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StartseiteTag für TagFamilie im Angebot17.02.2017

ReproduktionsmedizinFamilie im Angebot

An diesem Wochenende findet in Berlin die erste Kinderwunsch-Messe statt: Paare, die unfreiwillig kinderlos sind, können sich dort über viele verschiedene Behandlungsmethoden informieren. Im Angebot sind auch Verfahren, die in Deutschland verboten sind, wie Eizellspende und Leihmutterschaft.

Von Burkhard Schäfers

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Wer sich für 20 Euro ein Ticket kauft, kann am Wochenende in Berlin zum Beispiel Experten von "Oregon Reproductive Medicine" treffen. Laut Selbstdarstellung ist das ein "Full-Service-Kinderwunschzentrum"an der US-Pazifikküste für Kunden aus verschiedenen Ländern. Im Angebot: Ein Eizellspenden- und ein Leihmutter-Programm. Beides ist in Deutschland verboten. Auf der Kinderwunsch-Messe sind einige Aussteller dabei, die hierzulande nicht erlaubte Behandlungsmethoden anbieten. Kritiker werfen den Organisatoren vor, hier werde der Wunsch nach einem Kind so inszeniert, als ob es um ein beliebiges Konsumgut gehen würde. Der Medizinethiker Reiner Anselm, Professor für evangelische Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zweifelt daran, dass Angebot und Nachfrage als Kriterien ausreichen:

"Wie weit soll man gehen, oder wie weit soll man die Voraussetzungen dafür schaffen, dass ein Markt hier entsteht oder eben nicht entsteht. Im Hintergrund steht die Überzeugung, dass Familienbeziehungen nicht marktförmig organisiert werden sollen."

Reproduktives Reisen

Gibt es ein Recht darauf, Kinder zu bekommen? Die Berliner Kinderwunsch-Messe - die 2.000 bis 3.000 Besucher erwartet - zeigt, wie umstritten diese Frage ist. Einerseits bietet die moderne Reproduktionsmedizin viele Möglichkeiten.  Andererseits sind einige davon mit deutschem Recht nicht vereinbar. Das Embryonenschutzgesetz ist eines der strengsten weltweit, auch das Familienrecht zieht Grenzen. Deshalb versuchen etliche Paare, sich ihren Kinderwunsch im Ausland zu erfüllen. Die USA, aber auch Großbritannien, Spanien, Belgien und die Niederlande haben deutlich liberalere Gesetze. "Reproduktives Reisen" nennt das der Deutsche Ethikrat, der vor allem die hierzulande untersagte Eizellspende als problematisch betrachtet. Mit dieser Methode versuchen Paare ein Kind zu bekommen, bei denen die Frau keine eigenen Eizellen herstellen kann. Die Behandlung kostet in Amerika mehrere zehntausend Euro, in Spanien oder Tschechien etwas weniger.

"Hier leuchtet mir das Argument ein, dass man sagt: Wir wollen den Handel mit Eizellen unterbinden, weil wir Eizellspenden nicht zu einem eigenen Business machen wollen. Denn es könnte natürlich schon Druck ausgeübt werden auf junge Frauen, Eizellspenderinnen zu werden. Und so vollständig unproblematisch ist es dann auch wieder nicht."

Das Wissen um die eigene Herkunft

Zum einen hat die Spenderin gewisse Risiken durch den medizinischen Eingriff. Zum anderen kann das Recht des Kindes, seine Herkunft zu erfahren, betroffen sein. Denn ausländische Eizellspenderinnen bleiben häufig anonym. Das sei "in psychosozialer Hinsicht hoch problematisch", urteilt der Deutsche Ethikrat. Das gleiche gilt für Samenspenden, die in Deutschland zwar erlaubt sind. Aber nur dann, wenn das Kind später einmal die Identität seines genetischen Vaters erfahren kann. Bei der Berliner Kinderwunsch-Messe indes werden auch Möglichkeiten der anonymen Samenspende vorgestellt. Kritik kommt deshalb vom Verein Spenderkinder. Seine Mitglieder stammen von Samenspendern ab - sie betonen, wie wichtig ihnen das Wissen um die eigene Herkunft ist.

Umstritten sind auch Leihmutterschaften: Wenn eine Frau ersatzweise ein Kind austrägt, kann sie damit etwa homosexuellen Männern deren Kinderwunsch erfüllen. Ein heikles Thema, sagt der Familienrechtler Tobias Helms, Professor für Bürgerliches Recht an der Universität Marburg.

"Wenn man sich die Situation indischer Leihmütter anschaut, dann ist das schon bedrückend, wie sie in Kliniken mehr oder weniger fast eingeschlossen sind und unter Aufsicht des medizinischen Personals ihre Dienste quasi verrichten."

Ausweg aus Schmerz, Sorge, Einsamkeit?

Der Veranstalter der umstrittenen Messe betont "den Schmerz, die Sorge und Einsamkeit", die womöglich durch einen unerfüllten Kinderwunsch entstünden. Reproduktionsmediziner könnten hier einen Ausweg weisen. Deutsche Frauenärzte hingegen sowie der Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren sehen die Messe kritisch, weil der Fokus zu sehr auf Werbung für teure Methoden liege. Und der Berliner Erzbischof Heiner Koch findet es gut, dass in Deutschland nicht alles erlaubt ist, was medizinisch möglich ist, sondern dass intensiv um bioethische Standards gerungen werde.

Was aber, wenn Paare die deutsche Rechtslage durch die Behandlung im Ausland umgehen? Wird ihre Elternschaft dann hierzulande trotzdem anerkannt? Der Bundesgerichtshof hat dazu in jüngerer Zeit mehrere Urteile im Sinne dieser Paare gefällt, erklärt Familienrechtler Helms - er akzeptierte etwa die Elternschaft eines lesbischen Paares sowie von zwei schwulen Vätern.

Die Suche nach der Perfektion macht es schwierig

"Selbst wenn wir das so tun, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass wir das Gleiche im Inland zulassen müssen. Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die in Deutschland nicht erlaubt sind, aber im Ausland durchgeführt werden können. Diesen Spagat muss man dann eben aushalten."

Am schwierigsten dürfte das für die Paare sein, die auf natürlichem Weg keine Kinder kriegen können. Ob ihnen die Berliner Kinderwunsch-Messe erhoffte Antworten gibt? Medizinethiker Reiner Anselm bringt einen etwas unpopulären Gedanken in die Diskussion ein:

"Man scheut sich das fast zu sagen, aber ein ganz wesentlicher Diskursbereich ist der Umgang mit der eigenen Unperfektheit. Denn viele Schwierigkeiten entstehen darüber, dass wir sagen, es muss das perfekte Kind, der perfekte Partner, der perfekte Zeitpunkt und die perfekte ökonomische Ausstattung sein. Und über der Suche nach der Perfektion wird's nachher schwierig und es kommen immer unperfektere Lösungen dabei raus. Ein bisschen mehr Entspanntheit täte der Sache auch ganz gut."

 

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