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StartseiteTag für TagBekenntnis zum Bekenntnis19.09.2017

Religion im Wahlkampf, Teil 2: BildungBekenntnis zum Bekenntnis

Religionsunterricht wird an staatlichen Schulen erteilt. Artikel 7 des Grundgesetzes macht es möglich. Dass Schüler die Grundzüge der Weltreligionen kennen sollten, bestreitet keine Partei. Die Meinungen gehen darüber auseinander, ob Glaubensvermittlung ins Klassenzimmer gehört.

Von Burkhard Schäfers

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Erstklässler einer Evangelischen Grundschule sprechen ein Gebet. (picture-alliance / dpa / Patrick Pleul)
Fast alle Parteien betonen die Wichtigkeit von Religionsunterricht in der einen oder anderen Weise (picture-alliance / dpa / Patrick Pleul)
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Die neue Statistik zeigt: Aktuell sind etwas mehr als die Hälfte der Deutschen evangelisch oder katholisch - Tendenz fallend. Ganz anders nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Religionsunterricht in der Verfassung festgeschrieben wurde. Damals lag die Zahl der Kirchenmitglieder bei über 90 Prozent. Und so zweifeln Kirchenferne, ob der bekenntnisorientierte Religionsunterricht heute noch an die staatlichen Schulen gehört. Ein Blick in die Wahlprogramme zeigt indes, dass das Gros der Parteien daran nicht rütteln will. Kerstin Griese, Religionspolitikerin der SPD, verteidigt das Fach.

"Ich glaube, dass wir durchaus mehr religiöse Bildung brauchen in einer Zeit, wo das Land in einer großen Zahl weniger religiös wird, wo wir weniger Menschen haben, die Mitglieder der Kirchen und Religionsgemeinschaften sind. Gerade dann ist es wichtig, etwas zu wissen über die unterschiedlichen Religionen. Wir werden religiös vielfältiger in Deutschland, und deshalb ist es wichtig, dass Kinder miteinander und voneinander lernen. Ich halte den Religionsunterricht für ganz zentral dafür."

"Sicherheit in Wertfragen kann nur Religionsunterricht vermitteln"

Religion als Thema in der Schule - da wissen die Kirchen die großen Parteien an ihrer Seite. Und das Grundgesetz: Artikel 7 legt fest, dass die Religionsgemeinschaften für die Inhalte des konfessionellen Unterrichts verantwortlich sind. Aber wäre angesichts der religiösen Vielfalt unter den Schülern nicht ein bekenntnisneutrales Fach Religionskunde das zeitgemäße Modell? Nein, sagt der CSU-Religionspolitiker Markus Blume. Die Unionsparteien sehen die Zukunft im konfessionellen Unterricht.

"Er ist schon deshalb wichtig, weil wir merken, dass in diesen Zeiten von Orientierungslosigkeit, von Ordnungsverlusten, den Menschen wichtig ist, Orientierung und Sinnstiftung zu erfahren. Am Ende tun wir damit auch der Integration einen guten Dienst. Denn ich muss mir ja zunächst mal meiner eigenen Sache sicher sein. Und diese Sicherheit in Wertfragen, in religiösen Fragen, die kann nur ein Religionsunterricht vermitteln. Deswegen werden wir selbstverständlich daran auch festhalten."

"Ethikunterricht für alle"

Anders sieht das die Linke, erklärt deren religionspolitische Sprecherin Christine Buchholz. Ihre Partei will - wie auch Teile der FDP - einen Ethikunterricht, in dem Schüler mit "unterschiedlichen weltanschaulichen, kulturellen und religiösen Hintergründen gemeinsam über ethische Fragen diskutieren können".

"Unsere Grundvorstellung ist, dass es einen religionskundlichen und Ethikunterricht gibt für alle, wo tatsächlich über alle Religionen und Weltanschauungen unterrichtet wird. Was wir in unserem Programm aber auch sagen, ist: Solange es konfessionellen Unterricht gibt, muss es eine Gleichberechtigung geben. Ich glaube, es gibt einen viel größeren Bedarf an islamischem Unterricht, aber auch lebenskundlichem Unterricht. Das heißt, dass alle Religionen und alle Weltanschauungen die Möglichkeit haben müssen, Religionsunterricht anbieten zu können."

Nötig seien bessere Ausbildungsmöglichkeiten für Lehrer, so die Linkspartei. Außerdem sollten muslimische Lehrerinnen mit Kopftuch unterrichten dürfen, was ihnen derzeit in einigen Bundesländern verwehrt ist.

"Das bedeutet erst mal, konkrete Initiativen zu starten, dass die Kopftuchverbote, wie sie jetzt zum Teil bestehen, aufgehoben werden. Letztendlich geht es darum: Hat jede Person das Recht, ihren Glauben auszudrücken und nicht vorverurteilt zu werden. Es ist nicht entscheidend, ob sie ein Kopftuch trägt oder nicht, sondern wie sie ihre Rolle ausfüllt und ob sie das richtig und gut macht."

Religionsunterricht gegen "krudes Patchwork-Zeug"

Den Islamunterricht unterstützen auch SPD und Grüne in ihren Programmen. Derzeit besuchen rund 40.000 Schüler bundesweit islamischen Religionsunterricht oder Islamkunde. Die Länder haben dafür verschiedene Trägermodelle. Was sich die Politik von dem Fach auch erhofft, ist ein Kampf gegen radikale Ansichten unter jungen Muslimen, sagt der Grünen-Abgeordnete Volker Beck:

"Wir erleben, dass diese Jugendlichen oftmals überhaupt keine Ahnung über ihren Glauben haben, weil sie eben nicht durch islamischen Religionsunterricht gegangen sind. Und da kann ein guter, demokratisch orientierter islamischer Religionsunterricht auch eine Radikalisierungs-Prophylaxe sein. Weil die Leute dann erkennen: das, was sie sich da bei YouTube zusammengeklaubt haben, dass das eben nichts mit der islamischen Theologie, nichts mit dem Koran zu tun hat. Sondern einfach krudes Patchwork-Zeug ist, das sehr weit davon entfernt ist."

Imam-Ausbildung in Deutschland

Die Islamlehrer, fordern die Grünen in ihrem Wahlprogramm, müssten an deutschen Unis studieren - an den vor einigen Jahren ins Leben gerufenen Zentren für Islamische Theologie. Dort sollte auch die Ausbildung deutschsprachiger Imame intensiviert werden, "unter Wahrung der Freiheit der Wissenschaft". Während nahezu alle Parteien Islamische Theologie an den Hochschulen begrüßen, will die AfD die entsprechenden Lehrstühle wieder abschaffen. Imame aus dem Ausland - darin sehen neben den Grünen auch Union, SPD, FDP und AfD keinen zukunftsfähigen Weg. Denn diese wüssten zu wenig über das Leben der Muslime in Deutschland, so Volker Beck:

"Deshalb wären die Religionsgemeinschaften klug beraten, diese Praxis umzustellen und zu überlegen, ob nicht Imame in Deutschland ausgebildet werden können, die von den Moschee-Gemeinden eingestellt werden. So dass wir Menschen haben als Seelsorger, die sich hier auskennen und nicht blind sind gegenüber den Problemen, bei denen sie eigentlich helfen sollen."

Derzeit allerdings werden diejenigen, die an einer staatlichen Uni Islamische Theologie studiert haben, in den muslimischen Gemeinden eher skeptisch beäugt. Vielen gelten die Absolventen als zu liberal. SPD-Politikerin Kerstin Griese fordert eine Annäherung:

"Die muslimischen Verbände müssen stärker mit den Hochschulen zusammenarbeiten. Ich weiß, dass es da immer wieder Konflikte gibt. Das ist eine Entwicklung, die gerade im Fluss ist, die sehr stark behindert wird durch die Entwicklung in der Türkei, die es für die Muslime in Deutschland unglaublich schwer macht, sich eigenständig weiterzuentwickeln. Aber das muss sein, damit wir dazu kommen, dass islamischer Religionsunterricht auch eine Normalität an deutschen Schulen ist."

Auch wenn die Konzepte unterschiedlich sind: Insgesamt sehen nahezu alle Parteien religiöse Bildung an Schulen und Universitäten als notwendig an - auch mit Blick auf den gesellschaftlichen Frieden. Denn, so die Annahme: Wo unter den Menschen das Verständnis für Religion verloren gehe, steige die Gefahr von Konflikten.

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