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StartseiteBüchermarktRequiem auf eine Kindheit21.07.2009

Requiem auf eine Kindheit

Steinunn Sigurdardottir: "Sonnenscheinpferd", Rowohlt

In dem harmlos aussehenden Bändchen namens "Sonnenscheinpferd" der isländischen Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir steckt mehr, als mancher Autor in drei Büchern unterbringen könnte. Es geht um nichts weniger als um die Liebe und den Tod. Und darum, wie schnell einem das Leben zwischen den Fingern zerrinnen kann.

Von Antje Deistler

Ein Sonnenscheinpferd ist ein verwöhntes Pferd. (Deutschlandradio - Andreas Lemke)
Ein Sonnenscheinpferd ist ein verwöhntes Pferd. (Deutschlandradio - Andreas Lemke)

"Ein Sonnenscheinpferd existiert tatsächlich auf isländisch, und es bedeutet ein verwöhntes Pferd. Ein Pferd, das gar nicht im Regen außer Haus kommen kann. Nur, wenn die Sonne scheint, darf er außer Haus."

Lilla ist kein Sonnenscheinpferd. Die melancholische Heldin in Steinunn Sigurdardottirs Roman trifft eines Tages in Reykjavík ihre große Liebe wieder. 25 Jahre, nachdem sie diesen Mann verlassen hat. Jetzt schaut sie auf ihr Leben zurück und zieht Bilanz. Eine Ehe, zwei Töchter, eine Scheidung. Vor allem erinnert sich die 43-Jjährige an ihre Kindheit als Tochter einer Ärztin und eines Arztes, die sie und ihr Bruder nur "Das Ehepaar" nannten und als "schwerhörig" bezeichneten. Treffende kindliche Umschreibungen für desinteressierte Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen.

"Eine Freundin von mir, sie ist Psychiaterin, sie sagt, dass die Mutter von Lilla deprimiert sei, und das mag sein, aber ich fange nicht an mit meinen Personen mit einer Diagnose. Das ist nicht spannend, zu denken, jetzt beschreibe ich, wie es mit deprimierten Eltern geht und wie sie es machen, sondern was mich interessiert ist eher was ich das passive Böse nenne. Was ist die Folge, wenn man nichts macht? Normalerweise beschreibt ein Autor die Folgen von etwas, man macht etwas und was sind dann die Folgen? Diese Eltern, sie machen so nahezu nichts, sie sind eigentlich nicht anwesend im Haus für die Kinder. Und das ist auch für mich wichtig, dass die Eltern Ärzte sind, das sind Leute, die Kenntnisse haben und für mich ist das immer schrecklicher, wenn ausgebildete Leute etwas tun, was gar nicht akzeptabel ist."

"Sonnenscheinpferd" ist eine Art Requiem auf eine Kindheit. Lillas Lebensweg, ihre Unfähigkeit, glücklich zu werden, alles erscheint im Rückblick unausweichlich, begründet in einer mehr als komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung. Erziehung sei eine hoffnungslose Angelegenheit, hat Steinunn Sigurdardottir einmal gesagt. Dass sie selbst eine Tochter großgezogen hat, ändert an ihrer Meinung nichts.

"Wie ist das möglich, eine totale Macht über eine andere Person zu haben, über ein anderes Wesen, von Anfang an haben die Eltern eine totale Macht und das in sich selbst ist hoffnungslos. Niemand weiß, wie man mit dieser Macht umgehen soll. Wenn du es vermeiden kannst, deine Kinder nicht direkt zu beschädigen, dann hast du eine gute Arbeit getan, und das ist auch meine pessimistische Ansicht."

Nur 173 Seiten umfasst "Sonnenscheinpferd", und doch steckt in dem harmlos aussehenden Bändchen mehr, als andere Autoren in drei Büchern unterbringen könnten. Es geht um nichts weniger als um das Leben und den Tod. Um die Liebe natürlich auch. Und darum, wie schnell einem alles zwischen den Fingern zerrinnen kann. Dass Steinunn Sigurdardottir so gut verdichten kann, liegt daran, dass sie eigentlich Dichterin ist.

"Ich bin natürlich von Anfang an Lyrikerin und für eine Lyrikerin einen Roman zu schreiben, das ist natürlich die Hölle. Weil ich will alles kontrollieren, jedes Wort, jeder Satz muss den richtigen Klang haben, so wie in einem kleinen Gedicht. Ich arbeite immer in verschiedener Weise an meinen Romanen, die Arbeitsmethode ist nie dieselbe, das Einzige, was bleibt, ist, dass ich morgens arbeite, ich stehe auf und fange an. Ich fange nicht an, ein Telefongespräch zu führen oder ins Geschäft zu gehen, ich stehe einfach auf und fange an. So muss das sein, sonst wird es nichts. Und in dem Fall, bei "Sonnenscheinpferd", da wusste ich, was das Schicksal dieser Frau war, und ich habe rund um dieses Schicksal geschrieben und dann habe ich den Text eingeschlossen, weil es ja ziemlich traurig und drastisch ist, und ich wollte eigentlich nicht mehr von dem Schicksal wissen, sondern nur das Leben der Frau aufzubauen, das heißt ich habe rund um ein Thema geschrieben und dann editiert. Ich fange nicht an mit Seite eins und dann zwei, drei, vier. Diese Methode ist schmerzhaft, aber sie ist produktiv."

Berühmt ist die Isländerin für ihren eigenen, eigenartigen Stil: klar, beinahe distanziert, sehr konzentriert, aber trotzdem wunderbar sinnlich. Melancholie herrscht vor, zwischendurch blitzt schwarzer Humor auf. Nichts, was man mal eben nebenbei lesen und wieder vergessen kann. Oder will. Ein Hollywood-kompatibles Happy End verwehrt Sigurdardottir ihren Lesern, dafür ist sie zu klug, und der Schluss, man muss es deutlich sagen, ist furchtbar traurig und damit tief bewegend. Das liege daran, sagt die Schriftstellerin, dass die Geschichte auch sie bewegt – und zwar unvorhergesehenerweise.

"Ich glaube nicht an Überblick von Anfang an, man hat ja eine Idee, aber die Idee verändert sich, wenn man schreibt, und ich glaube, das ist eine große Sache, der Text muss auch seinen eigenen Weg gehen. Wenn man die totale Kontrolle hat über alles, dann ist das kein Buch, wenn der Text den Autor nicht in eine bestimmte Richtung bewegt hat, die er nicht vorausgesehen hat, dann kann er den Leser nicht bewegen, das ist meine Überzeugung."

Mit jedem neuen Buch variiert Steinunn Sigurdardottir ihre Arbeitsweise. Sie schreibt seit über 40 Jahren, fünf ihrer Romane sind auf deutsch erschienen. Obwohl sie bereits mit 19 ihr erstes Buch veröffentlichte, konnte sie sich damals nicht vorstellen, Autorin zu werden, geschweige denn eine von Islands bekanntesten und anerkanntesten überhaupt. Aus einem einfachen Grund: Im Land der Sagas und der vielen Schriftsteller gab es bis vor ein paar Jahrzehnten so gut wie keine Schriftstellerinnen.

"Das ist ein Mysterium, in Island war das ein männliches Geschäft, das Schreiben. Und wir hatten nie eine Jane Austen, eine Selma Lagerlöf, und das hieß dann auch, dass für eine Schriftstellerin wie mich, ich hatte keine Vorbilder als ich klein war, also war es undenkbar Schriftsteller zu werden, weil das ist ja so von dem Geschlecht beschlossen, unsere Vorbilder, und weil sie alle Männer waren, unsere Schriftsteller, dann war es undenkbar, dass ich Schriftstellerin werden würde, ich wollte natürlich Schauspielerin sein, wie alle Mädchen in meinem Alter."

Schauspielerin ist sie nicht geworden, dafür studierte sie Psychologie und Philosophie, ging als Nachrichtenjournalistin zum Radio. Erst nach der Veröffentlichung ihres dritten Buchs beschloss Steinunn Sigurdardottir, den Beruf der Schriftstellerin zu ergreifen – und Island zumindest zeitweise zu verlassen. Sie lebte in Irland, Schweden, Frankreich, momentan wohnt sie in Berlin-Kreuzberg.

"Es wäre für mich unvorstellbar, mein Leben lang zwölf Monate in Island zu leben und trotzdem Bücher zu schreiben, das geht nicht. Es ist zu eng, es ist zu, man muss raus, um Inspirierung zu holen, aber mein Traum wäre, sieben Monate im Ausland zu leben und den Rest in Island,
Ja, der Sommer in Island ist ein Traum. Ein kurzer Traum, aber so schön. Stellen Sie sich vor, wenn man Licht rund um die Uhr hat, braucht man nicht so viel zu schlafen, und irgendwie das Gefühl, das Leben so voll zu leben, weil es dann so hell ist. Man fühlt eine Freiheit, man ist von dem Dunkel nicht mehr begrenzt."

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