Kommentar /

 

Respekt vor seiner Lebensleistung

Helmut Kohl wird durch die CDU geehrt

Von Rainer Burchardt

Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl
Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl (dpa / Uwe Anspach)

Die Christdemokraten zelebrierten so etwas wie eine biblische Version: die Heimkehr des verlorenen Patriarchen. Und dennoch bleibt bei dieser human-politischen Inszenierung so etwas wie ein Unbehagen, kommentiert Rainer Burchardt.

Die Christdemokraten zelebrierten so etwas wie eine biblische Version: die Heimkehr des verlorenen Patriarchen. Das war anrührend, ehrenvoll und augenscheinlich würdig. Und dennoch bleibt bei dieser human-politischen Inszenierung so etwas wie ein Unbehagen.

Die Regie der Präsentation des Altkanzlers agierte nolens volens nach der Erkenntnis: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Gewiss, der Alte aus Oggersheim verdient Respekt und Anerkennung für seine politische Lebensleistung. Der seit frühester Jugend begeisterte Europäer Helmut Kohl hat bis zuletzt die Integration vorangetrieben, das Vertragswerk von Maastricht und die Einführung des Euros sind sein Werk – egal wie man dazu stehen mag. Das hinzubekommen war ebenso wenig eine leichte Übung, wie etwa die erklärten Gegner einer deutschen Einheit Margret Thatcher und Francois Mitterand beim Deutschland-Gipfel von Dublin anno 1990 von seinem Kurs zu überzeugen und im selben Jahr die erste gesamtdeutsche Wahl auf den Weg zu bringen. Allein das sichert Kohl zu Recht einen bleibenden Platz in den Geschichtsbüchern.

Doch es gibt eben auch die anderen, teilweise bis heute nicht zu erschließenden Seiten des Kanzlers, dessen 16 Jahre währende Regierungszeit eine ganze Generation mitgeprägt hat. Nach dem von den Liberalen Lambsdorff und Genscher ziemlich fragwürdig inszenierten parlamentarischen Putsch gegen Helmut Schmidt, weil dieser angeblich von seinen eigenen Genossen verraten worden sei, trat der dynamische Pfälzer mit der Ankündigung einer so wörtlich "geistig-moralischen Erneuerung" in Deutschland an.

Doch was die damalige schwarz-gelbe Regierung dann zunächst einmal praktizierte, das war knallharte Klientelpolitik, etwa in Sachen Steuern, Kündigungsschutz und Anti-Gewerkschaftskurs. Kurz und schlecht: Deutschland erlebte eine Phase der Restauration und Umverteilung von unten nach oben.

Kohl selbst war im Juni 1989 nach einer Schlappe bei der Europa-Wahl politisch so gut wie erledigt, dann fiel ihm buchstäblich der Mauerfall zu. Und danach hat er, Ehre wem Ehre gebührt, in Sachen Einheit alles richtig gemacht. Oder wie er sagen würde, den richtigen Zipfel am Mantel der Geschichte ergriffen.

Selbst der kritische Spiegel ließ seinen Herausgeber Rudolf Augstein "Chapeau Kanzler" intonieren.

Dann aber die Selbstdemontage mit der Spendenaffäre, die bis heute nicht aufgeklärt ist. Kohl stellte sein angebliches Ehrenwort gegenüber den Millionenspendern über das Gesetz. Er verlor nicht nur den Ehrenvorsitz seiner Partei, sondern selbst das Vertrauen seiner Söhne. Seine Frau Hannelore, die stets ihre eigenen unter die Interessen des Ehemannes gestellt hatte, sah nicht zuletzt auch aus gesundheitlichen Gründen keinen anderen Ausweg als den Suizid.

Helmut Kohl, dieser Name steht jetzt geradezu als Sinnbild für eine Tragödie. Seine zweite erheblich jüngere Frau schirmt ihn ab, betreibt ihre eigene Denkmalpflege, wie Spötter meinen. Doch ohne sie, so hat der sieche Altkanzler einmal gesagt, wäre er nicht mehr am Leben. Es sei ihm gegönnt. Doch das öffentliche Mitleid darf sich in Grenzen halten, die Krokodilstränen heuchelnder Parteifreunde dürfen abgewischt werden. Aber dennoch hat dieser Mann eines verdient: unser aller Respekt vor seiner Lebensleistung.

Weitere Beiträge zum Thema:
Helmut Kohl besucht Unionsfraktion - Beginn seiner Kanzlerschaft vor 30 Jahren wird gewürdigt



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Helmut Kohl besucht Unionsfraktion

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kommentar

ArmutsmigrationGesetzespaket nach CSU-Geschmack

Eine rumänische Bettlerin auf der Freitreppe zur Brühlschen Terrasse in Dresden

Die CSU könne zufrieden sein, denn mit den neuen Maßnahmen gegen die sogenannte Armutsmigration könne sie behaupten, etwas gegen Sozialmissbrauch osteuropäischer Einwanderer getan zu haben. Also gegen ein Problem, das es so gar nicht gebe, kommentiert Daniel Bax von der "tageszeitung" im Deutschlandfunk.

Ukraine-KonfliktEuropa darf Kriegsrhetorik nicht erliegen

Flaggen der Europäischen Union vor dem Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel, Belgien (14.5.2012)

Es müsse weitere wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland geben, kommentiert Jörg Münchenberg anlässlich des EU-Gipfels in Brüssel. Schon allein aus Gründen der Glaubwürdigkeit. Die Botschaft an den Kreml könne nur verfangen, wenn die EU entschlossen und einig auftrete. Dafür müsse sie halt auch negative Konsequenzen in Kauf nehmen, fordert unser Korrespondent aus Brüssel.

FDP in OstdeutschlandEine Partei, die keiner mehr braucht

Der neue FDP-Chef Christian Lindner direkt nach seiner Wahl.

Wenn am Sonntag der Sächsische Landtag neu gewählt wird, muss die FDP fürchten, auch im letzten noch verbliebenen Bundesland ihre Regierungsverantwortung zu verlieren. Die Partei vermittle nachhaltig den Eindruck, nicht mehr gebraucht zu werden, kommentiert Dirk Birgel von den Dresdner Neuesten Nachrichten im DLF.