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StartseiteTag für Tag"Wir leben im Zeitalter der Identität"02.02.2018

Religion und Identität"Wir leben im Zeitalter der Identität"

China instrumentalisiert den Konfuzianismus, Putin benutzt die Orthodoxie, in der Türkei lebt das Osmanische Reich auf. "Religionen eignen sich, um das Eigene zu definieren und gegen Fremdes abzugrenzen", sagt der Theologe Alexander Görlach im Dlf. Religionsführer sollten sich dagegen wehren.

Alexander Görlach im Gespräch mit Christiane Florin

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Portraitfoto eines Mannes in mittleren Jahren mit Brille und Bart (The European/Lars Mensel)
Der Theologe und Linguist Alexander Görlach (The European/Lars Mensel)
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Christiane Florin: Ein Präsident, der nicht sonderlich religiös ist, wird von Religiösen bejubelt und zum Heilsbringer zurechtgeschnitzt. Davon haben wir im ersten Beitrag gehört. Alexander Görlach beschäftigt sich mit dem Gegenteil, nämlich mit Politikern, die sich die Religionen zurechtschnitzen. Alexander Görlach ist promovierter Theologe und Linguist, und er ist Affiliate Professor am Harvard University College. Guten Morgen, Herr Görlach, jetzt in Berlin.

Alexander Görlach: Guten Morgen, Frau Florin.

Florin: Herr Görlach, lassen Sie uns bitte an Ihren Erkenntnissen teilhaben: Welche Politiker, welche Regime formen die Religionen nach ihren Bedürfnissen?

Görlach: Wir befinden und in einer Phase, die ich gerne als Zeitalter der Identität beschreibe. Was damit gemeint ist, können Sie auf vielerlei Weise in der aktuellen politischen Landschaft sehen. Wenn wir nach China blicken, dann haben wir eine Staatsideologie oder -idee, die sich am Han-Chinesentum und seiner Geschichte orientiert und an der konfuzianischen Lehre. Diese beinhaltet zum Beispiel Verdienst und Harmonie als Ausweis einer gerechten Gesellschaft. Dann wird in China darauf verwiesen, dass man zum Beispiel aus diesem Kontext heraus keine Demokratie nach westlichem Vorbild bräuchte, weil man in dieser abgeschlossenen Welt für sich ähnliche Prinzipien entdeckt habe. Ähnliches gilt in Indien - da ist eine hindu-nationale Regierung an der Macht, die 200 Millionen Muslime, die im Land leben, als nicht-indisch begreift. Sie gehen nach Russland, da schauen Sie, dass Herr Putin die russische Orthodoxie benutzt als Bollwerk gegen den, wie er findet, den dekadenten Westen. Sie haben es in der Türkei, wo ein Staatspräsident den Islam in seiner osmanischen Ausprägung zu einer neuen Maxime erhebt. Das sind nun jetzt alles Länder, die, außer Indien, jetzt nicht auf eine große demokratische Tradition zurückverweisen können. Aber wir haben es auch in England, in Deutschland, wenn es ums christliche Abendland geht und um den Brexit ging, und zu guter Letzt auch in den Vereinigten Staaten von Amerika. Das haben Sie in Ihrem Beitrag (über die Evangelikalen in den USA) auch angedeutet, wie sehr dort mit einer Erwählung und einer von Gott favorisierten Idee der Nation auch heute wieder operiert wird.

Das Archaische der Religion mobilisiert

Florin: Warum gilt ausgerechnet Religion als so bedeutender Teil der Identität?

Görlach: Vieles dessen, was wir als Religiös erleben und begreifen, die Riten an den Lebenswenden, die gesellschaftliche Stabilisierung, das Absichern des Stammes, wenn Sie so wollen, durch eine gemeinsame Erzählung vom Woher und Wohin der Gemeinschaft - das ist sehr, sehr stark. Das hat eine Durchdringung in die Bilder, die Sie sozusagen im Kopf haben, die Sprache, die Sie sprechen. Das eignet sich hervorragend, um das Eigene zu definieren und gegen ein Fremdes abzugrenzen.

Florin: Heißt das, die demokratische Erzählung, wenn ich es mal so nennen kann, die große demokratische Erzählung, ist zu schwach?

Görlach: Die Neuzeit geht in ihrer Idee, die Moderne, von Säkularität davon aus, dass man ganz einfach sagt, durch mehr Bildung entsteht mehr wirtschaftliche Spannkraft, dadurch entsteht mehr Wohlstand und durch diesen Wohlstand entsteht die Lust an gesellschaftlicher Partizipation. Je mehr Sie sozusagen einen solchen Raum schaffen, desto weniger relevant wird Religion dahingehend, dass sie eben die Erzählräume, die Sie brauchen, um Gemeinsames zu erklären, immer weiter wegrücken. Also das heißt, dass der Mensch eigentlich weniger Religion zur Welthabe und zur Welterklärung braucht. Ich glaube, es gibt einen Konsens mittlerweile, dass man sagt: Da hat man sich ein Stück weit verrechnet. Also dass Religiöses, dieses Archaische fast schon, was Religion ganz tief bestimmt, Menschen überall auf der Welt - ich habe die Beispiele ja gebracht vom Konfuzianismus, über Islam, Christentum - einfach doch noch mal viel grundlegender prägt und deswegen auch in der Lage ist, zu mobilisieren.

Florin: Aber es ist doch ein sehr vereinfachtes, simples Verständnis von Religion. Jede Religion, jede Weltreligion setzt sich zusammen aus ganz unterschiedlichen Auffassungen, aus unterschiedlichen Milieus. Es gibt in jeder Religion, um es jetzt auch wieder vereinfachend zu sagen, ein autoritäres Milieu und ein eher liberales Milieu. Welche Aufgabe kommt den Religionsführern zu? Müssen die sich nicht wehren und zum Beispiel sagen: "Das ist uns viel zu einfach, lieber Herr Putin, wie du mit der Orthodoxie umgehst".

"Religionen stützen Gesellschaften politisch"

Görlach: Absolut. Sie haben da vollkommen Recht und wir erleben diesen offenen Widerspruch. Sie haben gerade die Beispiele aus den USA gebracht, aber wir haben das auch hier in Europa, dass im Kontext der Flüchtlingskrise der Papst die katholischen Pfarreien und Klöster auffordert, je eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen. Aber Länder, die sich durch ihre politische Führung, wie Ungarn oder Polen, als christliche oder katholische Länder verstehen, ignorieren die Aufforderung ihres religiösen Oberhaupts. Ich glaube, dass alle Religionen, die in der Weise, wie sie sich beschreiben, eine Wirkmacht haben über Gesellschaften und viele, viele Millionen von Menschen - wir nennen sie deshalb Weltreligionen. Sie haben nicht nur diese verschiedenen Arme und Interpretationen ausgeprägt, von denen Sie sprechen, sondern sie stützen Gesellschaften auch politisch. Sie haben auch eine Art politische Theologie entwickelt, das heißt also, eine Vorstellung vom Christlichen zum Beispiel, die nicht unbedingt etwas damit zu tun hat, was sie am Sonntagvormittag machen. Allensbach hat zum Beginn des Jahres neue Umfrageergebnisse mit der Öffentlichkeit geteilt. Ich glaube, es waren über 60 Prozent, 68 Prozent der Deutschen, die sagen: Das Christentum ist wichtig und elementar für Deutschland. Vor fünf Jahren waren es nur 48 Prozent.

Florin: Also Kulturchristentum, nicht im Sinne von Gottesdienstbesuch.

Görlach: Genau, richtig. Und das ist etwas, was sie im Moment überall auf der Welt sehen, dass das religiöse Erbe, das geschichtliche, das kulturelle, in den Vordergrund gestellt wird, um abzugrenzen von den anderen. Und das Spirituelle, das Religionen ja anbieten, auch das Moralische, wenn es um die Handlung geht …

Florin: Das Verbindende auch.

Görlach: Genau. Die Flüchtlinge ja auch oder das, was Sie im Hinblick auf Donald Trump oder die Vereinigten Staaten gesagt haben, das wird ausgeblendet zugunsten eines politisch verstandenen religiösen Begriffs.

Verabschiedung von der Weltfamilie

Florin: Sehen Sie diese Polarisierung, aber auch diese Sehnsucht nach dem Eigenen, nach der Gemeinschaft, nach dieser Abgrenzung - wir gegen die -, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung? Ist das auch ein Protest gegen die Leistungsgesellschaft? Ich muss ja eigentlich nichts leisten, ich muss nur sein. Ich muss nur die richtige Religion haben. Steckt dieses Versprechen dahinter?

Görlach: Ich glaube, diese letzten 70 Jahre - oder sagen wir, seit den späten 60er-Jahren … Immer wenn ich darüber eine Vorlesung halte, jetzt sind wir dummerweise im Radio, aber die Hörerinnen und Hörer werden sich erinnern, wenn ich von einem Foto spreche, das "Erdaufgang" heißt. Das war das erste Foto, das jemals von der Erde aus dem Universum gemacht wurde, von der Apollo-Mission. Und das war an Heiligabend 1968, da wurde das der Weltöffentlichkeit kredenzt. Es hat die Friedensbewegung motiviert, hat die Umweltbewegung motiviert. Man sagte: Wir sind nicht viele kleine Stämme und viele Sprachen und Religionen, sondern wir sind eigentlich eine Menschheitsfamilie. Dieses Foto hat - das ist jetzt im Brennglas verdichtet, das ist natürlich nicht allein dafür verantwortlich -, sozusagen diese Vorstellung einer globalen Familie, eines globalen Stammes befördert und auch über viele Jahrzehnte erhalten. Umweltschutz, Klimawandel und alle diese Dinge werden ganz klar global verstanden. Diese Zeit ist nun zu Ende. ich glaube, dass das vor allem auch damit zusammenhängt, dass man spürt, dass die Ressourcen in der Welt knapp werden, dass die Orte, an denen man leben kann, die lebenswert sind und bleiben, weniger werden. Also das heißt, es beginnt ein Verteilungskampf, der, glaube ich, nur so abgefedert werden kann, indem man sozusagen wieder das Eigene erhöht gegenüber dem Anderen. In den letzten Jahrzehnten, da haben wir ja eher gesagt: Wir kriegen alle satt und wir werden die Welt für alle bewohnbar machen. Und ich glaube, es gibt einfach Empfindungen angesichts der Großwetterlage, dass das vielleicht nicht gelingen mag. Und so setzen diese Absetzbewegungen von der Weltfamilie oder dem Weltstamm in den letzten zehn, fünf Jahren ein.

Florin: Wie zur Illustrierung Ihrer These kann man noch anführen, dass der frühere Bundespräsident Joachim Gauck, ehemals Pfarrer, gestern eine Vorlesung über das Eigene und das Fremde in Düsseldorf gehalten hat. Er hat gesagt, dass das Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden, das scheine ihm eines der schwierigsten Probleme der Gegenwart zu sein. Nun kann man ja noch anfügen: Vor Jahren noch haben evangelische Pfarrer und Bundespräsidenten vom Hunger in der Welt und vom Hunger nach Gerechtigkeit gesprochen. Vielen Dank, Alexander Görlach. Mit ihm habe ich über die Ära der Identität und die Ära der religiösen Identität gesprochen. Danke nach Berlin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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