sondern verharrt eher konstant auf niedrigem Niveau.

"Medienwissenschaftlich würde ich davon abraten, das Medium Internet oder das Social-Web als Ursache für bestimmte Wirkungen zu nehmen. Denn Facebook radikalisiert nicht. Genauso wenig wie Twitter an sich radikalisiert oder das World Wide Web radikalisiert. Es muss dorthin gehend viel differenzierter geschaut werden, nämlich dass Mediatisieren nur ein Aspekt von soziokulturellem Wandel ist oder religiösem Wandel. Daneben steht Globalisierung, Individualisierung oder aber auch Kommerzialisierung. Und nur in diesem Geflecht kann man wirklich verstehen, wie auch radikale Gruppierungen sich wandeln und überhaupt entstehen."

Radikales Gedankengut entsteht nicht im Netz, sondern zuerst in der realen Welt. Das Internet sei dann nur Transportmedium – urteilt Kerstin Radde-Antweiler. Auch sei das Netz nicht für die zunehmende Radikalisierung von Inhalten verantwortlich zu machen, sondern immer nur ein Spiegel gesellschaftlicher und damit auch religiöser Orientierungen.

"Das, was wir sehen, und das ist der große Vorteil am Internet: Wir kriegen es wenigstens zum Teil sichtbar gezeigt und können das in den offiziellen, also in den dominanten Diskurs wieder mit einbringen – mit einer kritischen Reflexion. Ich glaube aber, dass diese Web-Aktivitäten nur ein Teil dieser Aktivitäten dieser religiösen Akteure sind. Daneben haben wir noch ganz andere, natürlich auch Offline-Aktivitäten. Da muss man sich nichts vormachen."

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