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StartseiteKommentare und Themen der WocheEine Frage der Balance03.05.2018

RentenreformEine Frage der Balance

Die Rente brauche keine Radikalreform, sondern immer nur eine Anpassung an die jeweils aktuellen Gegebenheiten, kommentiert Volker Finthammer. Davor solle man nicht zurückscheuen und weder den Alten, noch den Jungen falsche Versprechungen machen.

Von Volker Finthammer

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Drei Senioren (zwei Männer und eine Frau) sitzen auf einer Bank. (imago stock&people)
Im Juli wird es eine deutliche Rentenerhöhung geben (imago stock&people)
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Wenn einer nicht mehr weiter weiß, dann gründet er einen Arbeitskreis. So kann man auf den ersten Blick schon verstehen, was die Koalition zum Thema Rente in den gemeinsamen Vertrag geschrieben hat und was mit der heute eingesetzten Rentenkommission jetzt auch umgesetzt werden soll. Doch wie so oft in der Politik lohnt sich auch hier die genaue Betrachtung. Denn wieder einmal überlagern sich in der Rentenpolitik mehrere Entwicklungen, die auf den ersten Blick gar nicht zueinander zu passen scheinen. 

Die gut 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland werden im kommenden Juli die vierte deutliche Rentenerhöhung in Folge bekommen. Der sogenannte Nachhaltigkeitsfaktor, der bei der letzten großen Rentenreform eingeführt wurde und eigentlich zu dem gesetzlich festgelegten sinkenden Rentenniveau beitragen sollte, sorgt jetzt angesichts der weiterhin wachsenden Beschäftigten Zahlen für das Gegenteil, also eine weitere Steigerung. 

Deshalb ist es für die Regierung auch ein Leichtes am derzeitigen Rentenniveau von 48 Prozent festzuhalten, weil sie dafür in den kommenden Jahren kaum weiteres Geld in die Hand nehmen muss. Aber diese freundlichen Umstände können sich sehr schnell wieder umkehren, wenn etwa aufgrund eines wirtschaftlichen Einbruchs die Beschäftigungsquote wieder sinkt und vor allem wenn ab den Jahr 2027 und folgende die Babyboomer in den Ruhestand gehen werden. 

Relativ untaugliche Kapitalmarktmodelle

Dann müssen auch deren Ansprüche auf eine auskömmliche Altersrente erfüllt werden und das ohne die Generation der Kinder und Enkel über Gebühr zu belasten. Kapitalmarktmodelle, das zeigt die jüngere Geschichte nach der Finanzkrise haben sich da als relativ untauglich erwiesen, weil sie noch stärker von der konjunkturellen Entwicklung abhängig sind. Sie können allenfalls eine ergänzende Rolle einnehmen und da ist es letztlich egal, ob das eine betriebliche oder private Zusatzvorsorge ist. Sinnvoll ist es allemal noch eine weiteres Standbein zu haben. 

Aber das A und O für die Zukunft der gesetzlichen Rente bleibt letztlich die Beschäftigungsquote. Aber das nicht nur als rein statistische Größe sondern viel stärker in der Frage, ob es sich auch um qualifizierte und gut bezahlte Jobs handelt, die da in Zukunft geschaffen werden. Genau das aber ist eine der zentralen Fragen, die sich im Hinblick auf die Digitalisierung der Arbeitswelt stellt. 

Sollten da tatsächlich immer weniger gut bezahlten Spezialisten einem Heer von schlecht bezahlten einfachen Dienstleistern gegenüberstehen, dann wäre das für das Sicherungsniveau der gesetzliche Rente in der Zukunft fatal. Deshalb lohnt es sich früh genug darüber nachzudenken. Den Königsweg wird auch diese Kommission nicht bieten können. 

Aber allein schon verschiedene Entwicklungsszenarien, losgelöst vom täglichen Klein Klein könnten für die weitere Debatte hilfreich sein. Die Rente braucht auch keine Radikalreform, sondern immer nur eine Anpassung an die jeweils aktuellen Gegebenheiten. Davor sollte man nicht zurückscheuen und weder den Alten, noch den Jungen falsche Versprechungen machen. Auf die Balance kommt es an.

Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.

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