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Seit 08:30 Uhr Nachrichten
StartseiteCampus & KarriereRheinland-pfälzische Regierung empfiehlt Burkini02.02.2011

Rheinland-pfälzische Regierung empfiehlt Burkini

Debatte über den Umgang mit muslimischen Kindern in der Schule

Eine Reihe von Empfehlungen des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums zum Umgang mit muslimischen Schülerinnen und Schülern sorgt für viele kontroverse Diskussionen in den Lehrerverbänden, aber nicht nur dort. Es entwickelt sich auch zum Wahlkampfthema.

Von Ludger Fittkau

Ein Burkini ist ein Schwimmanzug für muslimische Frauen. (www.ahiida.com)
Ein Burkini ist ein Schwimmanzug für muslimische Frauen. (www.ahiida.com)

In einem Punkt sind sich Philologenverband, Verband Bildung und Erziehung sowie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft einig: in ihrer Kritik daran, dass die Lehrerverbände - anders als die großen christlichen Kirchen - bei der Formulierung der "Empfehlungen" zum Umgang mit "Muslimischen Kindern und Jugendlichen in der Schule" nicht beteiligt wurden. Man hätte durchaus einiges an Erfahrung einbringen können, so etwa der GEW-Vorsitzende Klaus-Peter Hammer, der die Empfehlungen aus dem Ministerium jedoch im Prinzip für richtig hält. Deshalb, weil der der Umgang mit Kindern aus streng religiösen Elternhäusern in der Schulpraxis tatsächlich ein oft ungelöstes Problem darstelle:

"Ich habe selber erlebt, nicht mit Muslimen, sondern mit anderen Religionsgemeinschaften, zum Beispiel Pfingstlern, die ja auch sehr eigene Ansichten haben und es geht einfach da drum, auch damit umzugehen, die Religionszugehörigkeit zu akzeptieren, die Leute nicht zu verletzten und auf der anderen Seite und das macht das Faltblatt ganz klar, zu sagen: Das ist unser Standpunkt: Jungs und Mädchen werden in Deutschland gleichberechtigt erzogen, wir respektieren in bestimmten Bereichen religiöse Ansichten, aber es gehört dazu, dass man Sexualerziehung betreibt, es gehört dazu, dass ein Mädchen im Schwimmunterricht teilnimmt, das ein Mädchen mit Tanzen kann, das auch Kinder an einer Klassenfahrt teilnehmen."

Doch dass das sozialdemokratische Bildungsministerium in Rheinland-Pfalz den Ganzkörperschwimmanzug Burkini für muslimische Mädchen akzeptiert oder Klassenarbeiten im Ramadan minimieren will, stößt beim Philologenverband Rheinland-Pfalz auf Unverständnis. Der Verband, in dem 80 Prozent der Gymnasiallehrer des Landes organisiert sind, glaubt nicht, dass die Empfehlungen des Ministeriums zu mehr Integration der Muslime in den Schulen führen. Malte Blümke, Landesvorsitzender des Philologenverbandes, kritisiert etwa den vorgeschlagenen Umgang mit dem Fastenmonat Ramadan:

"Wir halten diese Regelungen für problematisch. Hier wird empfohlen, dass Klassenfahrten, Schulfeste, Klassenarbeiten, Leistungsfeststellungen auf den Fastenmonat Ramadan abzustellen sind. Es kann nicht sein, dass die Schulen in einer wichtigen Zeit im September und Oktober vier Wochen lang auf Schongang fahren, das ist schulpraktisch überhaupt nicht möglich und wir meinen, es wäre besser, wenn die muslimischen Kinder und Jugendlichen auch integriert würden und nicht Sonderregelungen geschaffen würden. Nämlich Sonderregelungen führen eher dazu, dass die Muslime ausgeschlossen werden und nicht integriert werden."

Johannes Müller, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung Rheinland-Pfalz, weist darauf hin, dass in der Schulpraxis allerdings seit Langem Rücksicht auf religiöse Festtage genommen wird. Das gelte seit Jahrzehnten auch für den Ramadan, so Müller:

"Ich muss aus meiner eigenen Erfahrung als Lehrer sagen, ich habe meine ersten Sporen verdient in Ludwigshafen an einer Schule, damals bereits mit einem Ausländeranteil von 60 oder 70 Prozent. Viele muslimische Schüler. Und ich muss sagen, es war damals überhaupt gar kein Problem mit dem Ramadan. Und umgekehrt natürlich auch, wenn ich die Jahre so sehe, hat man immer die Schülerinnen und Schüler ernst genommen und wenn Eltern kamen und haben mir gesagt, wie sich die religiöse Situation ihres Kindes verhält, hat man soweit wie möglich Rücksicht genommen. Da ist man nicht mit der Heckenschere durchgegangen, und hat abgeschnitten, sondern man hat immer versucht, so weit wie möglich Rücksicht zu nehmen."

Diese Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle und Haltungen müsse jedoch an einer staatlichen Schule Grenzen haben, argumentiert der Philologenverband. Das gelte nicht nur für den Islam, sondern genauso für andere Religionsgemeinschaften und die christlichen Kirchen.

Als polemisch zugespitztes Wahlkampfthema eigne sich die Diskussion über das Ministeriumspapier jedoch nicht, so Malte Blümke, Chef des rheinland-pfälzischen Philologenverbandes. An diesem Punkt ist er sich wieder mit seinen Kollegen der anderen Lehrergewerkschaften einig. Doch anders als die anderen Verbände möchte der Philologenverband ganz neue Empfehlungen erarbeiten:

"Das halten wir nicht für sinnvoll, sondern wir wollen eine sachliche, angemessene Diskussion, die ein sehr komplexes und sehr sensibles Thema ja anspricht. Deswegen erwarten wir, dass diese Fragen in Zukunft von dem Ministerium mit allen Beteiligten noch mal erörtert werden und dass wir dann vernünftige Umsetzungen in den Schulen dann hinbekommen."

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) sieht jedoch keinen Grund, auf die Forderungen des Philologenverbandes einzugehen und das Papier zum Umgang mit muslimischen Schülern noch einmal neu zu verhandeln. Nicht das Faltblatt müsse zurückgezogen werden, sondern die "unsachliche und den gesellschaftspolitischen Konsens verletzende Debatte" müsse sofort eingestellt werden, fordert Ahnen. Sie zielt dabei vor allem auf die rheinland-pfälzische CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner, die das Thema im laufenden Landtagswahlkampf aufgreift.

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