• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteBüchermarktReportage aus Absurdistan14.03.2007

Reportage aus Absurdistan

Gary Shteyngart setzt auf Lachen, wenn es zum Weinen ist

Auch wenn sich die hanebüchenen Szenen häufen, man sich bisweilen an die Marx-Brothers im Krieg erinnert fühlt: Gary Shteynberg hat mit seinem Roman "Snack Daddys abenteuerliche Reise" mehr im Sinn als Blödeleien und Nonsens-Comedy.

Von Johannes Kaiser

Mischa ist ein Fettkloß. (AP)
Mischa ist ein Fettkloß. (AP)

"Ich weiß nicht, wie lange meine Bücher Bestand haben werden, aber mein Ziel ist, Geschichte zu erschaffen. Diese Bücher sind meine Art herauszufinden, was derzeit auf der Welt geschieht. Ich hatte das Glück, in dem einem gescheiterten Imperium geboren zu sein, bin dann in das andere gescheiterte Imperium gezogen. Ich bin gewissermaßen in historischen Prozessen gefangen, die mich sehr interessieren, und ich hoffe, dass die Bücher das über Jahrzehnte bewahren."

Die Welt der Literatur ist voll gutmütiger Toren, die Schlimmes überstehen, ohne recht zu begreifen, was ihnen geschieht. Gary Shteyngarts tragikomische Abenteuer seines Helden Mischa Vainberg passen gut dazu. Allein schon dessen Physiognomie spottet jeder Beschreibung: Mischa ist ein Fettkloß, extrem übergewichtig. Nie satt schaufelt er unermüdlich Berge an Essen in sich hinein, trinkt bis zum Umfallen, verlangt unersättlich nach Sex und wirft mit Geld nur so um sich, um sich das Wohlwollen anderer zu kaufen:

"Was ihn definiert: Er konsumiert alles, worauf er trifft, egal ob das Ideen, Essen, Frauen, politische Haltungen sind. Er ist der perfekte Verbraucher. In der Hinsicht ist er der Prototyp des Amerikaners, aber gleichzeitig hat er eine typisch russisch-jüdische Seele. Er ist ein großer Melancholiker, er wird sehr oft als sehr melancholisch beschrieben. Er hat diesen vordergründigen Impuls, alles zu essen, und dabei fühlt er innerlich stets eine Leere, die er versucht zu füllen."

Mischa ist ganz das Gegenteil seines umtriebigen Vaters, eines Petersburger Mafioso, der zum 1238-reichsten Mann Russlands aufgestiegen ist, bis ihm eine Bombe der Konkurrenz den Kopf wegbläst. Zurückbleibt ein kaum trauernder Sohn. Dazu war das Verhältnis zum Erzeuger allzu kühl-distanziert. Der hielt nie viel vom Sohn. Umgekehrt hat Mischa keinerlei Interesse, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Ihn zieht es vielmehr nach New York, seit er als Student die Vereinigten Staaten kennen und schätzen gelernt hat. Dort hat man ihn akzeptiert, so wie er ist. Auch wenn er in New York vom Geld des Vaters ein luxuriöses Apartment erworben hat, die Rückkehr ins gelobte Land erweist sich als extrem schwierig, da sein Vater einen amerikanischen Geschäftsmann hat umbringen lassen. Seitdem steht sein Sohn auf der schwarzen Liste der amerikanischen Botschaft, obwohl er mit den schmutzigen Deals seines Papa absolut nichts am Hut hat. Dazu hat er ein viel zu weiches Herz. Er erfreut sich des vererbten Reichtums und will mit aller Welt in Frieden leben.

"Er ist ein sehr komplizierter Held, weil seine Lieblingsbeschäftigung und das ist auch meine, darin besteht, einfach im Bett zu liegen und zu lesen oder gar nichts zu machen. Er ist sehr stark der Oblomow Typ, der niemals das Sofa verlässt. Es ist aber sehr schwer, ein Buch von gut 350 Seiten zu schreiben, in dem der Gentleman nie das Bett verlässt. So wie der Schriftsteller Gontscharow bei Oblomow ein System erfinden muss, um ihn aus dem Bett zu bringen, so habe auch ich einen Weg gefunden und bei mir im Buch ist das die Liebe, die Mischa antreibt und in all diese schrecklichen Situationen bringt."

So handelt das ganze Buch denn auch bis zur vorletzten Seite von Mischas Versuchen, ein Visum zu bekommen, um zu seiner dunkelhäutigen dominikanischen Freundin Rouenna zurückkehren zu können. Per E-Mail hält er Kontakt zu ihr, erfährt von Betrug und Seitensprung und vergibt ihr, denn sie symbolisiert all das, was er in Russland nicht finden kann:

"New York ist eine sehr sexy City. New York hat ganz sicher eine Form wilder Sexualität, die sich der Tatsache verdankt, dass es so eine Mixtur unterschiedlichen Blutes, menschlicher Typen und Rassen gibt. Rouenna sollte all das verkörpern, und ich wollte, dass Mischa sie aus genau diesem Grund liebt. Für ihn ist sie der Pass zu einem anderen Leben, nicht unbedingt zu einem glücklicheren, einfach einem anderem. Und für ihn ist im Augenblick alles, was anders ist, besser."

Um zurückzukommen muss Mischa allerdings Sankt Petersburg verlassen. Er reist mit seinem besten Freund nach Absurdistan, einem Fantasieland in der Kaukasusregion, einer Mischung aus dem georgischen Ferienort Tibilissi und Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan - beides Orte, die Gary Shteynberg gut kennt und wiederholt besucht hat, zuletzt für die Recherchen zu diesem Roman.

In Svanistadt, der Metropole von Absurdistan, ist der belgische Konsul bereit, Mischa gegen eine Menge Dollar einen offiziellen belgischen Pass auszustellen. Der gutmütige Liebeskranke trifft auf Verhältnisse, die die Namensgebung Absurdistan erklären: Das bitterarme Land ist in zwei Ethnien gespalten, die sich allein durch die Art unterscheiden, wie das christliche Kreuz dargestellt wird. Mischa ist keineswegs so unbekannt, wie er glaubt. Sein Vater hatte auch hier gute Geschäftsfreunde. Das öffnet ihm viele Türen und verschafft ihm letztlich einen Posten in der Regierung als Minister für Multikulturelle Angelegenheiten. Doch im Hintergrund zieht das amerikanische Unternehmen Golly Burton die Strippen, unschwer als der US-Konzern Haliburton zu entschlüsseln. Der wiederum stützt sich auf die US-Regierung und die tatkräftige Hilfe der US-Army beziehungsweise eine private Söldnerarmee. Nichts geht ohne das Okay der Amerikaner.

""Bei Lesungen in Amerika fragen mich die Leute immer: 'Warum übertreiben Sie so maßlos, warum können Sie nicht einfach schreiben, was tatsächlich passiert ist? Die Wahrheit ist, dass die Wirklichkeit sogar noch viel schlimmer ist als das, was ich beschreibe, vor allem als der Held nach Absurdistan reist, die Szene im Hyatt, wo die Nutten alle nach Haliburton kreischen, das sind Sachen, die ich wirklich erlebt habe. Ein Kerl wollte mich sogar kidnappen, um für mich von meinem Verlag in Amerika Lösegeld zu fordern. Das ist wirklich geschehen. Ich bin immer überrascht, wenn Amerikaner das für absurd halten. Wie kann es absurd sein, wenn Dick Cheney, der Vizepräsident in Kasachstan vor ein paar Jahren zu Nasarbajew, dem korrupten Diktator des Landes sagte: 'Mein Gott, ich bewundere Ihr politisches und wirtschaftliches System wirklich. Wie nur können wir das bei uns zuhause auch einführen?' Solange solche Sachen passieren, wundere ich mich, warum die Menschen über die Ereignisse in Absurdistan so überrascht sind. Für mich ist das Realität, fast schon eine Reportage."

In dem kleinen Land bricht ein Bürgerkrieg zwischen den Volksgruppen aus. Mischa steckt fest. Es dauert eine Weile, bis er begreift, dass man ihn als gutgläubigen und gutmütigen Trottel missbraucht.

Auch wenn sich die hanebüchenen Szenen häufen, man sich bisweilen an die Marx-Brothers im Krieg erinnert fühlt, Gary Shteynberg hatte mehr im Sinn als Blödeleien und Nonsens-Comedy:

"Man lernt, dass die Menschen einfach alles machen, um zu überleben. Die traurigste Szene im Buch, die tatsächlich geschah und mich schockierte, war jene, als mir eine Frau ihre fünfjährige Tochter verkaufen wollte. Ich war regelrecht geschockt und genau darin bestand die Schwierigkeit, das Buch zu schreiben. Satire basiert auf Humor und Tragödie. Beides passt gut zusammen. Wahrscheinlich ist das die jüdische Erweiterung der Literatur, und hier sind die Ereignisse wirklich tragisch und zugleich verdammt lustig. Aber zugrunde liegt dem doch: Was ist daran lustig, wie die Elite lebt, an ihrem Mangel an Geschmack, an Bildung, an Klasse? Auf der anderen Seite gibt es Leute, die enorm leiden und sie leiden, eben weil es diese Eliten gibt und in vielen Fällen aufgrund der Außenpolitik der großen Mächte, der Chevrons und Haliburtons und BPs und der Länder hinter ihnen, vor allem der Amerikaner. Ich beschloss daher, ein Buch zu schreiben, das so flexibel sein sollte, dass es alle Tragödien abdeckt und gleichzeitig eine globale Perspektive einnimmt."

Wenn es zum Weinen nicht reicht, dann muss man eben lachen. Witze zu reißen ist oftmals die beste Möglichkeit, Verzweiflung zu überspielen. Gary Shteyngart steht ganz in der Tradition jüdischen Humors:

"Es ist, wie ich es nenne, Humor am Rand des Grabes. Es ist ein Humor, der vollständig auf einer Art von Selbstverteidigungsmechanismus basiert, um wirklich tiefe Ängste raus zu lassen, ganz besonders existenzielle Ängste, die Vorstellung, jeden Moment den Boden unter den Füssen verlieren zu können und alles zu verlieren, die Familie, einfach alles. Dieses Gefühl sitzt ganz tief in mir drin, ein Großteil meiner Familie wurde von Stalin umgebracht und ein kleinerer Teil von Hitler. Ich lebe am Rande Manhattans, habe ein Apartment gekauft und habe in Al Gores Film gesehen, wie Manhattan versinkt und meine Nachbarschaft wäre mit die erste, die untergeht. Jeden Morgen, wenn ich aufwache und aus dem Fenster schaue, denke ich, gleich werden die Wellen kommen, besonders nach Katrina, und weil es so eine arme dominikanische Nachbarschaft ist, glaube ich, dass es der Bush-Regierung völlig egal ist, wenn wir alle ertrinken. Wenn das Wasser Wallstreet überfluten würde - das wäre was anderes. Aber sonst sagen sie: Hol's der Teufel, nur ein paar Demokraten weniger am Leben."

Woody Allens schräg überdrehter, schwarzer Humor der Anfangsjahre - in dem russisch-amerikanischen Schriftsteller Gary Shteyngart findet er seine Reinkarnation. Sein Roman ist zum Totlachen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk