• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 11:30 Uhr Sonntagsspaziergang
StartseiteInformationen am MorgenFlüchtlinge hoffen auf Asyl - und Jobs18.08.2015

Rheinland-PfalzFlüchtlinge hoffen auf Asyl - und Jobs

Aktuell rechnet man in Deutschland mit rund 600.000 Asylanträgen in diesem Jahr. Jüngst wurde in Rheinland-Pfalz eine Zeltstadt auf dem Flughafen Frankfurt-Hahn eingerichtet. Neben der täglichen Versorgung versucht man hier, auch die beruflichen Kompetenzen von Flüchtlingen zu erfassen, denn eine schnelle Integration in Arbeit und Ausbildung ist ein besonderes Anliegen von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD).

Von Anke Petermann

 Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (r, SPD) spricht am 17.08.2015 in einem Aufenthaltszelt auf dem Flughafen Frankfurt-Hahn in Lautzenhausen (Rhein-Hunsrück-Kreis) mit Bewohnern. Auf dem Hahn sind zur Zeit 198 Flüchtlinge der Außenstelle der Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (AfA) in Ingelheim untergebracht.  (dpa / picture alliance / Harald Tittel)
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (r, SPD) spricht in einem Aufenthaltszelt auf dem Flughafen Frankfurt-Hahn in Lautzenhausen (Rhein-Hunsrück-Kreis) mit Bewohnern. Auf dem Hahn sind zur Zeit 198 Flüchtlinge der Außenstelle der Aufna (dpa / picture alliance / Harald Tittel)
Mehr zum Thema

Flüchtlinge in Deutschland "Wir haben nicht Reichtum gesucht, sondern Sicherheit"

Arbeitserlaubnis für Asylsuchende "Wir brauchen eine offenere, legale Form der Zuwanderung"

Hochqualifizierte Asylbewerber Zugang zur Blue Card erleichtern

Flüchtlinge in Deutschland Schwierige Suche nach Arbeit

14 Grad und Nieselregen, Urlauber freuen sich, vom Hunsrück-Airport Hahn in die Sonne zu fliegen. Die Männer, die sich im neuen Flüchtlingscamp unweit vom Terminal vor der Kleiderausgabe anstellen, frösteln. Manche tragen nur Flipflops an den Füßen, einige schlingen sich Handtücher um Kopf und Schultern, sie bibbern dennoch. Dmytro Korzh hat immerhin warme Sachen für seinen siebenjährigen Sohn gefunden, für Kinder gibt es genug gespendete Kleidung.

"Most of clothes are for children!"

Doch wie findet er etwas zum Überziehen für seinen jüngeren Bruder, seine Frau und sich, fragt der 27-jährige Ukrainer die Flüchtlingshelferinnen in ihren signalroten Rettungssanitäter-Anoraks. "Kommt alles noch", beruhigen die beiden ihn, die Kleiderkammer in Simmern sei gut gefüllt. Seit Donnerstagnacht haben ehrenamtliche und feste Rot-Kreuz-Mitarbeiter fast rund um die Uhr geschuftet. Dennoch ist die neue Zeltstadt vor dem früheren US-Militär-Einkaufszentrum am Hahn zum Einzug der ersten 200 Flüchtlinge nicht fertig geworden. Die Dusch-Container sind mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, warmes Wasser soll es am Nachmittag geben. Im beheizbaren Camp-Provisorium zu leben, für ein paar Wochen kein Problem, findet Korzh. Der Ukrainer hat keine andere Wahl.

"Wir sind weggegangen, weil mich das Militär zwingen wollte, in den Krieg zu gehen. Aber ich bin ein religiöser Mann, ich bin Christ. Das interessiert in der Ukraine nicht, deshalb bin ich geflohen. In meiner Heimat habe ich gearbeitet, seit ich 19 bin - die ganze Zeit. Ich bin Elektriker, meine Frau ist Sozialarbeiterin, mein Bruder Mechaniker. Meine ganze Familie arbeitet und arbeitet. Als man mich einzog, wurde ich gefeuert. Das Militär kann einen einfach vom Job abziehen. Da habe ich die Flucht vorbereitet."

Berater der Agentur für Arbeit vor Ort

Die Korzhs, eine Familie mit Englischkenntnissen und beruflichen Qualifikationen. Wenn es gut läuft, kann der Endzwanziger seine Kompetenzen bald im Einzelgespräch einem Fachberater vortragen. Die Agentur für Arbeit erfasst die beruflichen Fähigkeiten von Flüchtlingen gemeinsam mit dem rheinland-pfälzischen Arbeitsministerium und dem Integrationsressort, auf freiwilliger Basis. Beim Besuch in der neuen Zeltstadt mit demnächst 600 Bewohnern hebt Ministerpräsidentin Malu Dreyer von der SPD hervor:

"Wir haben jetzt auch als einziges Bundesland in der Erstaufnahme-Einrichtungen ein System entwickelt, wo wir schon das Profiling vornehmen, dass Flüchtlinge dann schon mit einem Profil in die Regionen gehen: Was haben sie für eine Ausbildung, was können sie, was möchten sie machen, so dass dort auch ganz schnell daran gearbeitet werden kann, über die Jobcenter, sie schnell in Ausbildung und Arbeit zu integrieren."

Oft fehlen schriftliche Unterlagen

Soweit die Theorie. In der Praxis aber, das wissen die Akteure ähnlicher Projekten in Niedersachsen und Berlin, fehlt es an Deutschkursen, um Flüchtlinge fit für die Arbeitswelt zu machen. Oftmals können die Asylbewerber ihre Qualifikationen nicht schriftlich belegen. Wer flieht, stellt vorher kein Akten zusammen. Manche hatten auch gar keine Chance auf Qualifizierung. Farshad zieht die Schultern zusammen, er schaudert im kalten Nieselregen, trotz wattierter Jacke. Gemeinsam mit ein paar Landsleuten bewegt sich der 17-Jährige aus Afghanistan in Sichtweite der Duschcontainer – vielleicht geht es ja gleich los mit dem warmen Wasser. Einen Schulabschluss hat Farshad, der ohne Eltern unterwegs ist, nicht vorzuweisen.

"Ich konnte die Schule nicht beenden, wegen der Lage in meiner Heimat. In Afghanistan ist Krieg, da wird gekämpft. Deshalb sind wir hier. Wir wollen studieren, wir wollen lernen, weil wir jung sind."

Während Farshad und seine Freunde im Hunsrücker Flüchtlingscamp aufs Duschen warten, demonstrieren afghanische Landsleute 350 Kilometer weiter südöstlich vorm Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gegen den unsicheren Status der Duldung, deren Prüfung im Vierteljahresrhythmus und das damit einhergehende Arbeitsverbot. Alle drei Monate wieder vor der Abschiebung zu zittern, so könnte auch Farshads Zukunft aussehen. Aber erst mal findet der reif wirkende Jugendliche alles bis auf die fehlende Dusche prima.

"Gutes Essen, die Leute hier im Camp sind nett zu uns. Wir haben einen Arzt, eine Krankenschwester, es gibt Wasser und alles, es ist in Ordnung."

Von der Schule zum Militär abkommandiert wurden die drei jungen Eritreer, die im noch weitgehend leeren Aufenthaltszelt interessiert beobachten, wie sich die Mainzer Regierungschefin Malu Dreyer um kurze Gespräche mit Flüchtlingen bemüht.

"You don't speak English?"

Was oft am fehlenden Englisch der Neuankömmlinge scheitert.
Anders als der 17-jährige Farshad aus Afghanistan können die jungen Eritreer wohl darauf bauen, dass sie Asyl bekommen. Die Anerkennungsquote für Flüchtlinge aus der afrikanischen Militärdiktatur liegt bei 80 bis 100 Prozent. Mohammed deutet auf seine eritreischen Freunde neben sich auf der Bierbank: Robels Schwester lebt sei vier Jahren in Gießen, Makonens Bruder wohnt in Hamburg.

"Und mein Bruder – in Frankfurt am Main."

Asyl hat der Bruder schon. Nach der Übergangszeit in der Hunsrücker Zeltstadt will Mohammed zu ihm ziehen. Möglich ist der Wechsel in ein anderes Bundesland aber nur, wenn der 20-Jjährige seinen Lebensunterhalt selbst verdient. Genau das ist das unbedingte Ziel von Amir, nennen wir ihn so. Namen und Alter will der Pakistaner nicht preisgeben. Als gläubiger Sunnit habe er Probleme in seiner Heimat gehabt, gibt Amir zu Protokoll.

Dreyer: Das Taschengeld spielt keine Rolle

"Ich ersuche hier Asyl, aber ich will nicht nur essen und schlafen. Ich bin jung, ich will einen Job, sobald meine Dokumente fertig sind. Ich will kein Essen und kein Geld geschenkt haben. Wir Pakistaner sind stark, wir wollen arbeiten. Im Internet haben wir gelesen, das Deutschland das Größte ist, das haben uns auch Leute erzählt. Deshalb sind wir hier."

Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz beendet soeben ihre Stippvisite in der Flüchtlingsunterkunft am Hahn. Aber zur Diskussion ums Taschengeld für Flüchtlinge hat die Sozialdemokratin Malu Dreyer noch was zu sagen.

"In unseren Erstaufnahmeeinrichtungen, in denen die Flüchtlinge ja bis zu drei Monate bleiben können, werden sowieso nur Sachleistungen gewährt und ein kleines Taschengeld. Aus meiner Sicht ist dieses Thema ein Randthema, jetzt über die Taschengeldfrage zu diskutieren. Wir brauchen eigentlich unsere Kraft, um die Verfahren zu beschleunigen und möglichst schnell dafür zu sorgen, dass die Menschen, die nicht bleiben können, auch zurückgeführt werden können und andere sehr schnell integriert werden. Das Taschengeld spielt dabei keine Rolle. Und wenn man sich mal vor Augen führt, dass wir wöchentlich auszahlen und es in der Woche um 40 Euro geht, dann weiß man auch, das deswegen die Leute nicht hierherkommen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk