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StartseiteKultur heuteRheingold in der Provence03.07.2006

Rheingold in der Provence

Simon Rattle startet den "Ring des Nibelungen" auf dem Opernfestival von Aix-en-Provence

Die Berliner Philharmoniker wagen sich nach 40 Jahren wieder an einen "Ring des Nibelungen", den Vorabend des Bühnenfestspiels: Das Rheingold. Und bei der konzertanten Aufführung zeigten sie bereits, dass sie zu Recht als ein herausragendes Orchester gelten. Sir Simon Rattle dirigierte das Orchester in Aix en Provence - und er brauchte ein Drittel mehr Zeit, als die von Richard Wagner veranschlagten zwei Stunden.

Von Frieder Reininghaus

Simon Rattle  (AP)
Simon Rattle (AP)

Es gehört zu den fatalen Mechanismen der Kulturindustrie, dass sie überzogene Erwartungen nährt, die dann kaum oder nur unzureichend eingelöst werden. Gewiss, allzu hochtönende Verheißungen in den Werbematerialien der Betreiberfirmen oder deren Sponsoren und die Verlängerung der Parolen durch die herrschenden Medien führt in der Regel bei einem Teil der Kundschaft zu kaltlächelnder Abstumpfung; möglicherweise kann sie bei einem anderen Teil jedoch zu mentalen Verwirrungen führen: Manche hören am Ende, hören oder wollen gehört haben, was die Hochglanzwerbung oder ein am Superlativismus erkranktes Feuilleton versprachen.

Ein illustres Beispiel für die Selbsterfüllung von appetitlich geweckten Sommerwünschen ist der Auftakt des diesjährigen Festivals in Aix-en-Provence. Zuvorderst handelt es sich dabei um eine präventiv flankierende Maßnahme für ein örtliches Bauvorhaben, das seit Jahren südwestlich des Cours Mirabeau heranwächst: das neue Kongress-, Kultur- und Kommerz-Center wird auch eine große Halle einschließen. Die soll und will vom kommenden Jahr an bespielt werden. Und da müssen wohl eben auch großkalibrige Werke für die notwendige Füllmenge sorgen.

Vom nächsten Jahr an aber werden die altgermanischen Helden und Walküren nicht mehr in den Hof des einstigen Bischofspalastes abkommandiert, sondern auch hier, wo man bislang das Offene und Freie über alles schätzte, unter Dach und Fach kommen.

Jetzt konnte man studieren und genießen, wie eines der hochleistungsfähigen Orchester gegen den leichten Abendhauch anspielte: Die Berliner Philharmoniker haben ihren Hofgang mit der kniffligen Begleitaufgabe gut gelöst. Die Kapelle deckt die Sänger, deren Text teilweise recht gut zu verstehen ist, nicht zu. Aber sie erhält ja im "Rheingold" nur sehr wenig Gelegenheit, die symphonischen Qualitäten zu demonstrieren und die phonmäßig höheren Regionen in Wucht und Pracht zu durchmessen.

Das einst so kerndeutsche Orchester befleißigt sich der Tugend der Zurücknahme und der diskreten Perfektion: Es agiert rundweg nobel, leicht und elegant, in Nichts teutonisch oder von karajanscher Perfektions-Rechthaberei geprägt. Es wirkt auf erstaunte ausländische Ohren ähnlich wie Klinsmanns sportlich agierende Fußballerauswahl auf viele Augen: als Sympathieträger.

Das Problem ist womöglich Simon Rattle. Le "Grand Partenaire" – die Hauptsponsorin Deutsche Bank – konnotiert den Dirigenten mit dem Schlagwort "Appassionato" und verspricht die Leidenschaft der Vorstellung schlechthin. Doch das Dirigat verrät noch nicht einmal ein kleineres Wollen oder auch nur Anliegen. Wagner selbst wollte das "Rheingold" zügig und in zwei Stunden absolviert wissen – Rattle braucht ein volles Drittel mehr.

Insgesamt bleibt unter seinen Händen das Unternehmen Wotan anämisch – wozu der statuarische Auftritt von Willard White noch beiträgt. Die Agilität von Dale Duesing als dessen liebeshungrigem und geldgierigem Antipoden Alberich bleibt szenisch eine singuläre Leistung – das Herumtunten von Robert Gambill als Loge im Glitzerkleid auf beleidigende Weise läppisch.

Über die Inszenierung des im Programmheft dramaturgisch klug argumentierenden Stéphane Braunschweig ist im übrigen nicht viel zu sagen: Er siedelte die komplexe Geschichte von vorn bis hinten in einem grauen Geviert an, in dem sieben Hubpodien gegebenenfalls für etwas Bewegung von unten nach oben sorgen und umgekehrt. Das Wasser des Rheins und das Feuer der Schmiede zeigt sich nur per Videoprojektion.

Am Ende immerhin ein Regie-Einfall, der auf den Umzug dieses "Ring"-Projekts in eine neue Halle verweist: In den Wänden der hermetischen grauen Schachtel, in der es angesiedelt wurde, findet sich keine Tür, durch die Wotan & Co. gen Walhall ziehen könnten. Sie laufen vor die Wand und bleiben da stehen wie bestellt und nicht abgeholt. Mit raffinierter Einfachheit wollte Stéphane Braunschweig die technisch bescheidenen Bedingungen im Hof der Archevêché auffangen und der Tonspur den Vortritt lassen. Aber die hatte sich ja selbst schon derart zurückgenommen.

Ein großer Teil des Publikums aber gebärdete sich, als hätte es das Appassionato schlechthin erlebt. Wollen wir hoffen, dass die Leutchen bei dieser Mitternachts-Session gut geschlafen haben.

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