• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Auftakt
StartseiteTag für Tag"Eine Auseinandersetzung um die Frage, wozu es sich zu leben lohnt"16.09.2016

Religion und Frieden"Eine Auseinandersetzung um die Frage, wozu es sich zu leben lohnt"

Friedensgebete von Religionsführern seien nicht naiv, sondern "sehr realistisch", sagte der Friedensethiker Heinz-Gerhard Justenhoven im DLF. Auch die wiederholte Kritik des Papstes am Waffenhandel hält er für richtig. Das Engagement für den Frieden sei jedoch nicht leicht, sondern "ein politischer und gesellschaftlicher Kampf um das Richtige."

Heinz-Gerhard Justenhoven im Gespräch mit Christiane Florin

Papst Franziskus feiert in Tschenstochau eine Messe zum 1050. Jahrestag der Christianisierung Polens. (picture alliance / dpa / L'Osservatore Romano )
Papst Franziskus gehe in der Debatte um Frieden in der Welt mit Beispiel voran und stelle sich mutig und beherzt gegen den Mainstream, betonte der Friedensethiker Heinz-Gerhard Justenhoven im Deutschlandfunk. (picture alliance / dpa / L'Osservatore Romano )
Mehr zum Thema

Kirchen kritisieren Waffenhandel

Waffenhandel zwischen wirtschaftlichen Interessen und moralischen Ansprüchen

Nach den Anschlägen von Paris "Zwischen Krieg und Frieden"

Weltgebetstreffen "Wir leben in einer Welt im Krieg"

Christiane Florin: "Durst nach Frieden" ist das diesjährige Weltgebetstreffen in Assisi überschrieben. Dass dieser Durst gestillt wird, wird wohl niemand ernsthaft behaupten. Aber fraglich ist auch, ob wirklich jeder diesen Durst verspürt, weil wir eben nicht in einer idealen Welt leben. Heinz-Gerhard Justenhoven denkt hauptberuflich über Krieg und Frieden nach. Er leitet das Institut für Theologie und Frieden in Hamburg. Guten Morgen Herr Justenhoven.

Heinz-Gerhard Justenhoven: Guten Morgen, Frau Florin.

Florin: Ein Friedensgebet verschiedener Religionen – ist das naive Träumerei angesichts der Weltlage?

Justenhoven: Nein, ich glaube das ist sehr realistisch. Zuerst einmal würden wir als Christen uns daran erinnern, dass Jesus selbst ja gesagt hat: "Bittet, so wird euch gegeben." Das heißt, Beten heißt, ein Grundvertrauen gegenüber Gott zu haben, dass er uns mit den Problemen der Welt nicht alleine lässt, sondern dass er zwar die Welt den Menschen zur Verantwortung gegeben hat, aber einer ist, der immer auch präsent bleibt.

Das heißt, wenn Menschen sich im Gebet an Gott wenden, dann ist da ein Vertrauen, dass ein Gott andere Menschen wiederum öffnet, das sie sich als Friedensstifter von der Gewalt abwenden und dem Frieden zuwenden.  

"Die Macht der Religionen ist groß und zugleich begrenzt"

Florin: Es gibt immer wieder muslimische Geistliche, die sich vom Terror distanzieren, nach jedem Anschlag. Der Papst sagt, alle Religionen wollen den Frieden. Welche Macht haben Religionsführer überhaupt? Welchen Einfluss haben sie auf Außenpolitiker, auf Sicherheitspolitiker?

Justenhoven: Ich glaube, dass die Macht der Religionen groß und zugleich begrenzt ist. Sie ist groß insofern sie aus ihrer moralischen Autorität schöpfen können, dass sie in dem Moment, in dem sie wirklich wie Papst Franziskus mit Beispiel voran gehen und auch mutig und beherzt sich gegen den Mainstream stellen, große Vorbilder sein können.

Und gleichzeitig ist sie natürlich begrenzt, weil sie eigentlich nur an die Verantwortung eines jeden einzelnen und auch der politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen appellieren können und darauf bauen müssen, dass diese Menschen, die hier Verantwortung tragen, sich für den Frieden engagieren und das für den Frieden notwendige tun.  

Florin: Aber welchen messbaren Erfolg sehen Sie, wenn wir an den Irak-Krieg denken, der ja auch durchaus im Namen des Christentums geführt wurde, obwohl der Papst, damals Johannes Paul II, dezidiert dagegen war? Wo ist da der messbare Einfluss gewesen?

Justenhoven: Erstmal muss ich richtig stellen, der Irak-Krieg ist nicht im Namen des Christentums geführt worden, sondern von Regierungen, die hierfür auch die Verantwortung tragen.

"Georg Bush hat versucht, das Christentum für sich in Anspruch zu nehmen"

Florin: Aber die "Achse des Guten" hat ja durchaus auch eine christliche Konnotation.

Justenhoven: George Bush hat zwar versucht, das Christentum für sich in Anspruch zu nehmen, aber er ist auf erbitterten Wiederstand gerade auch in den amerikanischen Kirchen gestoßen. Selbst seine eigene Kirche hat ihn hierfür scharf kritisiert. Ich glaube nicht, dass man hier von einem messbaren Erfolg sprechen kann, weil das Beten für den Frieden oder auch das Engagement für den Frieden nicht wie ein Automat funktioniert, in den man oben Geld rein schmeißt und unten das gewünschte heraus bekommt, sondern ist tatsächlich ein politischer und gesellschaftlicher Kampf um das Richtige und was das Richtige zu tun ist.

Hier ist sehr schwer zu sagen, wer am Ende den größeren Einfluss hat. Man kann es nur so verstehen, dass wir gemeinsam darum ringen müssen, was das für das gemeinsame Zusammenleben von Menschen zu tun Richtige ist. Und hier danach suchen, worin unsere globale Verantwortung besteht und im letzten was ein gemeinsames lebenswertes Leben auf dieser Welt ausmacht. 

"Die Kirchen in Deutschland machen den Waffenhandel seit vielen Jahren zum Thema"

Florin: Erlebt die Welt gerade einen Konflikt der Religionen oder einen Krieg der Interessen?

Justenhoven: Ich glaube, die Welt erlebt im Moment vor allen Dingen eine ganz heftige Auseinandersetzung, die der Papst als Krieg bezeichnet, um die Frage, wozu es sich zu leben lohnt. Ob es um das Streben nach Interessen, das Streben nach Geld, das Streben nach Ressourcen, das Streben nach besserer materieller Ausstattung ist oder eben die Frage, was menschliches Leben eigentlich wirklich lebenswert macht. Das glaube ich ist der fundamentale Konflikt, den der Papst anspricht.

Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven in einer Potraitaufnahme (Institut für Theologie und Frieden)Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven (Institut für Theologie und Frieden)

Florin: Und immer wieder im Zentrum seiner Kritik steht die Waffenindustrie, die Herstellung von Waffen, der Handel mit Waffen - ein offenbar sehr profitables Geschäft. Ist das eine unbequeme Wahrheit, die keiner hören will, auch hier keiner bei uns?

Justenhoven: Das Thema des Waffenhandels ist eines, das die Kirchen in Deutschland seit vielen Jahren zum Thema machen. Ich möchte nur erinnern an die Berichte der gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung, in der die beiden großen Kirchen sitzen und einen Bericht zum Rüstungsexport machen, den sie jährlich der Bundesregierung vorlegen und auch sehr stark das Verhalten der Politik in Deutschland kritisieren.

Der Handel mit Waffen, mit Kleinwaffen, wie auch mit großen Waffen ist ein großes Geschäft, gerade auch wenn es in der Illegalität betrieben wird. Und es gibt viele Versuche, Waffenhandel, auch die Registrierung von Waffen unter die Aufsicht der UN beispielsweise zu stellen, oder unter stärker staatliche Kontrolle. Hier ist sicherlich politisch noch einiges gefordert.

Florin: Und auch da wieder meine Frage: Hat denn diese Kritik am Waffenhandel etwas bewirkt?

Justenhoven: Ich glaube, dass wir in den letzten 20, 30 Jahren schon gesehen haben, dass sich hier ein Bewusstsein, zumindest in Teilen der Bevölkerung, entwickelt hat. Allerdings, und das ist in meinen Augen beklagenswert, dass viele Fragen, die klassischen Felder der Außenpolitik, in unseren politischen Auseinandersetzungen eine sehr nachgeordnete Rolle spielen.  

"In Deutschland wollen wir diese krasse Ungerechtigkeit nicht abstellen"

Florin: Eine Frage zu Ihrer Arbeit. Die ist mit dem Stichwort Friedensethik überschrieben. Ist das hauptsächlich ein Nachdenken über den Frieden oder auch darüber, wann Krieg, wann eine militärische Auseinandersetzung gerechtfertigt sein kann?

Justenhoven: Es ist zuallererst einmal die Frage, was die Grundbedingungen sind, das Menschen in dieser globalen Welt angesichts der enormen Herausforderung, vor der wir stehen, in Frieden miteinander leben können. Dann wird sehr schnell deutlich, dass es um sehr fundamentale Fragen geht, nämlich wie es möglich ist, dass Menschen sich gegenseitig als prinzipiell gleiche behandeln.

Und wir erleben, dass wir heute in einer Welt sind, in der krasse Ungerechtigkeiten bestehen und, und auch das gehört glaube ich zu der Wahrheit, die wir in Deutschland nicht gerne hören: Diese krasse Ungerechtigkeit wollen wir nicht abstellen, weil sie Auswirkungen auf unseren Lebenswandel hätte.

Und wir erleben heute, dass dort, wo Menschen keine Lebensperspektiven mehr haben, sie sich zu Millionen aufmachen und dort hingehen, wo sie glauben, bessere Lebensbedingungen zu haben. Also: Die Frage liegt auf dem Tisch und wir werden uns damit beschäftigen müssen.

"Mir wird viel zu schnell über das äußerste Mittel geredet"

Florin: Sie selbst lehnen militärische Gewalt nicht ab, sondern sagen, Völker und Staaten haben das Recht, sich zu wehren. Sollte Deutschland zum Beispiel Flüchtlinge auch militärisch schützen?

Justenhoven: Nein! Militärisch schützen ja, aber das muss man überlegen. Ich würde davon ausgehen, dass jeder Mensch das Recht hat, sich im äußersten Fall auch gegen schwerste Gewalt zur Wehr zu setzen und das kann in der Konsequenz auch heißen, dass man militärische Gewalt zum Schutz des Menschen anwendet, als äußerstes Mittel.

Mir wird aber viel zu schnell über das äußerste Mittel geredet. Man müsste viel genauer gucken, was im Vorfeld möglich ist, um die Anwendung von Gewalt zu verhindern oder beispielsweise durch Sanktionen militärische Gewalt einzudämmen. Wir haben am Beispiel der Ukraine gesehen, dass Sanktionen durchaus Effekte haben können und militärische Gewalt eindämmen können. Hier ist ein großes Feld, wo wesentlich mehr passieren kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk