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StartseiteBüchermarktRenaissance der Antike18.11.2003

Renaissance der Antike

Peter Bender deutet Amerika als neues Rom

Zu bemerken ist es ja schon länger: sowie irgendwo über die Politik der

Von Uwe Pralle

Peter Bender: "Weltmacht Amerika - Das neue Rom" (Klett-Cotta)
Peter Bender: "Weltmacht Amerika - Das neue Rom" (Klett-Cotta)

USA debattiert wird, taucht sofort der Schatten eines anderen Imperiums auf:

Wenn Politiker in Amerika, aber auch viele Professoren und Publizisten die riesige Macht Amerikas illustrieren wollen, fällt ihnen fast immer als Vergleich nur dieses alte Rom ein. Da hat es mich einfach mal gereizt, zu fragen: was ist eigentlich dran an diesem Vergleich, wenn man ihn sich einmal näher ansieht und ihn historisch prüft.

Peter Bender ist der erste, der die Parallelen zwischen den beiden Imperien jetzt gründlicher auszuloten versucht hat, und hinter dem Titel seines Buches "Weltmacht Amerika - Das neue Rom" müsste eigentlich ein Fragezeichen stehen. Denn der einstige politische Journalist, der unter anderem ARD-Korrespondent in Warschau war, von Hause aus aber promovierter Althistoriker ist, vernachlässigt auch die Unterschiede zwischen den beiden Supermächten ihrer Zeit keineswegs - und ebenso wenig, dass es nicht ein- und dasselbe Rom war, mit dem amerikanische Politiker ihr Land schon seit seiner Unabhängigkeit immer wieder selbst verglichen haben.

Interessant scheint mir, dass die Vereinigten Staaten sich immer mit dem Rom verglichen haben, das ihrem eigenen Zustand, ihrem eigenen Entwicklungsstadium, wenn Sie wollen, am besten entspricht. Das heißt, die Zeit, von der Sie sprechen, ist die Zeit, in der sich die Vereinigten Staaten von England losgekämpft haben, und da ist ihr Vorbild das republikanische Rom. Und das üble Rom begann bei Caesar und dann bei Augustus. Jetzt sind die Amerikaner erste Weltmacht, eine imperiale Macht, da ist ihr Vergleichsobjekt auf einmal das kaiserliche Rom, was - finde ich - einleuchtend ist.

Allerdings ist gerade über die Parallelen zwischen den USA und dem Rom der Kaiserzeit seit Augustus in Peter Benders Buch wenig zu finden. Das hat aber seine Gründe. Denn Bender will in erster Linie zeigen, wie vergleichbar die Voraussetzungen des Aufstiegs der beiden imperialen Mächte waren - und in Rom hat er sich schließlich schon in den drei Jahrhunderten vor Augustus in der republikanischen Zeit vollzogen.

Wenn ich vergleichen wollte: wie sind sie beide zu dem geworden, was sie wurden, das heißt zu diesen ersten Weltmächten, dann muss ich natürlich die Zeit nehmen, in der Rom das geworden ist. Und das ist, beginnend mit der Zeit der Punischen Kriege, die Zeit ihrer Ostpolitik, wenn man das so nennen kann, wo sie sich den griechisch-hellenistischen Osten unterwerfen. Danach waren sie bereits die erste und nachher die einzige Weltmacht. Für Amerika ist das natürlich das Gleiche, neunzehntes und zwanzigstes Jahrhundert.

Die entscheidende Parallele auf ihren Wegen zur Weltmacht sieht Bender darin, dass sich beide am Rand der jeweiligen Machtzentren ihrer Zeit weitgehend ungestört entwickeln konnten.

Das Wichtigste zunächst einmal ist die Zeit, in der sie auf ihrer Insel blieben. Insel nenne ich jetzt Amerika, geschützt von zwei riesigen Ozeanen, also weitgehend gesichert gegen überseeische Invasoren. Die Halbinsel Italien hat eine ähnliche Funktion gehabt für Rom. Die sind am Rande der jeweiligen Welt - die jeweilige Welt war früher diese hellenistische Welt im Osten. Am Rande dieser Welt haben die Römer sich zu einer Kraft entwickelt, die schließlich alle anderen Staaten der damaligen Zeit überragte. In Amerika etwas Ähnliches: dieser riesige Kontinent, auf dem sie sich ausbreiten konnten, hat ihnen die Möglichkeit gegeben, sich zu der größten Wirtschaftsmacht der damaligen Welt zu entwickeln. Die Frage ist: weswegen sind sie eigentlich von ihren Inseln heruntergegangen? Und meine Kurzantwort darauf ist: weil die Meere sie nicht mehr schützten oder nicht mehr zu schützen schienen.

Es ist jedoch zu bezweifeln, ob dieses sicherheitspolitische Motiv im Falle Roms tatsächlich der einzige Auslöser seiner Expansion war. Sicher, die berühmte Alpenüberquerung von Hannibals kathargischem Heer im 2. Punischen Krieg mag das Gefühl territorialer Unverletzlichkeit auf der italienischen Halbinsel ähnlich erschüttert haben wie frühere Einfälle der Kelten oder des Epeirotenkönigs Pyrrhos. Aber Bender lässt in seinem Buch die ungeheuren innenpolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen völlig außer Acht, die in den drei letzten vorchristlichen Jahrhunderten bis zu Augustus für die Politik Roms mindestens ebenso elementar waren - und zwar auch bei der römischen Expansion im Mittelmeerraum. Es ist eine gravierende Schwachstelle von Benders Buch, Rom wie einen politischen Monolith zu betrachten, während das Wechselspiel innerer Konflikte und äußerer Expansion es bis zu Augustus zu seiner imperialen Macht vorwärts trieb. Gerade im Blick auf die USA wäre interessant gewesen, wie die wirtschaftliche und innenpolitische Dynamik dazu beigetragen hat, sich über ihre "Insel"
hinauszubewegen. Umgekehrt sieht Bender bei den Amerikanern die wirtschaftlich geprägte Definition politischer Gefahrenlagen allerdings sehr wohl:

Vieles, was einem in diesem Land rätselhaft und schwer verständlich ist, findet nicht immer, aber sehr oft seine ökonomische Erklärung. Für die Römer waren es eigentlich immer militärische Gefahren, für die Amerikaner waren es sehr lange vorwiegend wirtschaftliche Gefahren, das heißt die Sorge, dass der freie Welthandel, der eine Existenzvoraussetzung für die amerikanische Wirtschaft, für die amerikanische politische Stabilität war, durch Diktatoren beispielsweise - also sie dachten, wenn ganz Europa unter Hitler fällt, ganz Ostasien unter eine neue Ordnung der Japaner fällt, entstehen autarke Wirtschaftssysteme, und unsere Wirtschaftsmöglichkeiten werden auf eine Weise eingeschränkt, die wir innenpolitisch auch nicht überstehen können.

Demnach müsste man die amerikanische Politik spätestens im 20. Jahrhundert weniger als Weltmachtpolitik, sondern vielmehr als Weltmarktpolitik bezeichnen. Vermutlich würden sich die Rätsel und Widersprüche in der Außenpolitik der USA bis in die jüngste Zeit so weit besser entschlüsseln, als wenn sie allein an ihren offiziellenpolitischen Zielen wie Demokratie und Menschenrechte gemessen würde. Und gerade in diesem Punkt sieht Bender zwischen Rom und Amerika zu Recht einen wichtigen Unterschied.

Die Römer sind keine Ideologen, die Amerikaner sind in diesem Sinne Ideologen. Schon mit den ersten Einwanderern, die dort auf diesen anderen Kontinent gingen, kam das Gefühl, dass sie dort dem wahren Glauben ein neues Jerusalem aufbauen. Diese Vorstellung, die Christlichkeit vorbildlich zu entwickeln, hat sich dann säkularisiert, das heißt, sie hat sich dann auf politische Ideale hin verändert. Die Republik, die Demokratie und dann neuerdings eben auch sehr stark die Menschenrechte sind die Ziele, die eigentlich in keiner amerikanischen wichtigen außenpolitischen Entscheidung, besonders bei einer Kriegsentscheidung fehlen. Und dabei fängt nun wieder die Schwierigkeit an: wie weit sind sie wirklich Motiv, wie weit sind sie eingebildetes Motiv, wie weit sind sie Vorwand. Dieses Land ist eben in seinem Denken und in seinem Empfinden heute immer noch zum großen Teil eine Insel. Und dass wir uns um Sachen außerhalb dieser Insel kümmern müssen, dafür muß es doch sehr überzeugende Gründe geben für einen Farmer irgendwo im Mittleren Westen. Wozu, was soll das eigentlich? Und das sind eben zum großen Teil ideologische Gesichtspunkte.

Wenn die USA also ein "neues Rom" sein sollten, dann sind sie eines, das zwischen seiner Politik und den eigenen Idealen, auch wenn sie heute recht zweideutig oft lieber "Werte" genannt werden, stets für glaubwürdige Verbindungen sorgen muss. Oder sollte sich das jetzt etwa ändern, weil sie sich als Supermacht von niemanden mehr angefochten sehen? Dazu sagt Bender:

Sie können so ziemlich alles tun, die Macht ermöglicht es und am Ende rechtfertigt die Macht es auch. Das ist ein Irrsinnszustand. Der hat bei Rom dazu geführt, dass ein Imperium entstand, ein richtiges Reich. Bei den Amerikanern geht es jetzt darum, dass sie sich jetzt überlegen, jedenfalls die weiter denkenden Köpfe: sind wir ein Empire, sollen wir ein Empire werden, ist Empire eigentlich so schlecht, wie wir früher gedacht haben? Kann nicht Empire sogar eine recht segensreiche Einrichtung sein, wenn es ein wohlwollendes Empire ist, was dafür sorgt, dass Frieden, Stabilität herrscht, dass freier Handel, Demokratie ist und die üblen Diktatoren abgeschafft werden?

Ob nun wohlwollendes Empire, ob eigensinnige Supermacht, die zur Zeit sehr stark der römischen Verlockung erlegen ist, ihre Politik zu militarisieren: zwischen der Ära Roms und der Gegenwart sieht Peter Bender einen wesentlichen Unterschied:

Amerika hat nicht die Möglichkeit, zu einem Imperium wie das römische sich zu entwickeln, weil es jetzt schon Mächte gibt, die sie nicht überwältigen können. Das ist an erster Stelle natürlich China, an zweiter Stelle Indien und an dritter Stelle auch schon wieder Russland.

Außerdem sieht Bender noch etwas anderes, was dazu beitrage, die Wiederkehr der vielberufenen "Zustände wie im alten Rom" in der Weltpolitik zu verhindern - und diese Diagnose wird manche der
amerikanischen Verbündeten in Europa erfreuen, die sich vor dem Irak-Krieg gerade noch als "Alteuropäer" sozusagen ins Seniorenheim des 21. Jahrhunderts abgeschoben sahen:

Die großen amerikanischen Verbündeten sind eben große Verbündete im Unterschied zu den römischen Verbündeten. Frankreich ist nicht Bithynien und Deutschland ist nicht Pergamon und England ist nicht Rhodos. Das heißt, die Amerikaner haben jetzt Verbündete, die zumindest die Stärke haben, auch einmal Nein zu sagen. Das konnte Bithynien nicht.

Peter Bender
Weltmacht Amerika - Das neue Rom
Klett-Cotta, 295 S., EUR 19,50

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