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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Sehnsucht nach Spiritualität15.05.2014

ReligionDie Sehnsucht nach Spiritualität

Die Mitgliederzahlen der Kirchen sind in Deutschland seit Jahren rückläufig, auch wenn das allgemeine Interesse an Spiritualität steigt. In Köln haben Experten nun darüber diskutiert, wie sich dieser Widerspruch erklären lässt und welche Rolle Religion in der Moderne noch spielt.

Von Ingeborg Breuer

Die Kirchturmspitzen der Kreuzkirche (r) und der Marktkirche (l) sind am 07.01.2014 in Hannover (Niedersachsen) bei Sonnenaufgang zu sehen. (picture-alliance / dpa / Christoph Schmidt)
Kirchen werden heute eher als kunstvolle Bauwerke anstelle von religiösen Orten wahrgenommen. (picture-alliance / dpa / Christoph Schmidt)
Weiterführende Information

Mehr zum Thema Glauben und Spiritualität finden Sie auch auf der Internetseite unserer Sendung Tag für Tag.

"Das Christentum als Religionsgemeinschaft findet breite Sympathie, aber das ist ein verdünntes Christentum",

so Professor Detlef Pollack, Religionssoziologe an der Universität Münster in seinem Eröffnungsreferat auf der Kölner Tagung. Nach wie vor ist ein Großteil der Menschen der Meinung, dass das Christentum positive Einflüsse auf unsere Gesellschaft habe.

"Ja, das ist gut, wenn die Kinder christlich erzogen werden oder das Christentum ist das Fundament unserer Kultur, das sagt die Mehrheit. Aber wenn's dann konkret wird, ob man christliche Glaubenssätze akzeptiert, ob Gott die Welt geschaffen hat oder ob Gott in das Leben des Einzelnen eingreift, dann sind es in Westdeutschland eher Minderheiten, die das bejahen. ... Wenn man nach dem Kirchgang fragt, dann sind das bei den Katholiken ca. 12 Prozent, die regelmäßig zum Gottesdienst gehen, bei den evangelischen 3,5 Prozent, also sehr wenig."

Noch gehören zwar über 60 Prozent der Deutschen einer christlichen Konfession an. Doch seit Jahren sinken die Mitgliederzahlen. Zudem, so Detlev Pollack, werden die christlich geprägten Vorstellungen zunehmend konturlos. Ob das aber zugleich bedeutet, dass wir auf dem Weg zu einer vollständig säkularen Gesellschaft sind, in der Religion gar keine Rolle mehr spielt, das wurde in Köln durchaus kontrovers diskutiert. Judith Könemann, Professorin für katholische Theologie an der Universität Münster und eine der beiden Veranstalterinnen der Tagung:

"Die Säkularisierungsthese impliziert sehr stark eine Spannung zwischen Religion und Moderne - mit der hohen Wahrscheinlichkeit eines Rückgangs von Religion. Ich finde, dass das vor allem auf Entkirchlichungsprozesse zu beziehen ist. Ob es sich auf Entchristlichungsprozesse bezieht, sei noch mal dahingestellt. Deshalb hat auch die Diskussion, die wir vorhin hatten, noch mal deutlich gemacht, dass doch Fragen offen bleiben und wir ganz einlinig von dem sozialen Bedeutungsverlust von Religion nicht sprechen können."
Religiosität, so Judith Könemann, sei nicht auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft mit entsprechenden Ritualen und Glaubenssätzen zu reduzieren. Dem schloss sich auch Saskia Wendel an, Professorin für katholische Theologie in Köln und Mitveranstalterin der Tagung.

"Religion ist mehr als Christentum. Und es gibt nichttheistische Religionen und es gibt Religionen, die nicht an ein Leben nach dem Tod glauben. Und insofern muss man die Bestimmung Religion viel weiter fassen: Zunächst einmal ist es der Bezug auf ein Unbedingtes. Und das wird im Unterschied zum Endlichen auf spezifische Weise gefasst. Und daran machen sich Religionen fest im Hinblick auf Sinndeutungspraxen, weil jeder Mensch versucht seinem Leben einen Sinn zu geben und zu deuten."
Für Detlev Pollack allerdings gibt es empirische Befunde darüber, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Religiosität und kirchlicher Bindung gibt.

"Was wir beobachten, ist eine Abschwächung der kirchlichen Bindung. Und sehr häufig stellen sich Religionssoziologen auf den Standpunkt, das besagt nicht viel, weil die Menschen auch unabhängig von ihrer kirchlichen Bindung religiös sein können. ... Aber man muss auch zur Kenntnis nehmen, dass viele Menschen in dem Maße religiös sind, wie sie kirchlich gebunden sind. ... Also nicht nur die, die zum Gottesdienst gehen, können an Gott glauben. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass man an Gott glaubt, steigt in dem Maße, wie man am Gottesdienst teilnimmt. Ist auch ganz logisch, beim Glauben an Gott hat man es mit unanschaulichen Dingen zu tun, man weiß nicht genau, wovon man spricht. Und deswegen ist es so wichtig, dass man sich mit anderen, die ähnlich glauben, dass man sich mit denen trifft, dann wird der eigene Glaube bestärkt."

Zur Diskussion steht also: selbst wenn das religiöse Fragen nach einem letzten Sinn bestehen bleibt – werden die Antworten darauf nicht immer diffuser? Kommt es nicht zunehmend zu einer hochindividuellen Patchwork-Religion? "Man kann", so pointierte einmal der Schweizer Soziologe Olivier Favre, heute "gleichzeitig ein Bild von Jesus aufhängen, ab und zu einen Gottesdienst besuchen, Befürworter der Reinkarnation sein und mit der verstorbenen Großmutter kommunizieren."

"Dann hat man doch noch eine diffuse Vorstellung von einem höheren Wesen oder von einer Energie, die über uns ist, zu der wir auch eine Beziehung herstellen können. Das Religiöse verdampft nicht, aber es wird verflüssigt, es wird schwerer greifbar, nicht mehr so konkret. Und man muss sagen, dass diese sehr stark spirituelle Vorstellung vom Religiösen auch nicht sehr stark lebensbestimmend ist."

Zudem ergaben Detlev Pollacks empirische Befunde, dass gerade mit wachsendem Wohlstand die Bedeutung von Religion sinkt. Die religiösen Verheißungen von göttlichem Beistand und Heil im Jenseits konkurrieren mit dem prallen, satten Diesseits.

"Das ist eine mögliche Erklärung, dass man gar nicht mehr so sehr das Bedürfnis verspürt nach dem Jenseitigen zu fragen, wenn's einem hier im Diesseits relativ gut geht. Eine andere Erklärung würde darauf herauslaufen zu sagen, wenn man so einen Überfluss hat, wie wir ihn hier haben, also so viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, auch Möglichkeiten, sich in der Arbeit zu verwirklichen, also ganz viele Möglichkeiten, die die Gesellschaft dem Einzelnen bereitstellt, ... dann kommen religiöse Angebote unter Konkurrenzdruck."
Judith Könemann sieht aber weiterhin ein Bedürfnis nach religiösen Fragen.

"Also können wir sagen, gestiegener Wohlstand, weniger Religion? Das scheint sehr einsichtig zu sein. Aber diese Kontingenzerfahrungen verlagern sich einfach bei uns. Wir haben nicht mehr die Kontingenzerfahrungen, ob wir hungern müssen, aber ganz andere Kontingenzen."

Heute sei es vielleicht weniger die materielle Not, so Saskia Wendel, die die Menschen in unseren Wohlstandsgesellschaften umtreibe. Doch das Fragen danach, ob es einen letzten Sinn, eine letzte moralische Instanz gebe und was nach dem Tod komme, sei auch durch gestiegenen Wohlstand nicht aus der Welt zu schaffen.

"Das ist eine Sehnsucht, die uns eingeschrieben ist, egal ob wir arm oder reich oder krank oder gesund sind. Und meine grundsätzliche Frage ist, ob bestimmte Such- und Fragbewegungen, die wir haben als endliche Existenz, einfach verschwinden können durch das, was man als Modernisierungsschübe bezeichnet. Und da ist bleibend für mich ein Einfallspunkt von religiösen Deutungsmustern. Die bleiben, weil sie konstitutiv zum Menschsein selbst gehören. Und damit gehört für mich auch die religiöse Dimension konstitutiv zum Menschsein selbst."

 

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