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StartseiteForschung aktuellDie unsichtbare Havarie04.01.2016

Riesiges Gasleck in KalifornienDie unsichtbare Havarie

Umweltschützer sprechen schon von einer der größten Umweltkatastrophen seit Deepwater-Horizon: In Kalifornien strömen riesige Mengen Erdgas aus einem unterirdischen Speicher. Tausende Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden. Es wird noch Wochen dauern, bis das Leck abgedichtet ist. Die Gefahr ist damit aber nicht gebannt.

Dagmar Röhrlich im Gespräch mit Uli Blumenthal

(David McNew / AFP)
Mit Entlastungsbohrungen wird versucht, das riesige Gasleck in Porter Ranch abzudichen (David McNew / AFP)

Uli Blumenthal: Porter Ranch ist eine Gemeinde im Großraum Los Angeles. Sie liegt in einem Gebiet, in dem rund 40 Jahre lang Öl und Gas gefördert wurde. 1968, als die Siedlung auf dem Reißbrett entworfen wurde, löschten der legendäre Feuerwehrmann Red Adair und sein Team nach sechs Tagen einen Brand, der ein paar Kilometer von der künftigen Stadt entfernt durch einen Blow-out ausgebrochen war. Als 1971 die ersten Bohrlöcher trocken fielen, kaufte die Southern California Gas Company einen Teil der Lagerstätte, um sie als Gasspeicher zu nutzen. Vier Jahre später - Porter Ranch begann zu wachsen - kam erneut zu einem Blow-out: Mehr als 30 Meter hochschlugen die Flammen. Diesmal brauchte Red Adair zehn Tage zum Löschen des Feuers. Heute gäbe es für ihn allerdings nichts zu tun, denn im Aliso Canyon bei Porter Ranch brennt es nicht - aber trotzdem sind bereits Tausende Familien umgesiedelt und zwei Schulen geschlossen worden.

Im Studio ist meine Kollegin Dagmar Röhrlich, sie hat die Geschichte tief recherchiert. Was ist das für ein Speicher aus dem da jetzt Methan entweicht?

Dagmar Röhrlich: Der Untergrund unter den Santa Susana Mountains besteht aus Sedimentschichten, die durch die Tektonik gefaltet und aufgewölbt worden sind und so etwas wie eine umgedrehte Schüssel bilden. Dass sich dort eine Lagerstätte bilden konnte, liegt an einer Schicht aus undurchlässigem, nicht porösem Gestein in zweieinhalb Kilometern Tiefe, unter der sich im Lauf der Jahrmillionen Öl und Gas gefangen hatten. Diese Gesteinslage dient als Falle - ohne sie gäbe es weder die Lagerstätte, noch könnte sie als Gasspeicher eingesetzt werden. Dieser Gasspeicher ist mit einem Volumen von vier Kubikkilometern riesig.

Blumenthal: Wie und warum strömt da jetzt Methan aus?

Röhrlich: In der Aliso Canyon Underground Storage Facility steckt Gas für die Versorgung von 22 Millionen Kunden. Über 12 Quadratkilometer verteilt liegen die 115 aktiven Bohrlöcher, mit denen die Southern California Gas Company diesen unterirdischen Gasspeicher betreibt. Am 23. Oktober entdeckten Arbeiter an einem dieser Bohrlöcher - dem SS-25 - ein Leck: Etwa einen Kilometer von Porter Ranch entfernt schossen zunächst pro Stunde 50 oder 60 Tonnen Methan in die Luft. Weil der Speicher inzwischen etwa zur Hälfte geleert worden ist, hat sich dieser Fluss halbiert.
Den vorläufigen Untersuchungen zufolge hat die Verrohrung von Bohrloch SS-25 versagt: Das Gas scheint durch Risse in der Stahlverrohrung zu entweichen. Dieses Stahlrohr hat einem Durchmesser von 18 Zentimetern, und es steckt in einer Zementhülle. Zwischen Stahlrohr und Zementhülle ist ein Hohlraum, in dem sich wahrscheinlich das Gas ansammelt und dann dort entweicht, wo die Zementhülle endet. Über Klüfte steigt es dann auf und gelangt bei Porter Ranch in die Luft. 1979 wurde ein Sicherheitsventil ausgebaut und seitdem nicht ersetzt. Dieses Ventil sei nicht vom Gesetz her gefordert, erklärt der Betreiber, und es hätte das Leck nicht verhindern können. Für die Anwohner, die gegen die Firma klagen, wirft es jedoch Fragen dazu auf, wie gut die Anlage gewartet wird.

Blumenthal: Um welche Mengen geht es und wie gefährlich ist die Situation?

Röhrlich: Wäre dem Gas nicht aus Sicherheitsgründen ein Stoff beigemischt worden, der intensiv nach faulen Eiern stinkt, wäre das Methan nicht wahrnehmbar. In Porter Ranch ist die Gaskonzentration laut der kalifornischen Gesundheitsbehörde für Menschen nicht akut giftig. Aber der Gestank ist quälend, die Bewohner klagen über Kopfschmerzen und Schwindelgefühle. Neben Methan entweichen auch andere Substanzen wie etwa das als krebserregend bekannte Benzol. Mit Blick auf die Umweltfolgen schätzen die Experten, dass die Luftverschmutzung durch das Leck den Emissionen von 4,7 Millionen Autos entspricht - und zwar Tag für Tag.

Alte Rohre in der Region

Blumenthal: Weiß man schon etwas zu den Ursachen des Lecks?

Röhrlich: Die Ursache ist noch unklar. Allerdings könnte Materialermüdung eine Rolle spielen: SS-25 wurde am 25. Februar 1954 zur Förderung von Öl und Gas in Betrieb genommen, 1973 in ein Bohrloch zur Gasspeicherung umgewandelt und 1979 noch einmal nachgerüstet. Weil in Öl und Gas auch Wasser ist, kann das Rohr nach 62 Jahren Betrieb durchaus rosten und dem Druck nicht mehr standgehalten haben.

Blumentahl: Wann könnte das Leck verschlossen sein?

Röhrlich: Das wird wohl bis Ende Februar oder Ende März dauern. Zunächst hat SoCal Gas versucht, das Leck mit einer Mischung aus Wasser, Kaliumchlorid und Bentonit-Ton abzudichten. Das verhinderte zunächst ein Pfropfen aus Methan- und Wassereis, der sich in 470 Metern Tiefe gebildet hat. Nachdem er durch eingepumptes Frostschutzmittel aufgelöst wurde, stellte die Crew fest, dass der Druck des ausströmenden Gases höher war als der des eingepressten Cocktails. Die Ingenieure gaben schließlich auf, weil sie fürchteten, das Leck zu vergrößern. Es blieb also nichts anderes übrig, als Entlastungsbohrungen abzuteufen. Sie sollen in rund zweieinhalb Kilometern Tiefe bei der undurchlässigen Schicht mit der Bohrung SS-25 zusammentreffen. Der Gasstrom soll an dieser Stelle unterbrochen werden, und zwar, indem erneut schwerer Bohrschlamm eingepresst wird. Ist der Gasstrom unterbrochen, soll das Bohrloch permanent mit Zement versiegelt werden. Und das alles dauert eben.

Blumenthal: Wie weit ist man?

Röhrlich: Die erste Entlastungsbohrung wird derzeit abgeteuft. Mit der zweiten kann am 20. Januar begonnen werden, falls die erste ihr Ziel verfehlt (man muss in zweieinhalb Kilometern Tiefe ein Stahlrohr mit einem Durchmesser von 18 Zentimetern treffen) oder der Druck nicht reicht, um das Leck zu schließen.

Blumenthal: Kann so etwas wieder passieren?

Röhrlich: Durchaus. Zum einen lokal: Die Gemeinde Porter Ranch jedenfalls fordert die Schließung der Anlage - aber sie ist eine der größten in den USA und versorgt den Raum LA - sodass fraglich ist, ob das passiert. Zum anderen bleiben solche Leckagen, wenn sie nicht gerade in der Nähe bewohnter Gebiete auftreten, lange unbemerkt. Deshalb will die kalifornische Umweltschutzbehörde die Ursache untersuchen, sobald der Gasstrom gestoppt ist, um Konsequenzen für den künftigen Betrieb solcher Anlagen zu ziehen.
Solche Unglücke sind nicht ausgesprochen selten: So sprudelt auf halbem Weg zwischen Schottland und Dänemark seit dem 21. November 1990 Gasleck. Inzwischen hat sich auf dem Meeresboden ein tiefer Krater gebildet und mindestens ein Viertel der Methanemissionen der Nordsee stammen aus diesem Loch. Auch in der Wüste Turkmenistans strömt aus einem falsch gesetzten Bohrloch bereits seit rund 40 Jahren Methan. Weil es angezündet wurde, damit statt Methan das weniger schädliche Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt, lodern Flammen aus dem Krater. Das Ganze sieht aus wie das Tor zur Hölle - und so heißt die Stelle im Volksmund nun auch.

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