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StartseiteKultur heuteRenaissance der israelischen Friedensbewegung06.01.2009

Renaissance der israelischen Friedensbewegung

Intellektuelle und Künstler protestieren gegen die Militäraktionen im Gazastreifen

Am vergangenen Samstag kamen einige tausend Kriegsgegner im Zentrum von Tel Aviv zusammen, um gegen den Krieg im Gazastreifen zu protestieren. Die meisten von ihnen waren jüdische Israelis aus dem linken Milieu. Organisiert hatten die Veranstaltung junge Intellektuelle, die auch Kunstzeitschriften herausbringen. Sie hatten zuvor Künstler aufgerufen, sich mit Beiträgen an einer Zeitung gegen die Militäraktion zu beteiligen. Das Blatt musste von einem arabischen Betrieb gedruckt werden.

Von Josef Croitoru

Linksgerichtete Israelis und Palästinenser demonstrierten am vergangenen Samstag gegen den Krieg in Gaza. (AP)
Linksgerichtete Israelis und Palästinenser demonstrierten am vergangenen Samstag gegen den Krieg in Gaza. (AP)

Die Kriegsgegner in Israel haben mehrere Tage gebraucht, um mit ihrem Protest gegen die Militäraktion im Gazastreifen auch auf die Straße zu gehen. Die erste Protestaktion wurde bereits am 27. Dezember in Jaffa, dem arabischen Stadtteil von Tel Aviv, abgehalten. Sie hatte jedoch nur wenige Teilnehmer und erregte kaum Aufsehen.

Auch die zweite Demonstration vor vier Tagen wurde bezeichnenderweise von israelischen Arabern organisiert. Der Protestaufruf kam vom Bürgermeister des arabischen Ortes Sachnin, und diesmal war dem Aufruf ein großer Teil der arabischen Bevölkerung gefolgt. Schätzungsweise über hunderttausend Menschen aus allen politischen Lagern des arabischen Sektors in Israel nahmen an dieser Protestveranstaltung teil. Der internationale arabische Sender Al-Dschazira übertrug die Massenkundgebung, auf der die israelische Regierung als terroristisch und blutrünstig bezeichnet wurde, sogar live.

Eine weit bescheidenere Protestaktion fand am Abend des vergangenen Samstags auf dem zentralen Rabin-Platz in Tel Aviv statt. Die meisten der etwa tausend Kriegsgegner, die sich hier eingefunden hatten, waren jüdische Israelis aus dem linken Milieu. Sie allerdings mussten sich den Platz mit jüdischen Gegendemonstranten aus dem rechten Lager teilen, die auch in der Absicht gekommen waren, die Antikriegskundgebung der Linken zu blockieren. Die israelische Polizei stellte sich zwischen die beiden Gruppen.

Die linken Demonstranten hatten ihre Aktion gut vorbereitet. Um nicht von vornherein einen einseitig propalästinensischen Eindruck zu erzeugen, erschien die eine Hälfte mit israelischen, die andere mit palästinensischen Fahnen. Die Polizisten aber gingen davon aus, dass alle Israelfahnen-Träger rechte Demonstranten seien und ließen sie nicht passieren. So fand schließlich die Antikriegsdemonstration fast ausschließlich unter palästinensischer Flagge statt - gewollt hatte dies jedoch keiner.

Motor dieser Antikriegsveranstaltung, die nichts mit der längst im Untergang begriffenen israelischen Friedensbewegung "Peace Now" zu tun hatte, waren junge Intellektuelle. Sie stammen aus dem Umfeld einiger linksorientierter Kulturzeitschriften, die mal stärker sozialistisch, mal eher propalästinensisch ausgerichtet sind. Die Redaktionen dieser Zeitschriften riefen vor der Kundgebung im Internet dazu auf, künstlerische Äußerungen gegen die israelische Militäraktion einzureichen - und erhielten eine Flut von Reaktionen.

Eine Auswahl dieser Beiträge ist nun in einer Broschüre erschienen, die, da keine Tel Aviver Druckerei sie drucken wollte, schließlich bei einem arabischen Betrieb in Druck ging. Sie trägt den Titel "Heraus", ein unmissverständlicher Appell also an das israelische Militär, sich aus dem Gazastreifen zurückzuziehen.

Im Vorwort wird zwar, und dies spiegelt das gespaltene Verhältnis der jüdischen Israelis zur jetzigen Militäraktion anschaulich wider, den Verantwortlichen Zynismus und Machtbesessenheit vorgeworfen. Doch bei aller Schärfe der Kritik beklagen die Autoren zugleich auch die "Aufopferung" der jüdischen Bevölkerung im Süden Israels, die vom Krieg ebenso betroffen sei. Die Autoren fordern ein Ende des Massakers und des Tötens und rufen beide Seiten auf, über einen Waffenstillstand zu verhandeln.

In dem Heft sind Beiträge von insgesamt 67 jüdischen, aber auch einigen arabischen Künstlern versammelt, etwa zwei Drittel davon sind Gedichte. Der Maler Ido Bar-El etwa hat ein ganzes weißes Blatt nur dem Wort Waffenstillstand gewidmet, das, in normaler Schriftgröße gedruckt, um so explosiver wirkt.

In einem Gedicht des israelischen Arabers Salman Masallha walzt ein israelischer Panzer die Träume eines palästinensischen Mädchens nieder. Die Israelin Zeela Katz entlarvt in ihrem Gedicht die zynische Logik des Krieges, indem sie die Opferzahlen-Arithmetik des Militärs und der Medien karikiert. Ihre Dichterkollegin Osnat Skovlinski lässt einen neuen Nahen Osten erstehen, in dem Tunnels nicht der Kriegsführung, sondern Kindern beider Nationen als gemeinsamer Spielplatz dienen.

Diese Antikriegsanthologie, über die einige israelische Zeitungen immerhin kurz berichteten, wurde in einer weiteren Protestaktion in Tel Aviv verlesen. Die Veranstaltung fand vor dem Hochhaus statt, in dem der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak wohnt. Ob er allerdings Notiz davon nahm, ist fraglich.

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