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StartseiteHintergrundVom Atheismus zum Islamismus 08.09.2017

Religion in AlbanienVom Atheismus zum Islamismus

Mit dem Verbot aller Religionen brüstete sich das kommunistische Albanien lange. Es betonte, das erste atheistische Land der Welt zu sein. Nach dem Ende der Diktatur ist es mit seiner neuen Glaubensfreiheit überfordert. Nun hat das kleine Land ein Islamismus-Problem.

Von Sabine Adler

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Menschen laufen über den Skanderbergplatz in Tirana. Keiner trägt Kopftuch. Ein Minarett einer Moschee ist zu sehen. (Deutschlandradio / Sabine Adler)
Viele Moscheen in Albanien sind bescheiden und gehen im Häuser-Meer unter - neue Moscheen können meist nur mit ausländischer Finanzhilfe finanziert werden (Deutschlandradio / Sabine Adler)
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Wenn der Muezzin in Tirana zum Gebet ruft, kann er im Verkehrslärm leicht überhört werden. So wie man schnell die Moscheen übersieht. Es sind bescheidene  Bauten mit jeweils einem  Minarett, das im Häuser-Meer oft untergeht.

Völlig aus der Art schlägt die Erdogan-Moschee, die gerade unweit vom Parlament in Tirana entsteht. Schon jetzt ragen vier Minarette hoch hinauf in den Himmel. Gebaut wird sie mit dem Geld der türkischen  Regierung, deswegen der Name. Die Reaktionen auf die Erdogan-Moschee sind unterschiedlich.

"Ich bin katholisch. Aber die Moschee ist gut, denn sie wird eine touristische Attraktion", sagt eine junge Frau in knappen Shorts. Ermir Barlu, Ingenieur auf der Baustelle, unterstreicht stolz, dass es im Kosovo, in Mazedonien und in Albanien keine größere Moschee geben werde. Der Innenraum werde Platz für 3.000 Gläubige bieten, außen für 1.000, so dass 4.000 Menschen zugleich beten könnten.

Eine junge Frau mit Kopftuch, Brunhilda Bascha, kritisiert den  traditionellen Stil, sie als Architektin hätte es gern moderner. Vor allem aber sei es höchste Zeit für eine große Moschee. Seit 1990 würden die Tiraner darauf warten.

Bauarbeiten an der neuen "Erdogan-Moschee" mit vier Minaretten. (Deutschlandradio / Sabine Adler)Die neue "Erdogan-Moschee", die in Tirana entsteht, soll die größte im Kosovo, in Mazedonien und Albanien werden (Deutschlandradio / Sabine Adler)

Gazmend Aga von der Albanischen Muslimischen Gemeinde kann von seinem Büro aus den Moscheebau beobachten, der im kommenden Sommer fertiggestellt sein soll, und mit seinen Ausmaßen schon jetzt die angestrebte türkische Dominanz im geistlichen Leben Albaniens  verkörpert. 

"Vor dem Kommunismus gab es 1.000 Moscheen in Albanien, sie sind alle zerstört worden. Damals hatte Tirana 8.000 Menschen und 30 Moscheen. Jetzt hat Tirana 800.000 Einwohner und es gibt nur zehn kleine Moscheen. Diese neue Moschee ist deswegen eine Notwendigkeit, kein Statussymbol. Der Stil ist anders, was aber daran liegt, dass wir immer kleine Moscheen hatten. Größere sehen wie diese aus, was man auch in der Stadt Shkodar sehen kann."

Neustart oft mit Finanzhilfe aus dem Ausland

Der junge Vizechef des Muslimischen Verbandes räumt ein, dass es ohne die ausländische Finanzhilfe keine neuen Moscheen in Albanien gäbe. Das Land ist zu arm. Zudem sieht sich der Staat nicht in der Pflicht, verweist auf den Laizismus, also die Trennung von Staat und Kirche. Seit dem Ende der kommunistischen Diktatur, die von 1944 bis 1991 dauerte, ist die Religion zwar nicht mehr verboten und man hörte auf, sich stolz als erster atheistischer Staat zu preisen.

Aber der neue Laizismus anstelle des Atheismus werde jetzt stark übertrieben, findet Gazmend Aga. "Albanien pflegt eine Art radikalen Laizismus, der die Gesellschaft von der Religion fernhalten will. Der Laizismus ist die Trennung von Staat und Religion, nicht die Trennung der Religion von der Gesellschaft, von den Menschen."

Heute bezeichnen sich 57 Prozent der Albaner als Moslems, zwei Prozent gehören zu den alevitischen Bektaschi, 17 Prozent sind orthodoxe und katholische Christen. Alle Religionsgemeinschaften durften nach 1992 wieder praktizieren, mussten ihren Neustart jedoch aus eigener Kraft schaffen. Eine Entscheidung, die Agron Sojati für äußerst fragwürdig hält. Sojati ist der Anti-Terror-Beauftragte des Premierministers, ein Amt, das erst vor zwei Jahren in Albanien eingerichtet wurde.

In seinem Büro in Tirana sitzt Gazmend Aga von der Albanischen Muslimische Gemeinde. (Deutschlandradio / Sabine Adler)Gazmend Aga von der Albanischen Muslimischen Gemeinde sieht den Bau der riesigen Erdogan-Moschee als Notwendigkeit (Deutschlandradio / Sabine Adler)
"Religion war abgeschafft, verboten in Albanien. Jede Religion, nicht nur die muslimische. Ab 1992 standen alle Regierungen auf dem Standpunkt, die Religionen wieder zu erlauben, aber sich selbst zu überlassen. Sie wollten nicht falsch verstanden werden, dass sie die Glaubensgemeinschaften etwa kontrollieren wollten. Aber das hat zu lange angehalten, mehr als 25 Jahre. Und man weiß ja, dass es kein Vakuum gibt. Wir haben sie allein gelassen, andere taten das nicht." 

Agron Sojati organisiert als nationaler Koordinator den Kampf gegen den Extremismus in Albanien. Dass Sojati den Anti-Terror-Kampf sofort mit der Religion verbindet, darf man getrost als Eingeständnis staatlichen Versagens in Religionsfragen werten. In mehrfacher Hinsicht. Beim Moscheebau zum Beispiel. Ohne behördliche Genehmigungen oder Vorgaben taten die muslimischen Gemeinden, was alle im Land machten: Sie bauten einfach drauflos. Das Geld kam aus dem Ausland. Die Absender stammen zumeist aus den finanzstarken Golfstaaten wie Saudi-Arabien, Katar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, aber auch aus der Türkei.

Keine Moscheen - keine Imame

In Tirana muss ein großer Teil der Gläubigen auf den Fußwegen rund um die Moscheen beten, weil in den  wenigen alten Gotteshäusern längst nicht alle Platz finden. Dabei hat Albanien keineswegs mehr Muslime bekommen. Doch während sie sich zu Zeiten der Hoxha-Diktatur hüteten, sich als Gläubige zu erkennen zu geben, können sie jetzt offen zu ihrer Religion stehen. Für die große Gemeinde reichen die Mittel nicht hinten und nicht vorn, von Moschee-Neubauten ganz zu schweigen.

Gazmend Aga vom Albanischen Muslimischen Verband fasst die jetzige Lage so zusammen: Entweder bleibt die muslimische Gemeinde von ausländischen Geldgebern unabhängig, aber arm oder sie wird von ihnen abhängig und dafür reich. "Wir müssen uns eine Million US-Dollar teilen, für alle im Land vertretenen Konfessionen. Wir bekommen 250.000 bis 300.000 US-Dollar, was fast nichts ist."

Auch wenn Gläubige in Albanien auf größere materielle Unterstützung seitens des Staates noch warten müssen, so steht ihnen die Regierung heute keineswegs mehr feindlich gegenüber. So wie früher.

Dem Diktator Enver Hoxha, der 41 Jahre lang Albanien regierte, war sein Hass auf die Religion allerdings nicht in die Wiege gelegt, im Gegenteil. Hoxhas Vater war ein tiefgläubiger Mann, selbst Imam. Doch das hinderte dessen Sohn Enver nicht daran, gegen jeglichen Glauben zu Felde zu ziehen. Aller Besitz wurde entweder zerstört oder konfisziert, einzig die Et’hem Bey-Moschee  auf dem heutigen Skanderberg-Platz in Tirana überdauerte die Wirren von Krieg und Diktatur.

Mit den Moscheen verschwanden die Imame. Die wenigen verbliebenen sind alt, Nachwuchs fehlt. Was Gazmend Aga bewog, selbst ein Religionsstudium aufzunehmen. Wie die allermeisten albanischen Imame. "Es gibt eine kleine Gruppe, die in der Türkei, und eine sehr große Gruppe, die in arabischen Ländern studiert hat und in Syrien beziehungsweise Ägypten. 2011 eröffneten wir unsere eigene Universität in Tirana und bekommen nun wir unsere eigenen Imame, die hier studiert haben."

Verschleierte Frauen sieht man in Albanien nirgends, Kopftücher hin und wieder, die allermeisten Albaner kleiden sich westlich. Gazmend Aga selbst hat sowohl in der Türkei als auch in den USA studiert. Ursprünglich wollte das Rechen-Genie Mathematiker werden. Im weißen Hemd mit offenem Kragen, das Gesicht glatt rasiert, erinnert er eher an einen jungen Banker oder Beamten, als an einen Imam.

"Es gab keine religiöse Erziehung bei uns"

Albanien hat sich trotz  seiner mehrheitlich muslimischen Bevölkerung sehr lange Zeit gelassen, die religiöse Ausbildung selbst in die Hand zu nehmen. In den Jahrzehnten des sogenannten Steinzeit-Kommunismus ist dem Land jedes Verständnis für die Rolle der Religion abhandengekommen. Die fehlende Kompetenz hatte ernste Folgen. 

"Es gab keine religiöse Erziehung bei uns. Deswegen sind viele Albaner dafür ins Ausland gegangen: nach Saudi-Arabien, in die Türkei, nach Syrien, Jordanien, in die Golf-Staaten. Wir als nicht religiöses Land kannten uns mit den Unterschieden in den verschiedenen Islam-Richtungen nicht aus. Es kam zu Konflikten unter den Moslems, der Chef der muslimischen Gemeinde wurde 2003 in seinem Büro erschossen. Die Konflikte dauern an. Zwei Gruppen forcieren eine radikalere Auslegung des Islam."

Noch verhängnisvoller als die Machtkämpfe innerhalb der muslimischen Gemeinde war die Radikalisierung vor allem junger Männer, die nicht nur, aber auch in den Moscheen erfolgte. Enri Hide studiert die islamistische Szene in Albanien und auf dem Balkan seit Jahren.

"Wir haben einige Moscheen, etwa in manchen Außenbezirken von Tirana, die klar unter dem Einfluss von radikalen Leuten stehen. Einer der größten Brennpunkte ist der Ort Cërrik, mit einer der am schnellsten wachsenden radikalen Szenen in Albanien. Oder das Dorf Rëmenj zum Beispiel, aus dem gleich neun Kämpfer zum IS gegangen sind. Die jungen Leute sind aber nicht nur in Moscheen radikalisiert worden, auch in anderen Gebäuden, die nicht für religiöse Zwecke genutzt werden."

Insgesamt leben in Albanien, Kosovo, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien achteinhalb Millionen Moslems. Ein staatliches Regelwerk für die Arbeit von Glaubensgemeinschaften fehlte lange  in all diesen Ländern. Zudem schenkten die Regierungen den verschiedenen Islam-Richtungen - wie dem erzkonservativen Salafismus und dogmatischen Wahabismus sowie dem politischen Islam - zu lange zu wenig Aufmerksamkeit.

Von der zunehmenden Radikalisierung wird der gesamte Westbalkan heimgesucht - einschließlich Albanien, wie der Politikwissenschaftler Enri Hide herausfand. "Zwischen 600 und 900 Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates in Syrien und im Irak stammen vom West-Balkan. Darin sind Familienangehörige eingeschlossen. Aus Albanien kommen 145 Personen, ebenfalls mit Partnern und Kindern.  45 bis 48 sind zurückgekehrt. 76 sind mit ihren Familien noch dort."

Radikale Gehirnwäsche in besonders armen Regionen Albaniens

Roland Islami ist in Albanien ein bekannter Strafverteidiger, der sich in einer teuren schwarzen Limousine durch die Hauptstadt Tirana kutschieren lässt. Als Anwalt hat er neun Syrien-Rückkehrer vertreten. Ehemalige Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates. Ein Aufsehen erregendes Verfahren und zugleich kompliziertes Unterfangen, denn das albanische Parlament verabschiedete erst während der laufenden Prozesse fehlende Gesetze, die  zum Beispiel die Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung unter Strafe stellen.

Anwalt Islami beschreibt die beiden Hauptangeklagten, bei denen es sich um Imame handelt. Der eine, Genci Balla, sei gemäßigt, der andere, Bujar Hysa, das, was man einen Hassprediger nennt, sagt selbst dessen Anwalt. "Bujar Hysa ist eine Person mit einem hohen kriminellen Potenzial. Im Gerichtssaal scheute er nicht vor solchen Aussagen zurück wie: 'Die Führung des Islamischen Staates wird kommen und aus Albanien einen echten Staat machen.' Albanien darf nicht zusehen, wenn jemand solch ein Gedankengut verbreitet.  Man musste ihn einsperren, um zu verhindern das sich solche Ideen in Albanien und der muslimischen Gemeinde hier verbreiten."

Anwalt Roland Islami in seinem Büro am Schreibtisch. (Deutschlandradio / Sabine Adler)Anwalt Roland Islami verteidigte mehrere IS-Kämpfer vor Gericht (Deutschlandradio / Sabine Adler)

Die Imame Buja Hysa und Genci Balla wurden zu 18 bzw. 17 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Das Problem der radikalen Imame ist mit dem Gerichtsprozess jedoch längst nicht erledigt. Für die Gehirnwäsche junger Menschen gehen die Radikalen in besonders arme Regionen Albaniens, erklärt der Anwalt Roland Islami, der das von seinem Mandanten erfahren hat.

"Manche Leute, wie die Eltern von Bujar Hysa, schicken ihre Kinder schon seit Anfang der 1990er-Jahre zu völlig fremden Personen in den Koranunterricht. Die kommen aus arabischen Ländern, verbreiten jedoch weniger religiöses Wissen als vielmehr ihre politischen Ansichten und arabische Verhaltensregeln. Die Eltern setzen ihre Kinder dem aus, weil sie zugleich ein wenig Geld, Decken oder Lebensmittel bekommen. So war das auch, als Imam Bujat Hysas noch ein Kind war."  

Nicht nur arabische Staaten, auch die Türkei öffneten zahlreiche Koranschulen in Albanien. Die erste, von der Gülen-Bewegung organisiert, entstand in Erbasan 1995. Gegen sie erhebt Gazmend Aga von der muslimischen Gemeinde keine Einwände.

"Ihr Modell, Religion und Wissenschaft zusammenzubringen, ist unserem Modell sehr nahe, wie wir es vor dem Kommunismus hatten. Dass Englisch die erste Unterrichtssprache ist, gefällt uns, wir verstehen das als Weltoffenheit."

Türkei nimmt massiv Einfluss

Neben vier weiteren Gülen-Koranschulen wird eine andere von einer Erdogan nahen Stiftung geführt. Seit dem Putsch in der Türkei haben die Gülen-Schulen Finanzprobleme. Unverhohlen fordert der türkische Botschafter in Tirana Albanien auf, die Zusammenarbeit mit sämtlichen Gülen nahestehenden Organisationen sofort zu beenden, auch die muslimische albanische Gemeinde bekommt Druck. Gazmend Aga, ihr Vize-Chef, berichtet, dass es seit gut anderthalb Jahren keinerlei Kooperation mehr mit der türkischen Regierung gibt.

"Wir mögen es in Albanien nicht, Lärm zu schlagen. Was ich an unseren Religionsführern wirklich sehr schätze ist, dass sie den Kommunismus bekämpft haben, ohne dass das Land im Chaos versunken ist. Es hätte einen Bürgerkrieg geben können. Sie haben Widerstand geleistet, haben die Zerstörung aller Gotteshäuser erlebt. Wir erleben gerade etwas Ähnliches: Die Türkei bedroht immerzu die muslimische Gemeinde, der türkische Botschafter macht das grundsätzlich über die Medien. Was können wir tun? Auch Lärm schlagen?"

Der 35-Jährige, der während seines Studiums in der Türkei seine Frau kennenlernte und mit ihr zwei Kinder hat, war seit mehr als einem Jahr nicht mehr in der Türkei. Er wirkt weniger kämpferisch als vielmehr gelassen, als er sagt, dass sein Verband auf die türkischen Forderungen nicht eingehen wird, sondern die Arbeit mit den Gülen-Institutionen fortsetzt wie bisher. "Unser Widerstand besteht darin, weiterzumachen."

Lehrer bekommen Basis-Training gegen Radikalisierung

Laut Gesetz dürfen staatliche Inspekteure die Koranschulen wie auch andere Bildungseinrichtung jederzeit überprüfen. Doch die Kontrollen finden kaum statt. Erst als bekannt wurde, dass auch Albaner unter den IS-Kämpfern sind, wurden die Politiker in Tirana wach und handelten. Agron Sojati entwarf ein Organigramm, in dem jedes Ministerium, jede Verwaltungsebene, auch die muslimische Gemeinde ihren Platz im Kampf gegen den Extremismus zugewiesen bekam. Die wichtigste Rolle komme denen zu, die den engsten Kontakt zu jungen Menschen haben: den Lehrern.

"Alle Lehrer, ohne Ausnahme, bekommen ein Basis-Training im Kampf gegen Gewalt, Extremismus und Radikalisierung in den Schulen. Wie man sie erkennt, damit umgeht und meldet. Es geht nicht um das Anschwärzen, sondern darum, die Gründe zu erfahren und die jungen Leute zurückzuholen. Das Gleiche tun wir mit dem Personal in den 26 Gefängnissen unseres Landes. Und mit den Stadtverwaltungen und da besonders den Sozialarbeitern, sowie denen, die über Beschäftigung und Investitionen sowie Projekte und Berufsausbildung in ihren Orten entscheiden."

Eine Maßnahme, die noch zu oft nur formal und halbherzig umgesetzt wird, kritisiert der Extremismus-Forscher Enri Hide. Aber er stimmt dem Anti-Terror-Koordinator der Regierung zu, direkt in die Wohnorte der gefährdeten Jungen zu gehen. Fußballplätze bauen, Trikots bezahlen, Bücher schenken - das könnte sehr viel mehr bewirken als große Konferenzen in teuren Hotels. Radikalisierung geschehe häufig als Versuch, Armut und Chancenlosigkeit zu entfliehen. 

"Hauptsächlich sind es wirtschaftliche Gründe. 60 Kilometer von Tirana entfernt lebt in einem kleinen Ort eine Gemeinde von Sinti und Roma. Von dort sind allein fünf Personen nach Syrien gegangen, weil man ihnen versprochen hat, dass jeder 1.500 Euro bekommt. Tatsächlich bekamen sie 150 Euro. Alle sind zurückgekehrt." 

Jetzt würden alle überwacht. Aber leider interessiere sich niemand für ihre wirtschaftliche Situation, sagt Sojati, denn diese Männer bräuchten vor allem eine Berufsausbildung, Arbeit, eine Wohnung. 

"Eine nationalen Koordinator oder ein nationales Zentrum zu schaffen, löst das Problem natürlich nicht sofort. Wir haben die Dinge immerhin 25 Jahre völlig schleifen lassen. Es braucht jetzt ein paar Jahre, das  zu korrigieren."

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