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StartseiteForschung aktuellRetten, was zu retten ist13.07.2011

Retten, was zu retten ist

Aus der Sendereihe "Fukushima und die Folgen"

Vier Monate nach der Havarie von Fukushima ist klar, dass Japan sehr viel Glück gehabt hat, weil der Wind den größten Teil des radioaktiven Fallouts aufs Meer hinaus trug. Schon die wenigen Tage, in denen er aufs Land blies, haben gereicht, um in einigen Gebieten so hohe Kontaminationen zu hinterlassen, dass Menschen dort für Jahrzehnte nicht leben können. Und immer noch werden neue Zonen gefunden, in denen die Belastung so hoch ist, dass die Bevölkerung evakuiert werden sollte.

Von Dagmar Röhrlich

Die Belastungen von Böden und Agrarprodukten werden seit dem GAU untersucht. (AP)
Die Belastungen von Böden und Agrarprodukten werden seit dem GAU untersucht. (AP)
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Derzeit läuft in den betroffenen Gebieten eine große Messaktion, um die lokalen Strahlendosen zu bestimmen und damit die Grundlage für Entscheidungen zu treffen, wer zurück kann und wer nicht. Es werden aber auch Maßnahmen erprobt, die Belastung zu senken - und die Wissenschaftler werden ungeduldig, weil alles so lange dauert.

Für Radioökologen läuft alles wie erwartet: Das Radiojod ist aus der Umwelt verschwunden, die Kontaminationen von Böden und Lebensmitteln mit radioaktivem Cäsium bleibt:

"Da haben wir in diesem Jahr noch einiges zu erwarten. Der Unfall ist ja während der ersten Vegetationsperiode passiert. Bei Blattgemüsen wie Spinat, wie Rübenblätter, die dort verzehrt werden, aber auch Spargel, hatte man hohe Konzentrationen anfänglich","

weil während der Wachstumsphase die Radionuklide auf die Pflanzen rieselten, erklärt Rolf Michel von Universität Hannover und Vorsitzender der Strahlenschutzkommission. Er ist auf dem Weg nach Japan und nur telefonisch erreichbar. Aber auch vier Monate nach dem Unfall gibt es immer wieder Meldungen über belastete Lebensmittel. In einer der jüngsten war es Tee, der auch nach der zweiten Ernte oberhalb der Grenzwerte lag.

""Das heißt, da muss man eine sinnvolle Kontrolle machen und man muss diese Dinge auch tatsächlich vom Markt nehmen. Man wird also in diesem Jahr das sehr sorgfältig betrachten müssen."

Japanische Forschergruppen untersuchen die Belastung, unter anderem an Kohl und Kartoffeln, die sie auf einem Versuchsfeld bei Tokio angebaut hatten. Bei der Ernte wiesen sie kaum Strahlung auf, und das meiste konnte abgewaschen werden. Die Werte beim Weizen lagen höher, blieben jedoch unterhalb der Grenzen. Auch auf den Feldern bei Fukushima hatte sich der größte Teil der Strahlung auf den Pflanzenoberflächen angereichert. Blätter, die während des Fallouts gewachsen sind, wiesen hohe Kontaminationen auf, die späteren waren fast frei. Rolf Michel:

"Im nächsten Jahr wird das Problem wesentlich geringer sein, weil dann nur noch die Aufnahme der radioaktiven Cäsium-Isotope über den Wurzelpfad relevant ist, und das wird deutlich geringer sein."

Bei Reis und Weizen hoffen die Forscher, dass sie sich beim radioaktiven Fallout von Fukushima genauso verhalten wie bei dem der oberirdischen Atombombentests in den 1960er-Jahre: Damals nahmen sie weniger als ein Prozent des Radiocäsiums im Boden auf.

Heute ist die Lage rund um Fukushima sehr unterschiedlich. Es gibt Gebiete, in denen die Strahlung so hoch ist, dass sie für Jahrzehnte gesperrt bleiben müssen. Anderswo sei die Belastung gering oder die Lage ließe sich so verbessern, dass die Bewohner nach Hause könnten:

"Glücklicherweise besteht die Kontamination aus Radiocäsium, und dieses Radiocäsium heftet fest an den feinen Bodenpartikeln. Dabei haben sie sich in den obersten zwei bis fünf Zentimetern angereichert Sie werden nicht durch den Regen ausgewaschen, sondern bleiben an der Oberfläche."

Deshalb müsste sich in vielen Gebieten die Belastung reduzieren lassen, hofft Jun Ichiro Tada. Er ist Direktor des Forums für Strahlensicherheit. Dabei werden mehrere Methoden erprobt:

"Unser Kollege hat ein Material zur Dekontamination von Böden entwickelt. Es ist ein Nahrungszusatz auf Zellulosebasis, der in der Eiscremeproduktion eingesetzt wird. Wir haben dieses Mittel in einem Gewächshaus auf den Boden gesprüht. Es verbindet sich mit dem Untergrund, wird fest, und wir pellen die oberste Schicht ab und entfernen damit die Kontamination."

Die Kontamination auf Wiesen scheint sich im Gras selbst zu konzentrieren, sodass es reichen kann, dieses Gras - ohne Wurzeln - direkt über dem Boden abzuschälen. Daneben gibt es auch etablierte Verfahren. Rolf Michel:

"Man kann zum Beispiel durch tiefes Pflügen die Aktivität gleichmäßig verteilen und damit weniger verfügbar machen für Pflanzen. Man kann natürlich ein bisschen was erreichen durch Düngung, wenn man hinreichende Kalium-Versorgung der Pflanzen hat, dann neigen sie nicht so sehr, das Cäsium aufzunehmen."

Um Schulen wird der Boden einen halben Meter tief abgetragen. Für japanische Strahlenforscher ist das angesichts der Messwerte viel zu tief: Damit schaffe man neue Probleme, denn Kontaminiertes und Nicht-Kontaminiertem werde vermischt und alles müsse endgelagert werden. Ein solches Lager gibt es derzeit nicht, also bleibt die Altlast einfach liegen.

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Sammelportal "Katastrophen in Japan"

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