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StartseiteInterview"Religion ist aber nicht die Hauptidentität von Menschen"09.08.2007

"Religion ist aber nicht die Hauptidentität von Menschen"

Zentralrats der Ex-Muslime gegen Moscheebau in Köln

Die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime in Deutschland, Mina Ahadi, wehrt sich gegen die Vorstellung, alle Menschen aus sogenannten islamischen Ländern seien radikale Islamisten. Der Islam als Religion sei "wie alle Religionen frauenfeindlich und menschenfeindlich". Der politische Islam versuche dies auszunutzen. Ahadi wandte sich darüberhinaus gegen den Bau einer Moschee in Köln.

Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

Zur Islamkonferenz werden die Ex-Muslime noch nicht eingeladen. (AP)
Zur Islamkonferenz werden die Ex-Muslime noch nicht eingeladen. (AP)

Dirk Oliver Heckmann: Spätestens seit dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh vor drei Jahren ist klar: Wer sich als Moslem kritisch zum Islam äußert oder sich von ihm öffentlich abwendet, der lebt gefährlich, und das nicht nur in Ländern wie Iran und Saudi-Arabien, Afghanistan oder dem Sudan, sondern auch hier mitten in Europa. Das muss nun auch der niederländische Lokalpolitiker Ehsan Jami erfahren. Nachdem er mehrfach Morddrohungen bekommen hat und tatsächlich mehrmals offenbar von radikalen Moslems überfallen worden ist, ist er jetzt untergetaucht und steht unter Polizeischutz. Der Grund: Er hatte in den Niederlanden eine Vereinigung gegründet für ehemalige Moslems, die sich kritisch mit dem Islam auseinandersetzt. Das tut auch die Partnerorganisation in Deutschland, der Zentralrat der Ex-Muslime. Bei mir im Studio ist dessen Vorsitzende Mina Ahadi. Sie hat schon vor drei Jahren das "Komitee gegen Steinigungen" gegründet und eine Kampagne gegen so genannte Ehrenmorde organisiert. Schönen guten Morgen!

Mina Ahadi: Guten Morgen.

Heckmann: Frau Ahadi, Sie kennen Ehsan Jami sehr gut und pflegen enge Kontakte zu ihm. Was war denn jetzt der Anlass für ihn, jetzt unterzutauchen?

Ahadi: Ich habe gestern mit Ehsan gesprochen und ihn gefragt was war los und er hat gesagt, er war mit einigen Angehörigen einkaufen in einem Supermarkt und dort wurde er schon angegriffen von drei Männern: zwei aus Marokko und bei einem weiß er nicht woher. Die haben ihm schon gezeigt, dass sie Islamisten sind, und haben ihn niedergeschlagen. Jetzt hat Ehsan Polizeischutz und kann nicht normal arbeiten. Er versucht irgendwie, sein Leben etwas anders zu organisieren. Wir haben diesen Angriff schon verurteilt und wir glauben, dass es nicht das erste Mal ist. Das kommt immer wieder vor.

Heckmann: Wie lebt er jetzt? Wie kann oder muss man sich das vorstellen?

Ahadi: So wie ich. Wir haben auch in Deutschland Probleme gehabt. Schon im Februar 2007 haben wir den Zentralrat der Ex-Muslime gegründet und bis jetzt bekomme auch ich sehr viele Hassbriefe und so weiter. Wir versuchen, irgendwie Normalität in unserem Leben zu schaffen, aber man muss trotzdem immer wieder aufpassen. Derzeit hat Ehsan Polizeischutz.

Heckmann: Was heißt aufpassen? Wie muss man sich das konkret vorstellen? Wie stark sind Sie dadurch in Ihrem Leben beeinträchtigt?

Ahadi: Man darf sich nicht einschüchtern lassen und auch nicht übertreiben. Das ist meine Ansicht. Wir versuchen deswegen ein normales Leben. Wir gehen arbeiten. Wir gehen schon auf die Straße. Man muss aber immer wieder aufpassen und man muss auch öffentliche Arbeit sehr stark machen, weil ich glaube wenn man Angst hat und wenn man gar nichts macht, dann wird es noch schlimmer.

Heckmann: Sie haben ja schon, bevor Sie den Zentralrat der Ex-Muslime gegründet haben, aus Ihrer Meinung keinen Hehl gemacht und sich für Bürger- und Menschenrechte eingesetzt, auch innerhalb des Islam. Hat sich denn aber die Situation so verändert, dass Sie jetzt nach der Gründung mehr Angst haben als vorher?

Ahadi: Nein, ich habe nicht mehr Angst. Wenn ich zum Beispiel pro Woche 200 E-Mails bekomme, dann sind 177 davon Lob und einige Hassbriefe. Ich weiß das ist eine Methode, dass ich zum Beispiel nicht rede und versuche zu verstehen, dass 90 Prozent der Menschen mit uns sind, Deutsche und Nichtdeutsche, und schon gesagt haben, dass es sehr gute Arbeit ist, die wir leisten. Menschenrechte, die Verteidigung der Menschenrechte, Frauenrechte, Kinderrechte ist für mich ein Prinzip und ich glaube man muss, wenn man über die Menschenrechte oder Frauenrechte der Menschen spricht, die aus islamischen Ländern hierher gekommen sind, sich mit einigen Organisationen und auch reaktionären Kräften auseinandersetzen. Ich meine den politischen Islam und politisierte Organisationen hier in Deutschland. Deswegen mache ich weiter und ich glaube auf diesem Weg verteidige ich die Menschenrechte.

Heckmann: Sie wirken nicht besonders verängstigt. Das kann ich in der Tat bestätigen. Aber haben Sie nicht bedenken, dass einige derjenigen, die Ihnen diese Hass-E-Mails schreiben, vielleicht auch planen, wirklich auch zur Tat zu schreiten?

Ahadi: Ich glaube schon. Wir haben mit organisiertem Terror und Mord zu tun. Man muss aber auch feststellen, dass Gefahr besteht, dass ich von Einzelpersonen angegriffen werde. Das ist aber nicht sehr wichtig meiner Meinung nach. Wir haben zu tun mit Organisationen, die Terror und Mord organisieren. Man muss immer wieder aufpassen und ich passe auch auf und ich glaube je mehr öffentliche Arbeit, je mehr die Menschen uns verteidigen, je mehr mehrere Menschen öffentlich den Islam, aber auch alle Religionen und den politischen Islam kritisieren, desto besser können wir uns schützen. Das ist meine Theorie.

Heckmann: Wie viele Menschen leben so wie Sie?

Ahadi: In Deutschland haben wir als Zentralrat der Ex-Muslime derzeit mehr als 400 Mitglieder. Natürlich sind aber alle nicht bekannt und alle machen nicht öffentliche Arbeit. Weltweit haben wir jetzt zum Beispiel in Skandinavien den Zentralrat der Ex-Muslime gegründet, in London und auch in den Niederlanden. So weit es unsere Bewegung betrifft, leben mehr als 50, 60 Personen so wie wir öffentlich und kritisieren den Islam, alle Religionen und auch den politischen Islam und das ist eine Gefahr.

Heckmann: Es wird in letzter Zeit, in den letzten Jahren immer wieder diskutiert über das Verhältnis zwischen Islam und Gewalt. Wie ist das aus Ihrer Erfahrung heraus? Sie haben ja Einblick in die islamische muslimische Community. Wenn beispielsweise muslimische Männer ihre Frauen schlagen, berufen die sich auf den Koran?

Ahadi: Erstens muss ich hier erklären, die Menschen aus so genannten islamischen Ländern, aus dem Iran, Irak, Türkei und so weiter, sind alle nicht reaktionär und sind alle nicht radikale Islamisten. Ich komme aus einer Familie. Meine Mutter und alle meine Geschwister sind Muslime und ich liebe diese Personen und ich habe Kontakt mit Menschen, die Muslime sind. Die praktizieren aber nicht diese fanatische und reaktionäre Theorie, sondern wir sind zufällig in eine Familie geboren, die Muslime war. Man muss genau trennen. Der Islam als eine Religion ist glaube ich wie alle Religionen frauenfeindlich und menschenfeindlich und diese politische Bewegung versucht, den Islam zu benutzen, weil der Islam und diese Religion hat Kapazität, dass die Frauen zum Beispiel steinigen oder erniedrigen. Deswegen versuchen diese Organisationen, den Islam sehr gut zu verwenden, und ich bin gegen diese Bewegung und ich kritisiere diese Bewegung, nicht Menschen die Muslime sind.

Heckmann: Frau Ahadi, bei der Islam-Konferenz, zu der Innenminister Schäuble eingeladen hat, sind ja zahlreiche muslimische Verbände auch eingeladen und vertreten, unter anderem auch der Zentralrat der Muslime, auch hier in Köln ansässig. Hat der Sie als alternativen Verband sage ich mal, als Zentralrat der Ex-Muslime eigentlich akzeptiert und Ihre Existenzberechtigung akzeptiert?

Ahadi: Nein, noch nicht. Wir haben nichts gehört. So weit es die deutsche Regierung oder das Innenministerium betrifft, haben wir bis jetzt gar keine offizielle Stellungnahme, obwohl die haben schon gesehen, welche Arbeit wir leisten und wie die Menschen uns verteidigen, wenn wir hier Kritik üben gegenüber islamischen Organisationen oder islamischen Verbänden. Ich glaube wir sind jetzt eine politische Bewegung in Deutschland, die sehr angesehen wird, aber die deutsche Regierung hat bis jetzt gar nichts gesagt. Zum Beispiel der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime hat es immer wieder abgelehnt, mit mir an einer Duell-Diskussion im Fernsehen oder in verschiedenen Medien teilzunehmen. Aber wir warten schon. Ich will, dass Herr Köhler einmal kommt und mit mir eine Diskussion macht. Ich werde schon den islamischen Organisationen und deren Vorsitzenden antworten.

Heckmann: Das Ziel dieser Islam-Konferenz ist ja, den Islam als Faktum in der deutschen Gesellschaft zu akzeptieren und zu integrieren in unsere Gesellschaft. Glauben Sie, dass das ein Versuch ist, der Aussichten auf Erfolg hat?

Ahadi: Gar nicht. Das ist eine falsche Politik. Ich sage diese Ethnisierung ist nicht richtig. Wir leben im 21. Jahrhundert und die Menschen sind Menschen. Einige haben Religionen, einige haben gar keine Religion. Religion ist aber nicht die Hauptidentität von Menschen, die hier leben. Deswegen kritisiere ich diese Politik. Das ist ein Etikett: Alle Menschen aus dem Iran, Irak, Türkei, Saudi-Arabien und so weiter sind Muslime. Genau das ist das Problem und das hat bis jetzt auch sehr schlechte Wirkung auf unser Leben in Deutschland gehabt.

Heckmann: Es gab in letzter Zeit, in den letzten Wochen heftige Diskussionen um eine neu zu errichtende Moschee hier in Köln. Wie ist da Ihre Position?

Ahadi: Ich glaube man muss ablehnen, weil ich glaube es gibt genug Moscheen in Deutschland. Die Menschen, die religiös sind, können schon in diese Moscheen gehen. Das ist eine Machtprobe von islamischen Organisationen. Diese Moschee sollte sehr groß sein und sehr hoch sein. Das ist ein Zeichen des politischen Islam, der versucht, sich in Deutschland durchzusetzen. Ich glaube Kopftuch, Moschee und all dieses hat jetzt eine Farbe dieses politischen Islam und ich bin gegen diesen Moscheebau in Köln.

Heckmann: Sie haben entschieden, klare Positionen zu vertreten und nehmen dafür in Kauf, dass Sie Ihr Leben unter Polizeischutz über Jahre möglicherweise führen müssen. Woher kommt diese Überzeugung und dieses Engagement?

Ahadi: Ich komme aus dem Iran. Ich habe dort sehr viel erlebt. Mein Mann wurde ermordet von Islamisten im Iran. Ich habe Medizin studiert dort und allein deswegen, dass ich kein Kopftuch tragen wollte, wurde ich von der Universität entlassen. Ich habe schon erlebt, dass die Frauen wegen Sex auf der Straße eingegraben und gesteinigt werden. Das ist nicht einfach und ich glaube das ist schon eine faschistische Bewegung, welche die Frauen, Menschen und Kinder erniedrigt. Deswegen muss man weltweit gegen eine Bewegung kämpfen, die sehr reaktionär ist. Deswegen mache ich weiter.

Heckmann: Die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime in Deutschland Mina Ahadi war das.

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