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StartseiteInterview"Die sozialen Medien sind ziemlich asozial"17.12.2016

Religion und Gewalt"Die sozialen Medien sind ziemlich asozial"

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck blickt mit Sorge auf Veränderungen in der Gesellschaft. Es gebe immer mehr Verführungen zu Gewalt - vor allem in den Sozialen Netzwerken. Dort würde eine Form der Sprache benutzt, die vielfach nicht mehr der Würde des Menschen entspreche, sagte Overbeck im DLF. Man müsse wieder eine bessere Kultur des Umgangs pflegen.

Franz-Josef Overbeck im Gespräch mit Jürgen Zurheide

Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen, sitzt bei einer Pressekonferenz auf dem Podium. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
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Jürgen Zurheide: Kurz vor dem vierten Advent möchte man eigentlich innehalten und mit Ruhe auf diese Welt schauen. Allerdings, die Ereignisse sind nicht so, sie sind alles andere als beruhigend – von Aleppo angefangen, worüber wir heute Morgen geredet haben, bis hin zu vielen anderen Dingen, die einen aufregen könnten, die eher mit Hass und mit Auseinandersetzungen zu tun haben, auch vielleicht mit der Frage Religion und Gewalt, gehört da was zusammen oder eben auch nicht. Über all das möchte ich reden mit dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck, den ich ganz herzlich am Telefon begrüße. Guten Morgen!

Franz-Josef Overbeck: Es sind Bilder, die einem den Atem verschlagen, weil eine Form von menschlicher Not auf uns kommt, die, weil die so menschengemacht ist, mir immer wieder die Sprache verschlagen, von ganz vielen Menschen. Gleichzeitig zeigen sie das Land, das in der Nähe der Geburtsstätte Jesu liegt, ist wirklich ein Land mitten im Krieg das genaue Gegenteil dessen, was wir an Weihnachten feiern.

"Religion wird auch benutzt"

Zurheide: Wenn man dann weiterfragt, ohne dass ich da jetzt einen direkten Zusammenhang herstellen will, aber das wird ja auch viel diskutiert – Religion und gelegentlich Gewalt, vielleicht nicht unbedingt in Syrien, aber was fällt Ihnen dazu ein, Religion und Gewalt, gibt es da einen direkten Zusammenhang?

Overbeck: Es ist ein großes Thema, das viele Menschen sehr beschäftigt in diesen Wochen und Monaten. Ich habe schon öfter dazu auch dann mich entsprechend geäußert, weil Menschen mich danach fragen. Es ist, glaube ich, ziemlich deutlich, dass Religion von der Natur her, die sie hat, und das gilt für jede große Religion, erst mal eine Religion ist, die für den Frieden ist, aber weil sie gleichzeitig die Möglichkeit hat, zu verführen, ideologisch zu werden und sich selbst absolut zu setzen, kann sie Gewalt hervorbringen, und heute muss man natürlich deutlich sagen, Religion wird auch benutzt, benutzt, um deutlich zu machen, wir wollen Macht haben, und dafür kann Religion gut als Begründung dienen, ist aber nicht der eigentlich Ursprung dieser Gewalt, die angewandt wird.

Zurheide: Das heißt aber, Religion und Gewalt, das gilt eigentlich wahrscheinlich für jede Religion, hat in ihrer Geschichte, am Ende auch die katholische Kirche, auf die man nicht besonders stolz sein kann.

Overbeck: Das ist in der Tat so. Schauen wir auf die 2000 Jahre des Christentums, aber auch die konkrete Geschichte unserer Kirche, gibt es viele Beispiele, die deutlich machen, dass Gewalt angewandt worden ist und religiös begründet unsägliches Unheil über Menschen gebracht hat.

"Menschen geben jeder Form von Angst auch Ausdruck"

Zurheide: Wie ist das oder wie nehmen Sie das wahr – Gewalt auch in unserer Gesellschaft, die sich möglicherweise nicht immer nur in direkter Gewalt äußert, auch in Gewalt so in zwischenmenschlichen Beziehungen, gerade in diesen Tagen diskutieren wir viel darüber, wie Gewalt über soziale Medien verbal ausgelebt wird oder zunächst verbal ausgelebt wird – was beobachten Sie für Veränderungen in der Gesellschaft?

Overbeck: Ich beobachte auch im Blick auf Religion insofern Veränderungen, als dass Menschen viele Ängste haben und dass sie jeder Form von Angst auch Ausdruck geben. Das ist in vielfacher Weise möglich. Wir können es im alltäglichen Leben betrachten, so viel Gutes es gibt, es gibt eben auch all diese Verführungen zu Gewalt, die sich äußert in Formen wie, ich lasse jemanden liegen, ich wünsche jemanden den Tod, der nicht so denkt wie ich, und ich kann selbst auch ein Lied davon singen, die sogenannten sozialen Medien sind an dieser Stelle dann, weil sie so verführbar sind, ziemlich asozial, weil sie Menschen das Lebensrecht absprechen, weil sie eine Form von Sprache benutzen, die mit der Würde des Menschen, weder dessen, der spricht, noch den, um den es geht, entspricht.

Zurheide: Sie haben sich ja nun auch mehr als einmal sehr, nicht positiv zu Flüchtlingen ist der falsche Begriff, aber Sie haben sich geäußert und haben darauf hingewiesen, dass wir als Gesellschaft die Pflicht haben, Flüchtlinge aufzunehmen. Was bekommen Sie da für Reaktionen?

Overbeck: Im letzten Jahr, vor allen Dingen im Herbst, sind das heftige Reaktionen gewesen. Menschen, die mir nicht nur Missfallen gegenüber kundgetan haben – das gehört selbstverständlich zu einem normalen Diskurs auch in einer offenen, die auch Freiheit für einen der wichtigsten Werte hält, hinzu –, aber es gab auch solche, die mir dann das Lebensrecht abgesprochen haben, die mir deutlich gesagt haben, es sei Aufgabe von mir als Bischof einer christlichen Kirche, dafür zu sorgen, dass unsere Gesellschaft eine Identität fände jenseits dieser Möglichkeiten. Ich halte am meisten davon zu sagen, gerade wo wir zum Beispiel Flüchtlinge aufnehmen, wo wir uns sensibel für die Nöte der Menschen einsetzen, da sind wir erst recht Kirche mitten in unserer Gesellschaft.

"Der Staat hat die Aufgabe, das Recht zu schützen"

Zurheide: Was kann man dagegen tun oder was muss Gesellschaft dagegen tun? Ist Strafrecht das Richtige, das wird in Berlin im Moment diskutiert. Wie kann man da zu einer neuen Form des Umgangs, der respektvoller ist, kommen?

Overbeck: Gibt es viele Perspektiven, die zu bedenken sind. Es ist auf jeden Fall bedeutsam, dass da, wo das Recht gebeugt wird – wir leben in einem Rechtsstaat –, der Staat die Aufgabe hat, das Recht zu schützen und vor allen Dingen auch die Menschen, das ist ein hohes Gut, das das redliche Zusammenleben aller schützt und oft auch erst ermöglicht. Das andere ist, ganz konkret im Alltag nicht  zu denen zu gehören, die diesen merkwürdigen Formen von Sprache, von Unfreiheit und von Unkultur des Wortes verfallen, sondern deutlich sagen, wir pflegen eine gute Kultur des Umgangs, eine Kultur der Sprache und wirken auf diese Weise bei zu einem Gemeinwohl, das unbedingt zu schützen ist für alle.

Zurheide: Auf der anderen Seite, das fordert natürlich eine gewisse Stärke. Man muss stark sein in solchen Momenten. Wo kann man die Stärke herholen, wenn man sie selbst vielleicht nicht hat? Wo gibt es da Zeichen der Hoffnung?

Overbeck: Also ich erlebe zum einen, dass es ganz viele sehr anständige Menschen gibt. Das sind die allermeisten, mit denen ich im Alltag lebe und zu tun habe, sodass ich der Überzeugung bin, der Mensch aus sich heraus hat eine Ahnung für das, was gut ist und was er verwirklichen will, und zum anderen sehe ich, wenn ich an Weihnachten denke, erst recht die Rolle von uns als Kirchen und auch jeder Religion darin, dafür zu sorgen, für das friedliche Zusammenleben alles zu tun, was möglich ist, sei es dadurch, dass wir sprechen, sei es dadurch, dass wir uns vergemeinschaften.

"Gott gibt so vielen die Kraft"

Zurheide: Das waren jetzt Zeichen der Hoffnung. Ich denke zum Beispiel an Ihre Aktion Adveniat, die ja gerade in diesen Tage noch mal ganz besonders im Blick steht. Da tun Sie etwas für Südamerika. Kann man Menschen, die hier vielleicht auch sich in Not fühlen oder meinen, es ginge uns nicht so gut, wie kann man die überzeugen, für andere was zu tun?

Overbeck: Die Aktion Adveniat in diesem Jahr rückt einem Wort, das Papst Franziskus mit seiner ökologischen Enzyklika Laudato si, die ich eher als eine soziale Enzyklika bezeichnen würde, in die Mitte rückt, nämlich dass wir das Haus unseres Lebens, also die Erde, zu schützen hätten, und das ist etwas, wo ich merke, die Menschen reagieren sehr sensibel auf dieses Thema. Viele wissen, wir müssen vieles tun, um die Möglichkeiten des Umweltschutzes zu steigern, sensibel mit dem umzugehen, was wir haben, wo wir das öffentlich machen, und jetzt als Adveniat-Werk tun wir das im Blick auf Lateinamerika und die Karibik, gibt es viel Resonanz, und was wir gerade seelsorglich deswegen auf den Weg bringen, wo wir Menschen schützen und stützen, die sich dafür einsetzen, wo wir was für Bildung tun, da ist ein erster, sehr konkreter, aber doch sehr praktischer Schritt getan. Ich halte auch ganz viel davon, Menschen zu unterstützen, die beten. Auch das gehört dazu. Gott gibt so vielen die Kraft.

Zurheide: Das heißt, Kirche, auch katholische Kirche, kommt mehr auf die normalen Sorgen und Nöte der Menschen – ist das vielleicht auch die Hinwendung, die dieser Papst, der heute ja Geburtstag hat, uns mit auf den Weg gibt?

Overbeck: Das ist in der Tat eines der großen Anliegen von Papst Franziskus, – allen Segen ihm heute zu seinem 80. Geburtstag –, das deutlich macht, wir sind als Kirche nur da glaubwürdig, wo wir mitten bei den Menschen mit der Botschaft des Lebens, mit der Botschaft Gottes, mit dem Evangelium ankommen, und mit der Aktion Adveniat tun wir das und mit ganz vielen anderen alltäglichen Unternehmungen unserer Kirche natürlich auch.

Zurheide: Das war der Essener Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck. Herzlichen Dank für das Gespräch! Wir haben es kurz vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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