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Seit 17:05 Uhr Markt und Medien
StartseiteInterviewRisiken im Bankenwesen reduzieren durch mehr Transparenz19.10.2011

Risiken im Bankenwesen reduzieren durch mehr Transparenz

Die oberste Regulatorin für Wertpapiere in der EU zieht Bilanz

Nach dem Crash der Bank Lehman Brothers habe sich durch neue Regulierungen und Kontrollen viel verändert, konstatiert Verena Ross, Exekutivdirektorin der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA). Vor allem aber im Derivativhandel, der außerbörslich stattfinde, müssten die Risiken noch reduziert werden.

Verena Ross im Gespräch mit Jasper Barenberg

Die im Dunst liegenden Hochhäuser der Banken von Frankfurt am Main sind  vom Feldberg aus zu sehen. (AP)
Die im Dunst liegenden Hochhäuser der Banken von Frankfurt am Main sind vom Feldberg aus zu sehen. (AP)

O-Ton Angela Merkel: "Es geht darum, dass alle Marktteilnehmer, alle Produkte und alle Märkte wirklich reguliert oder überwacht werden. Es gibt Hoffnung, dass Politik global auch gemeinsam agiert."

Jasper Barenberg: So Bundeskanzlerin Angela Merkel vor drei Jahren nach dem Crash der Bank Lehman Brothers. Im Chor versprachen die Regierungschefs aller großen Industriestaaten damals, nie wieder sollen Banken mit ihren riskanten Geschäften das Finanzsystem weltweit in eine solche Krise stürzen. Inzwischen aber stehen dieselben Banken wieder am Pranger. Um ihnen genauer auf die Finger zu schauen, wurde als Antwort auf die Finanzkrise damals eine neue europäische Finanzaufsicht geschaffen, dazu gehört auch die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde mit Sitz in Paris. Ihre Exekutivdirektorin ist jetzt am Telefon. Einen schönen guten Morgen, Verena Ross.

Verena Ross: Guten Morgen, Herr Barenberg.

Barenberg: Frau Ross, einige Kommentatoren schreiben es dieser Tage, haben es auch in den vergangenen Wochen immer wieder geschrieben: Haben die europäischen Politiker es versäumt, den Banken die versprochenen Daumenschrauben anzulegen?

Ross: Seit der Krise ist da sehr viel passiert und es wird auch weiterhin neue Regulierungen und neue Kontrollen eingeführt. Das fing mit den G20-Vereinbarungen im globalen Umfeld an, wo ja auch Frau Merkel gerade darüber geredet hatte. Im Finanzmarkt bedeutet das unter anderem, dass jetzt auch Regulierungen zum außerbörslichen Handel im Moment durch den politischen Prozess durchgehen, und die werden unter anderem die Benutzung zentraler Gegenparteien im Handelsgeschäft vorschreiben.

Barenberg: Das müssen Sie uns erklären.

Ross: Das bedeutet insgesamt, dass das Risiko im Handel und vor allem im Derivativhandel, der außerbörslich stattfindet, reduziert wird. Das ist eine ganz wichtige neue Entwicklung, die insgesamt das Finanzmarktgeschäft vor allem im Derivativhandel weiter entwickeln wird und wo auch weitere Transparenz in den Markt hineinkommen wird.

Barenberg: Was Sie sagen, Frau Ross, ist im Grunde, wenn ich Sie richtig verstehe, dass die Politiker auch auf der Ebene der 20 größten Wirtschafts- und Industrienationen viel vereinbart haben im Nachgang zur Krise damals, dass jetzt aber erst so nach und nach die ersten Regulierungen greifen und beschlossen werden. Kommt das nicht zu spät jetzt?

Ross: Man darf nicht vergessen, dass weitere Regulierungen und Gesetzentwürfe erst mal diskutiert und beschlossen werden müssen. Das dauert etwas. Natürlich ist in der Zwischenzeit auch schon einiges geschehen. Wie Sie richtig gesagt haben, sind unter anderem die neuen europäischen Finanzaufsichtsbehörden aufgesetzt worden. Und wir sind schon sehr aktiv darin, nun auch die Details dieser Richtlinien dann umzusetzen und uns mit den nationalen Überwachern zusammen zu bemühen, dass dann auch sehr schnell die Umsetzung stattfindet.

Barenberg: Gerade der außerbörsliche Handel, der Handel zwischen zwei Banken jenseits der Börse, steht ja oft in der Kritik. Der ehemalige Finanzminister, Peer Steinbrück, spricht davon, dass zwei Drittel der Finanzmarktgeschäfte bislang immer noch ohne Kontrolle und ohne Regulierung vonstatten gehen. Stimmen Sie ihm zu?

Ross: Es ist sicherlich richtig, dass immer noch ein großer Teil der Finanzmarktgeschäfte im außerbörslichen Handel stattfinden. Die Richtlinien, über die ich gerade gesprochen habe, und auch die EU-Finanzmarktrichtlinie, die die Kommission als Vorschlag in den nächsten Tagen vorstellen wird, werden sicherlich das über die Zeit verändern. Das hat sich schon geändert, insgesamt ist der außerbörsliche Handel schon etwas geschrumpft. Aber das wird nicht über Nacht geschehen und man muss sicherlich auch sagen, dass es nie auf null Prozent außerbörslichen Handel kommen wird, denn es gibt bestimmte Produkte, die einfach nicht dazu geeignet sind, durch diese zentralen Mechanismen gehandelt zu werden.

Barenberg: Und es gibt, Frau Ross, natürlich den Erfindungsreichtum der Wertpapierhändler. Würden Sie sagen, dass Banken immer noch und immer weiter hantieren mit Produkten, deren Nutzen für die Wirtschaft, für die Gesellschaft fragwürdig ist, deren Risiko aber ungleich größer ist?

Ross: Es ist eine sehr schwierige Frage, wann ein Produkt zu viel Risiko beeinträchtigt und wenig Sozialnutzen mit sich bringt. Das muss in jedem einzelnen Geschäft entschieden werden. Im Endeffekt ist es aber auch wichtig, dass der Finanzmarkt auch noch Innovation und neue Produkte hervorbringt, denn alle wir als Sparer, als Anleger wollen ja auch sehen, dass unser Geld zumindest gut angelegt ist. Das ist nicht immer der Fall gewesen, das muss verschärft werden, die Überwachung. Auf der anderen Seite muss man auch vorsichtig sein, den Finanzmarkt nicht so zusammenzuschneiden, dass wir nachher als Rentner und Anleger keine Möglichkeiten mehr haben, Zugewinne von unserem Geld zu machen.

Barenberg: Frau Ross, zum Schluss: Auf dem Tisch liegt seit einigen Tagen der wiederholte Vorschlag, das Investmentbanking vom normalen Bankgeschäft wieder zu trennen. Ist das sinnvoll, eine sinnvolle Idee für mehr Sicherheit und mehr Transparenz auf dem Finanzmarkt?

Ross: Diese Frage wird ja weiterhin sehr aktiv diskutiert in verschiedenen Ländern, ob es nun in den USA, Großbritannien, oder jetzt auch neuerdings in Deutschland ist. Allerdings schlagen die verschiedenen Länder auch unterschiedliche Ansätze vor. Europaweit ist im Moment kein Vorschlag da und ich glaube, es ist auch wirklich eine offene Frage noch, wie weit eine Trennung die Sicherheit und Transparenz erfüllen würde. Da gibt es absolut Argumente, die sagen, das könnte so sein; es gibt aber auch Argumente, die sagen, das Universalbanksystem hat auch Vorteile. Insofern denke ich, die Diskussion muss noch weiter geführt werden, da sind auch noch keine Entscheidungen getroffen.

Barenberg: Und wir werden weiter darüber berichten. Für den Moment vielen Dank Verena Ross, Exekutivdirektorin der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde. Danke für das Gespräch.

Ross: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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