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StartseiteAus Religion und GesellschaftNicht ohne meinen Jesus 12.10.2016

Religion im US-amerikanischen WahlkampfNicht ohne meinen Jesus

Weiße Protestanten sind noch immer in der Mehrheit in den USA - auch wenn die Zahl der Konfessionslosen zunimmt und jeder fünfte US-Amerikaner katholisch ist. Juden und Muslime dagegen - zusammen gerade mal drei Prozent. Dennoch müssen sich beide Präsidentschaftsbewerber erklären: Wie hältst Du's mit der Religion?

Von Katja Ridderbusch

Hillary Clinton speaks during the National Bar Association's 60th Anniversary of the Montgomery Bus Boycott at the Dexter Avenue King Memorial Baptist Church in Montgomery, Alabama, USA, 01 December 2015. (picture alliance / dpa - Foto: Erik S. Lesser)
Hillary Clinton in der Dexter Avenue King Memorial Baptist Church in Montgomery - hier war Martin Luther King Pastor von 1954-1960. (picture alliance / dpa - Foto: Erik S. Lesser)
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Gott ist immer dabei. Zumindest immer dann, wenn das Leben öffentlich wird in Amerika. Ob bei einer Rede des Präsidenten, einem Baseball-Spiel oder einem Business-Deal: Gottes Segen ist allgegenwärtig.

Das gilt besonders in Zeiten des Wahlkampfs. Mal früher, mal später muss sich jeder Kandidat der Frage stellen: Wie hält er’s mit der Religion?

"I am a Christian, and I take my faith very seriously ..."

Sie nehme ihren Glauben sehr ernst, erklärte Hillary Clinton, ehemalige First Lady, ehemalige Außenministerin und jetzt Präsidentschaftskandidatin der Demokraten. Im Übrigen, ergänzt sie, nach einer Woche im Weißen Haus fange jeder an zu beten.

"A week in the White House would turn anybody into a praying person."

Und auch Donald Trump, Clintons republikanischer Widersacher und bislang nicht als sonderlich gottesfürchtig in Erscheinung getreten – zeigte bei der Frage nach seiner Religion einen seltenen Anflug von Selbstironie:

"I’m a religious person. People are shocked when they find this out."

Auch wenn das viele Leute erschrecke, sagte der Immobilienmogul und Reality-Star: Er sei tatsächlich religiös. Presbyterianer. Er liebe Gott, und er liebe die Kirche.

"And I love God and I love my church."

Am lautesten sind die Protestanten

Das Bekenntnis zu Gott als Eintrittskarte in die Politik: Michael Leo Owens findet das nicht überraschend. Owens – verwaschene Jeans, Poloshirt, schwarze Hornbrille - lehrt als Professor für Politikwissenschaft an der Emory-Universität in Atlanta.

Michael Leo Owens - Professor für Politikwissenschaft an der Emory-Universität in Atlanta (Emory University / Foto: Kay Hinton)Michael Leo Owens - Professor für Politikwissenschaft an der Emory-Universität in Atlanta (Emory University / Foto: Kay Hinton)

"Religion gehört zu unserer Geschichte. Sie war da, noch bevor die Vereinigten Staaten gegründet wurden. Die britischen Kolonialherren und die Puritaner, die in die neue Welt auswanderten, haben ihre Saat sehr tief in den Boden gepflanzt. Religion, vor allem der christliche Glaube, ist die Basis unserer Gesellschaft und Demokratie."

Weiße Protestanten - mit ihren zahlreichen Denominationen und Splittergruppen, von Baptisten, Methodisten und Lutheranern bis zu Pfingstlern - sind mit rund 40 Prozent noch immer die größte Religionsgemeinschaft der USA. Katholiken kommen auf 21 Prozent, Juden liegen bei zwei und Muslime bei einem Prozent.

"Diejenigen, die sich am lautesten auf der öffentlichen Bühne Gehör verschaffen, sind die Protestanten. Sie versuchen, die Politik nach ihrem Geschmack zu gestalten, zu formen, zu beeinflussen. Vor allem bei umstrittenen sozialen und ethischen Fragen wie der Schwulenehe, der Abtreibung oder der Todesstrafe."

Da verschwimmt dann bisweilen jene klare Trennlinie, die den Gründervätern der USA heilig war: die Grenze zwischen Staat und Kirche. Zwar wäre es in den USA undenkbar, dass der Staat eine Kirchensteuer eintreibt. Dennoch sind amerikanische Kirchengemeinden machtvolle Lobbygruppen, die in der Gesellschaft kräftigen Widerhall finden, die ihre Mitglieder mobilisieren - und damit auch: Wähler. Vor allem ultra-konservative Megachurches mit tausenden Mitgliedern und eifernden Predigern dienen häufig als Einpeitscher im Wahlkampf.

"I believe that Christians in America are the key to revival ...

Christen seien der Schlüssel zum Wiedererwachen Amerikas, tönte Baptistenpastor Dennis Terry aus Louisiana im Jahr 2012.

Ted Cruz wäre ideal gewesen

Gott ist immer dabei in der amerikanischen Politik - mal mehr, mal weniger offensiv. Im aktuellen Wahlkampf: eher weniger. Das liegt zum Teil an den beiden Kandidaten selbst. Doch der Schein trügt, sagt Owens.

"An der Oberfläche geht es im Präsidentschaftswahlkampf 2016 nicht um Religion. Dennoch sind die religiösen Kräfte stark, denn Donald Trump vertritt eine Reihe von Werten, mit denen sich weiße, evangelikale Christen identifizieren. Das ist verwirrend, selbst für Amerikaner."

Tatsächlich taugt Trump nicht wirklich zum moralischen Vorbild. Er war dreimal verheiratet. Früher trat er für, später gegen das Recht auf Abtreibung ein. Und auch im Streit um die Schwulenehe zeigte er sich lange Zeit indifferent.

Trotzdem: Die evangelikalen Christen stimmten bei den Vorwahlen für Trump - und nicht für dessen Mitbewerber Ted Cruz. Eigentlich wäre Cruz, der Sohn eines Baptistenpredigers und zurzeit Senator von Texas, der ideale Kandidat für diese Wählergruppe gewesen; denn er hatte seinen Glauben ins Zentrum seines Wahlkampfs gestellt.

"Ironischerweise sind evangelikale Wähler in Rekordzahlen an die Urnen gegangen. 16 Millionen, sechs Millionen mehr als vor vier Jahren. Es war halt nur Pech für Ted Cruz, dass sie für Trump gestimmt haben. Und eine große Überraschung für uns alle."

Ralph Reed, Founder and Chairman of the Faith and Freedom Coalition speaks during the Faith and Freedom Coalition's "Road to Majority" conference in Washington, Friday, June 20, 2014. (picture alliance / dpa / Foto: Drew Angerer)Ralph Reed - evangelikaler Lobbyist und Politikberater (picture alliance / dpa / Foto: Drew Angerer)

Das sagt der Mann, der seit 30 Jahren evangelikale Stimmen für republikanische Kandidaten eintreibt: Ralph Reed, Lobbyist und Politikberater. Er war es, der George W. Bush gleich zweimal zur Präsidentschaft verhalf. Der die religiöse Rechte als kraftvolle Wählergruppe etablierte. Das TIME Magazine hob Reed 1995 auf das Cover und titelte: "Die rechte Hand Gottes". Reed – schmal, dunkler Anzug, gletscherblaue Augen und blitzweißes Lachen – hat auch mit Mitte 50 noch das sanfte Puppengesicht eines Chorknaben. Er sitzt im sterilen Konferenzraum seines Büros - mit weitem Blick über die Skyline von Atlanta.

Was also finden Evangelikale ausgerechnet an Donald Trump?

"Entgegen der landläufigen Vorstellung wählen sie einen Kandidaten nicht allein aufgrund seiner Religion. Ein Kandidat kann extrem gottesfürchtig sein, aber die Evangelikalen werden trotzdem nicht für ihn stimmen, wenn er ihre politischen Positionen nicht vertritt."

Für das weiße, christliche, konservative Amerika

Zu den wichtigsten Positionen der religiösen Rechten zählen, Reed zufolge: Schutz des ungeborenes Lebens und der traditionellen Ehe, Schutz der Religionsfreiheit, Unterstützung Israels und Ablehnung des Nuklearabkommens mit dem Iran. Trump ist zu einigen dieser Positionen freilich erst auf Umwegen gelangt. Macht nichts, meint Reed. Politikwissenschaftler Owens ergänzt:

"Menschen haben verschiedene Identitäten. Ein weißer evangelikaler Protestant kann zugleich ein weißer Republikaner in den Südstaaten sein. Viele dieser Leute hegen rassistische Ressentiments und haben häufig einen Hang zum Autoritären. Das macht Trump für sie so attraktiv."

Viele weiße Republikaner, vor allem im Bible Belt, dem Bibelgürtel des Südens, sind arm, arbeitslos und unterprivilegiert, fühlen sich zurückgelassen vom Fortschritt, überrollt von Fremden, sagt Owens. Ihnen gefalle Trumps Sprache. Eine Sprache, die schillert. Eine Sprache mit Ambivalenzen: zwischen Restauration und Erneuerung.

"... and we will make America great again."

Und eben sein Versprechen, Amerika wieder groß zu machen, das weiße, das konservative, das christliche Amerika.

"Trump gibt ihnen ein kleines bisschen Religion, aber er gibt ihnen so viel mehr von dem, wonach sie sich sehnen, so viel mehr, als Ted Cruz ihnen hätte geben können."

Ein authentischer Pöbler

Vor allem auch einen Freibrief zum Pöbeln, sagt Owens. Gegen Frauen, gegen Mexikaner, gegen Muslime, gegen die Medien.

"Die Leute dürfen sagen, was auch immer sie sagen wollen, so vulgär, so politisch inkorrekt es auch sein mag. Sie dürfen jeden Anstand missachten. Trump ermuntert sie, ihre niedersten Instinkte und Emotionen öffentlich auszuleben. Mit Trump bekommen sie die volle Ladung."

Dem kann selbst Ralph Reed, der evangelikale Lobbyist, nicht widersprechen. Und er versucht es auch gar nicht.

"Klar, ich habe schon viele Wahlkämpfe begleitet, und manchmal sagt und tut er Dinge, von denen ich mir wünschen würde, dass er sie nicht sagen und tun würde."

Dennoch: Er warnt den Kandidaten, sich zu verstellen. Das hatte Trump vor einigen Monaten getan, während einer Rede vor der christlichen Liberty University. Und hatte dafür reichlich Spott geerntet.

"Ich bin der letzte, der jemanden kritisiert, der sich auf die Bibel beruft. Aber kein Kandidat sollte denken: wenn ich die Stimme der christlichen Konservativen will, muss ich besonders fromm daherkommen. Das stimmt nicht. Sei authentisch, sei wahrhaftig, sei, wer Du bist. Die Leute bemerken den Unterschied."

Ein Rat, den Donald Trump sicher gerne hören wird.

"Black Churches" mobilisieren Wähler

Lieber ein authentischer Pöbler als ein falscher Frommer: In diesem - und nur in diesem Punkt - würde Raphael Warnock dem Politikberater Ralph Reed wohl zustimmen. Warnock ist Pastor an der Ebenezer Baptist Church in Atlanta, der berühmtesten afroamerikanische Kirche der USA. Jene Kirche, in der Bürgerrechtler Martin Luther King einst predigte. An diesem Sonntag geißelt Warnock die Doppelmoral vieler Politiker in Washington.

Ebenezer Baptist Church: Gedenkgottesdienst für Martin Luther King Jr. (imago stock&people/ Foto: UPI Fotos)Ebenezer Baptist Church: Gedenkgottesdienst für Martin Luther King Jr. (imago stock&people/ Foto: UPI Fotos)

"That's why you've got politicians who go to church every Sunday morning, and then walk into that capitol and come up with the dumbest legislation..."

Jede Woche, so Warnock, gehen sie in die Kirche - und verabschieden einen Tag später unsinnige Gesetze. Die Ebenezer-Kirche war Zentrum und Keimzelle der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den 50er und 60er Jahren. Hier organisierten King und seine Mitstreiter ihre Protestmärsche.

Ebenezer ist jeden Sonntag bis auf den letzten Platz gefüllt. Bereits eine Stunde vor dem Gottesdienst strömen Gläubige über den breiten, schattigen Vorplatz. Hier ist der Kirchenbesuch ein soziales Ereignis: Die Frauen tragen aufwändige Spitzenkleider oder dramatisch taillierte Kostüme mit üppigen Hüten - die Männer Anzüge mit Westen, Krawatten in schimmernden Stoffen und blitzblank polierte Schuhe. In der Lobby halten Gemeindearbeiter Schilder in die Höhe: "Register to vote!" Und sie verteilen Formulare zur Wahlregistrierung.

Die so genannten "Black Churches", schwarze Kirchen, vor allem Baptisten- und Methodistengemeinden, sind bis heute Vehikel für die Mobilisierung von Wählern. Politikwissenschaftler Owens:

"Die Demokraten sind für einen Wahlsieg auf bestimmte Wählergruppen angewiesen, und keine Gruppe ist wichtiger als die Afroamerikaner. Umgekehrt halten schwarze Kirchen es für ihre Kernaufgabe, Gläubige an die Urnen zu treiben."

Afro-Amerikaner wählen Demokraten

Mit Erfolg: Seit dem Jahr 2000 hat die Wahlbeteiligung unter Schwarzen um 14 Prozent zugenommen. Afroamerikaner machen 13 Prozent der US-Bevölkerung aus, und sie wählen mit großer Mehrheit die Demokraten. Wahlkampf-Auftritte in schwarzen Kirchen gehören deshalb zum Pflichtprogramm eines jeden demokratischen Wahlkämpfers.

"Brothers and sisters, we cannot walk alone ..."

Sagte der Wahlkämpfer Barack Obama 2008 bei einem Besuch in der Ebenezer-Kirche. Und auch Hillary Clinton verbrachte zuletzt so manchen Sonntag im Chorgestühl. 

"This is the day the Lord has made, let us rejoice and be glad... "

So warb sie vor den Gläubigen der Mount-Zion-Gemeinde im Bundesstaat Ohio für ihre Agenda der Chancengleichheit und sozialen Gerechtigkeit - eine Botschaft, die bei vielen Afroamerikanern ankommt.

"I want to knock down every barrier that stands in the way of every American getting ahead in our country."

Nicht anders als ihre Kollegen in den weißen, evangelikalen Kirchengemeinden haben auch schwarze Kirchenführer keine Scheu, Missstände lautstark anzuprangern und klare politische Positionen zu beziehen. So wie Pastor Warnock:

"Trumps Kandidatur hat bereits sehr viel Schaden angerichtet. Wir müssen uns klar von seinen Positionen distanzieren. Wir müssen gemeinsam dem Hass entgegentreten. Wer Trump unterstützt, sollte dafür einen sehr guten Grund haben."

Wann endlich ein jüdischer Präsident?

Egal ob sie dazu aufrufen, einen Kandidaten zu unterstützen, oder sie ihn öffentlich verurteilen: Wenn Kirchenführer konkrete Wahlempfehlungen abgeben, ernten sie dafür in den USA häufig Kritik. Zu Recht, findet Rabbiner Peter Berg:

"Rabbis und Priester und Imame müssen vorsichtig sein. Wir können über Themen sprechen, die von politischem Interesse sind, aber wir müssen dabei die Trennung von Staat und Kirche respektieren. Wahlempfehlungen wird man in einer Synagoge selten hören. Juden sind da sehr, sehr zurückhaltend."

Peter Berg, Chefrabbiner des Temple, der ältesten jüdischen Gemeinde in Atlanta (Foto: Ellis Vener)Peter Berg, Chefrabbiner des Temple, der ältesten jüdischen Gemeinde in Atlanta (Foto: Ellis Vener)

Auch Peter Berg steht einem der einflussreichsten Gotteshäuser in den USA vor. Er ist Chefrabbiner des Temple, der ältesten jüdischen Gemeinde in Atlanta. Gemeinsam mit der Ebenezer-Kirche war die Synagoge ein Zentrum der Bürgerrechtsbewegung - und wurde 1958 bei einem Bombenanschlag von Anhängern des rassistischen Ku Klux Klan schwer beschädigt.

Die meisten Mitglieder im Temple stehen den Demokraten nahe – so wie die Mehrheit der amerikanischen Juden. Aber auch einige gemäßigte Republikaner gehören der Gemeinde an.  Und die sollen sich ebenso zu Hause fühlen, sagt Berg. Debattiert werde trotzdem, oder gerade deshalb. Das sei jüdische Tradition. Zum Beispiel: über Waffenbesitz und Waffengewalt.

"Ob man für oder gegen strengere Waffengesetze ist: Jeder lehnt Waffengewalt ab. Und in den USA gibt es eindeutig zu viele Fälle davon."

Für ihn sei das auch eine religiöse Frage, betont der Rabbiner.

"Das ist Götzenanbetung. Die Art, wie viele Amerikaner ihre Waffen verehren, ist eine Form von Götzendienst. Und den lehnen wir als Juden strikt ab. In dieser Frage habe ich ganz klar Position bezogen, basierend auf meinem Glauben. Nicht jeder fand das gut. Aber ich bin mir sicher, dass es richtig war."

Welcher Religion sich ein Präsidentschaftskandidat zugehörig fühlt, das sei für amerikanische Juden nicht unbedingt relevant. Wir sind halt eine religiöse Minderheit, so Chefrabbiner Berg.

"Es ist völlig in Ordnung, wenn Kandidaten religiös motiviert sind, solange wir niemanden haben, der später im Oval Office sitzt und seine ganz persönlichen religiösen Vorstellungen zur Basis seiner politischen Entscheidungen macht."

Immer wieder kandidieren auch jüdische Politiker in den USA für ein hohes Staatsamt, und es fällt auf: In ihren Wahlkämpfen fehlt die sonst so präsente religiöse Rhetorik. Das war bei Joe Liebermann so, der im Jahr 2000 als Running Mate des Demokraten Al Gore antrat. Und das war bei Bernie Sanders nicht anders, dem Sozialreformer, der Hillary Clinton monatelang das Leben schwer machte. Einer der Gründe:

"Jews don't proselytise, Jews do not try to convert people."

Juden missionieren nicht, sagt Berg. Außerdem gingen Juden traditionell besonders kritisch mit ihresgleichen um, hinterfragten einander, ihre Interessen, ihr Vorgehen. Dennoch ist der Rabbiner überzeugt: Jeder jüdische Amerikaner wünscht sich, dass zu seinen Lebzeiten ein Jude zum Präsidenten gewählt wird.

"Believe me, every Jewish person wants to see a Jewish president in their lifetime."

Amerika ist ein bunter Ort geworden

Erst ein Schwarzer als Präsident! Dann eine Frau? Und dann ein Jude? Politikwissenschaftler Michael Owens hält das für gut möglich. Und nach dem Juden - in nicht allzu ferner Zukunft - könnte auch eine Mormone ins Weiße Haus einziehen - oder irgendwann vielleicht sogar ein Muslim. Lange vorbei seien die Zeiten, in denen John F. Kennedy, der erste und bislang einzige katholische Präsident der USA, wegen seines Glaubens um Wählerstimmen bangen musste.

"Die Hürden sind heute sehr viel niedriger. Amerika ist zu einem bunten, aber auch etwas undurchsichtigen Ort geworden, in dem viele verschiedene religiöse Gruppen versuchen, die Politik zu beeinflussen."

Eine Umfrage des Pew-Forschungsinstituts kam zu dem Ergebnis: Die Dominanz weißer Protestanten nimmt langsam ab; der Abstand zu anderen Glaubensrichtungen wird geringer. Auch die Zahl der Amerikaner, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, steigt. Dennoch: Atheisten hätte es weiterhin schwer in den USA, meint Owens.

"Atheisten ... Da ist etwas in der amerikanischen Psyche, das sich gegen Atheisten sperrt, das Atheisten nicht zutraut, ein hohes Staatsamt verantwortungsvoll auszuführen, das Atheismus mit Amoralität gleichsetzt. Es dürfte noch sehr viel Zeit vergehen, bis ein erklärter Atheist zum US-Präsidenten gewählt wird."

Amerika mag säkularer werden, aber es wird ein Land bleiben, in dem Religion die Gesellschaft prägt, direkt oder indirekt. Ein Land, in dem Wahlen nicht ohne ein - wie auch immer geartetes - Bekenntnis zum Glauben zu gewinnen sind. Und in dem Politik nur schwer vermittelbar ist ohne Gottes Segen.

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